Vergewaltigung: Warum schweigen so viele Frauen?

Obwohl Vergewaltigung strafbar ist, haben die wenigsten Frauen den Mut, den Täter anzuzeigen. Nur knapp 8000 Fälle kommen vor Gericht, die Dunkelziffer liegt bei 80.000. Lesen Sie hier den Erfahrungsbericht einer betroffenen Frau und erfahren Sie, was Sie nach einer Vergewaltigung sofort tun sollten.

Zwei Vergewaltigungen hat sie erlebt. Über die erste hat die 29-Jährige lange geschwiegen. Die zweite hat sie gleich angezeigt. Ramonas Geschichte zeigt, dass es sich lohnt, den Täter nicht davonkommen zu lassen.

"Nach meiner ersten Vergewaltigung vor neun Jahren ging ich nicht gleich zur Polizei. Ich hatte Angst, man würde mir nicht glauben. Ich war 20, war mit einem Mann nach Hause gegangen, den ich kaum kannte. Wir küssten uns, aber als er Sex wollte, sagte ich Nein. Er hat gegen meinen Willen mit mir geschlafen. Ich traute mich nicht, ihn anzuzeigen, weil ich ja freiwillig mitgegangen war, ich schämte mich.

Aber er ließ mir keine Ruhe, verfolgte mich, baute sich in meinem Lieblingslokal vor mir auf und guckte mich höhnisch an. Ich lebe auf dem Land, man kann sich kaum aus dem Weg gehen. Mein Hass auf ihn wurde immer größer, jede Begegnung empfand ich als Demütigung.

Nach einem halben Jahr hielt ich es nicht mehr aus und wagte mich zur Polizei - obwohl ich keinerlei Beweise hatte. Aber ich wollte mich wehren, er sollte sich nicht als Sieger fühlen. Die Kripobeamtin fragte, ob mein Leben bedroht gewesen sei, sie sprach von verschmähter Liebe und glaubte mir nicht. Ich bereute, dass ich damals nicht zur Spurensicherung gegangen war.

Zwei Jahre später wurde ich wieder vergewaltigt. Fast sieben Jahre ist das jetzt her. Dieses Mal ging ich sofort zur Polizei. Weil ich Angst vor ihm hatte und weil ich andere Frauen vor ihm schützen wollte.

Inzwischen weiß ich: Eine Vergewaltigung endet nicht mit der Tat. Man geht durch die Hölle, wenn man sie anzeigt, und man geht auch durch die Hölle, wenn man hinterher nichts unternimmt.

Seit einem Jahr waren Martin* und ich ein Paar. Er war vier Jahre älter als ich. Am Anfang gab er sich charmant. Das blieb er auch nach außen, aber wenn wir allein waren, rastete er immer häufiger aus. Weil ich zu spät von der Arbeit kam, weil ich mit einem Mann geredet hatte. Er schlug mich, zweimal musste ich ins Krankenhaus. Nach jedem Ausfall bat er zerknirscht um Verzeihung, und ich schaffte es nicht zu gehen.

*Namen von der Redaktion geändert

An jenem Abend hatte ich mit ihm Schluss gemacht. Er tobte, wurde brutal. Zum ersten Mal wagte ich, mich zu wehren. Ich verbannte ihn aufs Sofa. Als ich gerade am Einschlafen war, spürte ich ihn neben mir. In der Hand hielt er ein Messer: "Zieh dich aus, du weißt schon, was ich von dir will." Er würgte mich, vergewaltigte mich oral, vaginal. Ich hatte einfach nur Angst.

Fünf Mal wurde ich in dieser Nacht vergewaltigt, über vier Stunden zog sich die Tortur. Wenn er nicht mehr konnte, musste ich ihn mit der Hand befriedigen. Ich dachte, ich würde die Nacht nicht überleben. Als er endlich einschlief, traute ich mich nicht zu fliehen. Am nächsten Morgen bin ich zur gewohnten Zeit aufgestanden, hab ihm vorgelogen, ich wolle zur Arbeit. Aber ich hatte nur ein Ziel: lebendig aus der Wohnung rauszukommen.

