Hanna Rosin: "Weibliche Dominanz ist möglich"

Die US-Autorin Hanna Rosin prophezeit das Ende der Männer. Und die ganze Welt liest mit.

Hanna Rosin will verkrustete Denkmuster aufbrechen

Wer sie ist: Eine amerikanische Autorin, die mit ihrem Buch "Das Ende der Männer" die Geschlechterdebatte neu befeuert hat.

Woher sie kommt: Hanna Rosin wurde in Israel geboren, siedelte als Fünfjährige mit ihrer Familie in die USA über und wuchs in einem Arbeiter- und Immigrantenviertel im New Yorker Stadtteil Queens auf. Ihr Vater verdiente das Geld als Taxifahrer, ihre Mutter kümmerte sich um Haushalt und Kinder - und hatte trotzdem die Hosen an. Die 43-Jährige studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford Universität in Kalifornien und verbrachte ein Jahr in Israel, bevor sie als Journalistin an die US-Ostküste zurückkehrte. Sie lebt mit ihren drei Kindern und ihrem Mann in Washington, D.C.

Was sie tut: Schon in der High School debattierte Hanna Rosin gern, heute nutzt sie Zuspitzung als Stilmittel, um verkrustete Denkmuster aufzubrechen. Für einen Text über die Nachteile, die das Stillen für Mütter mit sich bringt, wurde sie stark angefeindet. Rosin bleibt cool und publiziert weiter - in renommierten Magazinen wie The New Republic, GQ oder The New Yorker. Für die Washington Post schreibt sie eine Zeit lang über Religion. Ein Artikel aus dem Jahr 2005 über ein christliches College wird zu ihrem ersten Buch: "God's Harvard: A Christian College on a Mission to Save America". Für das Online-Magazin "Slate", bei dem ihr Mann David Plotz Herausgeber ist, entwickelt Hanna Rosin DoubleX - eine Rubrik über Frauenthemen. Mit geschärftem Blick für weibliche Trends geht sie auch ihrem Job als leitende Redakteurin bei dem Magazin "The Atlantic" nach. Sie schreibt vor allem über amerikanische Kultur. 2010 erhält sie den National Magazine Award für ihre Reportage "A Boy's Life" über einen Jungen, der eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat.

Ihre schärfste These: In diesem Jahr erschien Hanna Rosins vieldiskutiertes Buch "Das Ende der Männer" in Deutschland. Darin erklärt sie ihre These, dass Männer es versäumt haben, sich an eine moderne, postindustrielle Wirtschaft anzupassen. Eine Wirtschaft, in der eher feminine Fähigkeiten gefragt sind: Kommunikationstalent, soziale Intelligenz, Einfühlungsvermögen, Kompromissfähigkeit und Flexibilität.

Was sie sagt: "Ich bin mit dem Gespür dafür groß geworden, dass weibliche Dominanz möglich ist - aber nicht als politische Botschaft. Weibliche Dominanz war in meiner Familie kein Ideal, sondern dank der Persönlichkeit meiner Mutter eine natürliche Gegebenheit." "Meine Mutter hat in unserer Familie definitiv die Hosen an." "Die Welt, die nach dem Ende der Männer kommt, wird eine bessere sein."

Hanna Rosin, "Das Ende der Männer: Und der Aufstieg der Frauen", 325 S., 19,99 Euro, Berlin Verlag

Wer in einem Buch mal eben "Das Ende der Männer" aufruft, muss mutig sein. Und clever. Die US-Autorin Hanna Rosin hat mit ihrem provokanten Titel genau ins Schwarze getroffen. International hinterfragen die Medien, was an den Thesen der Literaturwissenschaftlerin dran ist. Die gebürtige Israelin ist solche Aufregung gewöhnt. Schon oft hat sie mit Artikeln in Magazinen wie The New Yorker oder The Atlantic heftige Diskussionen ausgelöst. Sehr angefeindet wurde sie etwa für einen Text über Nachteile, die das Stillen für Mütter mit sich bringt. Rosin bleibt trotzdem cool. Die Zuspitzung sei eben ihr Stilmittel, um verkrustete Denkmuster aufzubrechen.

