Japan-Tagebuch: Phantombeben und Wahlkampfterror

Die Beben in Japan haben zwar nachgelassen, doch für viele Menschen wackelt die Erde trotzdem: Phantombeben nennt man dieses Phänomen. Außerdem berichtet Jesper Weber von der Bezirkswahl in Tokio, in der die Atom-Katastrophe einfach totgeschwiegen wird.

Tokio, Notizen vom 21. April

Jesper Weber und seine Frau Kumiko bei ihrer Heirat im vergangenen Jahr. Der 40-jährige Berliner lebt seit 19 Jahren in Japan.

In den vergangenen Tagen ließ die Erde uns zum Glück in Ruhe. Die vielen Nachbeben und die Sorge um die Entwicklungen im AKW gingen zuletzt sehr an die Substanz. Während eines Monats seit dem großen Beben hatten wir über 400 spürbare Nachbeben in Tokio, soviel wie sonst in 2,5 Jahren (in anderen Worten, 30-Mal soviel wie durchschnittlich). Die Nachbeben sollen in erhöhter (überdurchschnittlicher) Intensität und Frequenz für 5-10 Jahre anhalten und wir werden nun auch darauf vorbereitet, dass ein Nachbeben die Stärke Richter 8,0 oder mehr erreichen könnte. Anschnallen bitte!

Dazu kommen noch die "Phantombeben". Viele Menschen hier spüren Beben, die gar nicht passieren, und reagieren überstark auf Erschütterungen durch vorbeifahrende LKWs oder sich im Wind bewegende Äste. Ich merke das ein wenig auch an mir selbst, es fühlt sich so an als ob man seekrank wäre oder gerade nach einer längeren Bootsreise wieder an Land gegangen wäre.

Am Sonntag sind in Tokio Wahlen zu Bezirksparlamenten und -bürgermeistern. Weil aufgrund überalterter Gesetzgebung es verboten ist, im Internet Wahlkampf zu machen, werden wir damit bestraft, dass von morgens bis abends Lautsprecherwagen durch die Gegend gondeln und ihre "Ware" anpreisen.

Darin sitzen in den seltensten Fällen der Kandidat selbst, sondern bezahlte und wahrscheinlich politisch uninteressierte Chargen. Anstelle einer politischen Nachricht, die es wahrscheinlich nicht gibt, werden also nur Name und Gelöbnisse zu Arbeitseifer herausgebrüllt.

Die meisten Kandidaten sind parteilos, so dass man nicht einmal weiß, wo sie ins politische Spektrum fallen. Im Internet ist wie erwähnt nichts nachzulesen. An den Straßenecken stehen große Tafeln, auf die alle Kandidaten ein Plakat in ca. DIN-A3 kleben. Zu sehen ist das Gesicht, alle sehen sich ähnlich mit Polyesteranzug, schief sitzender Krawatte, Hornbrille und schlechten Zähnen. Das ohnehin dünne Wahlkampfprogramm wird in einer Fußnote erwähnt.

Es ist also egal, wen man wählt. Deshalb geht auch am Sonntag niemand hin, und die könnten uns den Lärm und sich das Benzin sparen.

Alarmierend ist, dass keiner von den Kandidaten auch nur entfernt auf die Ereignisse der letzten Wochen Bezug nimmt. Auf Bezirksebene kann zwar tatsächlich nicht der Ausstieg aus der Atomkraft durchgesetzt werden, aber man könnte durchaus eine Basis dafür bauen, indem man als Kommune klar Stellung bezieht. Auch sonst ließen sich Brücken schlagen, indem man beispielsweise Ortschaften im Nordosten eine Partnerschaft anbietet und gezielt den Wiederaufbau dort unterstützt.

Auf der Tafel vor unserer Wohnung zähle ich Platz für Plakate von 60 Kandidaten. 57 sind bisher geklebt worden. Drei haben sich neben der Hornbrille mit einem dekorativen Aufkleber geschmückt, auf dem "Halt die Ohren steif, Japan/Nordosten/werauchimmer" steht. Ein weiterer Kandidat wirbt damit, staatlich geprüfter "Katastrophenverhüter" zu sein (ich übersetze das nur, denke mir das nicht selbst aus).

Frohe Ostern.

Tokio, Notizen vom 11. April

Zur Auflockerung erstmal ein Witz:

Was ist der Unterschied zwischen Tetra-Pak und einer Blondine? Antwort: Tetra-Pak ist irgendwie clever.

Das fand ich jahrelang urkomisch, neuerdings weiß ich, dass Tetra-Paks auch "blondiert" sind. 75 Prozent der weltweiten Produktion von Wasserstoffperoxid werden in Japan hergestellt. Die Hälfte davon in zwei Fabriken, die entweder beim Erdbeben schwer beschädigt wurden oder von den gleitenden Stromsperrungen betroffen sind. Also gibt es keine Bleichmittel zur Papierherstellung, damit auch keine Tetra-Paks, und daher kaum Milch oder Saft in den Regalen hier.

Mir würde nichts fehlen, wenn ich viel Milch in ungebleichten Kartons im Regal fände. Ganz im Gegenteil: Das spart einen Fertigungsschritt und damit Kosten und eliminiert jedes Restrisiko, dass Lebensmittel mit Spuren von Wasserstoffperoxid in Kontakt kommen.

Milch ist aber nicht das einzige Produkt, das aufgrund der Schäden an Fabriken, fehlenden Rohmaterialien und Problemen der Logistik knapp wird. Lieferschwierigkeiten gibt es auch bei:

- Natto (fermentierte Sojabohnen, die nach Harzer Käse riechen; Kumiko liebt es, ich vermisse eigentlich nichts. Grund für die Knappheit: Mangel an Plastikfilm für Verpackung und Etiketten) - Getränke in PET-Flaschen (Mangel an Plastik für die Deckel) - Konserven (Mangel an Dosen) - Zeitschriften und Bücher (Mangel an Papier, Tinte, Leim) - Windeln (Mangel an Klebeband zum Verschließen) - Joghurt (Stromausfälle in den Fabriken würden die Produktion verderben lassen, deshalb wurde die Fertigung vorsorglich eingestellt) - Tragbare Generatoren (hohe Nachfrage und eingeschränkte Produktionskapazitäten; alle Generatoren, die die Polizei an Kreuzungen aufgestallt hatte, um Ampeln während der Stromsperren nicht abschalten zu müssen, sind mittlerweile geklaut worden) - Autos (die Fabrik eines wichtigen Herstellers von Navigations- und Audiosystemen ist zerstört worden) - Fertighäuser für die Katastrophengebiete (kein Nachschub von Dämmwatte für die Wärmeisolierung)

Schätzungen gehen mittlerweile dahin, dass die Stromausfälle langfristig mehr wirtschaftlichen Schaden anrichten werden als Erdbeben und Tsunami.

