Familie Maniaci gegen die Mafia

Eine kleine Stadt auf Sizilien. Eine Drei-Zimmer-Wohnung mit improvisiertem TV-Studio. Eine Stunde Sendezeit jeden Tag. Eine Stunde, in der Letizia Maniaci und ihr Vater Pino die Wahrheit über die Mafia sagen - und ihr Leben riskieren.

Es sind Nachrichten, die es nicht gibt. Aus einem Landstrich, in dem Schweigen zum Dialekt gehört. Pino Maniaci zupft noch mal am Krawattenknoten, streicht seinen Schnauzer glatt, vor ihm der neunte Espresso heute. Gleich wird er erzählen, von dem Lkw, der im Morgengrauen Feuer gefangen hatte und von dem niemand in Partinico etwas gesehen haben will. Er blickt in die Linse der Videokamera, ein Einsteigermodell. Kabel führen in den Nebenraum. Eine zierliche Frau sitzt dort, mit Strass auf der Jeansjacke und zu viel Kajal rund um die blaugrünen Augen. Sie wirkt fast noch wie ein Kind, wie sie sich den Pony in die Stirn ihres Mädchengesichts streicht, aber gleich wird sie ihren Vater in den Kampf schicken, das Schweigen zu brechen, so wie jeden Tag um 14.15 Uhr; in den Kampf gegen die Cosa Nostra, die sizilianische Mafia. "Silenzio!" Streng, ungeduldig klingt sie jetzt. Ein letzter Kontrollblick auf die Bildschirme. Dann zieht Letizia Maniaci, 23 Jahre alt, den Regler des Mischpults auf und Telejato, der kleinste Fernsehsender Italiens, geht auf Sendung.

Südlich der Strada Statale 186, da, wo Partinico endet, ragt ein steiler Berg empor. In der Felsformation sehen die Sizilianer seit vielen Jahrhunderten die Gestalt einer Löwin. Sie, so sagt man hier, wache über den Ort. Steht man vor dem Hauseingang der Senderäume von Telejato, wo heute schon längst kein Türschild mehr angebracht ist, weil es Unbekannte immer wieder heruntergerissen hatten, sieht es aus, als ob die Löwin zum Sprung ansetzt.

Vor eineinhalb Jahren wollte ein millionenschwerer US-Bankier auf dem Berg einen 20 Meter hohen Cristo aus Bronze aufstellen lassen, als Geschenk an seine Geburtsstadt. Partinico, 28 000 Einwohner, 30 Kilometer westlich von Palermo, hätte das Rio de Janeiro Europas werden sollen. Aber dem Vitale-Clan, der mächtigsten Mafia-Familie der Region, habe das nicht gepasst, erklärt Letizia. "Die lassen auf den Wiesen am Berg ihre Kühe weiden, illegal. Und befürchten, dass Touristen ihr Vieh stören könnten." Von Mafia wolle natürlich keiner sprechen, sagt Letizia. Stattdessen werde gemäkelt: Ob man diese Statue wirklich aufstellen wolle, warum ausgerechnet in Bronze, warum nicht gleich 31 Meter hoch; schließlich hätte man dann auch tatsächlich den größten Cristo weltweit. "Und am Schluss", sagt Letzia, "wurde nichts aus Rio am Mittelmeer. So einfach ist das hier."

Ihre Arbeit beginnen Pino und Letizia fast jeden Morgen mit einem Espresso in der "Bar Alessi" an der Piazza Duomo. Vor der Bar patrouillieren zwei Carabinieri, der Polizeischutz für Telejato. Drinnen Pino und Letizia. Hier stehen sie jeden Tag, hier oder zwei Türen weiter in der "Extra Bar". Pino grüßt, raucht, scherzt mit dem Barista, nimmt zwischendurch einen Anruf auf einem seiner drei Handys entgegen, fummelt schon mal tadelnd am Krawattenknoten seines Gegenübers, platzt in ein anderes Gespräch hinein. Letizia schlägt niemandem auf die Schulter, steht oft nur daneben, wartet, setzt sich auch mal auf einen Barhocker. Sie ist die einzige Frau hier, die Handtasche klein, die Sonnenbrille groß. Sie behält sie auf, auch in der Bar.

