Was die Jesidin Jinan als Sklavin des IS durchmachte

Im August 2014 wurde die 18-jährige Jesidin Jinan von IS-Kämpfern verschleppt und an zwei Dschihadisten verkauft. In ihrem Buch beschreibt sie die qualvolle Zeit als Sklavin.

Am 4. August 2014 wird Jinan Badel in der Nähe der irakischen Stadt Sindschar von Kämpfern des Islamischen Staates entführt, ins Gefängnis gesteckt und kurz darauf an zwei Dschihadisten - einen Imam und einen Polizisten - verkauft. Zusammen mit fünf anderen Frauen wird sie als Sklavin gehalten, gefoltert und zur Konversion gezwungen. Nach drei Monaten gelingt ihnen die Flucht. Die folgenden Auszüge aus Jinans Buch (s. Kasten) lassen erahnen, durch welche Hölle Tausende vom IS verschleppte Jesidinnen gingen und noch immer gehen.

Über ihr Martyrium hat Jinan ein Buch geschrieben: "Ich war Sklavin des IS" ist in deutscher Übersetzung im mvg Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro. Mit ihrem Bericht möchte Jinan den vielen jesidischen Frauen, die noch immer in Gefangenschaft leben, eine Stimme geben - und ihre Ehre zu verteidigen.

Das Gefängnis Badusch steht am Rand der Autobahn, nicht weit vom Fluss Tigris entfernt. Der Anblick seiner Wachtürme lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Die hohen Mauern und die Stacheldrahtzäune erschrecken mich. Der Eingang wird von Radpanzerfahrzeugen bewacht. In einer Menschenwoge überschreiten wir die Schwelle, wir sind Hunderte Frauen und Kinder. Die Wachen haben die schwarzen Flaggen des "Islamischen Staates" auf den Türmen gehisst. Wir müssen durch eine Schleuse gehen, bevor wir auf einen großen Platz gelangen, auf den die Mittagssonne herabbrennt.

Gulé, eine alte, kranke und inkontinente Frau, liegt neben mir auf einer Decke. Ihre vier Töchter heben die Decke, wenn es nötig ist, an den vier Ecken an, um sie herumzutragen. Die Greisin hat mich sofort in ihr Herz geschlossen. Sie ist groß und gebeugt, ihr langes Gesicht ist vollkommen runzlig. In dieser Frauenwelt wirkt Gulé wie eine gestürzte Königin, eine etwas verrückte und überdrehte Königin, die vom Hofstaat ihrer Töchter und der Schar ihrer Enkel umgeben ist. "Sie werden mich verkaufen und vergewaltigen", sage ich zu ihr.

"Wenn man versucht, dich zu besudeln, nimm dir das Leben. Dann wird dein Tod deine Ehre reinwaschen", rät sie mir in dem schulmeisterlichen Ton, den alte Menschen manchmal annehmen, wenn sie ihre Weisheit unter Beweis stellen wollen. "Eine Jesidin hat nach einer Vergewaltigung keine andere Wahl als den Tod. Sie muss sterben. Um ihre Würde zu erhalten und ihre Angehörigen nicht zu belasten, muss sie ihrem Leben ein Ende setzen", führt sie fort. Ich blicke ihr mit verschränkten Armen direkt in die Augen.

"Hast du verstanden, was da geschieht? Falls nicht, erkläre ich es dir, meine Kleine. Zuerst werden sie uns weiter aussortieren und trennen. Die jungen, kinderlosen Frauen wie du werden mitgenommen und vergewaltigt. Es ist denen völlig egal, dass du verheiratet bist. Du hast ja gesehen, sie bedienen sich, sie wählen die schönsten Mädchen wie ein Bauer, der seine Tomaten vom Feld holt." (...)

Ich halte mein Hochzeitsfoto wie einen Talisman fest.

Die Angst vor einer Vergewaltigung quält mich. Im Halbdunkel höre ich die Schritte. Ich liege auf dem Boden. Männer gehen zwischen uns umher. Der Lichtstrahl ihrer Taschenlampen bewegt sich auf der Suche nach unseren Gesichtern hin und her. Verletzlich und machtlos sind wir ihnen ausgeliefert. Sobald eine von uns angeleuchtet wird, senkt sie den Kopf, um ihr Gesicht zu verbergen. Manchmal jedoch vergeblich, den Schreien nach zu urteilen.

Ein Schatten steigt über mich hinweg. Ich spüre, wie sein Fuß gegen meinen Bauch stößt. Mein Tuch bedeckt mich vom Hals bis zum Scheitel. Meine Nase habe ich in meinem angewinkelten Arm in den Ellbogen gesteckt. Ich höre zu atmen auf. Ich habe Glück: Er sieht mich, ohne mich wirklich zu bemerken. Ich drücke mich an Jano und Amina. Ich habe mein Hochzeitsfoto herausgeholt und halte es wie einen Talisman fest. (...)

Ich streike bei der Körperpflege. Ich leiste passiven Widerstand.

