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Familien-Notunterkunft Die letzte Chance

Familien-Notunterkunft: Zwei Kinder auf einem Weg im Park
© Tomsickova Tatyana / Shutterstock
In einem Kreuzberger Hinterhaus gibt es eine Familien-Notunterkunft. Es ist die letzte Auffangstation vor der Straße für Menschen, die man eigentlich für geschützt hielt.

Charlene, 30 Jahre alt, gebürtige Berlinerin, gelernte Altenpflegerin, derzeit nicht berufstätig, hat mit ihrem Sohn William noch keine Nacht auf der Straße geschlafen. Nur ein halbes Jahr auf der Couch bei ihrer Cousine. Aber das ging dann nicht mehr, es war zu eng, und Charlene fand einfach keine eigene Wohnung. “Meine Cousine hat mich dann rausgeschmissen. Ich versteh das sogar”, sagt Charlene. “Wir mögen uns aber noch”, fügt sie fast entschuldigend hinzu.

Wohin geht man als Mutter mit einem 20 Monate alten Kleinkind auf dem Arm, wenn man keine Wohnung hat?

Letzte Chance Notunterkunft

Seit zwei Wochen lautet für Charlene und William die Antwort: Die Notunterkunft für wohnungslose Familien in Berlin-Kreuzberg, die erste und immer noch eines der sehr wenigen Angebote dieser Art für Menschen mit Kindern, für die daher eine “normale” Obdachlosenunterbringung einfach nicht infrage kommen kann. Eine Etage in einem Haus des Diakonischen Werks Berlin Stadtmitte, für jede Familie ein Zimmer im schlichten Jugendherbergscharme mit zwei bis sechs Betten, Gemeinschaftsbad und Aufenthaltsraum auf dem Gang. Die Notunterkunft ist das letzte Auffangbecken, bevor wirklich alle Stricke reißen und nur noch die Straße bleibt. Und es ist ein Becken, das überquillt.

“Wir haben 30 Betten. Leider müssen wir immer wieder Familien abweisen, da die Plätze nicht ausreichen. Eigentlich sollen die Familien nur kurzzeitig für ein paar Tage bei uns bleiben, bis wir sie an die Soziale Wohnhilfe des zuständigen Bezirks weitervermitteln können”, sagt Viola Schröder. “Manchmal jedoch ruft die soziale Wohnungshilfe UNS an, ob wir noch eine Familie aufnehmen können. Eigentlich sollte es umgekehrt sein.” Die Sozialarbeiterin, 51 Jahre alt und jünger aussehend, sitzt in ihrem Büro am Ende des Ganges. Sie leitet die Notunterkunft für wohnungslose Familien seit diese 2016 – damals noch an einem anderen Standort mit nur 15 Plätzen – eröffnet wurde.

Es war damals aufgefallen, dass bei den herkömmlichen Notunterkünften der Stadt für Obdachlose immer mehr Eltern mit Kindern auftauchten, und es war offensichtlich, dass dieses Umfeld, mit vielen suchtkranken Menschen und meist nur nachts geöffnet, Kindern nicht zumutbar sein sollte. Aber wie kann es überhaupt sein, dass in einem reichen Land wie Deutschland mit seinem guten sozialen Netz sogar Familien auf der Straße stehen?

Das Problem mit den Sozialwohnungen

“Noch vor einigen Jahren konnten die Ämter bedürftige Familien mit minderjährigen Kindern, die ja die höchste Priorität haben, problemlos in Sozialwohnungen vermitteln”, sagt Viola Schröder. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Zahl der Sozialwohnungen ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, dafür sind die Mieten auf dem privaten Markt teilweise drastisch gestiegen. Die Familien, die in der Notunterkunft landen, bleiben daher oft Wochen, bis sie irgendwo anders hinvermittelt werden können. Und auch das ist dann fast immer nur eine weitere Not- und Übergangslösung: ein Wohnheim. Oder ein Billig-Hostel, für das der Staat die Kosten übernimmt, wenn die Bewohner:innen es nicht selbst können. “Einkommensschwache Familien finden in Berlin und anderen Großstädten einfach keine Wohnung mehr”, sagt Viola Schröder. Wenn sie aus dem Fenster ihres Büros im Hinterhaus schaut, blickt sie auf einen modernen Neubau mit schicken Eigentumswohnungen. Noch vor 15 Jahren gab es in diesem Teil Kreuzbergs wenig Modern-Schickes, aber Wohnungen für 350 Euro warm.

In der Mittagszeit ist es ruhig in der Unterkunft, die meisten Familien haben sich in ihre Zimmer zurückgezogen; der Garten, in dem die Kinder spielen können, ist bei dem schlechten Wetter verwaist. Gerade wird von Mitarbeiter:innen das Essen gekocht – es gibt eine Gemeinschaftsverpflegung für alle Familien, was auch kaum anders geht, weil sie keine eigene Kochgelegenheit haben. Dafür ist der Platz nicht da, wie für vieles andere auch nicht. Die meisten, die hier ankommen, bringen auch wenig mit; Viola Schröder hat schon Frauen empfangen, die nachts mit ihren Kindern ankamen und nur eine Handtasche dabeihatten.