Letizia ist zurückhaltend, lacht über die Witze ihres Vaters. Manche Informanten kommen inzwischen auch schon mal zu ihr, sagt sie. "Pino ist dann ganz irritiert, will wissen, von wem ich dies oder das nun wieder habe." Letizia ist der gute Geist des Senders, Pino, 55, der bewunderte Vater, der Zampano - laut, jovial und kumpelhaft, das Gesicht von Telejato: der dichte Schnauzer, der schlaksige Körper, der in einem zu weiten Anzug zappelt, die abstehenden Ohren; anderswo würde Pino Maniaci lustige Rollen spielen.

Aber hier? In Partinico, wo der Staat weit weg ist und sich alle, die was werden wollen, irgendwie mit Mafia und Korruption arrangiert haben. Wo Misstrauen zum guten Ton gehört und jede Veränderung skeptisch beäugt wird. Wo Kassierer selbst 20-Euro-Scheine mehrmals gegen das Licht drehen. Wo, als der Gesetzgeber das Bußgeld fürs Autofahren ohne Sicherheitsgurt anhob, T-Shirts mit diagonalen schwarzen Balken bedruckt wurden; hier, wo die Kalender selbst im Jahr 2008 mit Porträts von Papst Johannes Paul II. geschmückt sind. Den alten Papst möge man einfach lieber, heißt es, der neue, der Deutsche, mische sich so viel ein. Und Einmischung ist etwas, das hier nicht geschätzt wird. Von hier, aus einer kleinen Drei- Zimmer-Wohnung im ersten Stock mitten im Zentrum Partinicos, sendet Telejato jeden Tag eine Stunde Antimafia-Nachrichten, fragt nach zweifelhaften Baugenehmigungen, Umweltauflagen, Schutzgeldzahlungen.

Der Anruf kommt beim vierten Espresso, natürlich anonym: Ein Laster sei ausgebrannt, der Besitzer habe den Pizzo nicht gezahlt, das Schutzgeld an die Mafia. Letizia holt die Kamera aus dem Kofferraum, nimmt sie mit nach vorn auf den Beifahrersitz. Pino drängt zur Eile. Immer das gleiche Muster, erklärt er im Auto: "Jemand weigert sich, ein paar Tage später sind Scheiben eingeschlagen, brennen Autos oder liegt ein totes Tier auf dem Ladentisch - mit roter Schleife um den Hals." Etwa zwei Drittel der Geschäftsleute auf Sizilien zahlen, schätzt er. Pino fährt die Via Sant' Antonio rauf und runter. Kein Laster, keine Brandspuren zu sehen. Passanten wollen nichts bemerkt haben, nichts wissen. Letizia steigt aus, filmt. Die leere Straße, das Straßenschild, die stummen Bewohner.

Eigentlich wollte Letizia Hotelfachfrau werden. Sie war im zweiten Jahr der Ausbildung, 15 Jahre alt, als ihrem Vater die Arbeit mit dem Sender über den Kopf wuchs. "Am Anfang war es wie ein Spiel", sagt Letizia. "Ich war im Studio und habe alles angefasst, ständig Unfug gemacht. Einmal habe ich aus Versehen das Wochenend-Programm gelöscht." Da habe sie sich geschworen, nie wieder etwas falsch zu machen. "Heute bin ich diejenige, die die Knöpfchen drückt." Seit acht Jahren fährt sie die Sendungen, dreht und produziert Beiträge gegen die Mafia. "Wenn du hier groß wirst", sagt Letizia, "ist klar, dass die Mafia zu deinem Leben gehören wird."

Die Frage sei nicht, ob man davon betroffen ist, sondern wie man sich dem stellt. "Die Mafiosi sind überall. Du wächst zusammen mit ihren Kindern auf, schließt Freundschaften. Und auf einmal erfährst du, dass es der Sohn von ... ist." Ihren eigenen Vater konnte sie immer bewundern. Darum ist Letizia froh, Leti, wie ihr Vater sie manchmal nennt, wenn er ihr einen Kuss auf die Stirn drückt.

Pino parkt direkt vor der Feuerwache, im Halteverbot. Letizia grinst, winkt den zwei Carabinieri vom Polizeischutz. Alles in Ordnung. Der Feuerwehrmann in der Bar gegenüber blickt überrascht auf. Dann sagt er: Ja, es habe da einen Brand gegeben. Ja, ein Lkw. Pause. "Ursache unbekannt." Letizia fragt, ob sie ihn filmen dürfe. Der Mann antwortet mit einem entnervten Blick. Nein, natürlich nicht.

