Feministiskt Initiativ: Schweden wählt den Feminismus

Zum ersten Mal zieht eine feministische Partei ins EU-Parlament in Brüssel ein. Die schwedische Journalistin Lina Lund berichtet für uns aus Stockholm über den Sieg der "Feministiskt Initiativ" bei der Europawahl 2014.

Sie haben am vergangen Wahlsonntag so ausgelassen gefeiert wie kaum eine andere schwedische Partei: Mit 5,3 Prozent der Stimmen zieht Feministiskt Initiativ ins Europaparlament ein und entsendet eine der 20 EU-Abgeordneten Schwedens nach Brüssel. "Wir haben als erste feministische Partei der Welt einen Platz in einem Parlament bekommen", freute sich Parteichefin Gudrun Schyman nach dem Wahlsieg. Die Medien sprechen von einer großen Überraschung. Bei der letzten Europawahl 2009 hatte Feministiskt Initiativ nur 2,2 Prozent erhalten, bei der Parlamentswahl 2010 waren es lediglich 0,4 Prozent. Jetzt kann die Partei genauso viele Abgeordnete nach Brüssel schicken wie die Schwedischen Christdemokraten, eine der etablierten Parteien.

"Rassisten raus, Feministen rein"

Mit dem Slogan "Rassisten raus, Feministen rein" will die Partei nun im Europaparlament für Gleichberechtigung und Menschenrechte kämpfen. Zu ihren politischen Zielen für Europa zählt zum Beispiel, das schwedische Prostitutionsgesetz auf Europa auszuweiten, das die Freier unter Strafe stellt und die Prostituierten entkriminalisiert. Außerdem möchte Feministiskt Initiativ den Posten eines EU-Kommissars für Gleichberechtigung und Anti-Diskriminierung schaffen.

Die Frau, die die feministische Entwicklung Europas vorantreiben möchte, heißt Soraya Post. Die 57-jährige Göteborgerin war bisher eine relativ unbekannte Kämpferin für Menschen- und Frauenrechte. Als gebürtige Romni hat sie sich jahrelang für die Integration der Roma und Siniti in Europa engagiert. Der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" sagte die Spitzenkandidatin der Feministiskt Initiativ: "Feministen sind die besten Kämpferinnen gegen Faschisten und Rassisten, die leider immer wieder eine große Rolle in der europäischen Politik spielen."

Feministiskt Initiativ ist nicht nur die erste feministische Partei, die im europäischen Parlament sitzen wird, sondern auch die einzige, die eine Romni als Vorsitzende hat. Nur eine weitere zu ihrer Herkunft bekennende Romni sitzt im Europaparlament: die Ungarin Livia Járóka. Sie vertritt allerdings das andere politische Ufer, die rechtskonservative Partei Fidesz.

Warum haben so viele Schweden feministisch gewählt?

Schweden ist für seine Vorreiterrolle beim Thema Gleichstellung bekannt: Häufig landet das skandinavische Land auf den ersten Rängen, wenn es um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen geht. Doch in den letzen Jahren fühlten sich viele Schweden von den großen Parteien in diesem Kontext nicht mehr gut vertreten. Das Gefühl, dass sich der Gleichstellungsprozess zu langsam bewege, nahm in der Bevölkerung zu. "Wenn Feministiskt Initiativ ins Parlament kommt, heißt das gleichzeitig, dass die anderen Parteien sich auch verändern müssen - und nicht mehr nur leere Versprechungen machen können", sagt Andres Villareal. Der 30-jährige Künstler aus Stockholm hat selbst die feministische Partei gewählt. "Besonders bei der Europawahl ist es wichtig, dass es eine Partei gibt, die ausdrücklich feministisch ist. Innerhalb Schwedens ist der Feminismus schon relativ normal. In Europa wird er als etwas Extremes angesehen. Diese Partei könnte zur Normalisierung von Feminismus außerhalb Schwedens beitragen", sagt Villareal.

Der Gudrun-Effekt

Die Partei zieht die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Nicht zuletzt dank der charismatischen Parteichefin Gudrun Schyman - in Schweden spricht man von einem "Gudrun-Effekt". Die ehemalige Vorsitzende der schwedischen Linkspartei machte einen großartigen Wahlkampf, auch in den sozialen Netzwerken. Sie führte außerdem sogenannte Homepartys ein: Bürger, die Interesse an der Partei zeigten, wurden von Schyman oder anderen Parteimitgliedern in den eigenen vier Wänden besucht. Schyman gilt auch als eine der besten Rhetorikerinnen Schwedens - und hat es geschafft, dass sich Stars wie die Sängerin Robyn oder das ehemalige ABBA-Mitglied Benny Andersson für die Feministen einsetzen.

Die Partei wurde 2005 von Gudrun Schyman und drei anderen Feministinnen gegründet. Bisher hatte die Partei erfolglos versucht, einen Platz im europäischen oder im schwedischen Parlament zu besetzen. Nach dem Einzug ins Europaparlament wird nun gefeiert.

Text: Lina Lund
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