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Frank-Walter Steinmeier Aufruf des Bundespräsidenten: Welche Frauen sollen das Bundesverdienstkreuz bekommen?

Frank-Walter Steinmeier: Frank-Walter Steinmeier und Kerstin Finger
© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / PR
Nur etwa jedes dritte Bundesverdienstkreuz wird an eine Frau verliehen – nicht weil es zu wenige gibt, die es verdienten, sondern weil zu wenige vorgeschlagen werden. Frank-Walter Steinmeier will das nun ändern. Ein exklusiver Aufruf des Bundespräsidenten in BRIGITTE.

Ende September war es wieder so weit: Im Schloss Bellevue wurden 20 Bundesverdienstkreuze verliehen. An Streetworkerinnen und Fairtrade-Pioniere, Bildungsaktivistinnen und Musiker. Auch Kerstin Finger, die eine mobile Praxis betreibt, gehörte zu den Geehrten. Oder Camilla Rothe, die während der Corona-Krise eine Entdeckung gemacht hat, die viele besser vor dem Virus schützt. Lauter Menschen also, die Probleme lösen oder gegen Missstände vorgehen, das aber meist nicht an die große Glocke hängen. Sie alle sollen bei einer solchen Veranstaltung sichtbar gemacht werden. Doch was auffällt: Es sind deutlich weniger Frauen als Männer dabei. Im Schnitt ist nur jede dritte der jährlich gut 1.000 Ausgezeichneten weiblich.

Frank-Walter Steinmeier fordert BRIGITTE-Leserinnen auf, Frauen für den Verdienstorden vorzuschlagen

Am mangelnden Engagement kann es nicht liegen. Laut aktuellem Freiwilligensurvey des Familienministeriums sind Frauen beispielsweise genauso häufig ehrenamtlich tätig wie Männer. Aber, so die Beobachtung des Bundespräsidialamts, das die Ordensvergabe koordiniert: Sie werden weitaus seltener für die Auszeichnung vorgeschlagen als Männer.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will das nun ändern. "Frauen leisten Großes in unserer Gesellschaft", sagt er BRIGITTE. "Dafür gebührt ihnen unser Dank, aber auch mehr sichtbare Anerkennung." Die Frauenquote bei den Orden habe er im September daher von 30 auf 40 Prozent erhöht. Jetzt fordert er die BRIGITTE-Leserinnen auf, explizit Frauen für den Orden vorzuschlagen:

Schauen Sie sich um, in Ihrer Nachbarschaft, bei Ihren Kolleginnen. Die Auszeichnung ist ein Weg, um mehr Frauen die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdienen.

Das Vorschlagsprozedere erklären wir unten. Mach mit, schlage eine Frau vor, die dich beeindruckt! Vielleicht ist sie dann schon bei einer der nächsten Verleihungen dabei.

Diese drei Frauen wurden bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Kerstin Finger: Ärztin auf Rädern

Frank-Walter Steinmeier: Kerstin Finger
Kerstin Finger
© Patrick Pleul/ZB / Picture Alliance

Jeden Dienstag steigt Kerstin Finger, 62, in ihren Lieferwagen und fährt los. Zu Alten, die kaum noch gehen können, Kranken, die ans Bett gefesselt sind, Menschen mit Behinderung, für die jede Auto- oder Busfahrt einen Riesenaufwand bedeutet. 2010 hat die Zahnärztin aus dem brandenburgischen Templin die erste mobile Praxis in Deutschland gegründet. Seitdem ist sie einmal pro Woche unterwegs, um sich um Patient:innen zu kümmern, die es nicht mehr selbstständig in die Praxis schaffen. Dass ältere Menschen plötzlich nicht mehr in ihre Sprechstunde kamen, war Kerstin Finger schon länger aufgefallen. Die Wege sind oft lang auf dem Land, die Busverbindungen schlecht – viele schleppten sich erst zu ihr, wenn die Zähne schon so krank waren, dass sie gezogen werden mussten. Dann komme ich eben zu ihnen, beschloss Finger.