Tepco macht sich weiterhin unbeliebt. Als Soforthilfe hat der Stromkonzern am 31.3. auf die Konten von neun Ortschaften in der Evakuierungszone pauschal je 20 Millionen Yen überwiesen (wohlgemerkt nicht angeboten, sondern wortlos überwiesen). Das sind knapp 200.000 Euro. Mindestens eine Kommune (Namie) hat das empört zurücküberwiesen: Bei über 20.000 Bürgern wären das weniger als 10 Euro pro Person! Eine Unverschämtheit angesichts der Tatsache, dass Tepco sich noch immer nicht bei den Menschen entschuldigt hat. Die 20 Millionen Yen würden nicht einmal die Verwaltungskosten decken, sollte das Geld tatsächlich gleichmäßig an die Bürger verteilt werden.

Wer den Witz oben nicht komisch fand, kann vielleicht über die Seite von Tepco lachen, auf der sie die größtmögliche Sicherheit ihrer AKW preisen: www.tepco.co.jp Auf der japanischen Seite ist das alles noch ein wenig ausführlicher, aber mit dem gleichen gesunden Selbstvertrauen beschrieben. Wir sind in guten Händen!!!

Tokio, Notizen vom 8. April

Die Nachbeben lassen uns keine Ruhe. Gestern kurz vor Mitternacht hat es das bisher heftigste mit Richterstärke 7,4 gegeben - zum Vergleich, das vernichtende Beben in Kobe 1996 maß 7,3. Wir waren seit dem großen Beben am 11. März in den Nachrichten auf solche Nachbeben vorbereitet worden, und diesmal gab es über das Fernsehen auch tatsächlich ca. zehn Sekunden vorher eine Warnung.

Bei uns in Tokio ist nichts kaputtgegangen, aber wir haben uns zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder unter den Türrahmen geflüchtet, obwohl wir durch die Warnung wussten, dass das Epizentrum weit entfernt ist und es kein katastrophales Beben sein würde. Die schwächeren Nachbeben bisher hatten wir recht gelassen durchgeschunkelt: Man gewöhnt sich an alles.

Die Gedanken und Sorgen waren sofort im Norden, wo die Erde am stärksten bebte: Wird ein Tsunami neuen Schaden anrichten? Werden die Häuser stehen bleiben, die bereits in Mitleidenschaft gezogen waren? Führt das zu einer Verschlimmerung der Lage im AKW?

Bei Kumiko hat sich der Stress spontan in Tränen seine Bahn gebrochen.

In den Gebieten um Fukushima ist weiter überhaupt nicht klar, wie die Zukunft aussehen wird. Evakuierte Bewohner haben bisher weder von der Regierung noch von Tepco Anhaltungspunkte erhalten, ob sie in den Wiederaufbau von Fischerei und Landwirtschaft, den wichtigsten Industrien dort, investieren sollten. Nicht nur hängt in der Luft, ob die Gebiete in Zukunft bewohnbar sein werden, ohne sehr geschickte Öffentlichkeitsarbeit werden die Produkte von dort auf lange Zeit nicht absetzbar sein.

Auch jetzt schon zeichnet sich das ab. Die Präfektur südlich von Fukushima ist Ibaraki. Dort hat der Tsunami alle Fischereihäfen so stark beschädigt, dass Schiffe nicht mehr andocken und abladen können. Fischer aus Ibaraki laufen also Häfen in der Präfektur Chiba an, welche südlich an Ibaraki angrenzt. Der Hafen Choshi liegt direkt an der Grenze zu Ibaraki, verweigert aber wie alle Häfen in Chiba den Fischern aus Ibaraki die Einfahrt.

Die betroffenen Fischer aus Ibaraki argumentieren zu Recht, dass sie aus dem Südteil der Präfektur kommen und nicht in der 20-km-Sperrzone gefischt haben. Die Hafenbehörden in Chiba argumentieren ebenfalls zu Recht, dass sie keine Fachmänner für atomare Belastung seien und überhaupt nicht vor Ort entscheiden könnten, wo in den Gewässern die Grenze zu ziehen sei. Außerdem verfügen sie nicht über ausreichend Messgeräte, um nun auch noch Fisch von außerhalb zu überprüfen.

Die Regierung reagierte darauf, indem sie ziemlich überstürzt und willkürlich die Grenzwerte für Gemüse auch auf Meeresprodukte ausgedehnt hat. Nun wird hier heftig debattiert, ob das die richtige Entscheidung sei. Anders als bei Pflanzen, wo es sich gleichmäßig verteilt, sammelt Jod sich bei Tieren in der Schilddrüse. Man solle also den Verzehr von Fischköpfen auf das Notwendigste reduzieren.

Klingt abwegig, doch in der japanischen Küche werden tatsächlich viele kleine Fischarten oft als Protein-/Kalzium-/Salzzusatz im Stück und dann in großen Mengen benutzt. Für solcherart kleine Fische sollten also sinnvollerweise niedrigere Grenzwerte gelten als für große Fische, von denen man nur ein Filet isst. Bislang wurde nur in Fischen, die nahe der Oberfläche schwimmen, Radioaktivität festgestellt.

Am Wochenende werden die Kirschbäume in voller Blüte stehen. Normalerweise würden alle Parks brechend voll von Feiernden sein, dieses Jahr sind die Feste zur Kirschblüte abgesagt, ebenso die großen Feuerwerke im Sommer und viele andere lokale Festivitäten. Es wird zwar niemand darin gehindert, sich mit Freunden und einigen Dosen Bier unter einen Kirschbaum zu setzen und fröhlich zu sein, aber es wird mit Schildern gebeten davon abzusehen.

Link des Tages: http://microsievert.net 1. Reihe: a) Normalbelastung (weltweiter Durchschnitt), b) Flug Tokio-New York, c) Evakuierung vorbereiten, d) sofort Evakuieren 2. Reihe: a) Fukushima-Stadt in Fukushima, b) Mito-Stadt in Ibaraki, c) Utsunomiya-Stadt in Ibaraki, d) Maebashi-Stadt in Gunma 3. Reihe: a) Saitama-Stadt in Saitama, b) Ichihara-Stadt in Chiba, c) Shinjuku in Tokio, d) Chigasaki-Stadt in Kanagawa

Der Rest erklärt sich glaube ich von selbst.

