Sie kämpfen für die Rechte von Mädchen und Frauen: Die Bikerinnen von Lagos

Wenn Nnenna und Jemmy mit ihren Motorrädern durch Nigerias Mega-City Lagos fahren, starren die Leute ihnen auf ihre Brust, um zu sehen, ob sie wirklich Frauen sind. Sind sie. Und unterwegs, um andere Frauen zu stärken.

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Am Tag, als ihr Mann beerdigt wurde, jagte dessen Familie Jeminat Olumegbon, damals 26, aus dem Haus. Sie nahmen ihr alles weg, was sie sich in sieben Jahren Ehe aufgebaut hatte, nicht aus Grausamkeit, sondern weil es in Nigeria noch so üblich ist. Jeminat hatte nichts mehr, nur ihre Handtasche und ihren zweijährigen Sohn Ibrahim.

Als Nnenna Samuila 15 war, wollte sie zum Militär. Sie wollte kämpfen, stark werden wie ein Mann. Aber die Armee nahm keine Frauen. Die Eltern glaubten, das sei nur eine Phase, schickten sie auf die Universität; aus Protest fiel Nnenna mutwillig durch die Prüfungen. Bis sie begriff, dass auch Geldverdienen eine Frau stark machen kann. Sie studierte Psychologie, Soziologie, Betriebswirtschaft, machte im Management einer der größten afrikanischen Telefongesellschaften in Nairobi Karriere.

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Doch die Wut, dass man Mädchen in ihrem Land nichts zutraute, blieb.

So trafen sie sich: Jeminat, Muslimin, die einen Hijab trug, nicht Auto fahren durfte, alleinerziehend war, wieder bei ihren Eltern leben musste. Nnenna, die Businessfrau aus der Oberschicht, verheiratet, Mutter eines Sohnes. Ein Freund brachte sie zusammen, Busaya Kuti, und ein Gefühl, das beide teilten: die Lust, anders zu sein, die Erwartungen an Frauen zu brechen.

Die Freundinnen wollen mit den Rollenklischees brechen 

Busaya war Biker, und das wollten Jeminat und Nnenna auch sein. Ein Jahr lang brachte er ihnen das Fahren bei. Nnenna kaufte zum Üben eine alte Kawasaki, Jemmy eine Suzuki. Ihr Freund Busaya wurde für seinen Frauen-Unterricht aus seiner Biker-Gang ausgeschlossen; heute, zehn Jahre später, gehört ihm die erste Frauen-Motorrad-Fahrschule Nigerias.

Aber Nnenna, 40, und Jemmy, wie Nnenna ihre Freundin nennt, wollten nicht einfach nur fahren, sie wollten ein Zeichen setzen. Sie sind jetzt die D’Angels, der erste Frauen-Motorradclub des Landes und vernetzt mit der Female Bikers Initiative, die sich kurz FBi nennt, 60 Frauen aus verschiedenen Motorradclubs aus Nigeria und Ghana.

Wenn sie fahren, sind sie die Hingucker auf den Straßen von Lagos, Nigerias größter Stadt; die Leute starren ihnen dann auf die Brust, als wollten sie überprüfen, ob es wirklich Frauen sind. "Mir hat das Fahren das Leben gerettet", sagt Jemmy, 38, im Wohnzimmer ihrer Zweizimmerwohnung in einem Mittelklasseviertel in Lagos. Helme und Bücher liegen herum, es ist eng und gemütlich. "Ich hätte nach dem Tod meines Mannes wohl aufgegeben oder Drogen genommen, stattdessen bin ich gefahren. Dann habe ich mir einen Job gesucht, meinen Sohn in die Schule geschickt.

"Das Biken", und sie liegt viel Überzeugung in diesen Satz, "schuf eine neue Jemmy". Nur wenn sie ihre Eltern besucht, parkt sie um die Ecke – ihr Vater darf nicht wissen, dass sie fährt.

Sie gehen in Schulen, um Mädchen zu ermutigen, nach den Privilegien der Männer zu greifen

Inzwischen gehen die beiden Frauen in Schulen, um Mädchen zu ermutigen, nach den Privilegien der Männer zu greifen. Auf der Straße finden sie mehr und mehr Zuspruch. "Die Leute bewundern uns", sagt Nnenna, "aber sie möchten andererseits nicht, dass ihre Kinder so werden wie wir. Weil sie sich dann fragen müssten, was die Freiheit und dieser Mut eigentlich bedeuten.

Unter Anleitung eines Arztes lernen die Frauen, sich zur Brustkrebs-Prävention selbst abzutasten

Die Eltern haben Angst, dass ihre Töchter keine Ehemänner finden, wenn sie Motorrad fahren. Denn Ehe und Kinder sind immer noch das ultimative Ziel für eine Frau in Nigeria.