In einer Fachzeitschrift las sie von einem tragbaren Behandlungskoffer, den ein Hilfsprojekt in Nicaragua nutzte. Ein Tüftler aus Bayern hatte ihn entwickelt. Für 50.000 Euro baute er Finger eine ähnliche Ausrüstung. Seither ist Dienstag ihr Tour-Tag. In Wohnzimmern und Küchen repariert sie mit ihren beiden Assistentinnen Prothesen, zieht Zähne, füllt kleine Löcher. Für Finger gehört das zu ihren Pflichten als Ärztin dazu – auch wenn sie in ihrer Praxis in derselben Zeit deutlich mehr Geld verdienen könnte. Sie denke dabei auch an ihr eigenes Alter, hat sie mal gesagt: "Ich möchte auf dem Land wohnen bleiben. Und hoffe, dass mich dann auch jemand versorgt."

Gloria Boateng: Bildung als Heimat

Frank-Walter Steinmeier: Gloria Boateng
Gloria Boateng
© Miguel Ferraz Fotografie / PR

Dass Gloria Boateng einmal Lehrerin werden würde, war alles andere als wahrscheinlich. Vor 43 Jahren kam sie in einem kleinen Dorf in Ghana zur Welt, die Mutter war selbst noch ein Teenager. Bis sie zehn war, wurde Gloria zwischen verschiedenen Verwandten hin- und hergeschoben, zur Schule ging sie kaum.

Schließlich holte der Großvater, der damals in Hamburg lebte, sie nach Deutschland. Doch schon ein Jahr später starb er – und Gloria Boateng landete bei einer Pflegefamilie in Schleswig-Holstein. Es war hart für sie, wegen ihrer Hautfarbe wurde sie von ihren Mitschüler:innen rassistisch angegriffen, einmal prügelten drei junge Männer sie auf dem Schulweg krankenhausreif. Auch deshalb floh sie mit 18 zurück nach Hamburg, lebte dort in ihrer ersten eigenen Wohnung. Trotz aller Schwierigkeiten und obwohl sie kurz vor den Prüfungen schwanger wurde, machte sie ihr Abitur. Auch dank einiger Menschen, die fest an sie glaubten und sie dazu ermutigten, nicht aufzugeben. Gloria Boateng ist ihnen noch heute dankbar. Ihre Bücher, die Schule, später ihr Studium, das sie unter anderem über ein Stipendium finanzierte – all das bot ihr das Zuhause, das sie als Kind nie gehabt hatte.

Mit 29 – inzwischen studierte sie in Hamburg Deutsch und Technik auf Lehramt und zog allein ihre Tochter groß – gründete sie deshalb mit anderen Studierenden den Verein SchlauFox, um Kinder und Jugendliche, deren Leben ähnlich schwierig verläuft wie einst ihres, zu unterstützen. Erst gab es nur ein Ferienprogramm für Kinder, deren Eltern nicht mit ihnen verreisen konnten, viele von ihnen alleinerziehend. Heute umfasst SchlauFox sechs Programme – vom Coaching für Risikoschüler:innen, über Kochkurse in Grundschulen bis zum Bildungsmentoring für geflüchtete Jugendliche. Mehr als 4.000 Kinder und Jugendliche wurden so schon mit der Hilfe Hunderter Ehrenamtlicher gefördert, der Verein wurde mit Ehrungen überhäuft – unter anderem bekam Gloria Boateng 2019 dafür das Bundesverdienstkreuz.

Ihr sei nun mal wichtig, "mein bisschen an Lebenszeit sinnvoll zu nutzen", sagte Boateng, die neben ihrem Engagement für SchlauFox als Lehrerin an einer Hamburger Stadtteilschule arbeitet, einmal im Gespräch mit der "taz". Es sei sehr bereichernd, jungen Menschen die Lust am Lernen zu vermitteln. Vor allem aber sei es unglaublich wichtig: "Wer sie früh verliert, verliert sie womöglich für immer."