Tokio, Notizen vom 1. April

Die Kirschbäume fangen an zu blühen. Eigentlich wäre dies die schönste Zeit im Jahr in Japan, aber niemand hat so richtig Mut oder Kraft, sich daran zu freuen.

Das Fernsehprogramm ist fast wieder normal, aber... AC Japan, die gemeinnützige Organisation "Advertisement Council Japan", die für saubere Werbung sorgen soll, stößt vor in neue, unerahnte Dimensionen von Penetranz. Da seit dem Beben noch sehr wenige Unternehmen Werbung schalten, hat AC sich der freien Slots angenommen und bombardiert uns mit niedlichen Zeichentrickspots, in den tanzende Figürchen uns ein Lied über die Kraft der Zauberworte "Danke" und "Guten Tag" unterrichten. Ein Spot dauert 15 Sekunden, ein Fenster für Werbung ist 30 Sekunden lang, der gleiche Mist wird also doppelt ausgestrahlt. So wird hier der Verrohung der Sitten vorgebeugt und dem Trauma der Bilder der letzten Wochen entgegen gewirkt. Wenn das so weiter geht, drehe ich durch.

Der AKW-Betreiber Tepco leistet sich weiterhin einen Ausrutscher nach dem anderen. Auch in der internationalen Presse wurde ausgiebig über die zehnmillionenfach erhöhte Werte im Fukushima-Reaktor berichtet - ein Messfehler. Das nagt enorm an der ohnehin schon sehr schwachen Vertrauensbasis. Der Präsident der Firma, der sich nach dem Erdbeben nur einmal in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, ist seit vorgestern im Krankenhaus wegen Blutdruckbeschwerden. Er hatte es nicht für nötig gehalten, vorher das Zepter an seinen Stellvertreter abzugeben. Das erklärt auch, weshalb die Entscheidungsprozesse und Informationspolitik bei dieser Firma nicht funktionieren. Der Austritt von Plutonium und damit Indizien für eine teilweise Kernschmelze und das kontaminierte Wasser machen keinen Mut. Dass Kernkraft hier in Japan trotz des Erdbebenrisikos weitläufig akzeptiert wird, kann ich gut nachvollziehen. Japan verfügt über keine Rohstoffe wie Kohle etc., so dass Kernenergie für lange Zeit eine oder sogar die einzige kostenverträgliche Alternative darstellte. Warum Japan nicht führend in der alternativen Energiegewinnung ist, bleibt mir jedoch ein Rätsel. Warum trotz der klaren Risiken hier viel zu niedrige Annahmen zur Stärke drohender Erdbeben und Tsunamis gemacht wurden, ist völlig unverständlich und unverzeihlich. Dass ganz offenbar die Krisenmaßnahmen nicht auf den schlimmsten Fall vorbereitet waren, dass in allen Blöcken des AKWs sämtliche Funktionen gleichzeitig ausfallen konnten, ist schlichtweg ein Skandal. Japan hat jetzt vielleicht noch nicht die Kraft, Tepco daraufhin kritisch zu bedrängen. Hoffentlich werden die Lektionen aus diesem Unglück gelernt. Immerhin wird der Neubau von 14 Reaktoren, der bis zum Jahr 2030 geplant war, nun erneut überprüft.

Das landesweite Stromsparen wird noch lange weiter gehen. Große Einschränkungen bedeutet das für Kumiko und mich nicht, außer dass wir auf verderbliche Lebensmittel wie Joghurt verzichten müssen. Auf der Strecke bleiben die schwachen Glieder der Gesellschaft: Obdachlose in Tokio, die weitaus weniger weggeworfene Lebensmittel hinter Supermärkten und Restaurants finden als zuvor, aber nicht als offensichtliche Opfer der Katastrophe mit Spenden bedacht werden. Alte Menschen und Gehbehinderte, für die auf Bahnhöfen und in Geschäften keine Rolltreppen mehr fahren. Es wird von einer gestiegenen Selbstmordrate, gerade unter Fischern und Bauern, in den Katastrophengebieten berichtet, da die Menschen keinen Mut mehr zu einem Neuanfang haben. Angestellte der Fernsehsender mussten wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung beurlaubt werden. Die schlimmen Bilder, die wir nicht zu sehen bekommen, mussten sie aus den Berichten herausschneiden und sind darum schwer traumatisiert.

Tokio, Notizen vom 29. März

Seit der Nachkriegszeit und auch noch heute haben die "Hibaku-sha", die Bombenopfer aus Hiroshima und Nagasaki, und ihre Verwandten mit starken Vorurteilen zu kämpfen. Viele Japaner meiden den Kontakt zu ihnen, weil sie fürchten, sie könnten sich anstecken. Eine Diskriminierung von Menschen aus dem AKW-Umfeld zeichnet sich jetzt schon ab. Einige Aufnahmelager bestehen wohl darauf, dass Evakuierte aus Fukushima ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigungen vorlegen, wenn sie aufgenommen werden wollen. Das Gesundheitsministerium hat nun die Krankenhäuser angewiesen, solche Bescheinigungen auch auf Nachfrage hin nicht auszustellen, um so einer Spaltung der Flüchtlinge in zwei Klassen entgegen zu wirken. So wie ich das sehe, wird das die Probleme aber bestenfalls eingrenzen.

Im Internet kursiert ein Tsunami-Video aus Kesennuma (einer Stadt, von der nichts übrig blieb). Darin ist eine Lautsprecheransage zu hören, die vor der zuerst "angekündigten", dann bereits "beobachteten" Flutwelle warnt und die Bewohner auffordert, sich zu Fuß sofort auf Anhöhen zu retten.

