Pamela Druckerman: "Warum sind deutsche Mütter so verkrampft?"

Autorin Pamela Druckerman hat französische Mütter beobachtet und glaubt, dass deutsche Mütter nicht streng genug sind. Ein Interview.

Pamela Druckerman

Credit: Benjamin Barda

Die Amerikanerin, 43, lebt als Journalistin mit ihrem englischen Mann und drei Kindern in Paris. Ihr Buch "Warum französische Kinder keine Nervensägen sind" (17,99 Euro, Mosaik) wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Zum Interviewzeitpunkt gerade auf Vietnamesisch, wie Druckerman stolz erzählte.

BRIGITTE: Zum Glück hat sich Ihre Tochter, als sie klein war, so richtig danebenbenommen.

Pamela Druckerman: Warum?

BRIGITTE: Sonst wären Sie jetzt nicht Bestseller-Autorin.

Pamela Druckerman: Ach so, Sie spielen auf die Szene im Restaurant an. Damals war sie zwei Jahre alt und ein richtiges Monster. Sie quengelte, aß nur Pommes und stand immer wieder aus ihrem Hochstuhl auf. Um uns herum saßen französische Familien einträchtig an ihren Tischen. Und ich dachte: Was machen wir bloß falsch? So kam mir die Idee zu dem Buch.

BRIGITTE: In Deutschland glaubt man, die Franzosen sind einfach strenger. Und ihre Kinder werden sehr viel schneller zur Betreuung in Einrichtungen abgegeben.

Pamela Druckerman: Stimmt. Aber das macht die Eltern nicht strenger, das macht es nur möglich, dass sie schneller wieder mit dem Arbeiten anfangen. Mir geht es aber weniger um die Institutionen, sondern darum, wie sich Eltern konkret verhalten.

BRIGITTE: Was ist das Geheimnis?

Pamela Druckerman: Wesentlich ist, dass sich das Familienleben nicht ausschließlich um die Kinder dreht. Und davon profitieren alle Beteiligten, die Kinder genauso wie auch die Eltern.

BRIGITTE: Ein Beispiel?

Pamela Druckerman: Nehmen wir das Schlafen. Babys müssen sich sehr früh dem Rhythmus der gesamten Familie anpassen. Die Franzosen glauben, dass das Neugeborene nicht hilflos ist, sondern eine Person, der man etwas beibringen kann. Zum Beispiel das Durchschlafen. Das tun sie, indem sie nicht sofort reagieren, wenn das Kind aufwacht. So hat es eine Chance, seine Schlafphasen selbst zu verknüpfen. Eine Technik, die am besten in den ersten vier Monaten funktioniert.

BRIGITTE: Klingt sehr nach dem Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen", ein Bestseller unter verzweifelten deutschen Eltern - mit dem kleinen Unterschied, dass ihre Kinder meist deutlich älter als vier Monate sind, wenn das Buch gekauft wird.

Pamela Druckerman: In den USA hält man es auch für normal, dass auf die Geburt mindestens ein Jahr Schlafentzug folgt.

BRIGITTE: Schließlich geht es darum, dem Neugeborenen Urvertrauen zu geben, das Gefühl, es ist nicht allein auf der Welt.

Pamela Druckerman: Genau diese Bindungstheorien, nach denen die Mütter immer sofort reagieren müssen, machen amerikanische, aber auch deutsche Mütter so ängstlich. Aber warum sind sie so verkrampft? Franzosen lassen ihre Kinder auch nicht nächtelang schreien, aber sie nehmen das Kind eben nicht sofort hoch. Und es funktioniert: Viele Mütter sind auf meiner Lesereise durch die USA zu mir aufs Podium gekommen, um sich zu bedanken, weil ihre Kinder jetzt durchschlafen.

BRIGITTE: So surreal wie durchschlafende Säuglinge kommen deutschen Eltern die Essgewohnheiten der kleinen Franzosen vor.

Pamela Druckerman: Selbst in den Krippen für unter Dreijährige gibt es schon viergängige Menüs, die aussehen wie in jedem guten Pariser Restaurant. Die Essenszeiten werden sehr streng eingehalten. Es gibt keine Snacks. Das bedeutet, wenn sich das Kind zum Mittag hinsetzt, hat es wirklich Hunger. Weil der erste Gang Gemüse ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch Gemüse isst. Auf den Hauptgang folgen dann ein Käse wie zum Beispiel Camembert und ein Fruchtdessert. Kinder müssen hier nicht alles aufessen, aber sie sollen alles probieren. Da steckt keine komplizierte Wissenschaft dahinter, das ist allgemeiner Konsens. So wie vieles in der französischen Erziehung. Etwa die Tatsache, dass das Wort "Bonjour", also jemanden anständig zu begrüßen, noch viel wichtiger ist als Bitte und Danke.

