Einfach Kind sein können - so helft ihr Flüchtlingskindern in Not

Bildung, Sicherheit, Lebensmut - das ist es, was die rund 2,4 Millionen Flüchtlingskinder in den Nachbarländern Syriens brauchen. Für sie setzen wir unsere Aktion "Ein Schal fürs Leben" auch in diesem Jahr fort. Denn eure Spenden verändern das Leben der Mädchen und Jungen zum Besseren - wie diese Geschichten zeigen.

Majd ist sechs Jahre alt. Ein dünner Junge mit einem Lächeln, in dem viel Skepsis und Schüchternheit liegen. Gerade sind ihm einige Milchzähne ausgefallen, die neuen sind noch nicht gewachsen; aber eine Zahnfee gibt es nicht in seimem Leben, eigentlich gar keine guten Mächte, die ihm irgendetwas schenken - zumindest scheint es so, wenn man seine Geschichte hört.

Majd kennt seine Eltern nicht

Majd kann sich nicht an seine Eltern erinnern. Der Vater starb, als er drei Monate alt war, die Mutter verließ nach seinem ersten Geburtstag und ließ ihn bei der Familie seiner Tante Jamila zurück, in Rakka, der späteren Hochburg der IS-Terroristen in Syrien. Seinen Onkel hielt er für seinen Vater und nannte ihn Papa.

Als die Tante ihm irgendwann die Wahrheit sagte, brach für ihn eine Welt zusammen. "Wir lieben ihn, als wäre er eines unserer eigenen sechs Kinder", sagt Jamila. "Aber er musste erfahren, was seinem Vater passiert ist." Majd zog sich danach immer mehr zurück. Draußen terrorisierte der IS die Bevölkerung, es gab öffentliche Hinrichtungen. In Majd wurde es dagegen immer stiller.

Als Flüchtlingskind in einem neuen Land

2016 gelang es der Familie, in den zu fliehen, in ein Lager in der Bekaa-Ebene im Osten des Landes. Majd habe seither viel geweint, sagt Jamila, aber immer häufiger auch um sich geschlagen. Mal reagierte er wütend, dann, als sein Onkel für einen Job in eine andere Stadt zog, depressiv. Die Familie wollte ihm helfen, wusste aber nicht wie.

Wie kommt ein solches Kind im Leben zurecht? In einem Camp, in dem es nur Menschen gibt, die unter ähnlich desolaten Umständen leben? Kinder, die ihre Zeit totschlagen, weil es für sie keine Schule, keine Bücherecke, kein "Draußen" gibt, weil die Eltern Angst haben, dass ihnen außerhalb der Siedlung etwas passiert. Kinder, die Unbeschwertheit nicht kennen, aber die Trauer ihrer Eltern über die verlorene Heimat, ihren Besitz, ihre Verwandten.

Eure Spende hilft!

Kindern wie Majd habt ihr mit euren Spenden für unsere Aktion Ein Schal fürs Leben geholfen. Denn unsere Partnerorganisation Save the Children unterstützt in den Camps in der Bekaa-Ebene Einrichtungen, die sich gezielt an Vorschulkinder zwischen drei und fünf Jahren richten.

Sie werden pädagogisch und psychologisch betreut, damit sie später in der Lage sind, auf eine libanesische Grundschule zu gehen. Das ist wichtig und nötig, denn noch immer hat fast die Hälfte der rund 376000 syrischen Flüchtlingskinder im Libanon keinen Zugang zu Bildung.

Hier können Sie für Save the Children spenden

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Lehrer helfen bei der Prävention von Aggression

Majds Lehrerin Ghofran fiel schnell auf, dass Majd sich absonderte, sich verweigerte, nicht mal seinen Namen sagen wollte, wenn man ihn ansprach. Bei Gruppenübungen schaukelte er sich so hoch, dass er um sich schlug. "Sein Aggressionslevel war bedenklich", sagt Ghofran. Die Lehrer dieser informellen Vorschulen haben gelernt, mit traumatisierten Kindern zu arbeiten.

Sie kümmerten sich gezielt um Majd, versuchten, seine aggressive Energie umzulenken und herauszufinden, was seine tieferen Bedürfnisse sind. Majd lernte, bei Gruppenarbeiten genau darauf zu achten, was ihn aufregte, und es nicht allein zu lösen, sondern sich seiner Lehrerin anzuvertrauen.

