"Die Frau vom Hausmann": Wenn Mama das Geld verdient

Viel wird über die "neuen Väter" diskutiert. Dabei fühlen sich nach wie vor drei viertel der Männer dafür zuständig, die Familie zu ernähren, 89 Prozent arbeiten Vollzeit, so eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift "Eltern". Wir wollten wissen: Wie lebt es sich als Familienernährerin in einer Welt, die diese Rolle für den Mann reserviert hat? BRIGITTE hat mit vollzeitarbeitenden Frauen über die Beziehung zu ihren Kindern, Zukunftsängste und Pascha-Allüren gesprochen.

Christa lebt in Bayern auf dem Land, es ist eine Idylle: Haus mit Garten, netter Mann, drei Kinder, das älteste ist 14. Hündchen Niklas macht die Bilderbuchfamilie perfekt. Wenn da nicht die Sache mit dem Einkommen wäre. Das bringt die Anwältin nach Hause, während ihr Mann die Kinder erzieht und den Haushalt managt. "Ich sage meinen Mandanten immer: 'Wir sind eine verkehrte Familie' - um klar zu machen, dass ich voll für sie da bin und nicht nur in Teilzeit." Mütter, und mehrfache dazu, sind meist genau das: Teilzeitkraft, Hobbyberuflerin, Dazuverdienerin. Mitten im Europa des 21. Jahrhunderts bringt meist immer noch der Vater das Geld für Miete, Essen und Strom nach Hause.

Doch der männliche Ernährer ist eine bedrohte Spezies, weil immer mehr Frauen die bessere Ausbildung haben. In den USA sind bereits in 40 Prozent der Haushalte die Mütter die Hauptverdiener. "Bis 2020 wird die Hälfte aller Millionäre weiblich sein", prognostizierte der Economist. Noch häufiger sind Ernährerinnen allerdings am unteren Rand der Gesellschaft zu finden, nämlich dort, wo der Mann arbeitslos geworden ist oder zu wenig verdient, weiß Dr. Christina Klenner, die das Phänomen im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung erforscht hat. Mit der Einführung von Hartz IV hat der deutsche Staat erstmalig den Mann als Ernährer geschwächt: "Heute werden auch Frauen zur Arbeit verpflichtet, die nie damit gerechnet hätten."

Obwohl schon 2006 11,6 Prozent der Familienernährer weiblich waren - also mehr als 60 Prozent des Familieneinkommens verdienten -, ist das gesellschaftlich noch nicht akzeptiert. Akzeptiert ist, wenn die Mutter verantwortlich für Haushalt und Kinder ist, und der Vater zu Hause "mithilft". Akzeptiert ist, wenn er die Raten fürs Haus überweist und sie "etwas dazu verdient". Anders als in Skandinavien, wo Eltern oft gleich viel arbeiten, ist hier immer noch das so genannte Eineinhalb-Verdiener-Modell die Norm, erläutert Volkswirtin Prof. Dr. Ute Klammer. Anderswo in Europa werden wir dafür belächelt.

Besonders "verkehrte Familien" erleben, wie langsam unsere Gesellschaft tickt: Wenn Männer zu Heiligen hochstilisiert werden, weil sie sich um die Kinder kümmern. Oder Mütter als Rabenmütter abgestempelt werden, weil sie Karriere machen. Verdient die Frau das Geld, während der Mann zu Hause bleibt, wird das problematisiert. Umgekehrt nicht.

"Ist deine Mama tot?"

Christa hat oft erlebt, wie andere die Augenbrauen hochziehen. "Mein Mann wird schon manchmal bemitleidet, nach dem Motto: 'Er muss sehen, wie er Kinder und Haus unter einen Hut bekommt - und sie macht Karriere.'"

Früher gingen ihr solche Bemerkungen unter die Haut. Wenn ihr Mann mit Lisa und Felix beim Metzger stand und die Verkäuferin den Kindern ein Würstchen mit den Worten in die Hand drückte: "Damit ihr auch mal was Richtiges kriegt." Oder im Kindergarten, wo Lisa von einem Mädchen gefragt wurde: "Warum kommt denn immer nur dein Papa? Ist deine Mama tot?" Wo früher "Frau Pfarrer" und "Frau Doktor" das Land bevölkerten, wenn der Mann den entsprechenden Beruf ausübte, ist Christa heute eben nicht die erfolgreiche Familienanwältin, die eine große Sozietät leitet, sondern "die Frau vom Hausmann." Inzwischen nimmt sie solche Sprüche mit einem Augenzwinkern.

