Ehrenamtlich helfen: Ich bin jetzt Mentorin

Wie kann man Flüchtlingskindern helfen? Die Studentin Ann-Kathrin Scheuermann, 24, kümmert sich seit einem Jahr ehrenamtlich im Rahmen des Mentorenprogramms von Xenion um eine Flüchtlingsfamilie aus Tschetschenien. Wir haben sie gefragt, wie ihre Aufgabe genau aussieht.

"Die eigenen Sorgen werden plötzlich ganz banal": Ann-Kathrin Scheuermann betreut eine Familie aus Tschetschenien

Was ich an den Kindern meiner Mentee-Familie am meisten bewundere, ist ihre Begeisterungsfähigkeit: Schon bei meinem ersten Besuch sind sie wie die Wilden auf mich zugestürmt, haben mich umarmt und gar nicht mehr aufgehört zu reden. Die freuten sich einfach total, dass ich da war. Diese Euphorie reißt mich auch jetzt noch immer wieder mit.

Gerade für Kinder ist das Leben als Flüchtling in Deutschland nämlich alles andere als einfach. Obwohl ich mich schon länger für das Thema interessiere, war mir das vor meiner Zeit als Mentorin nicht so bewusst. Es fängt schon bei der Unterkunft an. Meiner Familie standen lange Zeit nur zwei Zimmer zur Verfügung, das bedeutet: Kaum Platz zum Spielen, erst recht kein Schreibtisch, an dem die beiden Ältesten lernen können. Manchmal lade ich die Kinder deshalb für einen Nachmittag zu mir nach Hause ein, damit sie ungestört Hausaufgaben machen können. Oder ich gehe mit ihnen und ihren Eltern zum Spielplatz, wir grillen und gehen Spazieren, kurzum: machen Sachen, die sie ihre Probleme für kurze Zeit vergessen lassen.

Gewöhnlich treffen wir uns immer sonntags, meist für einen halben Tag. So haben wir es in unserem "Abkommen" vereinbart, das wir bei unserem ersten Treffen im Xenion-Büro im Beisein einer Dolmetscherin formuliert und unterschrieben haben. Das war sehr praktisch, um zu klären, was sich beide Seiten von dem Mentorenprojekt eigentlich erwarten. Eine Flüchtlingsfamilie so zu betreuen, dass es ihr wirklich hilft, ist nämlich gar nicht so einfach. Oft sind die Menschen von dem, was sie in ihrer Heimat erlebt haben, schwer traumatisiert. Wie meine Familie: Weil sie Muslime sind, wurden sie in Tschetschenien verfolgt, der Vater war im Gefängnis, wurde gefoltert. Auch eineinhalb Jahre nach der Ankunft in Deutschland hat er immer noch psychische Probleme - was natürlich auch die Kinder belastet. Dazu kommt die ständige Angst vor Abschiebung. Einmal rief mich die Lehrerin des zehnjährigen Sohnes an: Vor lauter Panik, demnächst von der Polizei abgeholt und zurück geschickt zu werden, wollte er sich umbringen!

In solchen Situationen ist es gut, wenn einen die Organisation immer wieder berät und unterstützt. Bei Xenion absolviert man zum Beispiel einen Einführungskurs und kleine Seminare zu Asylrecht und Landeskunde. Das ist schon mal eine gute Basis.

Das Meiste erarbeitet man sich natürlich Learning by doing. Und da lerne ich wirklich bei jedem Besuch dazu. Zum Beispiel finde ich es noch immer unfassbar, was für einen Papierkram man als Flüchtling ständig bewältigen muss. Für alles Mögliche vom Arztbesuch bis zum monatlichen Taschengeld muss meine Familie Anträge ausfüllen, die oft so kompliziert formuliert sind, dass noch nicht mal ich sie auf Anhieb verstehe. Auch eine Wohnung oder einen Kitaplatz zu finden, ist viel mühsamer als für Deutsche: Welcher Vermieter akzeptiert eine neunköpfige Familie, die alle paar Monate ihre Duldung in Deutschland neu beantragen muss? Und welche private Kita nimmt Kinder auf, wenn die Eltern zu traumatisiert sind, um sich ehrenamtlich für die Gruppe zu engagieren?

Bei diesen Dingen versuche ich, so gut es geht, zu vermitteln. Rede mit Vermietern, Kindergartenleiterinnen, Behörden, Lehrern. Im Frühjahr habe ich es so geschafft, für die beiden mittleren Kinder Kindergartenplätze zu organisieren. Darauf bin ich richtig stolz. Das kriegen natürlich auch meine Freunde und Verwandte mit. Viele wollen jetzt selbst mithelfen. Kürzlich konnte ich einen Koffer voll Secondhand-Kleider als Geschenk mitbringen - lauter Spenden von Freunden, die auch helfen wollten. Die Familie hat sich unheimlich gefreut.

Die schönsten Momente sind aber immer die, in denen Eltern und Kinder auch mal ausgelassen und albern sein können - wie eine ganz normale Familie. Bei unserem letzten Ausflug haben wir uns zum Beispiel auf dem Spielplatz alle zusammen auf eine riesige Schaukel gequetscht. So laut gelacht haben wir, dass die Leute um uns herum stehen blieben und mitlachten. Das war ein richtiger Gänsehautmoment. Und alle Probleme und Ängste waren plötzlich ganz weit weg.

Mentorin werden - so geht's

Die Berliner Organisation Xenion vermittelt seit sieben Jahren ehrenamtliche Betreuer an Flüchtlinge. Sie helfen bei Behördengängen und Ämterkontakt, beim Deutschlernen und Zurechtfinden in der neuen Heimat. Geschult werden Sie dafür von den Fachkräften der Organisation.

Mitmachen: Xenion Mentorenprojekt, Ansprechpartner: Amelie von Griessenbeck, Tel: 030-31012563, E-Mail: mentoren@xenion.org Spenden: Bank für Sozialwirtschaft, Kontonummer.: 3052403, BLZ: 10020500

Weitere Organisationen, die ehrenamtliche Betreuer suchen, finden Sie hier.

Protokoll: Kristina Maroldt

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Ehrenamtlich helfen: Ich bin jetzt Mentorin

Wie kann man Flüchtlingskindern helfen? Die Studentin Ann-Kathrin Scheuermann, 24, kümmert sich seit einem Jahr ehrenamtlich im Rahmen des Mentorenprogramms von Xenion um eine Flüchtlingsfamilie aus Tschetschenien. Wir haben sie gefragt, wie ihre Aufgabe genau aussieht.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden