Feminismus: Emanze? Ich doch nicht!

Warum Feminismus peinlich ist - aber trotzdem notwendig.

Sobald deutsche Frauen Erfolg haben, egal ob als Unterwäschemodel, Politikerin oder Rockstar, meinen sie, etwas klarstellen zu müssen: "Ja, ich habe mich durchgekämpft. Aber eine Emanze bin ich nicht!" Und fügen hinzu, dass sie mit Feminismus nichts anfangen können, sich noch nie diskriminiert gefühlt haben und es kein Problem ist, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Ich glaube diesen Superfrauen nicht. Waren sie denn noch nie wütend über männliche Kollegen, die frauenfeindliche Sprüche machen? Streiten diese Frauen nicht mit ihren Männern, wenn die mit todernstem Gesicht behaupten, sie wüssten nicht, wie man ein Hemd zusammenlegt? Regen sie sich nicht auf, wenn in der Fernsehwerbung ein Papi abends ganz wichtig im Büro sitzt, während Mami zu Hause die Kleine ins Bett bringt? Also, ich tue das. Täglich. Ich bin genervt, wenn auf Fotos von Finanzministerrunden keine Frau zu sehen ist. Ich bin sauer, wenn Männer in Werbespots heldenhaft tun, weil sie mal den Abwasch machen. Ich bin ratlos, wenn meine top ausgebildeten Freundinnen ihren Beruf aufgeben, weil ein Kind da ist - während ihre Männer weiter Karriere machen, als sei nichts geschehen.

Aber genau wie die berühmten Erfolgsfrauen gebe ich das nicht zu. Ich tue lieber so, als sei ich ganz lässig. Ist ja uncool, sich dauernd aufzuregen. Ich gebe mir alle Mühe, mich nicht diskriminiert zu fühlen. Sonst müsste ich ja den Kerlen sagen, wie blöde ihr Angela-Merkel-Witz gerade war. Ich müsste bei der Spülmittelfirma anrufen und mich über die Werbung beschweren. Meinen Freundinnen sagen, dass sie sich endlich mit ihren Männern darüber streiten sollen, wer von ihnen Teilzeit arbeitet. Und meinem Mann erklären, dass ihn sein Geschlecht nicht zum Hausarbeits-Invaliden macht. Dann wäre er sauer. Meine Freundinnen und Kollegen fänden mich nervig. Und vor allem: peinlich. Es ist viel bequemer, meinen Feminismus zu verstecken. Dass ich ehrenamtlich Frauenbeauftragte meiner Fakultät war - eigentlich eine super Zusatzqualifikation - steht nicht in meinem Lebenslauf. Ich will nicht, dass ein Personalchef von mir denkt, ich sei eine verbissene Latzhosenträgerin, die den Plural nur in der weiblichen Form benutzt. Denn das ist das Bild, das wir Deutschen von Feministinnen haben: männerfeindlich, anstrengend und unattraktiv.

Warum das so ist? Vielleicht, weil die Frauenbewegung hier, typisch deutsch, besonders gründlich sein wollte. Sie traf ja auch auf besonders großen Widerstand. Unsere Feministinnen haben es oft zu weit getrieben: Männer durften keine Türen aufhalten. Frauen bestanden darauf, ihre Mineralwasserkisten selbst in den fünften Stock zu tragen - obwohl das vielen Männern wegen ihrer stärkeren Muckis leichter fällt. Männer waren am Elend der Welt schuld. Das half natürlich kein bisschen, den Frauen bessere Job-Chancen zu verschaffen oder Männer davon zu überzeugen, mehr im Haushalt zu tun. Es bewirkte nur eins: Feministin zu sein ist auch heute noch doof.

In anderen Ländern ist das nicht so. Die Schwedinnen zum Beispiel gründen gerade eine neue Frauenpartei, die laut Umfragen super Chancen hat, mit einem zweistelligen Wahlergebnis ins Parlament einzuziehen - und die sozialdemokratische Regierung ins Wanken zu bringen. Ausgerechnet in Schweden, wo die Frauen mit ihrer Gleichberechtigung schon viel weiter sind als alle anderen: 76 Prozent der Frauen dort sind berufstätig (Deutschland: 65 Prozent) und die Hälfte der Parlamentsabgeordneten weiblich (Deutschland: ein Drittel). Aber den Schwedinnen reicht das nicht. Sie wollen, dass Frauen im Schnitt gleich viel verdienen wie Männer. Sie wollen, dass Väter sich genauso um ihre Kinder kümmern wie Mütter. Und es ist ihnen überhaupt nicht peinlich. Sie sind zwar ein bisschen anstrengend, aber fühlen sich gar nicht unattraktiv dabei. Und männerfeindlich sind sie sowieso nicht. Im Gegenteil: Die Schwedinnen haben es geschafft, viel mehr Männer auf ihre Seite zu bringen als wir. Sie haben den Jungs verklickert, dass das Leben mehr Spaß macht, wenn sie als Väter weniger Zeit im Büro und mehr mit ihren Kindern verbringen. Und dass es Quatsch wäre, die Talente gut ausgebildeter Frauen nicht zu nutzen.

Vielleicht sollte ich es mal auf die schwedische Art probieren. Versuchen, den Männern - und vor allem meinem Mann - klar zu machen, wie schön das wäre: gerecht zu teilen. Denn Feminismus bedeutet nichts anderes, als die Hälfte zu wollen. Die Hälfte der Managerposten und Ministersessel. Die Hälfte des Geldes. Die Hälfte der Stunden auf dem Spielplatz. Aber auch nicht mehr als die Hälfte der gewechselten Windeln, der stumpfsinnigen Aufgaben im Job und der Zeit mit dem Staubsauger. Klar gibt es Dinge, die ich gar nicht teilen möchte: Er will den Grill anheizen? Er findet, Autoreparaturen sind seine Sache? Soll er doch. Genau wie ich weiter so viel Wimperntusche benutzen oder Schals stricken kann, wie ich Lust habe. Denn Unterschiede zwischen Frauen und Männern wird es zum Glück immer geben. Trotzdem die Hälfte zu fordern ist feministisch. Und anstrengend. Aber gar nicht peinlich.

Text: Martina Behm Foto: Martin Richter

Wer hier schreibt:

Martina Behm
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