Ich vermute, dass vielen Menschen der Wunsch, die Welle noch mit der Kamera einzufangen, zum Verhängnis wurde. In den Filmen sind die Flutwellen nämlich immer als Brandung zu sehen, eine Wassermauer mit Schaumkrone. Wer danach Ausschau hielt, hat sich vielleicht nicht schlimm genug bedroht gefühlt, um sofort zu flüchten. Ein echter Tsunami sieht aber dann, wie in dem Film zu sehen ist, meistens ganz anders aus; Wassermassen schieben sich mit Wucht aufs Land. Anders als bei durch Wind etc. erzeugten Wellen, die nur nahe der Oberfläche kinetische Energie tragen, ist ein Tsunami von oben bis unten gleichmäßig stark. Man muss sich vorstellen, von einer meterhohen Wand wie durch einen riesigen Rammbock getroffen zu werden. Schon ein 30 cm hoher Tsunami hat in Laborexperimenten ausgewachsene Männer von den Beinen gerissen, während eine normale Brandungswelle von gleicher Höhe gerade mal pläsierlich um die Füße schwappt.

Mittlerweile sind an vereinzelten Orten Höhen von bis zu 17 Metern gemessen worden. Am AKW sollen es über 15 Meter gewesen sein, mehr als dreimal so hoch wie für den schlimmsten Fall angenommen.

In Tokio wundern sich nach wie vor viele Deutsche darüber, dass die Deutsche Botschaft nach dem Beben so überstürzt von Tokio nach Osaka umgezogen ist. Am Sonntag sprach ich darüber mit einem Deutschen, der beruflich oft mit der Botschaft zu tun hat. Nach seinen Informationen war diese Abreise ein Resultat des Drucks aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, der Botschafter habe sich bis zum Schluss für eine langsamere und geordnetere Verlagerung eingesetzt. Das Auswärtige Amt habe aber, auch wegen des starken Drucks der Medien, vor der deutschen Öffentlichkeit auf Nummer Sicher gehen wollen.

So verständlich das ist - für die Deutschen, die hier in Tokio geblieben sind, ist es eine Zumutung, nicht mal konsularisch betreut zu werden. Ich habe mich gestern per E-Mail erkundigt, ob mein neuer Reisepass aus Deutschland eingetroffen sei. Ich habe dabei klar angemerkt, dass ich aus finanziellen und zeitlichen Gründen nicht nach Osaka fahren kann, um ihn abzuholen (das dauert insgesamt über sechs Stunden und kostet ca. 300 Euro, in keinem Verhältnis zu meinem Anliegen). Die Antwort kam prompt und lapidar (Rechtschreibfehler habe ich belassen):

Sehr geehrte Herr Weber,

Pass liegt zur Abholung zur Zeit in Osaka. Zur Zeit besteht keine Möglichkeit die Pässe in Tokyo auszuhändigen.

Mit freundlichen Grüßen

L**z M****n

Botschaft Tokyo

Auf meine Rückfrage, welche Spanne ich mir denn unter "zur Zeit" vorzustellen habe, steht die Antwort noch aus.

Tokio, Notizen vom 25. März

Heute sind zwei Wochen seit dem Beben am 11. März vergangen. In den meisten Orten sind die Straßen so weit frei geräumt, dass Hilfsgüter geliefert werden können. Es gibt aber immer noch ein starkes Gefälle zwischen beispielsweise großen und kleinen Aufnahmelagern, und einige Ortschaften sind weiterhin komplett von der Außenwelt abgeschnitten, sie können nur aus der Luft erreicht werden.

Mehr und mehr Flüchtlinge kommen nun auch in Tokio und Umgebung an, die Solidarität ist stark. Die "Prince Hotel"-Gruppe hat ein komplettes Hotel als Quartier zur Verfügung gestellt, welches eigentlich nächsten Monat abgerissen und neu gebaut werden sollte.

Traurigerweise ist heute auch bekannt geworden, dass die Zahl der Toten und Vermissten nach oben korrigiert werden musste, von 21.000 auf geschätzte 27.000 Opfer. Von über 10.000 Menschen gibt es weiterhin keinerlei Nachricht, sie sind also auch in den Vermisstenmeldungen noch nicht mitgezählt. Die Zahlen werden also weiter steigen. Wo ganze Familien vom Tsunami erfasst wurden, kann niemand mehr Meldung machen.

Die AKW-Havarie wurde auf der internationalen INES-Skala von 5 auf die zweithöchste Stufe 6 heraufgestuft, unvermeidbar, weil Verstrahlung auch umliegender Gebiete so stark war, dass die Agrarproduktion betroffen ist. Eine schlimme Entwicklung, die aber nicht bedeutet, dass es zu neuen Rückschlägen im AKW gekommen ist. Das flächendeckende Ausmaß der Katastrophe wird langsam deutlich. Tschernobyl hatte die Stufe 7.

In der japanischen und der deutschen Tagespresse ist davon zu lesen, dass einige der „Helden von Fukushima“ vielleicht nicht ganz freiwillig ihren Dienst tun. Dass ihnen Strafen für Verweigerung angedroht und dass sie teilweise von ihren Familien aus den Flüchtlingslagern weggerufen worden seien.

Da spielt erstmal die überzogene Loyalität der japanischen Arbeiter zu ihrem Unternehmen eine große Rolle, außerdem wissen AKW-Angestellte und Feuerwehrleute bei Abschluss ihres Vertrags, dass sie auch in Krisenfällen und bei eigener Gefährdung zur Verfügung stehen müssen. Das ist Teil der Absprache und wird entsprechend vergütet. Ich weiß über drei Ecken, dass AKWs ähnlich rekrutieren wie Bohrinseln und die Fremdenlegion. Viele Ex-Häftlinge heuern dort an, weil andere Arbeit für sie nicht zu finden ist. Sie können sich also auch unter keinen Umständen leisten, ihren Job zu verlieren.

Die Trinkwasserwerte in Tokio sind seit gestern auch für Säuglinge wieder im zulässigen Bereich. Es wird angemerkt, dass bei Regenwetter wieder höhere Werte gemessen werden könnten. Noch niemand hat erwähnt, dass ab Mitte Juni in den Breitengraden um Tokio eine sechswöchige Regenzeit einsetzt. Das lässt nur wenig Zeit, um den Strahlungsaustritt vollends in den Griff zu bekommen.

Die Stromrationierungen in und um Tokio sollten ursprünglich bis Ende April in Kraft bleiben. Ich hoffe ja nur, dass TEPCO wenigstens pfiffig genug ist, die Leitungen zum AKW, die mit viel Mühe verlegt wurden, von der Rationierung auszunehmen. Sicher bin ich mir da nicht, denn anfangs haben sie auch in einem vom Tsunami geschädigten Gebiet in Chiba den Strom abgestellt, so dass die Aufnahmelager dunkel und kalt blieben. Mittlerweile werden wir subtil darauf eingestimmt, dass es durchaus auch ein ganzes Jahr, also auch den ganzen nächsten Winter, brauchen kann, bis wir wieder normal mit Strom versorgt werden.

