Ska Keller will Europa weiblicher machen

"Mann, Anzug, alt": Das ist Standard im Europaparlament. Jetzt will Grünen-Politikerin Ska Keller Kommissionspräsidentin werden - und die Rechte der Frauen in Europa stärken.

BRIGITTE: Bevor wir beginnen - welche Frage möchten Sie in Interviews nie wieder hören?

Ska Keller: (lacht) Wollen Sie alle wissen oder muss ich mir eine aussuchen? Da gibt's nämlich ganz schön viele! Zum Beispiel nervt mich die Frage: "Brauchen wir mehr oder weniger Europa?". Das ist viel zu pauschal formuliert, das kann man gar nicht vernünftig beantworten. Ich sage darum immer, dass es doch nicht darum geht, ob wir mehr oder weniger Europa brauchen, sondern dass wir ein besseres Europa brauchen. Ziemlich anstrengend finde ich auch die Frage, ob ich mit meinen 32 Jahren überhaupt genug Erfahrung für den Posten als Kommissionspräsidentin mitbringe.

Die Spitzenkandidaten der anderen europäischen Parteien, wie Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker, sind fast doppelt so alt wie Sie und haben weit längere politische Karrieren hinter sich. Mussten Sie sich im Wahlkampf oft für Ihr Alter rechtfertigen?

Ich habe nie gezittert, nur weil meine Konkurrenten 30 Jahre älter sind. Die anderen Kandidaten haben zwar mehr Erfahrung, aber dafür haben sie in ihrem Leben auch nie etwas anderes gemacht. Das ist ein echter Nachteil für sie. Ich habe mich immer vielseitig engagiert. Auch mit ihrem Verhalten seit Beginn der Krise können meine Konkurrenten nicht punkten. Mein Alter ist sogar von Vorteil, denn ich vertrete die junge Generation, die die Folgen einer Finanzmarktkrise bekämpfen muss, die sie nicht verursacht hat. Vor meinen Kollegen im Europaparlament musste ich mich übrigens noch nie wegen meines Alters rechtfertigen. Ich glaube, das ist eine Frage, die hauptsächlich die Presse interessiert.

Mit Ihrem Wahlslogan "Nicht nur Opa für Europa" sind Sie 2009 direkt ins Europaparlament eingezogen. Haben Sie damit nicht die älteren Wähler vor den Kopf gestoßen?

Im Gegenteil, gerade von älteren Leuten habe ich viel Zuspruch erhalten. Ein Parlament muss ja die Gesellschaft widerspiegeln und dafür braucht es natürlich Opas und Omas, aber auch junge Leute. Im Europaparlament sitzen bisher einfach zu viele graue Herren über fünfzig.

Von welchen Illusionen müssen sich Frauen verabschieden, die in die Politik gehen wollen?

Am besten verabschieden sie sich von gar keinen Illusionen! Der Wunsch, etwas zu verändern, ist doch gerade das, was einen antreibt. Wenn man diesen Antrieb aufgibt, hat man gar nichts mehr. Die Politik ist kein nettes Spielfeld, besonders nicht für Frauen. Ich habe eine privilegierte Situation, weil ich bei den Grünen bin. Wir haben eine Frauenquote, eine Doppelspitze und starke Frauenorganisationen. Ansonsten wird es Frauen schwer gemacht, Top-Positionen zu besetzen. Das sieht man allein schon daran, dass ich die einzige Frau bin, die für die Kommissionspräsidentschaft kandidiert.

Wo wir gerade von Frauenquote sprechen: Welche Schwerpunkte setzen Sie auf europäischer Ebene in der Frauenpolitik?

Natürlich wollen wir Grüne die Frauenquote für Aufsichtsräte. Aber ebenso wichtig ist die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, die sogar schon in den römischen Verträgen von 1957 festgehalten ist. Deutschland ist bei der gleichen Bezahlung von Männern und Frauen immer noch eines der Schlusslichter in der EU. Ebenso wütend macht es mich, dass im Europäischen Parlament nur 30 Prozent Frauen vertreten sind. Und damit meine ich nicht nur, dass wir mehr weibliche Perspektiven brauchen. Es ist einfach undemokratisch! Frauen stellen die Hälfte der Gesellschaft dar und sollten darum auch genauso stark im Parlament vertreten sein. Bei einem dauerhaft ungerecht besetzten Parlament kann meiner Meinung nach nichts Vernünftiges herauskommen.

Haben Sie mit Sexismus zu kämpfen?

Mit offenem Sexismus nicht, was aber wohl auch daran liegt, dass ich bei den Grünen bin. Mit unterschwelligen Sexismus schon. Zum Beispiel werde ich immer noch häufig für die Praktikantin gehalten. Ich frage mich: Liegt das wirklich nur am Alter? Oder würde ein 32-jähriger Mann die gleiche Erfahrung machen? Auch die Sicherheitsleute am Eingang glauben mir oft nicht, dass ich Abgeordnete bin, weil sie es einfach gewohnt sind, dass Abgeordnete drei Eigenschaften erfüllen: Mann, Anzug, alt. Auch, dass ich ständig unterschätzt werde, liegt vermutlich daran, dass ich eine vergleichsweise junge Frau bin. Nach erfolgreichen Debatten höre ich oft: "Toll, dass du dir getraut hast, bei dieser Debatte mitzureden!". Natürlich freue ich mich über Lob, aber ich weiß doch, worauf ich mich bei diesem Job eingelassen habe. Ich glaube kaum, dass ein Mann in meinem Alter nach einer Debatte hören würde: "Toll, dass du dir das getraut hast".

Im Augenblick leben Sie unter Hochdruck. Allein in dieser Woche sind Sie in Spanien, Irland und an verschiedenen Orten in Deutschland unterwegs. Ihr Mann lebt in Brüssel. Wie können Sie Karriere und Partnerschaft miteinander vereinbaren? Und vielleicht, wenn das für Sie in Frage kommt, auch einmal mit Kindern?

Ich habe meinen Mann jetzt schon wieder ziemlich lange nicht mehr gesehen und ich hoffe natürlich, dass sich das bald ändert. Andererseits habe ich mich für diesen Job entschieden, weil ich etwas verändern möchte. Dass mich das unter enormen Druck setzen, Zeit und Energie kosten würde, habe ich gewusst. Kinder sind bei uns nicht in Planung, aber das war eine persönliche Entscheidung. Natürlich sollte man niemals nie sagen, aber im Augenblick kommen Kinder für mich nicht infrage. Dennoch finde ich, dass jeder Beruf es zulassen sollte, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

Was für viele Frauen schwierig ist.

Das liegt daran, dass Familie immer noch als Aufgabe der Frau betrachtet wird. Aber es dürfen nicht nur die Frauen sein, die mit einer zweifachen oder dreifachen Belastung zu kämpfen haben. Die Elternzeit sollte genauso von Männern genutzt werden.

Interview: Teresa Pfützner
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