BRIGITTE: Wie wirkt sich das aus?

Pamela Druckerman: Man bringt den Kindern auf diese Weise Empathie bei, man holt sie aus ihrer ichbezogenen Blase raus.

BRIGITTE: Und das führt zu mehr Respekt gegenüber den Erwachsenen?

Pamela Druckerman: Eine klassische Szene in Amerika wäre: Die Eltern sitzen irgendwo zusammen, dann kommt ein Kind angerannt und sagt: Mir ist langweilig. Oder: Ich habe einen Konflikt, komm und regle das für mich. Sie sind einfach sehr viel Aufmerksamkeit von den Erwachsenen gewohnt. Das französische Modell ist: Du musst lernen, glücklich zu sein, auch ohne dauerndes elterliches Feedback. Als ich vor Kurzem meine Mutter in New York besuchte, habe ich auf einem Spielplatz eine Frau beobachtet, die jede Bewegung ihres Kleinkindes kommentierte und begleitete. Diese Sorte Muttertiere gibt es in Paris nicht. Hier glaubt man daran, dass es für dich, deine Kinder und auch für deine Ehe das Beste ist, wenn du als Frau deine Identität behältst.

BRIGITTE: ...und auch deine Figur. Da scheint der Druck in Frankreich sehr hoch zu sein.

Pamela Druckerman: Stimmt. Drei Monate nach der Geburt des Kindes solltest du aussehen, als hättest du nie eins bekommen.

BRIGITTE: Klingt hart.

Pamela Druckerman: In Ländern wie den USA oder Deutschland gibt es diesen Mythos vom puren Glück und Erfüllung im Hinblick auf Kinder. Franzosen sind da pragmatischer und besser vorbereitet auf die Konflikte, die auch entstehen. Viele Eltern in anderen Ländern verbringen nie eine Nacht ohne ihre Kinder. In Frankreich ist es absolut normal, dass die Eltern eine Woche allein Urlaub machen. Amerikanische oder deutsche Eltern sind dagegen viel opferbereiter und sehr ergebnisorientiert. Dabei geht es um die Zukunftssicherung des Kindes, nicht darum, wie es jetzt läuft, an diesem Wochenende zum Beispiel. Denken Sie nur an all die Aktivitäten, zu denen schon kleine Kinder gefahren werden.

BRIGITTE: Frühförderung heißt das bei uns.

Pamela Druckerman: Franzosen sind nicht so darauf aus, ihren Kindern mit allen Mitteln einen Vorsprung zu verschaffen, sie haben eine andere Idee davon, was ein Kind eigentlich ist. Beeinflusst ist die von Rousseaus "Emile oder über die Erziehung": Ein Kind soll möglichst frei die Welt entdecken, allerdings klar begrenzt durch feste Regeln, "le cadre" genannt.

BRIGITTE: Einer der bekanntesten Erziehungsexperten unserer Zeit, der Familientherapeut Jesper Juul, predigt das Gegenteil: die Gleichwürdigkeit von Eltern und Kindern.

Pamela Druckerman: Wenn man Gleichwürdigkeit durch Dialog ersetzt, ist das für die Franzosen überhaupt kein Widerspruch. Franzosen nehmen ihre Kinder durchaus ernst, halten aber auch sehr viel von klaren Grenzen, die Sicherheit geben.

BRIGITTE: Haben Ihre Recherchen Ihnen auch privat genützt?

Pamela Druckerman: Was das Essen angeht: Ja! Gerade heute hat mein Sohn gesagt, er liebt Brokkoli! Ansonsten: Für meinen Geschmack wird in Frankreich zu viel Wert auf Konformität gelegt. Und ich denke, dieser amerikanische Sinn für das Positive, dieser Ehrgeiz, die Vorstellung, dass du jederzeit alles werden kannst, was du willst - so sind die Franzosen überhaupt nicht. Sie sind nicht unbedingt positive Menschen.

Interview: Anne Petersen
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