Nnenna lebt seit ein paar Jahren mit ihrer Familie – ihrem Mann Tudor und ihrem 16-jährigen Sohn Dumeto – im zentralafrikanischen Gabun, Tudor arbeitet dort. Doch sie ist häufig in Lagos, schon wegen ihrer Geschäfte: Sie hat sich selbstständig gemacht, importiert europäische Kaffeekapseln und -marken nach Afrika.

Sie wohnt dann bei Jemmy, die nach einer kurzen Ehe mit einem Biker wieder Single ist. "Es hat nicht geklappt, weil ich zu unabhängig war. Wir sind jetzt Freunde", sagt sie. Ihr Geld verdient sie als Event-Managerin, gerade organisiert sie eine große Hochzeit.

Taff! Nnenna Samuila wollte mal zum Militär. Stattdessen wurde sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau. 

Nnenna sagt: "Wenn du eine Rock’n’Roll-Hochzeit willst, ist Jemmy deine Frau."

Im Wohnzimmer hängt Jemmys Uni-Urkunde im gold lackierten Rahmen, darunter, auf dem Sofa, sitzen die beiden Frauen, trinken Kaffee, planen ihre Schuleinsätze oder scherzen herum. "Wir streiten nie, wir sind wie ein altes Ehepaar", sagt Nnenna. "Genau, Baby", sagt Jemmy und lacht ihr tiefes, lautes Lachen. Dann erzählt Jemmy, wie mächtig sie sich fühlt, wenn sie auf ihrem Motorrad sitzt. "Es ist, als könnte mich nichts aufhalten. Dabei bin ich eigentlich schüchtern."

Es gibt kaum Aufklärung über Gebärmutterhalskrebs, der durch Sex übertragen werden kann 

Diese Kraft und die Aufmerksamkeit, die sie bekommen, wenn sie ihre Helme abnehmen, setzen sie seit letztem Jahr noch intensiver ein. Damals starb eine gemeinsame Freundin an Gebärmutterhalskrebs. "Es gibt hier kaum Aufklärung über Krebs", sagt Jemmy. "Gerade bei Gebärmutterhalskrebs, der häufig durch Viren ausgelöst wird, die beim Sex übertragen werden. Das ist ein großes Tabu."

Zusammen mit den Frauen der Female Bikers Initiative kontaktierten sie eine Hilfsorganisation, die kostenlose Brust- und Gebärmutterhalsuntersuchungen durchführt. Ein reguläres Screening kostet zehn Dollar – doch mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat nicht mal zwei Dollar am Tag zum Leben.

53 Frauen lassen sich an diesem tag untersuchen, sieben tragen das Krebs-Virus in sich.

Gebärmutterhalskrebs ist die Todesursache Nummer 1 für Frauen in Afrika

Die Motorradfrauen sammeln Spenden, veranstalten mobile Screenings. Sie verabreden sich per WhatsApp, gehen dann in die Stadt, sprechen die Frauen direkt an, auf dem Markt, oder, wie an diesem Tag, in den Faloma Police Barracks in Ikoyi, einem Mittelschichtsviertel in Lagos, in dem viele Polizeiangehörige leben. Es regnet, trotzdem verteilen die Bikerinnen Handzettel, begleiten die Frauen zu dem Unterstand, in dem das Screening stattfindet und ein Arzt erklärt, wie Krebs entsteht. "Gebärmutterhalskrebs ist die Todesursache Nummer eins für Frauen in Afrika", ruft er. "Er wächst, auch wenn man es nicht spürt."

Als er von der Therapie spricht, die in seiner Klinik durchgeführt wird, ruft die Menge laut: "Halleluja!" 53 Frauen screent das Ärzteteam an diesem Tag. Bei sieben ist das Virus nachweisbar. Obwohl die Gleichstellung von Frauen ihr oberstes Ziel ist – von #MeToo halten Jemmy und Nnenna wenig. "Das ist was für Weiße", sagt Nnenna. "Wir kämpfen hier immer noch für Grundrechte, wie das, unsere Mädchen zur Schule zu schicken." – "Ich möchte mich nicht an einen Mann anpassen, aber ich möchte auch keinen Mann runtermachen. Ich möchte einfach nur die gleichen Rechte haben", sagt Jemmy. Nnenna nickt: "Alles, was wir verlangen, ist, dass wir dasselbe bekommen. Keine Gefälligkeiten!"

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BRIGITTE 17/2019

Wer hier schreibt:

Meike Dinklage und Anne Ackermann
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