In unserer Leseprobe analysiert Hanna Rosin den Wandel von der Hausfrauen- zur "Schaukelbrett-Ehe", wie sie moderne Beziehungen gerne nennt. Ein Wandel, der sich allerdings vor allem in Akademiker-Ehen vollziehe. Bei der Mehrheit amerikanischer Paare hingegen habe der Aufstieg der Frau als Familienernährerin vor allem eine Folge: die Zerstörung der Familie.

Leseprobe aus: "Das Ende der Männer"

Ehe mit wechselnden RollenWahre Liebe (nur für Eliten)

Die vielleicht berühmteste Szene einer Fernsehkomödie stammt aus einer 1952 ausgestrahlten Episode der Serie "I Love Lucy" mit dem Titel "Job Switching". Die Posse wird durch einen Streit um Geld ausgelöst. "Ist dir klar, wie schwer es heutzutage für einen Mann ist, Geld zu verdienen?", fragt Ricky. "Glaubst du, das Geld wächst auf Bäumen?" So kommt folgendes Arrangement zustande: Ricky und Fred spielen einen Tag Hausfrau, während Lucy und Ethel draußen nach einem Job suchen. Durch das so entstehende Chaos wird deutlich, wie absurd ein solcher Rollentausch ist. Ricky und Fred tragen Frauenkleidung mit geblümter Schürze und Kopftuch. Zum Abendessen lassen sie zwei Hühner explodieren, produzieren einen Vulkanausbruch von Reis und backen einen Kuchen mit sieben Schichten, der flach wird wie ein Pfannkuchen. Die Küche hinterlassen sie in einem katastrophalen Zustand. Den Frauen ergeht es nicht besser. Sie bekommen Stellen in einer Schokoladenfabrik, was zu einer berühmten Szene führt: Die Schokoladenbonbons kommen auf dem Fließband angerast, und Ethel und Lucy stopfen sie sich, überwältigt von der Geschwindigkeit und in schrecklicher Angst vor dem Boss, in den Mund, in die Kochmütze und in die Schürzentaschen. Die Frauen kommen ganz heiser und erschöpft nach Hause und brennen darauf, die natürliche Ordnung der Dinge wiederherzustellen. "Wir sind nicht besonders gut darin, die Brötchen zu verdienen", gibt Lucy zu, und Ricky sagt: "Machen wir es wieder wie vorher."

Die Hausfrau ist im US-Fernsehen eine aussterbende Gattung.

Kaum zwei Generationen später ist die Hausfrau im amerikanischen Fernsehen eine aussterbende Gattung, es sei denn, man zählt die "Real Housewives" der gleichnamigen Realityshow mit. Die ließen sich freilich nicht einmal tot in einer geblümten Schürze erwischen, es sei denn, sie gehörte zu einer Verkleidung als sexy Dienstmädchen. In den Jahren zwischen "I Love Lucy" und "Real Housewives" setzten sich die Lucys und Rickys im wirklichen Leben an den amerikanischen Küchentisch, und Lucy legte die neuen Regeln fest. Als dies geschah, arbeitete Lucy schon, vielleicht als Headhunterin oder als Verlegerin oder als Agentin in Hollywood. Ricky ging immer noch seinen "kreativen Hobbys" nach. Lucy verdiente mindestens genauso viel wie er, und in manchen Jahren auch mehr. Sie, eine ganz neue Art von Frau, stellte Leute ein und feuerte sie, wurde befördert und kam abends nach Hause und brachte den kleinen Ricky ins Bett Der große Ricky half auch bei der Erziehung, indem er den Jungen hin und wieder vom Kindergarten abholte oder mit ihm am Samstagmorgen auf den Spielplatz ging, damit Lucy zum Spinning ins Fitnesscenter gehen konnte. Außerdem hatte er inzwischen auch gelernt, wie man ein Huhn brät. Das war doch was, oder? Doch Lucy hatte sich an eine Trittfrequenz gewöhnt, mit der sie selbst zufrieden war, und wollte immer noch mehr.