Tokio, Notizen vom 24. März

Unsere Schätzchen bei TEPCO sind sich weiterhin für keine Peinlichkeit zu fein.

Freunde, die westlich von Tokio wohnen, bekamen gestern ihre Stromrechnung. Darin wurde ihnen lapidar mitgeteilt, dass keine Zeit gewesen sei, den Strommesser abzulesen. Es würde also der gleiche Betrag wie im Vormonat in Rechnung gestellt.

Angesichts der Tatsache, dass dort täglich für mindestens drei Stunden der Strom abgedreht und auch sonst zum Sparen aufgerufen wird (darüber hinaus haben sich zwei Drittel der Familie in den Süden zu den Schwiegereltern ausgelagert, um das Kind vor potentieller Strahlenbelastung zu schützen), hielt ich das für einen Scherz. War aber keiner.

Dahingegen ist die Marotte der Kabinettsmitglieder, sich seit knapp zwei Wochen nur noch in Klempnermontur in der Öffentlichkeit zu zeigen, doch irgendwie niedlich. Das soll wohl Krisenbewusstsein ausstrahlen und sagen, dass "wir die Ärmel hochkrempeln!" Kumiko kann sich auf das Kostümspiel auch keinen rechten Reim machen, obwohl sie in dieser Kultur aufgewachsen ist.

Bei der Opposition möchte ich allerdings gerne mal Fieber messen. Die laufen nämlich auch so rum, obwohl die Nachrichten sich für sie nur kaum interessieren. Oder sollte ich mir auch so eine Joppe besorgen, um nicht den Anschluss zu verpassen?

Ich muss aber auch nicht alles hier verstehen. Die Mineralwasserregale im Supermarkt sind weiterhin leer gefegt, beim Nudelsuppenladen nebenan bildet sich aber trotzdem eine lange Schlange. Glauben die ernsthaft, das Restaurant hätte sich die Mineralwasservorräte schneller als die Restkundschaft gesichert, um damit ihre Suppe zu kochen?

Begehrtes Gut: In Tokio legen die Menschen Wasservorräte an

Auch sonst wird seit gestern wieder verstärkt gehamstert, die Lage ist aber trotzdem entspannter als noch vor einer Woche. Vor mir an der Kasse kaufte jemand doch tatsächlich 30 Packungen Instantnudelsuppen, 50 Dosen Tunfisch und sieben Paar Socken. Guten Appetit! Eier und Brot gibt es wieder normal zu kaufen, Milchprodukte und Saft sind knapp. Klopapier habe ich heute auch gekriegt. Die Regierung hat angekündigt, dass bis zum Wochenende die Benzinversorgung für Tokio wieder hergestellt werden soll.

Die Strahlenbelastung für das Tokioter Trinkwasser gestern (wird außer in dringenden Fällen wie gestern immer erst mit einem Tag Verspätung veröffentlicht) ist mit 25,8 Bq /kg angegeben, deutlich unter den 210 Bq/kg, die uns gestern hier aufgeschreckt haben. Andere Quellen zitieren Spitzenwerte von 79 Bq/kg. Das liegt wohl daran, dass es sich um verschiedene Entnahmepunkte handelt und zu einer anderen Tageszeit gemessen wurde. Andererseits berichten zwei umliegende Präfekturen im Osten und Nordosten von Tokio Werte um 200 Bq/kg.

Ich habe heute im Tagesspiegel gelernt (Artikel vom 23.3., "Wie die Havarie im AKW Fukushima das Leben verändert"), dass die Grenzwerte nicht international standardisiert sind. Hier gilt eine Obergrenze von 300 Bq/kg für Erwachsene und Kinder, und 100 Bq/kg für Säuglinge als sicher zum normalen Konsum. In Deutschland ist der Grenzwert für Säuglinge wohl bei 370 Bq/kg festgelegt, in der EU liegen bei Reaktorunfällen die empfohlenen Grenzwerte auf 500 bis 1000 Bq/kg.

Wir sind weiterhin vorsichtig, haben aber gestern Abend vorm Schlafengehen trotzdem geduscht und uns die Zähne geputzt. Auch mit Gemüse werden wir aufpassen. Bisher sind Lieferstopps für Blattgemüse aus Fukushima und drei umliegenden Präfekturen verhängt worden. Wir werden darüber hinaus versuchen, keine Lebensmittel und andere Dinge zu kaufen, die aus den Präfekturen zwischen Fukushima und Tokio stammen, Fisch etc. inbegriffen.

Ansonsten ist die Nachrichtenlage heute eher dünn, es gibt immerhin keine neuen Horrormeldungen aus Fukushima.

Tokio, Notizen vom 22. März

Kumiko ist nach fünf Tagen wieder ins Büro gefahren. Die Bahnen in der Innenstadt fahren mehr oder weniger normal, und niemand fehlt mehr in Firma. Allerdings ist es zum Stromsparen dunkel und kalt in ihrem Büro.

Ich bin zuhause für die Nachrichten zuständig. Die Strahlenwerte für die Luft in Tokio sind seit gestern geringfügig angestiegen, liegen aber nur knapp über dem oberen Wert der Spanne, die für Hintergrundstrahlung angegeben wird. Heute gehen sie langsam wieder runter. An den Jodwerten für Leitungswasser hat sich nichts geändert. Sie sind zwar seit gestern gestiegen, liegen aber immer noch weit unter den für gefährlich angesehenen Werten. Es wird darauf hingewiesen, dass die Messwerte bei Regen steigen; heute regnet es. Wir haben zuhause reichlich Trinkwasservorräte. Maximalwert bisher im Tokioter Trinkwasser waren 5 becquerel pro Liter; zulässig bzw. verträglich sind 300 becquerel, einige heiße Quellen in Kurbädern haben bis zu 2.700 becquerel (das trinkt dann aber niemand).

Unabhängig davon hat die deutsche Botschaft ein Rundschreiben per Mail verschickt, dass für Deutsche und direkte Familie Jodtabletten beim Vertrauensarzt zur Abholung bereitlägen. Gleichzeitig wird vor einem vorschnellen Einnehmen gewarnt, das soll man erst auf Hinweis der japanischen Regierung tun.