Ich weiß noch, was ich trug, als ich zur Polizei fuhr: einen blauen Kapuzenpulli mit einer Bulldogge auf dem Rücken. Nach der Vernehmung wurde ich von Polizistinnen ins Krankenhaus gebracht und gynäkologisch untersucht. Es war schlimm, dass ich mich ausziehen musste. Ich verstehe, dass so eine Untersuchung notwendig ist, aber ich habe sie in meinem Zustand fast als erneute Vergewaltigung empfunden. Hinzu kam: Es gab keine Spuren, ich hatte blöderweise geduscht, auch Intimverletzungen wurden keine festgestellt. Ich fürchtete, man würde mir deswegen nicht glauben.

Als ich dann in Polizeibegleitung in unsere Wohnung fuhr, saß Martin am Küchentisch, das Messer lag vor ihm. Er hatte meinen Lieblingsteddy geköpft und die Füllung in der ganzen Küche verstreut.

Es dauerte noch ein Jahr bis zum Verfahren. Ich war enttäuscht, dass er nicht sofort ins Gefängnis musste. Das hielt ich fast nicht aus. Martin durfte frei herumlaufen, er lauerte mir auf, wollte mich überreden, die Anzeige zurückzuziehen.

Ich hatte Angst vor ihm und Angst, ich könnte etwas vergessen und vor Gericht patzen. Immer wieder las ich in meiner Polizeiakte. Ich konnte nicht schlafen, fürchtete mich im Dunkeln, fühlte mich völlig allein. Eines Abends lief ich absichtlich vor ein Auto und wurde daraufhin in die Psychiatrie eingeliefert. Nach 48 Stunden ließen sie mich wieder raus, empfahlen mir eine Therapie. Aber dazu war ich erst viel später in der Lage. Ich machte zunächst eine ambulante, später noch eine dreimonatige stationäre Therapie. Beides hat mir sehr geholfen. Es war gut, endlich über diesen Albtraum zu sprechen.

Damals aber drohte mein ganzes Leben zu zerbrechen. Ich war verstört, litt darunter, nicht mehr ich selbst zu sein. Ich musste nach außen die Fassade wahren, sonst hätten alle erfahren, dass ich vergewaltigt worden war. Das wollte ich nicht, es war mir zu intim, und ich schämte mich.

Aber ich wollte den Beweis, dass man mir glaubte. Darum war der Prozess so wichtig für mich. Ich hatte mich für eine öffentliche Verhandlung entschieden, damit die Menschen erfahren, dass auch hier, in Bayern auf dem Land, so etwas passiert. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass hinter vielen Türen Gewalt herrscht. Und ich dachte, wenn endlich die Opfer ihr Schweigen brechen und die Täter mit einer harten Strafe rechnen müssen, verändert sich etwas. Es hat mich unendlich viel Kraft gekostet, aber ich habe es nicht bereut. Immer wieder habe ich mir gesagt: Ich gewinne.

Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass es eine solche Qual werden würde. Es war schlimm, öffentlich so viel von mir preiszugeben. Das Fieseste war, dass Martin dasaß und blöd lachte, während ich aussagte. Er bestritt seine Schuld: 'Ja, wir hatten Streit und anschließend Versöhnungssex.' Und: 'Die hat schon mal jemanden angezeigt wegen Vergewaltigung, das ist ihre Art, Freunde loszuwerden.'

Der Richter und der Staatsanwalt haben mir keine böswilligen Fragen gestellt und geduldig gewartet, wenn ich heulen musste. Trotzdem war es unerträglich, ihnen erzählen zu müssen, in welcher Position Martin mich vergewaltigt hatte, wo das Messer dabei lag, ob ich etwas empfunden hätte. Ich musste ein Gutachten über mich ergehen lassen, das meine Glaubwürdigkeit untersuchen sollte. Ich wusste nicht, wie das Gutachten ausfallen würde. Und pausenlos die Angst, wenn ich jetzt was Falsches sage, verspiele ich meine Glaubwürdigkeit.

Martin ist zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt worden, nach gut zwei Jahren kam er wieder raus. Ich fand das Urteil zu mild, fünf Jahre hätte ich als angemessen empfunden, das ist die Zeit, die ich brauchte, um wieder in mein Leben zurückzukehren. Aber natürlich war ich froh, dass ich den Prozess gewonnen hatte.