Inzwischen ist "Machen wir es wieder wie vorher" keine reale Möglichkeit mehr. Im Jahr 1970 verdienten Frauen in den USA 2 bis 6 Prozent des Familieneinkommens. Heute verdient die durchschnittliche amerikanische Ehefrau 42,2 Prozent. Mehr als ein Drittel der Mütter in den Vereinigten Staaten und Großbritannien sind Haupternährer der Familie, entweder weil sie Singles sind, oder weil sie mehr verdienen als ihr Ehemann. Diese zweite Kategorie der Ehefrau als Hauptverdiener, die auch als "Alpha-Ehefrau" bezeichnet wird, ist eine besondere Erschütterung für das traditionelle Ehesystem, wenn man bedenkt, dass sie einst als genauso bizarr und exotisch galt, wie ein korpulenter Mann mit rüschenbesetzter Schürze. Innerhalb einer Generation werden Familien mit Alpha-Ehefrauen nach demografischen Erkenntnissen die Mehrheit der amerikanischen Familien bilden, und die Familienstruktur in Europa und einigen lateinamerikanischen und asiatischen Ländern wird sich ganz ähnlich entwickeln.

Tatsächlich ist die Frage, ob Mütter arbeiten sollten, die in der Episode von "I Love Lucy" behandelt und heute in anderer Form wieder aufgegriffen wird, irrelevant, "weil sie es einfach tun", wie es Heather Boushey von dem US-amerikanischen Thinktank Center for American Progress formuliert. "Die idealisierte Familie – er arbeitet und sie bleibt zu Hause – existiert heute fast gar nicht mehr."

Die Ehe ist in Amerika zu einem weiteren Privileg der Oberschicht geworden.

Im begrenzten Rahmen intimer Beziehungen hat die wachsende wirtschaftliche Macht der Frauen sehr viel bewirkt. Für die 70 Prozent Amerikaner ohne Hochschulabschluss geht der Aufstieg der Frau als Familienernährerin mit der Zerstörung der Familie einher. Die Frauen entscheiden sich eher dafür, allein zu bleiben, als einen Mann zu heiraten, der seinen Part als Familienernährer nicht übernehmen kann. Die Scheidungsrate ist immer noch so hoch wie in den 1970er Jahren, und jedes Jahr heiraten weniger Paare, bevor sie Kinder bekommen.In Washington, D. C., zum Beispiel sind erstaunliche 63,8 Prozent der Mütter Haupternährerin ihrer Familie, was vor allem daher kommt, dass es in dieser Stadt besonders viele arme alleinerziehende Mütter gibt.

Bei den Eliten jedoch bewirkt die wachsende wirtschaftliche Macht der Frau genau das Gegenteil. Seit den 1970er Jahren ist es bei Personen mit Hochschulabschluss viel wahrscheinlicher, dass sie ihre Ehe als "glücklich" oder "sehr glücklich" bewerten; Scheidungen sind nur noch halb so häufig, und uneheliche Geburten kommen so gut wie gar nicht mehr vor. Die Ehe ist in Amerika zu einem weiteren Privileg der Oberschicht geworden, geschlossene Wohnanlage der zwischenmenschlichen Beziehungen oder "Privatspielplatz derjenigen, die ohnehin schon mit Reichtum gesegnet sind", wie es der Soziologe Brad Wilcox formuliert, der an der University of Virginia das National Marriage Project leitet.

Wie kam es zu dieser Entwicklung? Mit der Zerschlagung des alten Modells, das in vieler Hinsicht auf der wirtschaftlichen Überlegenheit des Mannes beruhte. In Lucys Ära hatte eine Frau noch keine andere Wahl, als einen Mann aus einer höheren Schicht zu heiraten; anders konnte sie nicht aufsteigen. Sylvia Plath liefert in "Die Glasglocke" ein denkwürdiges Porträt dieser privilegierten Männerjägerinnen: "Sie hingen einfach in New York herum und warteten darauf, dass irgendein Karrieremann sie heiratete", und sie "machten dabei einen schrecklich gelangweilten Eindruck". Weiter schreibt Plath: "Solche Mädchen machen mich krank." Heute, da Frauen selbst Karriere machen können, haben sie das Warten und die Langeweile und die Ausstrahlung von Abhängigkeit nicht mehr nötig, die eine frei denkende Frau krank machen. Sie brauchen nicht mehr einen Mann, um vorwärtszukommen, also können sie sich einen suchen, mit dem sie wirklich zusammen sein wollen. Und ist das nicht ohnehin eine reinere Form von Liebe?

