Kinder müssen keine Leistung bringen!

Schon Grundschüler fühlen sich heute gestresst. Schuld sind auch die Eltern: Sie wollen über die Leistung ihrer Kinder ihren Status steigern. Till Raethers Appell: Hört auf, das Beste zu wollen!

Meine Tochter saß auf dem Fußboden und malte ein Bild. Sie geht zur Vorschule und manchmal anschließend noch zum Sport, und danach malt sie gern und redet nicht viel. Aber es sah ziemlich unbequem aus: vornübergebeugt, im Halbschatten, das Papier direkt auf dem Boden, mit Bunstiftstummeln, die sie im Regal gefunden hatte. "Ich mach dir mal Licht an", sagte ich, doch sie hörte nicht zu. "Willst du dich nicht lieber an den Tisch setzen?", fragte ich, und weil ich gerade dabei war: "Und nimm doch die schönen Stifte, die Opa dir zum Geburtstag geschenkt hat." Meine Tochter blickte auf, als hätte ich sie geweckt. Dann sagte sie: "Na gut", und ich ärgerte mich darüber, dass es so weinerlich klang. Dann holte sie die schönen Stifte und setzte sich an den Tisch und starrte sehr, sehr lange auf ihr Papier, statt das Bild weiterzumalen.

Im Nachhinein war diese kleine Episode für mich eines der wichtigsten Ereignisse im bisherigen Leben meiner Tochter. Weil mir in diesem Moment etwas Elementares klar geworden ist. Nämlich, warum unsere Kinder gestresst sind, wie sehr sie unter Druck stehen und was wir dagegen tun können.

Wie die meisten Eltern gerate ich oft in Diskussionen mit anderen darüber, wie viel die Kinder in der Schule in wie kurzer Zeit leisten müssen, wie viele Termine sie in der Woche haben und dass das dann alles immer noch nicht reicht, um sie auf den Arbeitsmarkt und den Konkurrenzkampf in unserer Gesellschaft vorzubereiten.

Es ist leicht, da einzustimmen: Ich sehe ja die dunklen Ringe unter den Augen meines Zehnjährigen, der nach den Ferien auf die weiterführende Schule kommt. Ich sehe, wie meine Sechsjährige beim Geigenunterricht auf den Wangen schwitzt, Wahnsinn, ich wusste nicht mal, dass es dort Schweißdrüsen gibt, aber sie hat ja selber gesagt, dass sie Geige lernen will, und ein Jahr waren wir auf der Warteliste, also bitte. Ich kann genug Anekdoten erzählen über wütende Tränen bei den Hausaufgaben und ähnliche Verschleißerscheinungen. Aber ist es heute wirklich so schwierig und so anstrengend, Kind zu sein?

Es gibt Studien und Untersuchungen wie die vom Deutschen Kinderschutzbund, die belegen, dass sich heute schon Grundschulkinder gestresst und unter Druck fühlen. Es gibt internationale Langzeitstudien, die belegen, dass Kinder sich heute mehr unter Druck fühlen als früher. Mein Wunsch wäre gewesen, das zu entkräften, um uns Eltern alle zu erleichtern. Denn wie tröstlich wäre es, sagen zu können, dass wir damals, als wir Kinder waren, unter einem genauso großen Druck standen und dass wir doch auch damit fertiggeworden sind. Oder so ähnlich. Aber so ist es nicht: Ich habe keine Experten gefunden, die mir gesagt hätten, dass die Kinder es heute auch nicht schwerer haben, als wir es früher hatten.

Im Gegenteil. Friederike Otto, Leiterin des Forschungsverbandes Familiengesundheit an der Medizinischen Hochschule Hannover, sagt, dass die Kinder heute stärker unter Druck stehen, weil "Eltern heute viel stärkeren Zugriff auf alle Bereiche des Lebens der Kinder haben, sie üben viel stärkere Kontrolle aus". Die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ist der Ansicht, dass Kinder heute mehr unter Druck stehen, weil "ihre Bedeutung unglaublich gewachsen ist": "Kinder haben heute vor allem die Aufgabe, den Selbstwert und den Status der Eltern zu steigern. Darum ist auch die Schulleistung der Kinder so wichtig geworden."

