Darum brauchen Frauen auf der Flucht mehr Schutz

Die Zahl der weiblichen Flüchtlinge und Kinder hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Oft werden sie Opfer sexueller Gewalt, wie ein aktueller Bericht zeigt.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) hat sich die Zahl der weiblichen Flüchtlinge, die in Europa ankommen, innerhalb des vergangenen Jahres verdoppelt: von 27 Prozent im Juni 2015 auf mehr als 55 Prozent im Januar 2016. Frauen und Mädchen auf der Flucht sind besonders schutzbedürftig - sowohl in den Herkunfts- und Transitländern als auch im Zielland. Doch die aktuelle Asylpolitik berücksichtigt ihre Situation nicht hinreichend, wie ein aktueller Bericht der Europaabgeordneten Mary Honeyball zeigt.

Die Gewalt, die Frauen in ihrem Heimatland erfahren und vor der sie fliehen, widerfährt ihnen auf der Flucht und in Europa genauso. Oft sind sie mit ihren Kindern allein auf der Flucht. Das macht sie besonders verletzlich - und zu leichten Opfern für Schlepper und Menschenhändler. Dem Bericht zufolge ist "Geschlechtsverkehr zum Überleben zu einer Währung geworden, mit der in einigen Regionen skrupellose Schleuser bezahlt werden." Daraus resultieren nicht selten ungewollte Schwangerschaften und schwerwiegende Traumata.

Deswegen fordert der EU-Bericht einen besseren Schutz für weibliche Flüchtlinge in Europa. Konkret muss sich an den Aufnahmebedingungen Folgendes bessern:

  • Schulungen zu geschlechtsspezifischen Themen für Personal, unter anderem umfassende Schulungen zu sexueller Gewalt, Menschenhandel und Verstümmelung weiblicher Genitalien
  • getrennte Schlafräume und Sanitäreinrichtungen für Frauen und Männer
  • Zugang zu geschlechtsspezifischer Gesundheitsversorgung, zu der auch pränatale und postnatale Fürsorge gehören
  • Zugang zu Beratung
  • Kinderbetreuung

Zudem sollten weibliche Asylsuchende so früh wie möglich Zugang zu Dolmetschern sowie hochwertiger Rechts- und Traumaberatung haben - möglichst von Frauen, da sie eher ihr Vertrauen gewinnen und so auch intime Details traumatischer Erlebnisse erfahren. Das ist nötig, um einen geschlechtsspezifisch begründeten Asylantrag stellen und später das Recht auf Familienzusammenführung ausüben zu können.

Dass Frauen und Mädchen auf der Flucht systematisch ihrer Menschenrechte beraubt und diskriminiert werden, hat bisher in der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise noch kaum stattgefunden. Das will die französische Fotografin Marie Dorigny, die schon mehrfach für ihre Reportagen über Kinderarbeit, moderne Formen von Sklaverei und die Situation von Frauen ausgezeichnet wurde, ändern.

Im Dezember 2015 und Januar 2016 reiste sie durch Griechenland, Mazedonien und Deutschland, um die entscheidenden Stationen der Flucht und die Not der Menschen zu dokumentieren. Ihre berührende Fotoserie "Displaced" zeigt Momentaufnahmen von der Ankunft im Boot an der griechischen Küste, der Zugfahrt durch mehrere europäische Staaten und der Aufnahme an der deutschen Grenze.

Die Fotoausstellung "Displaced: Women Refugees and Asylum Seekers in the EU" ist noch bis zum 1. Juni 2016 im Europäischen Parlament in Brüssel zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos.

Nicole Wehr

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