Das Verlegen von Stromkabeln zum AKW geht weiter, aber es soll noch bis Ende der Woche dauern, bis die Kontrollräume und die Pumpen wieder in Betrieb genommen werden können. Es wird sich also so schnell nichts zum Positiven wenden, hoffentlich auch nicht zum Negativen. Das klingt elendig langsam, und meine erste Frage war auch: "Warum stellen die nicht gleich die Pumpen an und den Rest danach?" Im Kontrollraum, der hermetisch abgeschlossen ist, ist es wohl stockduster. Um zu sehen, welche Kabel unter den Trümmern zerstört wurden, muss also erstmal Licht gemacht werden.

Ich habe gerade heute wieder die Frage gestellt bekommen, wie wir in Japan mit unserer Hilflosigkeit und Ohnmacht angesichts der Katastrophe umgingen.

Wir sind hier in Tokio selber direkt (es hat stark gebebt) und indirekt (Verknappung, Stromausfälle, Strahlenrisiko) Opfer der Ereignisse. Das macht es uns einfach, unverkrampft wenigstens indirekt den Menschen in den Katastrophengebieten zur Seite zu stehen, durch einen Verzicht auf Hamsterkäufe trotz Sorge vor leeren Regalen, durch Ruhebewahren und eingeschränkten Benzin- und Stromverbrauch. Durch Geld- und Sachspenden.

Ich persönlich habe mich als Dolmetscher für die ausländischen Hilfsorganisationen, beim japanischen Außenministerium, der deutschen Botschaft und anderen Stellen angeboten. Ich halte mich außerdem bei einer Klinikkette, die von einem befreundeten Psychiater geleitet wird, für Dolmetsch- und Übersetzungsdienste bei den auf uns zukommenden Traumatherapien bereit. Ich versuche, den hiergebliebenen Deutschen durch Engagement in unserer Kirchengemeinde ein wenig Normalität zu verschaffen. Und durch meine Tagebuchnotizen und den Kontakt zur deutschen Presse hoffe ich, Familien in Deutschland ein wenig die Angst um ihre Angehörigen hier zu nehmen und das Augenmerk auf das eigentliche Leiden im Nordosten Japans zu leiten.

Ich möchte auch die Deutschen dazu aufrufen, aktiv bei der Bewältigung dieser Katastrophe mitzuhelfen. Japan ist zwar weit weg und ein wohlhabendes Land, aber das Ausmaß übersteigt alle Vorstellungen und Resourcen. Wer von dem Leid hier berührt ist, findet viele Institutionen wie das Rote Kreuz, die auch in Deutschland Spendenkonten eingerichtet haben.

Tokio, Notizen vom 21. März

Heute regnet es in Tokio zum ersten Mal seit Erdbeben und AKW-Katastrophe. Beunruhigt sind wir deshalb nicht - in Tokio wurde bislang keine überhöhte radioaktive Belastung festgestellt und laut Nachrichten geht auch vom Regen keinerlei Gefahr aus. Das Leben in den Straßen geht seinen normalen Gang. Es sind relativ wenig Menschen unterwegs, weil heute in Japan wegen des Frühlingsbeginns ein gesetzlicher Feiertag ist.

Die Situation im AKW ist ermutigend, wobei sich niemand Illusionen macht, dass es weiterhin auch zu gravierenden Rückschlägen kommen wird. Die Kühlversuche mit Meerwasser durch Feuerwehrspritzen, Hubschrauber etc. zeigen eine Wirkung und halten die weitere Überhitzung und Strahlung ein Stück unter Kontrolle. Eine Stromleitung zum AKW konnte gelegt werden, so dass wir jetzt auf größere Fortschritte hoffen dürfen.

In einem Radiointerview wurde ich gefragt, wie die Menschen hier in Tokio nach den schwierigen Tagen miteinander umgehen. Ich sehe da keine großen Unterschiede zu der Zeit davor. Nach den Sorgen in den ersten Tagen nach dem Beben ist der Umgang nun wieder gewohnt höflich, freundlich und herzlich.

Einige Probleme wird es meiner Einschätzung nach geben, wenn die Menschen zurückkommen, die Tokio wegen der Katastrophe verlassen haben. Sie sind mehrfach gebeutelt: Sie mussten nicht nur total überteuerte Hotelzimmer im Westen Japans und unangenehme Zug- oder Busfahrten in Kauf nehmen. Sie müssen nach ihrer Rückkehr auch damit rechnen, dass ihnen Arbeitskollegen oder Nachbarn die kalte Schulter zeigen. Es geht hier nicht darum, Recht zu behalten – alle Weggegangenen wünschen sich genauso wie die Hiergebliebenen, dass Tokio sicher ist und bleibt. Aber womöglich wird diese Begegnung zu einem Ventil, über das viele Menschen hier den Druck und die Emotionen der letzten Tage ablassen.

Ich wurde im Radio auch gefragt, wie wir denn mit dem jodverseuchten Trinkwasser in Tokio umgingen. Für uns hier eine völlig neue Information.

Was wir wissen: In der Nähe vom AKW in den Präfekturen Fukushima und Ibaraki wurden erhöhte Jodwerte in Milch und Spinat gemessen. Das ist sofort, offen und ausführlich in der Presse bekanntgegeben worden. Diese Produkte wurden sofort aus dem Verkehr gezogen, sicherheitshalber werden alle Vertriebswege nochmal überprüft, damit nichts versehentlich in Umlauf kommt.

Die Jodwerte für Tokio liegen derzeit offiziell bei 1,5 becquerel pro Liter Wasser, zulässig sind 300 becquerel. Berichtet wurde weiterhin davon, dass Spuren von radioaktivem Jod in Tokio und umliegenden Präfekturen gefunden worden seien, die aber keine Gefahr für Atemluft und Trinkwasser darstellten. In der Region um Fukushima wurden geringfügig radioaktive Elemente im Trinkwasser gefunden. Auch das wurde sofort veröffentlicht.

Wir gehen also davon aus, dass das Trinkwasser in Tokio ist zurzeit sicher ist. Und ich bin absolut überzeugt, dass für Tokio nichts verheimlicht wird, denn:

1. Man kann so etwas nicht verheimlichen. Viele unabhängige Stellen messen die Werte hier und würden spätestens beim geringsten Gerücht auch das Wasser überprüfen, wenn sie das nicht ohnehin schon tun.

