Erzieherinnen: Alleskönnerinnen für ein paar Euro

Bildung soll schon im Kindergarten anfangen, fordern Eltern, Experten und Politiker. Warum bekommen Erzieherinnen dann so ein mieses Gehalt, fragt Ursula Ott.

Wenn ich meine beiden Jungs morgens im Kindergarten abliefere, müsste ich die Erzieherin eigentlich mit Frau Doktor ansprechen. Was die alles kann: Sie ist Spezialistin für frühkindliches Lernen. Künstlerin mit musischer Begabung. Dolmetscherin für Deutsch-Türkisch. Therapeutin für Scheidungskinder. Und robuste Löwenbändigerin mit eisernen Nerven und lärmresistentem Gehör.

All das verlangen wir nämlich von diesem anspruchsvollen Beruf, und selten waren sich Forscher und Eltern so einig: Bis zum siebten Lebensjahr werden bei Kindern die Grundsteine fürs Lernen gelegt. Eine Investition in Kindergärten ist deshalb kein Almosen, sondern die Investition schlechthin in die Zukunft. So weit die Sonntagsreden, die nicht erst seit der Pisa-Studie gehalten werden.

Und was ist die Realität? Deutschland ist Schlusslicht bei der Erzieherinnen-Ausbildung. In nahezu allen europäischen Ländern müssen Erzieherinnen das Gymnasium besucht haben und eine fundierte Ausbildung an einer Fachhochschule oder Universität machen. Hierzulande reicht eine Breitbandausbildung an einer Fachschule, die von der Betreuung Obdachloser bis zur Arbeit im Kindergarten alle möglichen pädagogischen Berufsfelder abdecken soll. Entsprechend mies ist der Job bezahlt, rund 1260 Euro netto verdient eine Vollzeit-Erzieherin. Kein Wunder, dass dafür kaum ein Mann seine Nerven ruinieren mag. Nur zwei Prozent der Erzieher sind männlich. Schade-denn viele Kinder wachsen nur bei Mama auf und bräuchten dringend männliche Vorbilder.

Und kein Wunder, dass viele gute Erzieherinnen nach kurzer Zeit das Weite suchen, eine Fortbildung machen oder eine Ich-AG für Rhythmik-Unterricht gründen. Da können deutsche Eltern dann nachmittags für cash das buchen, was eigentlich der Kindergarten anbieten sollte. Und warum qualifizieren und bezahlen wir die Erzieherinnen nicht besser, wie es auch die weniger wohlhabenden EU- Länder tun? Weil bis heute bei uns die altmodische Vorstellung herrscht, dass Kinder eigentlich bis zum Schulein- tritt in die Obhut der Familie gehören. Wie Anfang des 19. Jahrhunderts, als die ersten "Kinderverwahranstalten" für Arbeiterinnen entstanden, damit diese nicht der Armenfürsorge zur Last fielen. Deshalb sind bis heute die Gemeinden zuständig - und die haben besonders wenig Geld.

Ein Unikum in Europa: Fast überall ist wie für die Schulen das Bildungsministerium zuständig. Die Deutschen haben es nicht einmal geschafft, EU-Gelder zur Förderung der Erzieherinnen-Ausbildung anzuzapfen, die beispielsweise Griechenland in Anspruch nahm. Deshalb brauchen wir jetzt Ent-wicklungshilfe: An der Universität Brixen in Südtirol dürfen jetzt ein paar deutsche Erzieherinnen ihr letztes Ausbildungsjahr absolvieren. Danach reimportieren wir sie als Akademikerinnen. Ein Armutszeugnis für unser reiches Land.

Die Journalistin Ursula Ott lebt mit ihren zwei Kindern in Köln.

Foto: Matthias Jung
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