Ich bin schmutzig. Wirklich sehr schmutzig. Ich versuche, einen richtig abstoßenden Zustand zu erreichen. Das ist meine Art der Abschreckung. Ich ekle mich vor mir selbst. Aber wird das reichen, um die Männer abzuhalten, die um mich herumschwirren? Ich meide den Waschraum, der zwar Türen hat, die jedoch weit offen stehen. Ich streike bei der Körperpflege. Ich leiste passiven Widerstand. Was für ein Geruch! Mir wird übel! (...)

Wir erreichen Mossul über eine der Brücken über den Tigris. Die Stadt, die zweitgrößte im Irak, ist die Hauptstadt der Islamisten, seit sie im Juni in die Hände des "Islamischen Staates" gefallen ist. Wie jede irakische Großstadt ist sie grau und glanzlos, schmutzig und verdreckt. Der Verkehr im Zentrum kommt zum Erliegen, sobald die Straßen schmaler werden. Auf den Gehsteigen, die jetzt am frühen Abend überlaufen sind, sehe ich praktisch nur Männer. Einige wenige schwarz verschleierte Frauen in Kleidern sind ebenfalls unterwegs. Ich höre das Megafon eines Kleintransporters Anweisungen ausspucken, die aber nicht zu verstehen sind.

"Die da hat große Titten, aber ich will eine Jesidin mit blauen Augen."

Der Bus parkt neben einer Moschee, die bedeutend zu sein scheint, wenn man nach der Lautstärke der Rufe ihres Muezzins geht. Wir werden zu einem großen zweistöckigen Haus geführt. Ich ziehe meine Schuhe aus und stelle meine blasslila Turnschuhe auf die Vortreppe. Dann betrete ich einen riesigen Empfangsbereich mit Säulen und einem mit Teppich bedeckten Marmorboden. In dem Raum stehen keinerlei Möbel. Dutzende Frauen sind in dieser Halle mit der hohen Decke versammelt.

Zwischen ihnen laufen Kämpfer umher. Sie scherzen unter dreckigem Gelächter, schlendern auf und ab, ziehen die Mädchen mit den Augen aus, kneifen sie in den Hintern. Einer von ihnen rümpft die Nase. "Die da hat große Titten, aber ich will eine Jesidin mit blauen Augen. Mit hellem Teint. Das sind anscheinend die besten. Ich bin bereit, einen entsprechenden Preis zu zahlen. So Gott will, werde ich so eine finden. Auf jeden Fall vielen Dank für die Einladung, mein Bruder", sagt er.

"Du brauchst mir nicht zu danken. Es ist normal, dass wir unsere Beute unter uns Getreuen aufteilen. Du hast recht mit den Augen, ich rate dir aber, auch das Gebiss zu prüfen. Nimm keine, die Karies hat. Bei den Jesiden beginnen die Krankheiten bei den Zähnen", versichert ihm sein Kumpane. "Sie sind wie die Fische, sie fangen immer vom Kopf an zu stinken", sagt der Gast unter schallendem Gelächter. (...)

"Heute war der Tag des Verteilens, so hat es Allah gewollt."

Ich bin nun keine verheiratete Frau mehr, sondern eine Sklavin. Meine Gebieter sitzen vor mir im Auto, das mich in ein völlig zurückgezogenes Leben entführt. Wir rasen auf einer langen, geraden und verlassenen Landstraße dahin. Der Tacho zeigt ständig 160 km/h an. Abu Anas drückt aufs Gaspedal, während Abu Omar die Gebetskette zwischen den Fingern bewegt. Sie plaudern während der Fahrt, ohne das Wort an mich zu richten. Ich kauere auf der Rückbank und existiere gar nicht.

An diesem Freitag haben die beiden Kämpfer nach dem Verlassen der Moschee in einem der Häuser von Emir Abu Moussa vorbeigeschaut, wo Abdallah, der "Viehhändler", regelmäßig seinen Markt abhält. Sie haben diesmal sechs Frauen gekauft. Die ersten fünf Mädchen sind bereits in der Villa des Polizisten und des Geistlichen eingetroffen. Ich vervollständige jetzt das Warenkontingent.

Abu Anas und Abu Omar reden arabisch. Sie sind offenbar davon überzeugt, dass eine junge Kurdin nur Kurdisch versteht. Ich lasse sie in dem Glauben.

"Heute war der Tag des Verteilens, so hat es Allah gewollt", freut sich Abu Anas. "Wir haben unseren Teil genommen: für jeden drei! Ein Mann kann nicht mehr als drei Frauen erwerben, wenn er nicht aus Syrien, der Türkei oder einem Golfstaat stammt. So ist es nun mal", meint Abu Omar. (...)

Sie delegieren die Aufgabe unserer Konvertierung an zwei echte Folterknechte.

Wir werden irgendwann Krankenpflege brauchen, so sehr wird der Anspruch von Abu Omar und seinem "Bruder", uns mit Gewalt zum Islam zu bekehren, zu einer Besessenheit. Der Geistliche versucht, uns mit Suren in den Koran einzuführen, die wir lesen sollen. Wir erwidern, dass wir kein Arabisch lesen können. Er verlangt, dass wir ihm nachsprechen. Wir stammeln die Verse wild durcheinander.