Fifty-fifty - so stelle ich mir die Arbeitsteilung meiner Ehe vor.

Als ich mich Ende der 1990er Jahre verlobte, hatte ich eine vage Vorstellung von einer gleichberechtigten Ehe im Kopf. Ich hatte eines Nachmittags beobachtet, wie mein künftiger Ehemann für seine Eltern auf eine sehr kompetente Art ein paar finanzielle Dinge erledigte, und weiß noch, dass ich erleichtert war, diese unangenehme Aufgabe ihm aufladen zu können. Ich hatte auch gesehen, wie er mit den Kindern von Freunden spielte; auch das hatte ihm offenbar gefallen. Wir waren beide Journalisten und hatten etwa gleich viel Erfolg im Beruf, und ich nahm an, dass das so bleiben würde. Dies war an sich schon eine ziemlich radikale Vision der Ehe. Meine Mutter hatte nur sporadisch gearbeitet, als ich ein Kind war, und erst eine eigene Karriere angefangen, als ich aufs College ging. Und mein Vater hatte wie die meisten Väter, die ich kannte, jeden Tag gearbeitet. Trotzdem nahm ich an, dass mein Mann und ich beide arbeiten, beide die Kinder aufziehen und schließlich beide in einen glücklichen Ruhestand gehen würden. Ich bin keine besonders genaue Planerin, aber wenn Sie mich nach einem genauen Verhältnis zwischen uns gefragt hätten, hätte ich gesagt, was die meisten Frauen meiner Generation im Sinn hatten: fifty-fifty, mit seinen tröstlichen Beiklängen von Harmonie zwischen Yin und Yang und feministisch inspirierter Gleichberechtigung.

Das neue Ehemodell der Elite macht sogar diese einfache Gleichung obsolet. Das vorherrschende Arrangement von heute ist eine Gleichung, die sich ständig verschiebt: 60 zu 40 oder 80 zu 20 oder 90 zu 10. Ich bezeichne dieses Modell, in dem jede Seite der Gleichung jederzeit von einem der beiden Partner eingenommen werden kann, als "Ehe mit wechselnden Rollen". Ein Mann kann arbeiten, um seine Frau während des Studiums zu unterstützen, und dann kann sie übernehmen und als erstklassige Anwältin die Brötchen verdienen. Eine Frau kann ihrem Mann mit der Karriere voraus sein und dann beschließen, kürzerzutreten und für die Kinder zu sorgen. Laut der Ehehistorikerin Stephanie Coontz funktionieren diese neuen bürgerlichen Ehen, weil in ihnen "die Geschlechterrollen sehr viel weniger rigide sind". Beide Ehepartner können für jeden beliebigen Zeitraum der Ehe die Rolle des Ernährers übernehmen.

In den 15 Jahren meiner Ehe habe ich immer mehr Familien kennengelernt, in denen die Frau wenigstens eine Zeitlang die Rolle des Haupternährers gespielt hat. Einigen Ehepaaren fällt dieser Rollentausch offenbar ganz leicht, etwa wenn die Frau der geborene Workaholic und der Mann zum Beispiel ein begeisterter Hobbytrainer im Sportverein ist oder die Kinder gern von der Schule abholt. Eine Frau in unserem Kindergarten kann gar nicht aufhören, mit ihrem wunderbaren Hausmann zu prahlen, obwohl ich leider immer noch ein bisschen zusammenzucke, wenn er an der Schule handbedruckte T-Shirts für die Lehrer produziert. Andere Aspekte der neuen Entwicklung sind nicht so erfreulich: Eine Frau in meinem Bekanntenkreis, deren Mann halbtags als Mechaniker für eine Fluggesellschaft arbeitet, findet offenbar ständig neue Möglichkeiten, ihn als Loser zu beschimpfen. Eine andere, deren Mann ein arbeitsloser Rechtsanwalt ist, beschwert sich über Lappalien, wie etwa, dass er all ihr Geld für edle Socken ausgibt, obwohl er seit einem Jahr kein Bewerbungsgespräch mehr gehabt hat, oder dass er sämtliche Sportkanäle abonniert hat.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Ende der Männer: Und der Aufstieg der Frauen" von Hanna Rosin, 325 S., 19,99 Euro, Berlin Verlag

Zitatquellen: Slate
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