VG-Wort Pixel

Expertin verrät So erkennen wir Fake News

Lena Frischlich: Frau guckt schockiert in ihr Handy
© Dmitry Marchenko / EyeEm / Getty Images
Im Internet kann jeder und jede alles sagen und teilen – auch Falsches, auch Aufstachelndes, auch Propaganda. Wie wir Fake News erkennen und damit umgehen können, erklärt die Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin Lena Frischlich

BRIGITTE: Frau Frischlich, Sie beschäftigen sich mit Fake News und Propaganda im Netz. Ein neues Phänomen?

Lena Frischlich: Propaganda ist ein uralter Begriff, der ursprünglich schon von Papst Gregor XV. erwähnt wurde, damals ging es um die Verteidigung des katholischen Glaubens gegen die Reformation. Propaganda sehen wir in jedem Konflikt zwischen verschiedenen Gruppen, als strategische Manipulation von Gefühlen und Gedanken. Das kann ganz offen sein: Man weiß, wer dahintersteht, und die Inhalte werden zwar in einem sehr günstigen Licht dargestellt, sind aber faktenbasiert. Aber es gibt natürlich auch Propaganda, wo inhaltlich mit Lügen und Verzerrungen gearbeitet wird. Und Propaganda, die verschleiert stattfindet, indem der Absender so tut, als sei er jemand anderes. Das ist im Netz natürlich einfach. Da wird beispielsweise mit Nachrichtenseiten gearbeitet, die seriös aussehen, aber überhaupt nicht journalistischen Kriterien entsprechen. Oder es werden sogenannte Pseudo-User eingesetzt, also gefälschte Profile, die simulieren sollen, dass es für ein bestimmtes Thema eine große Mehrheit gibt.

Wer steckt aus welchen Gründen hinter Fake News?

Einerseits gibt es einflussreiche Akteure, die das aus strategischen Gründen machen: bestimmte alternative Nachrichtenmedien, die damit Geld verdienen. Bestimmte Politiker:innen. Staatliche Institutionen, gerade in Konfliktsituationen. Auch Influencer:innen, die Produkte verkaufen wollen. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch die Leute, die wirklich dran glauben und die Nachricht weiter verbreiten. Und das ist, was die Sache online besonders herausfordernd macht: dass jeder und jede sich äußern und auch Fehlinformationen schnell weiterverbreiten kann.

Wie kommt es, dass Menschen sehr dubiosen oder auch eindeutig parteiischen Quellen glauben?

Fehlinformationen fallen besonders dann auf fruchtbaren Boden, wenn es etwas ist, was ich ohnehin gern glauben will. Und sie werden erwiesenermaßen besonders oft geteilt, wenn sie an ohnehin schon bestehende Vorurteile und gesellschaftliche Ressentiments anknüpfen. Propaganda, die Konflikte zwischen Gruppen schüren will, spricht häufig auch zusätzlich eine Suche nach Sinnhaftigkeit an: das Bedürfnis, dass man zu den Guten gehört, zu den Eingeweihten, denjenigen, die die Sache durchschaut haben. Und nicht alles, was so an falschen Informationen kursiert, ist böse Absicht. Im Gegenteil, oft verbreiten Menschen Inhalte, weil sie es gut meinen. Sie wollen vor etwas warnen oder etwas angeblich Hilfreiches empfehlen.

Wie kann man denn erkennen, was Fake News sind?

Kaum jemand hat die Zeit, eine fast schon forensische Dokumentation anzufertigen, wie sie beispielsweise im Zuge der schrecklichen Ereignisse in der Ukraine gemacht wurde, um die Echtheit eines Bildes zu beweisen. Es gibt allerdings Fact-Checking-Institutionen, die diese Arbeit übernehmen – auch wenn es in einer dynamischen Nachrichtenlage und unter schwierigen Bedingungen, wie sie im Krieg herrschen, nicht immer möglich ist. Fact-Checking-Seiten findet man beispielsweise von Correctiv (correctiv.org/faktencheck) oder der Nachrichtenagentur AFP (faktencheck.afp.com). Außerdem gibt es verschiedene Dinge, die jeder von uns tun kann. So kann ich immer gucken, wer der Absender oder die Absenderin ist. Ist überhaupt erkennbar, woher die Information kommt? Ist das eine vertrauenswürdige Quelle? Hat sie Ahnung vom Thema? Natürlich machen auch etablierte Medien Fehler. Aber im professionellen journalistischen Umfeld gibt es mehr finanzielle und zeitliche Ressourcen, und es gibt auch mehr Kontrollmechanismen als auf einem kleinen Blog. Es gibt auch technische Lösungen, zum Beispiel kann man eine Rückwärts-Bildersuche bei Google machen, um zu sehen, ob ein Bild schon mal in einem anderen Kontext verwendet wurde. Misstrauisch kann man auch werden, wenn die Botschaft super emotionalisierend ist, wenn eine "Wir gegen die"-Stimmung aufgebaut wird oder ich direkt aufgefordert werde: "Das müsst ihr teilen, ihr müsst hier die Wahrheit verbreiten!" Es gibt übrigens ein sehr unterhaltsames Onlinespiel, das "Bad News Game" (getbadnews.de), das die Mechanismen zeigt, wie man besonders effizient Desinformation im Internet verbreitet. Das zu spielen kann sehr erhellend sein.

Wird es nicht immer schwerer, die Wahrheit von der Fälschung zu unterscheiden?

Ja, es ist schwerer als früher. Wir haben im Krieg in der Ukraine gesehen, dass es sowohl von Selenskyj als auch von Putin "DeepFake"-Videos gab, die angeblich zeigten, wie die jeweilige Seite aufgab. Das und auch aus dem Kontext gerissene Fotos und Videos sind insofern ein Problem, dass wir immer dazu neigen zu denken: "Ich hab’s doch gesehen, dann wird es auch stimmen." Andererseits bin ich gar nicht so superpessimistisch.

Alle neuen Medien sind immer für Propagandazwecke missbraucht worden, das war auch so, als das Kino aufkam, als das Fernsehen aufkam, als der Computer aufkam. Aber wir haben als Gesellschaft immer irgendwann gelernt, damit umzugehen.

Wir sind nun in einer Umbruchphase, das ist eine Herausforderung. Aber es ist auch nichts völlig Neues. Wir müssen lernen, uns in diesem Umfeld kompetent zu bewegen. Und vor allem müssen wir uns als Onlinenutzer:innen darüber klar werden, dass das, was wir angucken, was wir teilen, liken, disliken, nicht nur beeinflusst, was wir selbst auf diesen Plattformen sehen, sondern auch, was andere sehen. Wir sind alle Teil dieses Systems, und damit geht auch eine Verantwortung einher.

Dr. Lena Frischlich 

leitet seit 2018 die interdisziplinäre Nachwuchsforschungsgruppe "DemoRESIL digital: Demokratische Resilienz in Zeiten von Online-Propaganda, Fake News, Fear und Hate Speech" am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster.

Brigitte

Mehr zum Thema