Es gibt wenige Vorbilder, das macht die Rollenumkehr kompliziert. Kinder "gehören" immer noch zur Mutter. Und die Männer werden "auf ein einziges Männerbild festgelegt, das des Ernährers. Attraktive andere Männerbilder fehlen", stellt die Berliner Soziologin Prof. Jutta Allmendinger fest. Diese Vorstellungen sind immer noch in unseren Köpfen und Gefühlen verankert. Schließlich ist es gerade mal 30 Jahre her, dass der Mann den Job seiner Frau kündigen durfte, wenn er fand, dass sie den Haushalt vernachlässigt. 30 Jahre sind nicht viel, um ein Wertesystem auf den Kopf zu stellen. Solange die Wickeltische in den Frauentoiletten stehen, sind wir nicht angekommen.

Wenn Papa der Größte ist

Auch Rosa und Arne leben umgekehrte Rollen. Rosa berät Unternehmen in ganz Deutschland, während Arne sich um Töchterchen Liz (3) und den Haushalt kümmert. Obwohl es ihr Ziel ist, Job und Familie irgendwann gerecht zu teilen, empfindet Rosa die klare Rollenverteilung als entlastend: "Wir müssen nicht mehr absprechen, wer Liz von der Kita abholt, oder wer einkaufen geht. Und ich kann ohne Rücksicht auf meine Familie Termine machen, weil ich weiß, dass Arne mir den Rücken freihält."

Anders als bei Christa war es bei Rosa nicht geplant, dass sie einmal die Familie ernähren würde. Das soll sich möglichst auch wieder ändern: Rosa möchte ihre Tochter aufwachsen sehen und bei ihr wieder "den gleichen Stellenwert haben wie der Papa." Zurzeit ist Arne die wichtigere Bezugsperson, und Rosa muss lange nachdenken, bis ihr einfällt, wann sie Liz das letzte Mal gewickelt hat. Es ist Monate her. Doch sie liebt auch ihre Arbeit und verdient ein Vielfaches dessen, was Arne als freier Illustrator bekommen würde.

Bei Christa hat sich die Beziehung zu den Kindern über die Jahre gut eingespielt. Vor 14 Jahren, als Felix neun Monate alt war und sie wieder anfing zu arbeiten, sei sie "fast wahnsinnig" geworden, erzählt sie: "Ich habe ständig meinen Mann angerufen: 'Hast du das Fläschchen gegeben, hast du dies und das schon gemacht!?' Ich musste erst lernen, die Kontrolle abzugeben." Inzwischen weiß sie, dass sie sich auf ihren Mann verlassen kann. Und sie weiß, dass man für eine "verkehrte Familie" viel Selbstbewusstsein mitbringen muss: "Die Frage 'Verlasse ich mein Kind?' stelle ich mir nicht, ich habe heute auch kein schlechtes Gewissen mehr. Trotzdem habe ich eine sehr enge Bindung zu allen Kindern", sagt Christa.

Das Wichtigste sei, zu Hause präsent zu sein. "Am Anfang habe ich den Fehler gemacht, dass ich meinen Job zu wichtig genommen habe." Inzwischen hat Christa sich ein Schubladendenken angewöhnt, wie sie es nennt: Die Arbeit findet ausschließlich in der Kanzlei statt, zu Hause ist sie für sich und ihre Familie da. "Wenn ich nur mit halbem Ohr zuhöre, sind alle genervt - und ich veliere den Draht zu den Kindern." Egal, wie eng getaktet ihr 14-Stunden-Arbeitstag ist, das gemeinsame Frühstück ist ihr extrem wichtig. Und abends lässt sie sich alles haarklein erzählen. Die Kinder beschweren sich schon: "Mama, du bist voll der Control Freak!"