"Zunächst änderte sich nichts", sagt Ghofran, "aber nach vier, fünf Monaten begann er, pünktlich zu kommen und sich zu seinen Freunden zu setzen. Wir hörten, dass auch die Prügeleien mit seinen Cousins aufgehört hatten." Majd sei ein sehr intelligentes Kind, sagt Ghofran."Er hat den Unterrichtsstoff von Anfang an in sich aufgenommen - aber es nicht gezeigt." Wie zum Beweis erzählt Majd, wie er heute das Mathe-Spiel gewonnen hat: "Ich habe gewürfelt und als Erster bis sechs gezählt!" Er durfte dann einen Stern in seine Belohnungskarte mit dem Teddybären-Gesicht kleben.

Bildung kann Kindern wie Majd helfen, mit Krieg und Flucht zurechtzukommen

Rund 2,4 Millionen Mädchen und Jungen sind seit Beginn des Krieges mit ihren Familien in die Nachbarländer geflohen, in die , den Irak, Jordanien, Ägypten, den Libanon. Sie alle haben ähnliche Bedürfnisse: Sie brauchen Bildung, jemanden, der ihnen hilft, mit ihren Erinnerungen an Krieg und Flucht zurechtzukommen. Sie brauchen Sicherheit, Zeit für sich und im Winter eine Heizung.

Die rund 750 000 Euro, die durch die "Ein Schal fürs Leben“-Aktion in den vergangenen drei Jahren zusammengekommen sind, sind über Save the Children, die größte unabhängige Kinderrechtsorganisation der Welt, in viele unterschiedliche Projekte geflossen.

Save the Children ist in den Flüchtlingscamps und Siedlungen in den syrischen Nachbarländern vor Ort; die lokalen Mitarbeiter haben täglich Einblick in die Bedürfnisse der Kinder, sei es im jordanischen Zaatari-Camp, der gigantischen Container-Stadt in Jordanien mit 80.000 Flüchtlingen, oder im Libanon, einem Land, in dem bereits jeder Vierte ein geflohener Syrer ist. Sie wissen, was die Kinder brauchen und können das Leben der Kinder gezielt verbessern.

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Ein neues Leben in der Türkei für Salwa und ihren Bruder

Salwa ist 16. Das Mädchen aus Deir ez-Zor in Ostsyrien floh mit ihrem Bruder Faisal, 14, im Herbst 2015 - ihre verwitwete Mutter gab alles Geld, das sie hatte, einem Schlepper, damit er ihre Kinder aus der vom IS eroberten Stadt brachte, während sie selbst dort zurückblieb. Die Geschwister kamen bei zwei Schwestern ihrer Mutter in Hatay unter, einem Gebiet im südlichsten Teil der .

Hier leben fast 400.000 der mehr als drei Millionen syrischen Flüchtlinge im Land, die meisten in den Provinzstädten oder in ländlichen Unterkünften. Mit zehn Cousins und Cousinen zwischen einem und zwölf Jahren leben Salwa und Faisal nun in einer Zweizimmerwohnung. Ihre Tanten - eine ist Apothekerin, die andere Lehrerin - und ihr Onkel, selbst erst vor zwei Jahren aus Syrien geflohen, haben kein festes Einkommen, sie suchen jeden Tag Arbeit. Für eine Heizung fehlt das Geld.

"Als der IS kam, wurden Naturwissenschaften verboten"

Salwa ist ein ruhiges Mädchen mit einem weichen, runden Gesicht. Sie mag Schulfächer, die mit Logik zu tun haben, Mathe, Chemie, Physik. "Als der IS kam, wurden Naturwissenschaften verboten", sagt sie. "Sie nannten die Fächer ,schlecht‘ und ,unnütz‘." Ein Jahr lang ging sie nicht in die Schule - das, sagt sie, mache sich jetzt bemerkbar. Salwa und Faisal gehen in ein sogenanntes Temporary Education Centre (TEC), mittlerweile staatliche Einrichtungen, die von syrischen Lehrern in alten Hotels und leer stehenden Gebäuden gegründet wurden und inzwischen dem türkischen Bildungsministerium unterstellt sind.

Zwar haben alle syrischen Kinder in der Türkei ein Anrecht auf einen Platz in einer staatlichen Schule, doch die Kosten für Schulbücher und Fahrkarten halten sie davon ab - oder der weite Schulweg, denn viele Flüchtlinge siedeln auf dem Land. 125000 syrische Kinder gehen in der Türkei auf staatliche Schulen, rund 384000 in die TECs. Mehr als 380000 Kinder gehen gar nicht.

