VG-Wort Pixel

Erziehungsfalle Angst

Erziehungsfalle Angst
© MarWas00/photocase.com
Lassen wir unseren Kindern zu wenig Freiheit? Mit dieser Frage lösten wir im März eine Debatte unter Eltern und Experten aus. Jetzt erschien dazu ein BRIGITTE-Buch.

image

Vielleicht sollte man, sobald man ein Kind hat, nie mehr Zeitung lesen. Denn Eltern, die Zeitung lesen, stießen im August auf folgende Meldung: Unter der Überschrift "Geschüttelt und gekrümmt" berichtete eine überregionale Tageszeitung, ein Bewegungswissenschaftler habe entdeckt, dass in Fahrradanhängern sitzende Kinder enormen Schwerkräften ausgesetzt sind, sobald sie über unebene Wege gezogen werden. Weil sie zudem meist krumm und schief in den Anhängern sitzen, also in einer Position, in der Wirbelsäule und Bandscheiben Stöße nicht optimal abfedern könnten, könne man "über die Folgen für Kinder nur spekulieren". Er wolle keineswegs von Fahrradanhängern abraten, so der Wissenschaftler, aber: "Den meisten Eltern ist nur nicht bewusst, welchen Kräften sie ihre Kinder aussetzen und dass sie ihren Fahrstil überdenken sollten."

Eine Woche später meldete die gleiche Zeitung, die Amerikanische Akademie für Pädiatrie "schlägt Alarm": Im Jahr 2005 seien in US-Notaufnahmen gut 24 000 Kinder nach Einkaufswagen- Unfällen behandelt worden. Eine deutsche Expertin kommentiert: "Dass Kinder aus einem Einkaufswagen stürzen oder mit ihm umkippen, kommt vor, wenn auch eher selten." Was bei den Lesern hängen bleibt, ist dies: "Wenn es passiert, können die Verletzungen erheblich sein."

Dass zu kurzes Stillen und eine zu frühe Eingewöhnung in den Kindergarten die Bindungsfähigkeit beeinträchtigen kann; dass Plastikspielzeug sich ungünstig auf die Sinneswahrnehmung auswirkt; dass wir ein entscheidendes Zeitfenster verstreichen lassen, wenn wir unser Kind mit fünf nicht beim Englischfrühförderkurs anmelden - davon hatten wir gehört. Aber dass wir uns mit dem Fahrradanhänger (von dem wir glaubten, er sei die ideale Fortbewegungsmethode: umweltschonend, sicher, schnell) eine Art Folterinstrument ins Haus geholt haben, dass beim Einkauf mit Kleinkindern nicht nur die mütterlichen Nerven auf dem Spiel stehen, sondern das kindliche Genick - das hatten wir bisher nicht bedacht. Und so wurde Zeitung lesenden Eltern einmal mehr von Expertenseite bestätigt: Kind zu sein bedeutet, ständig in Gefahr zu schweben. Und wenn etwas passiert, dann sind wir Eltern die Schuldigen: Hätten wir unser Kind nur ein bisschen "bewusster" durchs Leben gelenkt, wären wir nur ein bisschen aufmerksamer, vorausschauender, vorsichtiger gewesen, hätten wir das Unheil verhindern können.

Diese Atmosphäre der Verunsicherung ist das Biotop, in dem die ebenso reaktionären wie realitätsfernen Thesen einer "Tagesschau"-Sprecherin zum Bestseller gedeihen können. "Bin ich eine gute Mutter?" ist die Frage, die uns umtreibt. Nur, wenn du dich 24 Stunden am Tag um dein Kind kümmerst!, lautet die simple Botschaft von Eva Herman, die behauptete, die Emanzipation sei schuld an der Überforderung vieler Mütter. Job kündigen, zu Hause bleiben, Kerzen anzünden, Apfelkuchen backen: Ist das die Patentlösung für alle familiären Probleme? Nein, zeigt BRIGITTE-Autorin Silke Pfersdorf in ihrem Buch "Erziehungsfalle Angst", im Gegenteil: Was heutigen Frauen das Muttersein so schwer macht, ist nicht der Job, chronischer Zeitmangel oder ein Mangel an Werten. Es ist das fehlende Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder und ein übertriebener Perfektionismus, gepaart mit einem permanent schlechten Gewissen.

Bestellen

Erhältlich ist das BRIGITTE-Buch "Erziehungsfalle Angst" von Silke Pfersdorf im Buchhandel oder bei uns im BRIGITTE.de-Shop.

BRIGITTE Heft 23/2006 Foto: MarWas00/photocase.com

Mehr zum Thema