Brustkrebs-Risiko: Angelina Jolies mutige Entscheidung

Angelina Jolie hat sich beide Brüste amputieren lassen, um ihr Brustkrebs-Risiko zu verringern. Die Schauspielerin hätte die OP geheim halten können. Doch sie entschied sich für Offenheit, um anderen Frauen Mut zu machen. Und für diese Entscheidung verdient sie Respekt, meint BRIGITTE.de-Redakteurin Michèle Rothenberg.

Die Vorstellung, beide Brüste amputieren zu müssen, ist für jede Frau fürchterlich. Wir alle wissen, dass es sich manchmal nicht vermeiden lässt, wenn man überleben will - allein in Deutschland erkranken jedes Jahr rund 75.000 Frauen an Brustkrebs. Kampagnen wie das Amazonen-Projekt von Uta Melle, die selbstbewusste Frauen ohne Brüste zeigte, haben viel dafür getan, dass das Thema in der Öffentlichkeit enttabuisiert wird. Trotzdem: Die Amputation gilt für die meisten Menschen als allerletzte Maßnahme, die erst angewendet wird, wenn absolut gar keine andere Therapie mehr hilft.

Entsprechend groß ist das Erstaunen vieler über die Nachricht, die heute bekannt wurde: Hollywood-Star Angelina Jolie hat sich beide Brüste amputieren und durch Implantate ersetzen lassen. Allerdings hat Jolie noch gar keinen Krebs. Die OP war eine Vorsichtsmaßnahme, um eine Krebserkrankung zu vermeiden. Das klingt auf den ersten Blick wie ein schlechter Scherz, und viele Menschen in den Sozialen Netzwerken reagieren ungläubig bis spöttisch auf die Meldung. "Ich lasse mir jetzt auch den Kopf abnehmen, aus Angst vor einem Gehirntumor", ist so ein typischer Satz, der aktuell auf Facebook zu lesen ist.

Doch wer sich die Mühe macht, die Hintergründe dazu zu lesen, merkt schnell: Wir haben es hier nicht mit einem Fall von durchgeknallter Hollywood-Hysterie zu tun. Sondern mit einer mutigen Frau, die aus Liebe zu ihrer Familie eine schwere Entscheidung traf und mit dem Wunsch, anderen Frauen zu helfen, ihre eigene Karriere gefährdet.

Angelina Jolie mit ihrer Mutter Marcheline Bertrand, 2001

Angelina Jolies Mutter Marcheline starb 2007 an Brustkrebs. Sie war erst 56 Jahre alt und hatte zehn Jahre lang gegen die Erkrankung gekämpft. Schuld am Krebs war eine Genmutation des Gens BRCA1 (siehe Infos unten), die das Brust- und Eierstockkrebsrisiko stark erhöht. Angelina Jolie hat diese Genmutation geerbt. In einem sehr offenen Artikel in der "New York Times" erzählt sie, dass sie einen Gentest hatte machen lassen. Das Ergebnis war erschreckend: Sie hatte ein Brustkrebsrisiko von 87 Prozent. "Sobald ich wusste, dass das mein Schicksal ist, entschied ich mich zu handeln und das Risiko so weit wie möglich zu senken", so Jolie in dem Artikel. "Ich entschied mich für eine doppelte Brustamputation."

Drei Monate dauerte die Prozedur, Ende April dieses Jahres war sie abgeschlossen - und keiner außerhalb ihres Umfelds hatte mitbekommen, dass Angelina Jolies Brüste nicht mehr ihre eigenen waren. Sie hätte es einfach dabei belassen können. Schließlich ist ihr Körper auch ein Werkzeug, das sie für ihre Arbeit als Schauspielerin braucht. Und ihr Image als Sexsymbol hat sie nicht zuletzt ihren Brüsten zu verdanken. Doch Jolie entschied sich auch dieses Mal fürs Handeln, indem sie ihre Geschichte in der "New York Times" offen erzählt.