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Ich glaube, das Verfahren hat mir auch geholfen, meine Stärke wiederzufinden. Auf meinen Spiegel im Schlafzimmer habe ich geschrieben: 'Wen siehst du?' Ich habe mich minutenlang angeschaut. Und eine blonde Frau mit schönen Augen gesehen, die mir allmählich wieder vertraut wurde. Ich hatte danach noch mal eine Beziehung, die schlecht gelaufen ist, aber da schaffte ich es, meine Wut rauszulassen. Nicht mehr die zu sein, die sich alles gefallen lässt, das hat mir unglaublich gutgetan.

Inzwischen habe ich wieder einen Freund. Ich habe ihn gleich eingeweiht. Das musste sein, weil es immer wieder Situationen gibt, in denen ich komisch reagiere: Ich kann zum Beispiel keine Gewaltfilme und keine Küsse am Hals ertragen. Oralsex ekelt mich. Mein neuer Freund ist zum Glück sehr verständnisvoll. Ich kann seine Zärtlichkeit genießen. Sex war für mich immer sehr wichtig. Ich weiß, das klingt komisch, aber das ist so geblieben. Mein Leben hat sich sehr verändert. Ich bin umgezogen, habe von Zahnarzthelferin auf Finanzdienstleisterin umgeschult und mache fast jeden Tag Sport. Ich bin misstrauischer, aber auch klarer geworden - und bin froh, dass ich nicht geschwiegen habe."

Was Sie nach einer Vergewaltigung sofort tun sollten

• Beweise einsammeln: Packen Sie alles, womit der Täter in Berührung gekommen ist (Shirt, Tampons etc.), in eine Tüte. • Beistand suchen: Rufen Sie eine Freundin oder eine andere vertraute Person an. Zuwendung direkt nach erlebter Gewalt kann die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung verringern. • Aufnahmen machen: Fotografieren Sie mit dem Handy den Tatort gleich nach der Tat, diktieren Sie Ihre Gefühle aufs Handy. • Unterstützung holen: Rufen Sie bei einem Frauennotruf an. Hier bekommen Sie Tipps und Adressen von Gynäkologen, Anwälten und Therapeuten. Die Einrichtungen in Ihrer Region finden Sie beim Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) unter www.frauen-gegen-gewalt.de; Unterstützung bietet auch der Weiße Ring unter www.weisser-ring.de • Spuren sichern: Fahren Sie in ein rechtsmedizinisches Institut oder zu einer Gynäkologin. Lassen Sie die Spuren an Ihrem Körper dokumentieren und die Beweismittel untersuchen. • Setzen Sie sich nicht unter Druck: Die anonyme Spurensicherung, die es in immer mehr Regionen gibt, ermöglicht Frauen, bis zu zehn Jahren nach der Tat noch auf das sichergestellte Beweismaterial zurückzugreifen und sie dann noch anzuzeigen. • Auf Staatskosten: Sie haben Anspruch auf eine Opferanwältin, die Sie während des ganzen Verfahrens - also schon bevor es zur Gerichtsverhandlung kommt - vertritt. • Reden, reden, reden: Versuchen Sie nicht, mit sich selbst auszumachen, was Ihnen angetan wurde. Reden Sie darüber, vertrauen Sie sich anderen Menschen oder Expertinnen an.

Info: Bundesweites Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen

365 Tage im Jahr rund um die Uhr erreichbar: Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen bietet Betroffenen erstmals die Möglichkeit, sich zu jeder Zeit anonym, kompetent und sicher beraten zu lassen. Ob Gewalt in Ehe und Partnerschaft, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung sowie Stalking, Zwangsprostitution oder Genitalverstümmelung – Beraterinnen stehen hilfesuchenden Frauen zu allen Formen der Gewalt vertraulich zur Seite und leiten sie auf Wunsch an die passende Unterstützungseinrichtung vor Ort weiter. Der Anruf und die Beratung sind kostenlos.

Kostenlose Telefonnummer: 08000 116 016

Protokoll: Claudia Kirsch Foto: Plainpicture BRIGITTE, Heft 17/11
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