Michael Schulte-Markwort, Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinkum Hamburg-Eppendorf, hat eine noch grundsätzlichere These: Er macht die "durchdringende Ökonomisierung der Gesellschaft" dafür verantwortlich, wie sehr Kinder heute unter Druck stehen: also die Tatsache, dass heute Eltern und Kinder viel mehr leisten müssen, weil jeder Aspekt unseres Lebens wirtschaftlichem Profitstreben untergeordnet ist. Schon in der Grundschule heißt es, dass man sich fit fürs Gymnasium machen muss, weil man sonst keinen Job findet, und wenn man dann einen hat, geht es in erster Linie darum, Kosten zu vermeiden und Profit zu machen.

Michael Schulte-Markwort untermauert das mit vielen Beispielen aus seinem Klinikalltag, aber tatsächlich begegnen einem die Sprache und Prinzipien des betriebswirtschaftlichen Managements schon in der Grundschule: Kinder haben schon in der Grundschule Ziel-Vereinbarungsgespräche mit ihrem Lehrer wie wir mit unserer Chefin.

Vielleicht tun uns die Kinder leid, weil ihre Lage uns so an unsere eigene erinnert. Sie sollen sich mehr bewegen, sich konzentrieren, auch mal durchhalten und was zu Ende bringen, sie sollen sich individuell entfalten, aber nicht aus der Reihe tanzen, und sie sollen doch einfach glücklich sein. Genau wie wir. Und wir wissen, dass all das unmöglich zu leisten ist. Deswegen betrachten wir unsere Kinder mit Mitgefühl und sagen: Schlimm, wie sehr die Kinder heute unter Druck stehen.

Eltern müssen heute mehr leisten - Kinder auch.

Der Kinderpsychiater Schulte-Markwort sagt, dass es sich hierbei um "intrinsischen Druck" handelt, also: Druck, der von innen kommt. Die Kinder haben die Anforderungen der Schule, der Gesellschaft und der Eltern so verinnerlicht, dass sie sich selber treiben und peitschen. "Vor 20 Jahren hatte ich hier immer Eltern sitzen, die wissen wollten, was sie tun können, damit ihr Kind endlich arbeitet und lernt", erzählt Schulte-Markwort. "Heute habe ich mit Eltern zu tun, die von mir wissen wollen, was sie tun können, damit ihr Kind endlich mal weniger tut."

Die Pädagogin Friedrike Otto sagt, schwierig sei "die Verunsicherung der Eltern": "Die Eltern, die heute Kinder haben, sind mit den Umbrüchen in der Erziehung und in der Gesellschaft aufgewachsen. Einerseits weg von der repressiven Pädagogik, denn diese Eltern sind selbst schon liberal aufgezogen worden, nicht mehr autoritär. Andererseits ist da ein gesellschaftlicher Druck entstanden, dass Kinder erfolgreich sein müssen, weil sie sonst wirtschaftlich unter die Räder kommen. Und die Eltern müssen auch erfolgreich sein." Also entsteht ein unauflöslicher Widerspruch: zwischen dem Ideal, dass "alles ganz individuell und angenehm sein soll, auch in der Schule, und partnerschaftlich in der Erziehung", und andererseits der Angst, die Kinder nicht genug zu fördern und sie nicht genug zu Leistung anzuregen.

Die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke sagt, dass Eltern in diesem Spannungsfeld oft und wohl zu sehr zum Mittel der so genannten "psychologischen Kontrolle" greifen: "Die Eltern erziehen nicht direkt, sondern über Umwege. Indem sie den Kindern nicht sagen, tu dies, lass das, sondern: Wäre es nicht schön, wenn du es so und so machst? Oder: Das nervt mich oder macht mich traurig, wenn du das und das tust. Und diese psychologische Kontrolle hat, das wissen wir aus Untersuchungen inzwischen ziemlich genau, fast ebenso schädliche Folgen, wie wenn die Kinder autoritär kontrolliert werden."

Vielleicht scheint es ungerecht oder selbstquälerisch, in erster Linie darüber zu reden, wie wir Eltern den Kindern selbst den Druck verursachen, unter dem sie stehen. Aber ich bin es müde, in die Wehklagen über die Schulpolitik einzustimmen. Ehrlich gesagt finde ich die Vorstellung frustrierender, mich in die Kämpfe um Schulreformen zu begeben, als die Vorstellung, mich und mein Verhalten selbst zu reformieren. Da habe ich eine direktere Anpacke und muss mich nicht mit so vielen wirtschaftlichen und politischen Interessenverbänden herumschlagen. Lasst es uns doch als Erleichterung begreifen, dass wir uns erst mal auf was konzentrieren können, womit wir uns ganz gut auskennen, auf einen überschaubaren Bereich: an uns selbst arbeiten, an uns als Eltern.

