Gleicher Lohn? Fehlanzeige!

Gleicher Lohn für Frauen ist im Job immer noch keine Selbstverständlichkeit - darauf macht der heutige "Equal Pay Day" wieder aufmerksam. Henrike von Platen, Präsidentin des BPW Germany e.V. erklärt, warum sich dieses Ärgernis auch wohl so schnell nicht ändern wird.

Gleicher Lohn: Frauen immer noch im Nachteil

Seit Jahren ist die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen immer wieder Thema - trotzdem ist gleicher Lohn für Frauen im Job immer noch die Ausnahme. BRIGITTE.de sprach mit Henrike von Platen, Präsidentin des Frauen-Netzwerks "Business and Professional Women -Germany e.V." über die Gründe für die noch immer ungerechte Lohnverteilung.

BRIGITTE.de: Frauen verdienen im Schnitt weniger Geld als Männer, das ist leider seit Jahren unverändert. Wie groß ist dieser Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern dieses Jahr?

Henrike von Platen: Die Lohnlücke ist letztens von 23 auf 22 Prozent gesunken, aber laut Statistischem Bundesamt ist diese Zahl jetzt erst mal festgefahren. Insgesamt verdienen Frauen seit Jahren unverändert ein Viertel weniger als Männer.

BRIGITTE.de: Mitunter wird den Frauen ja auch selbst die Schuld an diesem Ungleichgewicht gegeben, nach dem Motto "Ach, wenn ihr im Job nur verhandeln würdet..."

Henrike von Platen: Schön wär’s! Dann müssten wir nur einfach weiter Frauen in Gehaltsverhandlungen trainieren. Leider sind die Ursachen deutlich vielseitiger und verstärken sich oft gegenseitig.

BRIGITTE.de: Zum Beispiel?

Henrike von Platen: Frauen fehlen nach wie vor in Führungspositionen und den Entscheidungsgremien der Wirtschaft. Als Hauptverantwortliche für Familie und Haushalt arbeiten sie häufig in Teilzeit oder in einem Minijob. Branchen mit großem Frauenanteil werden schlechter bewertet und bezahlt. Ehegattensplitting, das Betreuungsgeld und fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder alte Menschen halten Frauen in Teilzeit-Jobs.

BRIGITTE.de: Also immer noch der Klassiker: Kind oder Karriere, beides geht leider oft nicht?

Henrike von Platen: Ja. Daran kann man politisch noch viel verbessern. Wir brauchen eine kostenlose Kinderbetreuung und Ganztagsschulen. Kinder dürfen nicht mehr dazu führen, dass vor allem Frauen schlechtere Einkommenschancen haben. Lohnfindungs-Tools müssten für Unternehmen genauso Pflicht werden wie Gender-Quoten für Entscheidungsgremien. Alle politischen Signale, die das Rollenbild vom männlichen Alleinverdiener und der weiblichen Hinzuverdienerin zementieren, müssen dringend überdacht werden.

Henrike von Platen

BRIGITTE.de: Wie versucht BPW Germany dieses Ungleichgewicht abzuschaffen?

Henrike von Platen: Zum Beispiel mit dem Equal Pay Day, den wir 2008 in Deutschland eingeführt haben. Wir wollen die Debatte über die Ursachen der Lohnlücke in die hintersten Winkel Deutschlands tragen. Um eine Veränderung anzustoßen, treten wir an Politik und Wirtschaft heran.

BRIGITTE.de: Unterstützen Sie die betroffenen Frauen auch direkt?

Henrike von Platen: Ja. Gemeinsam mit GE Capital haben wir zum Beispiel Seminare für Wiedereinsteigerinnen und werdende Mütter entwickelt, die Frauen dabei helfen sollen, Kind und Karriere zu vereinbaren. In diesem Jahr gehen sie in die zweite Runde. Und schließlich sind wir ein weltumspannendes Netzwerk für Business-Frauen, in dem Frauen sich gegenseitig unterstützen.

Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dauert es aber leider noch gut 90 Jahre.

BRIGITTE.de: In welchen Branchen ist das Gehalts-Verhältnis zwischen den Geschlechtern besonders ungerecht?

Henrike von Platen: Bei Ärztinnen wird der Unterschied besonders deutlich. Sie verdienen im Schnitt ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen, davor schützt sie auch ein Tariflohn nicht. Das liegt daran, dass Männer häufiger in Chefarzt- oder Geschäftsführerpositionen sind, in denen es frei verhandelbare Gehaltsbestandteile gibt.

BRIGITTE.de: Worauf möchten Sie dieses Jahr am Equal Pay Day besonders hinweisen?

Henrike von Platen: Wir werfen dieses Jahr einen Blick auf die schlechtere Bezahlung von frauendominierten Branchen, wie etwa Gesundheitsberufen. Pflegende Tätigkeiten werden seit jeher von Frauen ausgeübt – meist unentgeltlich und auch heute noch auf Kosten ihrer eigenen Berufstätigkeit. Da diese Berufe körperlich und psychisch sehr anstrengend sind, aber nicht angemessen bezahlt werden, melden Experten einen eklatanten Fachkräftemangel. Ohne ein funktionierendes Gesundheits- und Pflegesystem fallen diese Arbeiten wieder verstärkt auf die Familien zurück – und damit erneut auf die Frauen.

BRIGITTE.de: Was kann ich als Einzelperson tun, um gegen die ungleichen Gehälter zu protestieren?

Henrike von Platen: Gehen Sie am Equal Pay Day mit einer roten Tasche, dem Symbol für die roten Zahlen in den Geldbörsen der Frauen, auf die Straße. Oder schließen sie sich Aktionen in ihrer Region an: Auf unserer Aktionslandkarte finden sich viele Flashmobs, Kundgebungen oder Protestmärsche.

BRIGITTE.de: Ein Blick nach vorne: Ist dieses Gehalts-Gefälle vielleicht in fünf bis zehn Jahren Vergangenheit? Oder sind Sie weniger optimistisch?

Henrike von Platen: Zehn Jahre werden wahrscheinlich nicht reichen. Mein Wunsch wäre es, dass der Equal Pay Day noch zu meinen Lebzeiten so weit Richtung Januar rückt, dass er sich letztlich selbst abschafft (der Zeitpunkt errechnet sich aus dem aktuellen Gehalts-Gefälle, Anm. d Red.). Die Chancen stehen nicht schlecht: Politik und Wirtschaft können an diesem Thema nicht mehr vorbei. Die Lohnlücke hat sich in den vergangenen vier Jahren immerhin um ein Prozent gesenkt. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dauert es aber leider noch gut 90 Jahre.

Henning Hönicke

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