Es gibt wenige, die so offen über ihre Situation sprechen wie Charlene. Die meisten wollen nicht reden, sie schämen sich. Dazu kommen Sprachbarrieren, viele der Familien stammen aus Osteuropa.

Wie kommt es dazu?

Es gebe drei klassische Fälle, die dazu führen, dass man hier landet, sagt Viola Schröder. Da sind zum einen die Familien aus dem Ausland, die in Deutschland ihr Glück versuchen, sie wollen sich mit kleinen Jobs ein besseres Leben aufbauen. Den Sommer überbrücken sie irgendwie, in Campingbussen, im Park. Im Winter geht es dann nicht mehr. Viola Schröder kann sie für ein paar Tage aufnehmen und ihnen dann oft nichts anderes raten, als in ihr Heimatland zurückzukehren.

Dann gibt es Familien, die ihre Miete nicht gezahlt und Mahnungen ignoriert haben, bis sie zwangsgeräumt wurden. Einige sind depressiv, überfordert, kennen ihre Rechte nicht, es sind Menschen, die Briefe ungeöffnet im Schrank verstecken. Andere verdrängen ein finanzielles Problem so lange und suchen keine Hilfe, weil sie denken, sie schaffen es schon irgendwie. “Das sind vor allem Frauen, alleinerziehende Mütter, die denken: Ach, es wird schon nichts passieren, wenn ich einmal die Miete nicht pünktlich zahle, ich hol das nach. Aber dann gibt es den neuen Job doch nicht, mit dem sie fest gerechnet haben. Oder die Waschmaschine geht kaputt, oder sie kaufen dem Kind die neuen Turnschuhe, die es sich so sehr wünscht, und dann werden aus einer nicht gezahlten Miete zwei Mietrückstände. Das reicht heute für eine fristlose Kündigung. Und mit einem Schufa-Eintrag bekommt man auch keine Wohnung mehr.”

Und dann gibt es noch die dritte Gruppe: die Frauen, die mit ihren Kindern aus einer, oft gewalttätigen, Beziehung geflohen sind. Meist kommen sie erst mal bei Freund:innen oder Verwandten unter. Bis diese dann irgendwann die Nase voll haben, aber eine Wohnung immer noch nicht in Sicht ist.

Zu diesen Frauen gehört auch Charlene. Ihre Geschichte, die sie zwischen Bücherecken im Gemeinschaftsraum der Unterkunft erzählt: Sie hat mit ihrem Freund, seinen drei Kindern aus einer vorigen Beziehung und seinen Eltern zusammengewohnt, in deren Haus auf dem Land. Mit den Kindern, um die sie sich gekümmert hat, habe sie sich gut verstanden, mit den Eltern weniger.

Viele haben Angst, dass ihnen das Amt die Kinder wegnimmt

Als sie selbst schwanger wurde, sei es eskaliert, unter anderem hätten ihr die Eltern unterstellt, dass ihr Sohn gar nicht Vater des Kindes sei. Ihr Freund hat sie nicht unterstützt, sich stets auf die Seite seiner Eltern gestellt, und auch mit ihm gab es immer öfter Streit. “Und eines Abends war es so schlimm, dass ich meine Sachen gepackt habe und mit William weggegangen bin.” Sie habe einfach nur weg gewollt, und nie wieder dahin zurück.

“Bei vielen Betroffenen ist die Scham, sich Hilfe zu suchen, besonders groß”, sagt Viola Schröder. “Viele denken: Das Jugendamt nimmt mir bestimmt die Kinder weg, wenn ich eine so schlechte Mutter bin, dass ich ihnen noch nicht mal eine Wohnung bieten kann.” Die Notunterkunft arbeitet mit allen Ämtern für soziale Belange zusammen. Dass Viola Schröder und ihre Kolleg:innen das Jugendamt informieren müssen, weil ein Kind vernachlässigt erscheint, kommt nur selten vor. “Die Wohnung oder die Arbeitsstelle zu verlieren, bedeutet nicht zwangsläufig, dass man eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater ist.”

Erst mal wird in der Notunterkunft für alle gesorgt, für ein paar Tage oder Wochen. Es gibt Essen, Informationen zu Rechten und Gesundheit, Hilfen beim Ausfüllen von Formularen und Begleitung zu Ämtern; Gemeinschafts aktivitäten im Garten, ehrenamtliche und mehrsprachige Integrationslotsen stehen bereit. Es ist nicht nur ein Obdach, es ist auch oft eine Atempause für Menschen, denen vorher alles über den Kopf gewachsen ist. Aber sie ist kurz. Was aus den Familien nach dem Auszug wird, wie sie klarkommen, kann Viola Schröder nicht verfolgen.

Bei Charlene wird es am nächsten Tag so weit sein, nach zwei Wochen, sie kann mit William in eine Mutter-Kind-Einrichtung ziehen. Sie hat sich das gewünscht: “Ich bin kaputt, und ich brauche Unterstützung. Erst mal.” Dann möchte sie wieder arbeiten und in einem Haus auf dem Dorf in Brandenburg leben. “Und ich möchte, dass mein Sohn ein glücklicher Mensch wird.”

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BRIGITTE 13/2021 Brigitte

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