"Ich schreibe jetzt darüber, weil ich hoffe, dass andere Frauen von meiner Erfahrung profitieren können. Krebs ist immer noch ein Wort, das Angst in den Herzen der Menschen hervorruft und ein tiefes Gefühl von Machtlosigkeit hervorruft", so Jolie. Sie wolle erblich vorbelastete Frauen ermutigen, aktiv zu werden, sich zu informieren, ihr Risiko durch einen Bluttest bestimmen zu lassen und dann ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

"Die Entscheidung für eine Brustoperation ist mir nicht leicht gefallen. Aber ich bin sehr froh, dass ich sie getroffen habe", schreibt Jolie. "Das Risiko, dass ich Brustkrebs bekomme, ist von 87 Prozent auf 5 Prozent gefallen. Ich kann nun meinen Kindern sagen, dass sie keine Angst haben müssen, mich an den Brustkrebs zu verlieren."

In ihrem Artikel beschreibt Jolie auch die Schmerzen, die blauen Flecken und die Schläuche, die in ihrem Körper steckten. Sie habe sich zeitweise gefühlt, "wie in einer Szene aus einem Science-Fiction-Film". Doch inzwischen könne sie wieder normal leben. "Ich fühle mich nicht weniger wie eine Frau als vorher. Ich fühle mich vielmehr stärker, weil ich eine starke Entscheidung getroffen habe, die in keiner Weise meine Weiblichkeit verringert."

Was will uns Angelina Jolie nun also sagen? Frauen, nehmt schnell eure Brüste ab, ehe ihr Krebs bekommt? Nein, natürlich nicht. Sie will uns sagen: Frauen, achtet auf euch, nehmt euer Schicksal selbst in die Hand. Trefft eure eigenen Entscheidungen und vor allem: Lasst euch nicht beirren, wenn euch da draußen irgendwelche, pardon, hirnamputierten Leute für hysterisch halten.

Info: Genetischer Brustkrebs

Jährlich erkranken durchschnittlich 74.500 Frauen in Deutschland an Brustkrebs, fünf bis zehn Prozent von ihnen infolge einer erblichen Genmutation. Betroffen sind vor allem die Gene BRCA1 und BRCA2 (engl.: BreastCancer, Brustkrebs), deren Mutation ein übergroßes Erkrankungsrisiko bedeuten. Während Brustkrebs vor dem 40. Lebensjahr gemeinhin selten ist, treten genetisch bedingte Karzinome in der Regel deutlich früher auf und sind meist hartnäckiger als übliche Tumore. Grundsätzlich gilt: Mutationen der BRCA-Gene sind nicht nur über die mütterliche Linie vererbbar, sondern können auch von Männern weitergegeben werden.

Mitglieder von Hochrisikofamilien, also solchen Familien, in denen gehäufte Fälle von Brust- oder Eierstockkrebs auftreten, können einen Gentest machen lassen, dessen Vor- und Nachteile jedoch gründlich abgewogen werden sollten. Das BRCA-Netzwerk bietet Unterstützung für Betroffene und deren Angehörige, setzt sich für eine umfassende gesellschaftliche Aufklärung und für intensivierte Früherkennungsmaßnamen im Fall einer genetischen Disposition ein.

In Deutschland gibt es außerdem mehrere Zentren "Familiärer Brust- und Eierstockkrebs", in denen Gynäkologen, Genmediziner und Psychologen zusammenarbeiten. Wer aufgrund von Brustkrebs-Erkrankungen naher Verwandter einen Gendefekt bei sich vermutet, kann sich an eins dieser Zentren wenden (Adressen unter www.krebshilfe.de). Dort wird zunächst abgeklärt, ob ein Gentest sinnvoll ist. In 75 Prozent der Fälle stellt sich nämlich schon bei der Beratung heraus, dass das Risiko geringer ist als von den Betroffenen angenommen.

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