Auf der Straße hält ein Mann Pino am Ärmel auf. Blaues Adidas-Shirt, Bismarckbart, weiße Haare. Zuerst kapiert Pino nicht, was der Mann will. Doch dann wird klar: Er bittet Pino, beim Moderieren nicht so oft nach unten zu sehen und seinen Mund deutlicher zu bewegen. Ansonsten könnten Taubstumme wie er nicht richtig von Pinos Lippen lesen. Später, in seiner Nachrichtensendung, spricht Pino nur von der "heißen Zone". Eine Zone, in der es ganz normal sei, dass Lastwagen plötzlich Feuer fangen. So normal, dass es schon niemandem mehr auffalle.

Jeder in Partinico kennt Telejato. Reden darüber will fast keiner. Und wenn, dann nur ohne Namen. "Mafia?" Der Grauhaarige im Caffè del Corso, Ende 60, Schraubstockhandschlag, ein Glas Averna auf der Theke, winkt ab. Für ihn sind Pino und Letizia Nestbeschmutzer, die nichts anderes können, als immer nur von der Mafia zu fantasieren. Partinico habe doch ganz andere Probleme, meint er und deutet auf den verwahrlosten Park. Der junge Mann neben ihm macht Telejato verantwortlich für die Arbeitslosigkeit: Die Berichterstattung über Umweltsünden der Distilleria Bertolino hatte dafür gesorgt, dass der Betrieb stillgelegt wurde. Bertolino war nicht nur die größte Destillerie in ganz Europa, sondern auch ein wichtiger Arbeitgeber in Partinico.

Die junge Frau, die im Fotoladen jobbt, findet Pino und Letizia gut, ihre Arbeit mutig, das Telegiornale aber zu lang. "Wenn ich Nachrichten gucken will, will ich keinen Roman hören." Dann zuckt sie mit den Schultern: "Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie einen von den Maniacis töten." Klar habe sie Angst, sagt Letizia. "Ich wäre blöd, hätte ich sie nicht." Ihr Bruder wurde mit dem Moped angefahren, immer wieder werden die Fensterscheiben der Studioräume eingeschlagen, Reifen aufgestochen, vor ein paar Monaten brannte eines ihrer Autos aus.

Über 250 Anzeigen hat sich Telejato inzwischenzeit eingehandelt, dazu unzählige Drohbriefe. Nach der Androhung einer Klage über eine halbe Million Euro stellte sich Pino in Unterhose auf den Marktplatz und bot seine Organe zum Verkauf an. Die Lungenflügel waren billig, für sein Herz wollte er 100 000 Euro haben. "Die Öffentlichkeit ist mein Schutz", sagt Pino. "Nähme man mir das Mikrofon auch nur für eine Woche aus der Hand, würde aus mir eine Zielscheibe auf Beinen."

Für die mutige Berichterstattung im Bertolino-Fall hat Letizia 2005 den Cutuli-Journalistenpreis erhalten, vergeben von der Tageszeitung "Corriere della Sera" in Gedenken an die italienische Journalistin Maria Grazia Cutuli, die 2001 bei Recherchen in Kabul ermordet wurde. Kurz nachdem die Distilleria Bertolino gerichtlich geschlossen worden war, hatten auf einmal die Schlote wieder geraucht, und niemand verlor ein Wort darüber. Pino und Letizia fuhren hin, bekamen aber keine Bilder. Da war nur die hohe Mauer um die Fabrik. Und die Baustelle. Letizia kletterte in die Schaufel eines Baggers, Pino dirigierte den Bauarbeiter. Von oben filmte Letizia die Arbeiter hinter der Mauer. Und noch am selben Tag machte Telejato mit der Nachricht auf: "Bertolino pfeift auf Gerichtsurteil."

Als Pino vor einem Jahr von zwei Jugendlichen auf offener Straße verprügelt wurde, gab es wieder keine Zeugen. Einen der beiden Täter hatte er erkannt, den Vitale-Sprössling Michele, noch nicht strafmündig. Letizia erzählt, Pino habe damals überlegt, kürzerzutreten. "Ich sagte ihm: Wenn du ein bisschen Ruhe willst, kein Problem. Aber ich mache weiter. Wir können wegen so eines Angriffs nicht aufhören. Unser Sender ist stets mit unseren Opfern gewachsen." Sie sagt solche Sätze mit dem gleichen Mädchengesicht, mit dem sie ein paar Minuten später vom Urlaub auf der Insel Favignana schwärmt - keine 20 Quadratkilometer groß, zwei Stunden entfernt. Oder von ihrem Freund Francesco, der endlich einen Job hat: Er fährt Gummibärchen an die Kioske in der Umgebung aus.