Wir werden gezwungen, die Schahada, das Glaubensbekenntnis, zu lernen. Stockend tragen wir vor: "Aschhadu an lâ ilâha ill allâh, wa aschhadu anna Muhammadan rasûlu-llâh". "Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist der Gesandte Allahs". Bleibt nur, den Text aufrichtig zu rezitieren, um eine echte Muslima zu werden, wovon wir weit entfernt sind.

Außer sich vor Wut über eine derartige Starrköpfigkeit haben die beiden Abus beschlossen, das Tempo eine Stufe hochzufahren. Sie delegieren die Aufgabe unserer Konvertierung an zwei echte Folterknechte. Die kommen über die Straße zu uns herüber, um ihr Können an uns auszuüben, zwei Männer aus der Kaserne des IS. Wir werden im Hof gefoltert, als die Sonne im Zenit steht. Wir sind mit den Händen auf dem Rücken gefesselt und jeweils zu dritt aneinandergekettet, während ein Maschinengewehr auf uns gerichtet ist. Die Ketten sind mit einem Ring an der Umfassungsmauer befestigt. Auf dem glühend heißen Zement sitzend, kochen wir wie in einem Ofen.

Die Kadaver schwimmen auf dem Wasser. Das ist unser neuer Trinkbrunnen.

Nach einer Stunde habe ich das Gefühl, dass mein Kopf gleich explodieren wird. Ich halluziniere, werde ohnmächtig. Als mich ein Eimer Wasser wieder zum Leben erweckt, bin ich nur noch ein Gespenst. Als unsere Peiniger uns endlich losketten, taumle ich ins Haus und breche auf meinem Strohsack zusammen, bis zum nächsten Tag unfähig aufzustehen.

Im Zustand halber Bewusstlosigkeit höre ich, wie Bouchra unsere Herren anfleht, damit aufzuhören, uns zu quälen. Sie ist bereit, sich zu unterwerfen. Doch Naline befiehlt ihr zu schweigen. "Wenn du weitersprichst, werde ich es sein, die dich züchtigt. Ich erinnere dich an unseren Pakt. Wenn wir beim Gebet nachgeben, geben wir unsere Ehre auf."

Am nächsten Tag überwältigt uns erneut die trockene, sengende Hitze wie an jedem Tag gegen Ende dieses brennend heißen Sommers. Um die Aktion noch zu verstärken, haben unsere Folterer eine Variante erfunden: Die Wasserschüssel, aus der wir uns in kleinen Schlucken bedienen konnten, wird uns trotz unseres Gejammers weggenommen. Am nächsten Tag beobachten wir, dass sie am Spätvormittag in der Küche Mäuse jagen. Diese Typen haben Fallen aufgestellt. Sie fangen vier Tiere, erschlagen sie und werfen sie in einen Krug: Die Kadaver schwimmen auf dem Wasser. Das ist unser neuer Trinkbrunnen.

Während wir wieder gefesselt in der prallen Sonne sitzen, zwingen sie uns, aus dem Gefäß mit den toten Mäusen zu trinken. Ich weigere mich. Ein Kerkermeister reicht mir einen Becher.

"Das trinkt sich wie Molke. Ich habe doch das Fell abgezogen." Er flößt mir mit Gewalt einen Becher davon ein, dann noch einen. "Du wirst sehen, das ist ausgezeichnet für die Verdauung", verspricht er. Ich muss mich erbrechen. (...)

Nach elf Wochen in der Gewalt ihrer Peiniger gelingt Jinan zusammen mit den fünf anderen Sklavinnen die Flucht. Stundenlang laufen sie barfuß ein ausgetrocknetes Flussbett entlang, bis kurdische Einheiten sie in ihre Obhut nehmen. Mit ihrem Ehemann Walid, den sie kurz nach ihrer Rettung wiederfand, lebt Jinan heute in einem UNO-Flüchtlingscamp für Jesiden im Nordirak. In den nächsten Wochen wird sie ihr erstes Kind zur Welt bringen.

Ich will, dass die Welt die Wahrheit erfährt.

Ich bin noch immer erstaunt über die Kraftreserven, die ich tief in mir gefunden habe, um mit all dem fertigzuwerden. Dass uns die Flucht gelungen ist, verdanken wir einer unerschütterlichen Solidarität und viel Opferbereitschaft. Es geht mir jetzt besser. Ich werde mich der Zukunft zuwenden. Ich werde neu geboren. Aber ich will, dass die Welt die Wahrheit über das Drama der jesidischen Frauen erfährt. Ich bin keine Politikerin, nur ein Mädchen vom Land. Ich bin eine ganz gewöhnliche junge Frau, deren Menschsein von Männern geleugnet wird, die sich für Gott halten. (...)

Wenn ich meine Geschichte für mich behalte, wer wird sie dann erzählen?

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