Deshalb leiden berufstätige Frauen häufiger als Männer unter einem Gefühl der Doppelbelastung. Weil sie sich nicht nur mit ihrem Beruf identifizieren, sondern immer auch mit ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau. "Männer können ihre Identität aus der Ernährerrolle ziehen. Frauen fällt das schwerer", sagt die Chicagoer Soziologin Barbara Risman. Viele Frauen fühlen sich auch dann noch für den Haushalt verantwortlich, wenn sie deutlich mehr arbeiten und verdienen als der Mann.

Oder gerade, weil sie mehr verdienen: Soziologen der Uni Bamberg haben herausgefunden, dass erfolgreiche Frauen sich oft überproportional im Haushalt engagieren, weil sie ihrem Mann gegenüber ein schlechtes Gewissen haben, und ihm nicht auch noch die "degradierende" Hausarbeit zumuten wollen.

Ein Recht aufs Füße hochlegen

Doch nicht alle Ernährerinnen stürzen sich nach Feierabend in die Hausarbeit, im Gegenteil: Einige entwickeln regelrechte Pascha-Allüren. Maren ist vor vier Jahren mit ihrer Familie nach Afrika ausgewandert, weil sie einen guten Job in der Entwicklungshilfe gefunden hatte. Ihr Mann kümmert sich ums Kind und dreht sporadisch Dokumentarfilme, die kaum Geld einbringen. Wenn Maren dann nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, hat sie das Gefühl, dass sie sich das Recht erworben hat, nichts mehr tun zu müssen. "Ich will abends meine Ruhe und meine Freiräume", gibt sie zu. "Wenn etwas nicht erledigt ist, bin ich genervt. Und am Wochenende erwarte ich, dass ich ausschlafen kann."

Auch PR-Chefin Susanne arbeitet 50 Stunden pro Woche und will zu Hause "eine Komfortzone" vorfinden, wo sie die Füße hochlegen kann. Zu ihrer achtjährigen Tochter hat sie ein Verhältnis "wie früher die Pascha-Väter": Mama ist zum Ausruhen und Schmusen da, Papa fürs Erziehen. Die Wohnung sollte aufgeräumt sein, das Essen fertig. Susanne nimmt zwar auch mal selbst den Staubsauger in die Hand, aber nicht, ohne zu fluchen. "Manchmal finde ich mich schon sehr bossy", erzählt sie mit leichtem Unbehagen.

Dabei haben Pascha-Allüren nichts mit dem Geschlecht zu tun, sagt Psychologin Heike Kaiser-Kehl: "Es ist schlicht ein menschliches Bedürfnis, nach einem langen Arbeitstag auszuruhen - und für den, der Zuhause bleibt, sich auszutauschen. Da prallen zwei Lebenswelten aufeinander, unabhängig vom Geschlecht."

Die meisten Paare bekriegen sich angesichts von Wollmäusen und Wäschebergen vor allem deshalb, weil die Frau höhere Ansprüche hat als der Mann. "Wir können viel von den Männern lernen, denen ist es egal, ob die Tassen rechts oder links im Regal stehen", rät Kaiser-Kehl. Sie plädiert für eine klare Aufgabenteilung: "Wir sollten die Männer nicht zur Putzhilfe degradieren. Besser, wir überlassen ihnen gewisse Bereiche ganz - auch wenn's schwer fällt."

Mein Geld, unser Geld - die Last der Verantwortung

Als die Frauen sich anschickten, ihr eigenes Geld zu verdienen, dachten sie nicht so sehr daran, eines Tages die Familie zu ernähren, sondern viel mehr an die Dinge, die sie sich würden leisten können: Kleider, Urlaub, ein bisschen Unabhängigkeit vom Mann. Daran, dass sie einmal das Familienauto und das neue Kinderzimmer bezahlen würden, dachte kaum eine Frau.

Kein Wunder, dass die meisten Frauen ihre Ernährerrolle als Übergangs- oder Notlösung sehen. Die meisten würden es als belastend empfinden, ihr Leben lang die finanzielle Verantwortung für die Familie zu tragen - das, was Männer schon lange tun, fällt Frauen noch schwer.