Kein Geld für öffentliche Verkehrsmittel

Salwas Schulcenter war mal ein Ferienresort für Beamte, es liegt an einer Hauptstraße, über die es keine sicheren Wege für die Schüler gibt. Salwas Tanten konnten nicht für alle Kinder Busfahrkarten bezahlen, daher musste Salwa jeden Tag mehrere Kilometer zu Fuß gehen. Im Winter war das unmöglich, aufgrund der frühen Dunkelheit war der Schulweg zu gefährlich. Für das ehrgeizige Mädchen eine Katastrophe; es hatte sie schon schwer getroffen, dass das Jahr ohne Unterricht in Syrien sie zurückgeworfen hatte. "Meine Mitschüler konnten Aufgaben lösen, die mir zu schwierig waren", sagt sie.

Aus den BRIGITTE-Spenden konnte Save the Children in der Hatay-Region den regelmäßigen Schultransport von 220 Kindern organisieren, die sonst nicht in der Lage gewesen wären, zur Schule zu gehen. Salwa sagt: "Langsam finde ich mein Selbstbewusstsein wieder. Ich brauche gute Noten, denn ich will studieren, am liebsten Pharmazie."

Armut ist in den Flüchtlingslagern ein allgegenwärtiges Thema. Viele Kinder müssen ihre Eltern unterstützen; sie arbeiten bei benachbarten Bauern auf dem Feld, bei der Ernte, in Werkstätten, oder führen kleine Geschäfte wie Tamer, der vor fünf Jahren mit seiner Familie nach floh.

Tamer hat keine Zeit für die Schule

Tamer ist 13, seine Familie lebt im Zataari-Camp, dem größten Flüchtlingslager in Jordanien. Das Camp gleicht einer Stadt; es gibt Einkaufsstraßen, reine Wohngegenden, kommunale Zentren. Tamer ist das älteste von fünf Kindern, sein Vater hat einen Gemüsestand; für Tamer hat er einen Karren gekauft, mit dem der Junge jetzt jeden Nachmittag zwei- bis dreimal durch die Straßen zieht und Brot, Lebensmittel und Kleidung verkauft.

In die Schule geht er, anders als seine jüngeren Geschwister, nicht. "Ich habe keine Zeit dafür", sagt er, auch ein bisschen stolz. "Ich muss arbeiten, und die Arbeit ist gut. Ich fange nachmittags um zwei Uhr an und arbeite dann drei Stunden. Viele Kinder hier machen das so." Einen halben Jordanischen Dinar, umgerechnet 58 Cent verdient Tamer pro Tour, sein Vater an einem Tag knapp sechs Euro.

Flüchtlingskinder im Drop-in-Center

Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen im Camp können die Kinderarbeit nicht unterbinden. Aber sie versuchen, den Kindern in den freien Stunden so viel Bildung mitzugeben wie möglich und sie über ihre Rechte aufzuklären.

Drei sogenannte Drop-in-Center betreibt Save the Children im Camp, in die die Kinder, die arbeiten müssen, kommen können, wann immer sie Zeit haben. Sie bekommen dort Basis-Unterricht, aber auch die Möglichkeit, Fußball zu spielen oder mit ihren Freunden herumzualbern. "Das Angebot hier ist groß", sagt Ma’moun, Lehrer in Tamers Drop-in-Center. "Wir wollen, dass die Kinder Normalität erleben und sich erholen können. Auch körperlich. Manche kommen nach der Feldarbeit mit Sonnenstich oder anderen Verletzungen hierher, die versorgen wir erst mal medizinisch."

Individuelle Angebote für Kinder

Ma’moun hatte Tamer bei der Arbeit beobachtet und ihn angesprochen, ob er nicht mal ins Center kommen wolle. "Er war sofort dabei. Er ist klug, und obwohl er schüchtern ist, kann er gut verhandeln", sagt Ma’moun. Geschäfte zu machen, macht Tamer Spaß.

"Ich würde gern nähen lernen", sagt Tamer, "mit Nähen kann man hier im Camp viel Geld verdienen." Besonders mag er die Kurse zu Wirtschaft und Finanzen, die das Center anbietet, damit die Kinder die Grundbegriffe der Geschäftswelt verstehen lernen. Tamer hat ein Sparschwein gebastelt, gefaltet aus einer Pappschachtel. "Ich weiß, wie Sparen geht", sagt er. Ein paar Dinar, die er nicht bei seiner Familie abgeben musste, hat er schon hineingeworfen.

Hier könnt ihr direkt bei Save the Children für syrische Flüchtlingskinder spenden.

BRIGITTE 23/17

Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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