2. Nichts wäre damit gewonnen. Würde die Bevölkerung verseuchtes Trinkwasser konsumieren, wären die gesundheitlichen Folgen und sozialen Kosten unermesslich. Panik nach einer Warnung vor dem Trinkwasser ist auch nicht zu befürchten, weil mittlerweile alle Japaner Trinkwasservorräte für mehrere Tage angelegt haben. Eine offizielle Warnung und Präventivmaßnahmen wären auf jeden Fall die bessere Alternative für die Regierung. Jodtabletten zur Vorsorge sind in den Evakuierungszentren vorrätig und könnten kurzfristig ausgeteilt werden.

Tokio, Notizen vom 18. März

Eine Woche ist seit dem Beben vergangen. Heute morgen wollten wir frühstücken, aber weder Kaffeemaschine noch Toaster noch Mikrowelle gaben einen Mucks von sich. Holt uns die Realität ein? Nein, meine eigene Schusseligkeit holt mich ein. Ich hatte ja gestern die Stecker rausgezogen und einige Sicherungen herausgedreht, wir hatten den Abend ohne Heizung als gute Preußen in einer Decke eingewickelt verbracht. Die Benzinknappheit wird landesweit kritisch, mit Folgen, die man sich nicht ausgemalt hätte. Dialysepatienten, die aus den betroffenen Gebieten nach Tokio verlegt werden sollen, können in den Krankenhäusern hier nicht aufgenommen werden, da keine Medikamente nachgeliefert werden können. Die Müllabholung in einigen Bezirken muss eingeschränkt werden. Überlandbusse im Norden lassen nur noch Passagiere zu, die dringende Gründe für ihre Reise nachweisen können. Menschen können nicht aus der Nähe der AKWs flüchten, weil sie ihre Autos nicht betanken können. Etwas anderes fährt in den Gebieten aber noch nicht. In den Supermärkten hier in Tokio heute waren die Regale wieder zur Hälfte oder mehr gefüllt. Sie laufen nicht über wie noch vor einer Woche und Eier, Milch und Saft gibt es noch wenig, aber Instantnudeln und Konserven waren zu haben. Brot bekamen wir beim Bäcker nebenan. Die Deutsche Botschaft Tokio hat ihre Mitarbeiter nach Osaka abgezogen. Ich fühle mich offengestanden ein wenig im Stich gelassen, kann aber auch verstehen, dass das Funktionieren und die Sicherheit der Botschaft unter allen Umständen garantiert werden müssen. Auf der Botschaftsseite ist davon allerdings nichts erwähnt. Wir hatten uns ein bisschen daran festgehalten, in letzter Not zum Botschaftsgebäude zu flüchten, das zu Fuß ca. zehn Minuten von unserer Wohnung entfernt ist. Von den 5.000 Deutschen, die normalerweise in Japan leben, sind nach Schätzungen einer Presseagentur nur noch 1.000 im Land. Wir haben gemerkt, dass wir keinen Sinn in unserem geplanten "Ausflug" in den Westen sehen. Es würde uns nur zusätzlich Energie kosten, von der wir schon so viel eingebüßt haben und die wir uns besser aufsparen sollten. Besser bleiben wir hier und sehen zu, dass wir die Wohnung so sicher wie möglich machen und die Koffer bereit halten, so dass wir notfalls von hier schnellstens weg können. Die Schwiegereltern in Fukuoka betrachten die Lage allerdings sehr nüchtern: Solange es keine offizielle Evakuierungsempfehlung seitens der japanischen Regierung gibt, gilt der 30 Kilometer Schutzradius und sie wägen uns daher in ausreichender Sicherheit. Die Presse bestätigt auch meine Vermutung von gestern, dass die Reiseempfehlungen der Botschaften hauptsächlich wegen des Risikos von Problemen mit Lebensmittelversorgung etc. und nicht wegen Strahlengefahr herausgegeben wurden.

Kumiko hat gestern Nacht angedacht, dass ich alleine den Ratschlägen von Familie, Freunden und Botschaft folgen und nach Deutschland gehen könnte, sie würde hier die Stellung halten. Dann wäre ich in Sicherheit und könnte auch den deutschen Arbeitsmarkt abklappern, sollten sich wirtschaftlich hier keine Perspektiven mehr bieten. Kommt natürlich überhaupt nicht in Frage. Sollte ich zu irgendeinem Zeitpunkt die Situation in Tokio für so gefährlich einschätzen, dass ich hier weg will, dann werde ich ganz gewiss Kumiko nicht zurücklassen, und sie auch nicht hier alleine lassen, solange keine klare Entwarnung gegeben ist. Eine Arbeitssuche in Deutschland ist natürlich jetzt verstärkt ein Thema für mich, aber das muss von der Bewältigung der gegenwärtigen Krisensituation komplett abgekoppelt werden. Wir bleiben hier zusammen oder wir gehen hier zusammen weg, jedenfalls sind wir zusammen.

Tokio, Notizen vom 17. März

"Wir erwachen zu strahlendem Sonnenschein.

Ein gewisser Galgenhumor schleicht sich ein. Lachen tut gut.

Gerne würde ich eine Musik anmachen. Ein Requiem für die Opfer. Eine Bach-Kantate. Das Konzert für Japan in der Philharmonie über die Digital Concert Hall. Aber das verbraucht Strom. Der kommt zwar bei uns weiterhin aus der Steckdose, aber wir sollen und wollen sparen. Das ist eine winzige Einschränkung angesichts der Lage. Allerdings ist das Internet heute sehr langsam, so dass wir keine Nachrichten über Life-Stream sehen können. Wir haben also den Fernseher angestellt. Die Berichterstattung teilt sich gleichmäßig zwischen Erdbebenhilfe und AKW auf. TEPCO (Stromgesellschaft), Selbstverteidigungskräfte, Polizei mit Wasserwerfern, Feuerwehr, amerikanisches Militär schmeißen alles ran, was verfügbar ist. Die jeweiligen Stellen haben aufgehört, miteinander zu koordinieren, so ein Top-Militär in einer Pressekonferenz. Wer immer zuerst vor Ort und einsatzbereit ist, beginnt.

Die erste Entscheidung, die meine Frau Kumiko und ich gestern getroffen haben, war, dass wir uns wegen des Atomkraftwerks nicht streiten werden. Die Informationen gehen hin und her, unsere Stimmungslage auch. In dieser Situation hat keiner von uns beiden Recht oder Unrecht, niemand ist Schuld, der Konflikt und die Spannungen sind nicht zwischen uns, sondern spielen sich auf einer gänzlich anderen Ebene ab. Nervlich angegriffen sind wir ohnehin schon von den Sorgen und Ängsten der letzten Tage, und die Bilder stürmen weiterhin auf uns ein.