Grundsätzlich machen wir ja erst mal sehr viel richtig: Die Experten preisen uns dafür, wie fürsorglich wir modernen Eltern uns im Gegensatz zu früheren Generationen verhalten und wie nachdenklich und eloquent unsere Kinder sind. "Aber wenn man wirklich etwas ändern will", sagt der Kinderpsychiater Schulte-Markwort, "dann müssen wir uns ändern. Vor allem die Leistungsträger müssen sich ändern. Wir können den Druck aus der Gesellschaft nicht von den Kindern fernhalten, und wenn wir sagen, jetzt entspann dich doch mal, dann machen die Kinder dreimal so viel. Wir müssen es den Kindern stattdessen vorleben; indem wir unsere eigenen Leistungserwartungen überprüfen, also: wie viel wir arbeiten, wie sehr wir stöhnen. Es ist wie beim Essen: Es muss Gummibärchen und Salat geben, und auch im Leistungsbereich müssen die Kinder von uns lernen, dass es beides gibt – Spaß am Lernen, Freude an der Leistung, aber auch am Nichtstun, am Faulenzen, am Singen und am Spielen."

Wir dürfen Eltern sein, die den Kindern das Faulenzen beibringen statt Fremdsprachen und chinesische Schriftzeichen

Um sich das zu erleichtern, empfiehlt die Pädagogin Friederike Otto den "Blick über den Tellerrand": "Sich bewusst machen, dass die meisten Berufsbiografien längst nicht so gerade und ohne Brüche sind, wie immer getan wird, und sich auch mal klarmachen, dass die eigenen Ängste und die der Kinder vermutlich übersteigert sind: Wenn mein Kind heute nicht aufs Gymnasium kommt, wird es dann in 20 Jahren obdachlos und kriminell oder eher nicht? Die wichtigste Botschaft, die man dem Kind mitgeben kann, ist: Man muss auch mal einen Gang zurückschalten; und: Das wird schon. Also einen Zukunftsoptimismus, dass wir als Familie zusammenhalten."

Dazu gehört auch, sagt die Entwicklungspsychologin Seiffge-Krenke, die Kinder auch mal allein was machen zu lassen. Und es hilft, klare Grenzen zwischen den Generationen zu ziehen. "Eltern müssen Grenzfestigkeit lernen", sagt Inge Seiffge-Krenke: "Das sind wir Eltern, und wir machen das und das, und das seid ihr Kinder, und ihr seid für andere Sachen zuständig." Nicht nur, damit Kinder an "milden Konflikten" mit den Eltern wachsen können, sondern auch, um Dinge von den Kindern fernhalten zu können: Weil wir nicht die besten Freunde unserer Kinder sein können, müssen unsere Kinder sich auch nicht unseren Kopf zerbrechen, wenn wir Druck und Ärger im Job haben.

Wenn es stimmt, was die Experten sagen, dann dürfen wir scheinbar nachlässigere und auf den ersten Blick fast schlechtere Eltern sein, als wir es uns bisher erlaubt haben. Wir dürfen Eltern sein, die sich mit den Kindern streiten, Eltern, die nicht kontrollieren, ob und wie die Kinder die Hausaufgaben machen, sondern die ihnen helfen, ab und zu mal Fünfe gerade sein zu lassen. Eltern, die den Kindern das Faulenzen beibringen und die Saumseligkeit statt chinesischer Schriftzeichen und Fremdsprachen schon im Kindergarten.

Wir dürfen also aussteigen aus dem nervenaufreibenden Wettbewerb, wer sein Kind am besten fördert, wer in der Schule am meisten involviert ist, ja, wir können uns entspannen, denn es hilft mehr, wenn wir uns selbst mal den Nachmittag freinehmen und dann fragen: Kommst du mit? Und vor allem und noch mehr: wenn wir erkennen, wo die Kinder sich selbst schon Inseln geschaffen haben, um sich dem Druck zu entziehen. Alles, was wir dann noch tun müssen, ist, sie dabei einfach in Ruhe zu lassen, statt immer nachzubessern.

Meine Tochter hatte ihre perfekte Insel gefunden: allein auf dem Fußboden, bei schlechtem Licht, ergonomisch verheerend, mit ollen Stiften, aber sie war für und bei sich und ganz in Ruhe. Bis ich kam mit all den guten Ratschlägen und den schönen Stiften von Opa. Nächstes Mal atme ich stattdessen tief durch, lege mich aufs Sofa und tue: nichts.

Text : Till Raether Ein Artikel aus der Brigitte 18/2014
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