Camilla Rothe: Die Warnerin

Frank-Walter Steinmeier: Camilla Rothe
Camilla Rothe
© LMU / PR

Wenn in einigen Jahren die ersten Bücher über die wilden Wochen im Januar 2020 erscheinen werden, als das Coronavirus sich weltweit ausbreitete und auch Deutschland erreichte, wird ein Name darin sicher nicht fehlen – der von Camilla Rothe, Leiterin der Ambulanz für Tropen- und Reisemedizin am Münchner Universitätsklinikum.

Die heute 48-Jährige war damals nicht nur die Erste, die einen Menschen in Deutschland positiv auf das neue Virus testete. Sie war auch die Erste, die kurz darauf in einem Fachmagazin warnte, dass auch symptomfreie Infizierte ansteckend sein können – ein spektakulärer Bruch mit der damals gängigen Lehrmeinung. Denn die ging davon aus: Der neue Erreger wird nur von Schwerkranken übertragen, ähnlich wie das erste SARS-Virus. Man dachte, es sei den Menschen anzusehen, wenn sie ansteckend sind.

Camilla Rothes Patient dagegen hatte ihr erzählt, die Frau, die ihn infiziert hatte, habe weder Schnupfen noch Husten gehabt und auch sonst keine Symptome gezeigt. Rothe war klar: Hatte der Mann recht, wären viel aufwendigere Schutzmaßnahmen nötig. Denn dann müssten sich alle schützen, nicht nur die, die mit offensichtlich Kranken zu tun hatten.

Die Resonanz auf ihren Artikel war überwältigend – aber anders als gedacht: Rothe wurde von der Fachwelt monatelang nicht ernst genommen. Viele Forschende zweifelten an, dass die infizierte Frau wirklich symptomfrei gewesen war. Währenddessen feierten Tausende Menschen Karneval und lagen sich beim Après-Ski in den Armen.

Erst als immer mehr Artikel mit ähnlichen Ergebnissen erschienen, passten die Behörden weltweit ihre Regelwerke an. Ende April 2020 wurde in Deutschland eine Maskenpflicht eingeführt. Fünf Monate später kürte das "Time Magazine" Camilla Rothe zu einem der "100 einflussreichsten Menschen des Jahres". "Hätte man ihr früher zugehört", hieß es dort, "hätten mehr Ansteckungen verhindert werden können."

Groll gegen die zögerlichen Behörden hegt Camilla Rothe trotzdem bis heute nicht. Der "enorme Hygienesprung", den Deutschland wegen der Corona-Krise gemacht habe, die Tatsache, dass die Menschen nun eher zu Hause blieben, wenn sie sich krank fühlten, dass sie sich öfter die Hände wuschen oder dass man in Bussen und Bahnen Masken trage – all das sei in jedem Fall ein Gewinn.

Schließlich, davon ist die Medizinerin überzeugt, wird Corona nicht die letzte gefährliche Infektionskrankheit sein, mit der es die Deutschen in den nächsten Jahren zu tun bekommen

Frauen vorschlagen – so geht’s!

Wie kann ich jemanden vorschlagen?

Auf bundespraesident.de/ordensanregungen gibt es das entsprechende Formular. Herunterladen, ausfüllen und schicken an: Bundespräsidialamt, Ordenskanzlei, 11010 Berlin oder an die Staats- bzw. Senatskanzlei des Bundeslandes, in dem die vorgeschlagene Person wohnt. Bei ausländischen Staatsangehörigen und Menschen, die im Ausland leben, geht der Vorschlag ans Auswärtige Amt.

Wen kann ich vorschlagen?

Einzelpersonen, die einen herausragenden Beitrag für das Gemeinwesen erbracht haben, insbesondere durch eine ehrenamtliche Tätigkeit. Keine Gruppen.

Was passiert dann?

Die Ordensanregung wird geprüft – in der Regel in dem Bundesland, in dem die vorgeschlagene Person wohnt. Die Regierungschef:innen der Länder legen dem Bundespräsidenten dann die Vorschläge vor, die die Prüfkriterien erfüllen.

Wer händigt die Orden aus?

Meist die Regierungschef:innen der Länder bzw. Bürgermeister:innen der Kommunen, in denen die Geehrten wohnen. Zu besonderen Anlässen überreicht der Bundespräsident die Orden.

Brigitte

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