Telejato nennt Namen und Schuldige. Pino flucht und wettert, den Vitale-Clan nennt er in der Sendung abfällig "i fardazza", was man vielleicht mit "ein Bündel fauler Penisse" übersetzen könnte. Dann wieder ganz normale Lokalnachrichten, vom Hai etwa, der den Fischern im Nachbardorf in die Netze gegangen ist, oder vom Gemeindechor, der am Abend zuvor Aufführung hatte. Manchmal werden bei Telejato auch nur Fragen aufgeworfen. Warum gibt es im Kindergarten seit einer Woche kein fließendes Wasser? Warum gewinnt wer die Ausschreibung für das neue Museum? Warum dürfen die Kühe des Mafiabosses auf Gemeindewiesen grasen?

Als Pino 1999 die Frequenz bekam - er hatte ein Medizinstudium nach vier Jahren abgebrochen und sich dann erfolglos als Bauunternehmer versucht -, wollte er einfach nur Lokalnachrichten machen. "Aber je mehr ich geschnüffelt habe, desto klarer wurde, dass es überall dasselbe Problem ist: Corleone, Partinico, Cinisi - das Bermudadreieck der Mafia." Telejato erreicht etwa 150.000 Zuschauer und finanziert sich über Werbung. Drei Minuten in der Stunde sind erlaubt. Einmal wird die Sendung wiederholt. Es werben Firmen und Unternehmer, die sich ohnehin öffentlich gegen das Schutzgeld stellen, der kommunistische Eigentümer einer Pizzeria etwa oder der Herrenausstatter aus der Hauptstraße. Dazu kommen Spenden über die Internetseite, etwa 200 Euro im Monat.

Das reicht mehr schlecht als recht. Letizia teilt sich mit ihrer kleinen Schwester ein winziges Zimmer, die Telefonleitung im Sender ist wegen unbezahlter Rechnungen gekappt. Und wenn auf dem Fernseher in der Küche zu Hause der letzte Beitrag anläuft, wirft Mama Patrizia, 43, die Pasta ins kochende Wasser, gegessen wird von Plastiktellern. Die ganze Familie sitzt dann zusammen am Tisch: Pino und Letizia, ihr jüngerer Bruder Giovanni, 21, der genau wie die Mutter auch für Telejato Beiträge filmt. Nur die jüngste Tochter, Simona, 15 Jahre alt, träumt vom Ballett und will nichts von Telejato wissen. "Sie ist noch jung", sagt Letizia.

Als Pino sich nach dem Essen kurz hinlegt, vergräbt Patrizia sein Handy unter mehreren Sofakissen. Sie weiß nicht, wie sie das Telefon stumm schalten kann. Ihr Mann schlafe ohnehin viel zu wenig, sagt sie. Dann erzählt Patrizia von ihrer Angst, dass es Pino immer übertreibe, keine Story aussparen, keinen Namen weglassen könne. Als Pino nach einer Stunde wieder aufsteht, sind 26 unbeantwortete Anrufe auf dem Display.

Vom größten Sieg Telejatos gegen die Mafia vor etwas mehr als einem Jahr zeugen Ruinen etwas außerhalb Partinicos. "Dort standen fünf Kuhställe, fast 100 Hektar, etwa 200 Kühe, alles Mafia-Vieh", sagt Pino. Der Grund und Boden gehörte nicht den Vitales, aber die Eigentümer hatten sich nicht getraut, die Mafiosi in die Schranken zu weisen, über 20 Jahre lang. Telejato hatte immer wieder darüber berichtet, Letizia hatte Schilder aufgehängt: "Le stalle della vergogna - Die Ställe der Schande". Vergangenes Jahr reagierte die Justiz, ließ die Tiere abtransportieren, Planierraupen fuhren auf. Am Tag darauf wurde Pino verprügelt. Nur Stunden später stellte die beauftragte Abrissfirma die Arbeiten an den Ställen ein. Pino konnte es nicht fassen, verließ gegen ärztlichen Rat das Krankenhaus, ging mit entstelltem Gesicht auf Sendung. Schließlich rückte das Militär an, um die Viehställe einzureißen.

Stolz könnten sie an diesem Ort sein, Pino und Leti. Aber Pino macht den Hals kurz, als ob er seinen Kopf gleich zwischen die Schultern stecken wollte. "Mafia ist wie Unkraut." Mit viel Mühe könne man es zwar ausreißen, aber vernichten? "Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi", zitiert er aus dem Roman "Il Gattopardo" des sizilianischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern. "So sind die Mafiosi stark geworden", sagt Pino. "Die haben doch schon längst was Neues, sind viel schneller."