Die Nachrichten hier sind teilweise verwirrend und nicht stimmig. So geben zum Beispiel Auswärtiges Amt und Deutsche Botschaft einerseits den Ratschlag, dass Deutsche 1. nicht nach Nord-Ost Japan und Großraum Tokio/Yokohama reisen sollen und dass 2. wer dort ist, vorsichtshalber Richtung Osaka begeben sollten, um von dort die Lage zu beobachten. Gleichzeitig wird betont, dass für Tokio keine akute oder konkrete Strahlengefahr besteht. Über die so genannte Deutschenliste (eine vom Auswärtigen Amt geführte Liste, in die sich Auslandsdeutsche freiwillig eintragen) ist bislang keine Aufforderung zur Evakuierung verschickt worden.

Ich denke realistisch, dass nach einfacher Wahrscheinlichkeitsrechnung wohl einer oder mehr der Reaktoren sich nicht unter Kontrolle werden bringen lassen. Im direkten Strahlungsgebiet wird Tokio nicht liegen. Also bleibt die Angst vor dem Fall-Out. Weiter weg ist bestimmt besser als näher ran, deshalb schauen wir nach Westen.

Die Lage hier hat sich noch nicht so weit zugespitzt, dass wir es als notwendig betrachten, endgültig aus Tokio zu fliehen. Der Plan ist nun, in den nächsten Tagen mit unseren Katzen und leichtem Gepäck etwas nach Westen zu reisen. Dort wollen wir in eine Herberge möglichst nahe am Bahnhof. Wir müssten vielleicht nochmal hierher zurück, falls wir für eine längere oder endgültige Abreise packen wollen. Es wäre also mehr oder weniger ein Ausflug, um uns in Sicherheit zu wägen und die Situation mit klarem Kopf aus mehr Entfernung zu beurteilen.

Oft holt mich die Wut vor der eigenen Hilflosigkeit ein. Als Dolmetscher habe ich mich angeboten, bei deutschen Fernsehsendern, über die Deutschenliste für die Hilfsdienste hier und beim japanischen Außenministerium. Bislang gab es dort offenbar keinen Bedarf, aber ich halte mich da weiter in Bereitschaft. Schuldgefühle habe ich keine: Ich kann an niemandes Platz treten, und unsere Unversehrtheit nimmt auch niemand etwas weg. Viele Menschen hier plagen sich mit "Survivor's Guilt", da kommt eine enorme Aufarbeitungsarbeit auf das Land zu, zusätzlich zu den sichtbaren Folgen und dem wirtschaftlichen Schaden."

Tokio, Notizen vom 14. März

Am 14. März ist in Japan "White Day", ein Pendant zu unserem Valentinstag, an dem die Frauen normalerweise verwöhnt und beschenkt werden. Doch wie erlebt man einen solchen Tag der Liebe, wenn das Land im Chaos versinkt und am Rande einer atomaren Katastrophe steht? Jesper Weber über seinen Versuch, Geschenke für seine Frau zu bekommen.

"Angst und Sorge über das Beben weichen langsam der Trauer. Zwar habe ich nichts verloren, meine Frau Kumiko und ich sind gesund und unverletzt, nichts ist kaputt gegangen. Doch ich merke es, ich muss trauern, die Eindrücke sind einfach zu überwältigend. Meine Frau Kumiko ist erschöpft, gestern Nachmittag schlief sie auf dem Sofa fest ein. Die letzten drei Tage seit Freitag waren sehr anstrengend, auch und gerade mental.

Die Sorge wegen Nachbeben nimmt langsam ab, doch sie wird überholt von der Sorge um die Atomkraftwerke. 256 km Luftlinie liegen zwischen dem Reaktor in Fukushima und Tokio, das ist keine weite Entfernung.

Wir stehen vor dem Dilemma, zwei unkalkulierbare Risiken gegeneinander abzuwägen. Einerseits wird berichtet, dass mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit ein Nachbeben mit Richterstärke 7 zu erwarten sei. Je nach Ort des Epizentrums kann das auch in Tokio zu sehr starken Erschütterungen führen. Unser Wohngebäude ist bisher nicht beschädigt worden, aber die Verhaltensempfehlung ist, die Haustür offen stehen zu lassen, falls bei einem Beben der Gebäuderahmen sich verziehen sollte. So wird der Ausgang nicht blockiert. Andererseits sind wir besorgt über Strahlung von den Atomkraftwerken in Fukushima. Ich glaube den Berichten, dass es bisher nicht zu Strahlung gekommen ist, die in Tokio gesundheitsgefährdend wäre. Sollte es dazu kommen, müssten wir Türen und Fenster hermetisch abdichten.

Rauskommen können oder nichts reinlassen?

Unsere Koffer haben wir bereits gepackt. Falls sich die Lage verschlechtert, werden wir uns nach Südwesten zu den Schwiegereltern nach Fukuoka aufmachen, von dort vielleicht weiter über Korea oder China nach Europa. Um sofort über den internationalen Flughafen Narita aus Japan herauszufliegen, ist es erstens noch zu früh und zweitens sind momentan keine Flüge zu bekommen. Sollte es zum Schlimmsten kommen, verbietet sich dieser Gedanke fast: Narita liegt westlich aus Tokio, so dass wir auf das AKW und die Wolke zufahren müssten.

Heute ist "White Day", eine japanische Antwort auf Valentinstag (am Valentinstag schenken Frauen den Männern Schokolade, heute revanchieren wir uns). Ich wollte also etwas Schokolade kaufen, um Kumiko mit einem Kuchen eine kleine Freude zu bereiten.

Doch in den ersten Supermarkt kam ich gar nicht erst rein. Vor dem Eingang hatte sich eine lange Schlange gebildet, der Einlass wurde von einem Türsteher geregelt. Der Convenience Store daneben war komplett leergekauft, aber gerade wurde etwas Milch und Orangensaft angeliefert, die ich natürlich sicherheitshalber gekauft habe.

Kumiko wird ihr Küchlein bekommen, die meisten Frauen in Tokio werden dieses Jahr wohl leer ausgehen."

Protokoll: Michèle RothenbergFoto: privat

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