Erzieherinnen: "Die Wahrheit über meinen Job"

Bundesweit streiken die Erzieherinnen, denn ihre Arbeit in den Kitas ist unterbezahlt und macht krank. Betroffene erzählen, diskutieren Sie mit!

11.000 Erzieherinnen streiken bundesweit für besseren Gesundheitsschutz und mehr Gehalt. Auf BRIGITTE.de erzählen vier Erzieherinnen, was ihren Job so schwer macht.

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"Ich bin schon sehr frustriert"

"Auf sieben Kinder kommt in der Krippe ein Erzieher – das ist der gesetzliche Schlüssel. Wenn alle da sind, arbeiten wir also zu viert für maximal 30 Kinder. Wir sind aber oft nur zu dritt. Einer ist immer mal krank oder hat Urlaub – und das müssen wir dann auffangen. Da sind massig Überstunden vorprogrammiert. Manchmal bin ich 10 Stunden am Stück in der Kita. Eigentlich müssten dann Ersatz-Erzieher kommen, aber das passiert nie. Es wäre zu teuer. Und die Kitaleitung erwartet von uns, dass wir solche Engpässe auffangen.

Es gibt eine Menge hauswirtschaftliche Aufgaben, die wir erledigen müssen: Wäsche waschen, Aufräumen, Tische decken, Betten machen. Diese Dinge sind essentiell für das Funktionieren einer Kita, die müssen gemacht werden, – auch bei personalen Engpässen. Es fallen dann also all die Sachen unter den Tisch, die uns und den Kindern am meisten Spaß machen: Projekte, Aktivitäten, Lernen. Der pädagogische Bereich kommt zu kurz. Aber deshalb bin ich doch überhaupt Erzieherin geworden: weil ich pädagogisch arbeiten will! Aufräumen und Wäsche waschen kann ich auch zu Hause. Ich bin schon oft sehr frustriert.

Ich habe versucht, einen Betriebsrat zu gründen, damit wir eine größere Lobby haben gegenüber der Kita-Leitung. Als das rauskam, bekam ich meine Kündigung. Angeblich lassen meine hauswirtschaftlichen Fähigkeiten zu wünschen übrig. Ich vermute, dass man mich einfach loswerden wollte."

Katharina S., 38, Erzieherin aus Wuppertal

"Ich schleppe mich oft halb gesund zur Arbeit"

"Ich fühle mich häufig überlastet und bin abends extrem müde. Man wird auch häufiger krank – das geht vielen Kolleginnen so. Und zu Hause hat man ein schlechtes Gewissen, weil man die Kinder und die Kollegen im Stich läst. Deshalb schleppt man sich oft nur halb gesund zurück zur Arbeit. Kürzlich habe ich mich beim Wickeln verhoben. Es heißt ja immer: „Wie soll das denn gehen, so eine Kind wiegt doch nur ein paar Kilo“, aber wir heben als Team am Tag mindestens 60 Mal ein Kind auf die Wickelkommode, und die Größeren wiegen schon mal 12 Kilo. Manches lässt sich ja schon mit einfachen Hilfsmitteln verbessern. Zum Beispiel mit einer kleinen Treppe, damit die Größeren selbst auf die Wickelkommode klettern können, aber dafür will die Kitaleitung kein Geld ausgeben. Ich war beim Arzt, habe Spritzen gekriegt und war krank geschrieben, aber natürlich bin ich nach ein paar Tagen wieder zur Arbeit gegangen, weil ich ja weiß, dass meine Kollegen mein Fehlen auffangen müssen."

Ute V., 23, Erzieherin aus Bad Homburg

"70 Euro über Hartz-4-Niveau"

"Erzieher sind Menschen, die aus Überzeugung arbeiten, wir lieben unseren Job. Von Eltern kommt oft: „Wie macht ihr das nur, die ganze Gruppe so toll im Griff zu haben?“ – also ich erfahre schon Wertschätzung für meine Arbeit, allerdings zeigt sich das nicht beim Gehalt. Ich verdiene 70 Euro über Hartz-4-Niveau. Dafür arbeite ich 30 Stunden in der Woche im Schichtdienst. Beginn ist um 7:30 Uhr, das letzte Kind wird um 18:30 Uhr abgeholt. Wir werden lausig bezahlt. Aber Leute, die mit Kindern arbeiten, haben in der Regel ein großes Herz. Und ich glaube, dass das gnadenlos ausgenutzt wird."

Meike F., 27, Kinderpflegerin aus Hamburg

"Eltern wollen das Rundum-sorglos-Paket"

"Eltern erwarten heute von uns Erziehungsmaßnahmen, die eigentlich nicht unsere Aufgabe sind. Wir sollen den Kindern zum Beispiel beibringen, wie man auf die Toilette geht. Das ist nicht unser Job. Das ist der Job der Eltern. Selbstverständlich führen wir das dann in Absprache mit den Eltern hier im Kindergarten fort. Aber uns kann nicht auferlegt werden, dass wir den Zeitpunkt dafür bestimmen. Einige Eltern geben ihr Kind den ganzen Tag in die Kita und erwarten mit großer Selbstverständlichkeit, dass die Kita die Erziehung dieses Kindes übernimmt. Die wollen abends ein fertig erzogenes Kind abholen. Natürlich kümmern wir uns hier darum, dass die Kinder lernen, wie man trocken wird oder vernünftig isst, aber wenn die Eltern das zuhause nicht fortführen, führt das hier zu großem Stress. Gerade besser verdienende Eltern, die es vielleicht in ihrem Job gewohnt sind, Anweisungen zu geben, erwarten, dass sie auch im Kindergarten immer bekommen, was sie wollen. Manche Eltern geben komplett ihre Erziehungsverantwortung ab. Die wollen das Rundum-sorglos-Paket und ein perfektes Kind."

Conny W., 43, Erzieherin aus Köln

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Text: Stefanie Hellge Foto: Fotolia.com
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