Sabine Müller: Businesspläne für Kubas Tänzer

Die Deutsche Sabine Müller war geschockt über den Hungerlohn, den Profi-Tänzer auf Kuba für ihre Salsa-Kurse bekamen. Als Unternehmensberaterin zeigt sie ihnen, wie man sich selbständig macht - in Kuba nach 50 Jahren Kommunismus etwas ganz Neues.

Sabine Müller, 43, ist Unternehmensberaterin und lebt in München und Havanna

Im Winter 2011 steht die Unternehmensberaterin Sabine Müller am Fenster ihres Münchner Büros. Das Grau der Fassaden geht ins Grau des Himmels über, am Straßenrand liegt ein Streifen Schneematsch wie ein Gedankenstrich: "Salsa tanzen müsste man", überlegt sie - bucht einen Flug nach Kuba und einen Tanzkurz dazu. Sabine Müller, 43, verliebt sich sofort in das Land. Vier Monate später fliegt sie noch einmal nach Kuba und stellt fest, dass die Profi-Tänzer dort, trotz Spitzenausbildung, unter armseligen Umständen arbeiten. Dass sie nur einen staatlichen Mindestlohn von 20 Dollar im Monat bekommen. Dabei zahlen die Touristen gut, das Geld aber kassiert der Staat.

Sabine Müller beschließt, den Tanzlehrern zu helfen, sich selbständig zu machen. Und die Geschichte meint es gut mit diesem Plan: Unter Fidel Castros Bruder Raúl wird den Kubanern 2011 erstmals erlaubt, selbst ein kleines Geschäft zu führen. In dieser historischen Stunde ist sie als Unternehmensberaterin die richtige Frau am richtigen Ort. Im kommunistischen Kuba sind Begriffe wie Konkurrenz oder Angebot und Nachfrage Fremdwörter, und Basiswissen ist alles: Was ist ein Businessplan? Wie mache ich Marketing und PR? Wie funktioniert Kundenakquise?

Sabine Müller sitzt in einem Salon in der Altstadt von Havanna und antwortet geduldig. Die Wände sind mintgrün getüncht, der Kronleuchter hat seinen Geist aufgegeben. Im Halbdunkel hat sich eine Gruppe Salsa-Lehrer versammelt. Sie tragen blaue T-Shirts mit dem Schriftzug "Baila Habana" - "Tanze Havanna". Bisher lebten sie im Hier und Jetzt, heute sprechen sie über Altersvorsorge; auch das gehört zum Businessplan, es wird in die Zukunft investiert.

Dreimal im Jahr ist Müller auf Kuba und coacht ihre Tanzlehrer, die sie in einem Verbund organisiert hat. In Deutschland berät sie weiter mittelständische Unternehmen und Existenzgründer, außerdem pflegt sie die Internetplattform, die Menschen aus aller Welt einlädt, Tanzstunden auf Kubas Dachterrassen zu buchen, kümmert sich um Social Media und Werbung für "Baila Habana". So hat die Deutsche die wohl erste Organisation auf Kuba etabliert, die aus privater Hand finanziert wird. Müller selbst verdient nichts - bis auf zehn Prozent für die Verwaltung. Ihr Traum: dass ihre Tänzer bald ohne sie auskommen. Adahina zum Beispiel. Die 32-Jährige verdient in einer Stunde jetzt so viel wie vorher im Monat. Mit dem Gehalt kann sie die Familie versorgen. Und in der vom "machismo" geprägten Gesellschaft einen Kontrapunkt setzen. Mit Mutter und Schwester lebt sie in einer Wohnung, in der es nun wieder fließend Wasser gibt. Und Hoffnung.

Text: Jenni Roth
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