Und trotzdem, sagt Letizia, "es fühlt sich gut an, auf der richtigen Seite zu stehen".

Interview: "Die Mafia betrachtet Deutschland als ihr Territorium"

BRIGITTE: In Ihrem Buch "Mafia" beschreiben Sie die Verbindungen der italienischen Mafia nach Deutschland. Dafür werden Sie angefeindet, zuletzt bei einem Auftritt in Erfurt.

Petra Reski:: Die Stimmung nach der Lesung war sehr aggressiv. Einige bestritten, dass Geldwäsche in Deutschland überhaupt möglich sei. Mehrere Italiener beschimpften mich als Mafiosa. Einer sagte dreimal hintereinander: Ich bewundere Ihren Mut, Frau Reski.

BRIGITTE: Eine klassische Drohung der Mafia.

Petra Reski:: Ich war schockiert. Weniger, weil ich Angst um meine Unversehrtheit hatte, als darüber, wie selbstsicher die Mafia in Deutschland inzwischen auftritt.

BRIGITTE: Was macht die Mafia bei uns?

Petra Reski:: Deutschland ist heute vor allem Investitions- und Fluchtraum der Mafia. Hier können sie nicht so leicht abgehört werden wie in Italien. Hier ist ihr Geld sicher vor der Beschlagnahmung durch die italienischen Behörden. Laut Ermittlern investierte die Mafia nach dem Fall der Mauer intensiv in Ostdeutschland, etwa in touristische Objekte an der Ostseeküste oder in Restaurants und Hotels in ostdeutschen Innenstädten.

BRIGITTE: Was ist so schlimm daran, wenn Mafiosi Geld in Deutschland anlegen?

Petra Reski:: Wie in Italien auch wollen sie sich damit politischen Einfluss sichern. Mafiosi suchen Kontakte zu Politikern, zu Verwaltungsbeamten, zu Baudezernenten, zu Finanzbehörden - bis hin zur Polizei. Wenn Deutschland nicht handelt, gibt es irgendwann keinen öffentlichen Auftrag, keinen Politiker mehr, der nicht von der Mafia bestimmt wird.

BRIGITTE: Warum wird dann die Mafia in Deutschland so sehr unterschätzt?

Petra Reski:: Sie steht nicht auf der politischen Agenda. Der bärtige Islamist gibt einfach ein viel besseres Feindbild ab als der nette Pizzabäcker von nebenan, der dir am Ende noch auf die Schulter klopft und einen Grappa ausgibt. Geldwäsche macht keinen Krach, und politisch sind bereits sehr viele Leute involviert. Solange es keine Toten gibt, existiert die Mafia nicht.

BRIGITTE: Im August 2007 gab es auch in Deutschland Tote. In Duisburg starben bei einer Schießerei zwischen zwei verfeindeten Clans sechs Menschen. Auftakt oder Ausrutscher?

Petra Reski:: Beides. Dass ein Massaker außerhalb Italiens geplant und durchgeführt wurde, beweist, dass die Mafia Deutschland inzwischen als ihr Territorium betrachtet. Insofern Auftakt. Andererseits stellen die Morde von Duisburg auch ein großes Problem für die Mafia dar. Schließlich sollen die Deutschen glauben, so etwas wie die Mafia existiere nur in rückständigen italienischen Dörfern.

BRIGITTE: Nach Ihren Recherchen: Wie viele Mafiosi gibt es in Deutschland?

Petra Reski:: Allein die kalabrische Mafia, die 'Ndrangheta, kontrolliert ein Netz von rund 300 Pizzerien in Deutschland. Das heißt: Dort wird Geld gewaschen, dort werden flüchtige Mafiosi versteckt, und dort wird Schutzgeld erpresst. Im Raum Köln etwa, wurde mir von Ermittlern gesagt, gibt es keinen, der nicht zahlt.

BRIGITTE: Sollen wir unsere Pizza also in Zukunft lieber zu Hause backen?

Petra Reski:: Das muss jeder für sich selbst abwägen. Kommissar Heinz Sprenger etwa, der Leiter der Ermittlungen zum Duisburger Massaker, geht nicht mehr Pizza essen.

Foto: Roberta Valerio, ddp-news Text: Georg Cadeggianini Interview: Georg Cadeggianini Ein Artikel aus der BRIGITTE 05/09

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