Besonders Maren leidet unter dem Druck, der auf ihren Schultern lastet. "Ich bin stolz, dass ich das schaffe - aber ich habe auch Angst, dass sich das Rad nicht mehr zurückdrehen lässt." Nach den Jahren im Ausland wird ihr Mann es schwer haben, in Deutschland Fuß zu fassen. "Wenn es bei uns mal kriselt, dann wegen dieser Unsicherheit", sagt sie.

PR-Frau Susanne empfindet die finanzielle Verantwortung vor allem als einengend. Viel lieber würde sie wie ihr Mann selbstständig arbeiten, kann es sich aber nicht erlauben, die Sicherheit ihrer Festanstellung aufzugeben. Obwohl sie die Familie ernährt, sieht sie das Geld, das sie verdient, als ihr eigenes an. "Nach einer Scheidung könnte ich mir nicht vorstellen, für meinen Mann zu zahlen", sagt sie - und hofft, dass er das genauso sieht.

Nur Christa ist mit ihrer Rolle im Reinen, schon zu Beginn ihrer Beziehung war klar, dass sie ihr Jurastudium beenden und Stefan - er ist Schreiner - sich um die Kinder kümmern würde. Von ihr aus kann es immer so weitergehen. Doch manchmal beschleicht auch sie die Sorge, dass ihr irgendwann die Kraft ausgeht, weil sie weiß: "An meiner Person hängt so viel."

Stolpersteine für die Liebe

Paare, die die Rollenumkehr auf Dauer leben, gehen das Risiko ein, dass die Frau den Respekt vor dem Partner und der Mann sein Selbstvertrauen verliert. Schließlich ist Hausarbeit im öffentlichen Bewusstsein immer noch wertlos. Wir sind daran gewöhnt, dass sie Frauensache ist. Tatsächlich sind in den USA - wo die Einkommensverhältnisse in Beziehungen wesentlich besser erforscht sind als hier - die Scheidungsraten bei Paaren höher, bei denen die Frau beruflich erfolgreicher ist als der Mann.

"Wir brauchen viel mehr Respekt für das, was der andere macht, das fehlt in unserer Gesellschaft total", klagt Christa. Sie und ihr Mann haben selbst drei, vier Jahre gebraucht, bis sie gelernt haben, den anderen in seinen Bedürfnissen ernst zu nehmen.

Für Susanne ist Respekt kein Thema, so lange ihr Mann Ehrgeiz an den Tag legt. "Wir hätten ein Problem, wenn er keine Lust hätte zu arbeiten." Er ist engagiert, doch leider verdient er nur wenig mit seiner Galerie. Die Hamburgerin ist überzeugt, dass man sich auf irgendeiner Ebene ebenbürtig fühlen muss, sonst kann es nicht klappen mit der Liebe. "Man braucht einen Bereich, der nichts mit Geld zu tun hat, in dem man sich intensiv austauscht. Bei uns sind das kulturelle Interessen", sagt sie.

Paare in verkehrten Familien sollten sich immer wieder klar machen, dass es einen gesellschaftlichen Hintergrund gibt, der ihr Zusammenleben erschwert, sagt Paartherapeut Friedhelm Schwiderski. "Sie sind Pioniere, ihre Wege sind noch nicht geebnet." Daher sei es besonders wichtig, Gedanken und Gefühle auszusprechen: "Ich verliere den Respekt, wenn du dich hängen lässt", oder: "Ich fühle mich bevormundet, wenn du mir in den Haushalt reinredest." Nur wer im Dialog bleibt, kann die Stolpersteine aus dem Weg räumen.

Der Psychologe rät außerdem, nicht immer nur auf den Mangel zu starren, sondern auch Potenzial und Perspektiven zu sehen. Denn wenn ein Paar es schafft, unter erschwerten Bedingungen eine gute Lösung für sein Leben zu finden, wird das die Beziehung stabilisieren. "Wer diese Bewährungsprobe meistert, weiß: Wir beide bekommen noch viel mehr hin."

Nicht zuletzt bereichert ein unkonventionelles Modell das Leben der Kinder. Es erschließt ihnen neue Horizonte, weil sie sehen: Männer und Frauen können auf vielfältige Weise zusammenleben - und nicht nur nach der alten Leier "Mama putzt, Papa arbeitet, Mama putzt, Papa arbeitet ...".

Fotos: iStockphoto.com

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