Familienministerin Franziska Giffey: "Ich bin keine Freundin des halb leeren Glases"

Bis März war Franziska Giffey Bürgermeisterin des Berliner Problembezirks Neukölln. Sie kennt sich aus mit harten sozialen Themen und redet Klartext. Jetzt ist sie Familienministerin – und bringt einen neuen Politikstil mit.

Franziska Giffey - von der Bezirksbürgermeisterin in die Bundespolitik

Eine Woche war sie im Amt, da hat Franziska Giffey zu ihren Mitarbeitern im Familienministerium gesagt: "Leute, ich muss auch raus." Nicht, weil ihr die Arbeit zu viel wurde - vielstündiges Aktenstudium und Arbeitszeiten, die ihr nur vier, fünf Stunden Schlaf lassen, sind für sie nicht das Problem. Sondern weil ihr Inspiration fehlte. Nach einer Woche im Berliner Polit-Betrieb wollte Franziska Giffey zurück auf die Straße.

Franziska Giffey gilt im Kabinett von Angela Merkel als die spannendste Personalie. Sie hat keine Ochsentour durch Partei und Landespolitik hinter sich, sondern ist als Bezirksbürgermeisterin direkt aus dem Rathaus Neukölln in die Bundespolitik aufgestiegen. Sie ist ein Talent, das man entdeckt hat.

Dass sie jung und Frau und ostdeutsch ist, mag eine Rolle gespielt haben - entscheidend war es nicht. Entscheidend ist, dass Giffey einen Politikstil mitbringt, der einige Antworten auf die Demokratiemüdigkeit im Land bereithält, zumindest dort, wo sie mit der Abgehobenheit und Bürgerferne der Politiker zu tun hat. 

Sie ist gefühlvoll - und trotzdem durchsetzungsstark

Giffey drückt sich nicht vor klaren Aussagen, wenn das Eis dünn wird. Migration, Bildungsferne, Clan-Kriminalität, das sind Themen, mit denen sie in Berlins Problembezirk Neukölln 16 Jahre lang jeden Tag zu tun hatte. Giffey, das sind Gefühl und Härte - eine große Nähe zum Alltag der Menschen und eine strenge Klarheit im Umgang mit Regelverstößen.

Wer was erreichen will in diesem Land, den holt sie ab, egal welches Milieu, wie mies die Ausgangslage. Wer aber gegen Gesetze verstößt, und seien es nur Ordnungswidrigkeiten, der lernt sie kennen.

Man kann ein exponiertes Amt wie das der Bundesfamilienministerin kaum pragmatischer anpacken, als Giffey es in diesen Tagen tut. Wenn man mit ihr spricht, sie begleitet, dann spürt man, dass sie darauf brennt, loszulegen. Sie will Zeichen setzen. Zeigen, dass Politik, gerade auch Familienpolitik kein Bündel theoretischer Maßnahmen ist, sondern lebendig wird, wenn man sie von ihrer Wirkung her denkt. Politik läuft für sie von unten nach oben. 

In Neukölln hat sie im Jahr 500 Außentermine absolviert, sie war auf Streife mit dem Ordnungsdienst, Müllsünder verwarnen, oder zum Praxischeck im Bürgeramt, hören, warum da die Schlangen so lang sind. "Was ich da erlebt habe, war immer sehr hilfreich für die Entscheidungen später", sagt sie, beim Gespräch in ihrem Büro im Familienministerium. "Das muss doch hier auch gelten: dass man Dinge aus dem ableitet, was man vor Ort sieht." Sie sagt es mit der ihr leisen, weichen Stimme, in einem Tonfall, der immer klingt, als würde ein Lächeln mitschwingen, auch wenn sie berlinert, was sie tut, wenn sie frei heraus erzählt. Franziska Giffey ist auf eine Weise freundlich, die mühelos wirkt und auf eine grundsätzliche Art optimistisch. "Ich bin keine Freundin des halb leeren Glases", sagt sie. 

"Ich will, dass ihr es schafft", sagt sie zu den Jungs

Ihre Zugewandtheit verblüht, weil sie in dieser Art im Berliner Betrieb so selten ist. Sie erreicht damit sogar Kreuzberger Jungs, die sich am Boys’ Day, an dem Jungen typische Mädchenberufe erkunden sollen, in einem Jugendclub über den Beruf des Erziehers informieren. Die Jungs giggeln, spielen mit den Handys, die Mädchenberufe-Sache ist den meisten im Grunde ihrer pubertierenden Herzen peinlich. Doch Franziska Giffey, deren Ministerium den Boys’ Day fördert, strahlt beim Besuch, gibt jedem die Hand, fragt, was jeder werden will.

"Ich bin viele Jahre in Neukölln unterwegs gewesen, ich weiß, dass es oft nicht einfach ist für Jungs. Wichtig ist, dass ihr was findet, das euch wirklich Spaß macht", sagt sie, so empathisch, dass sie dabei die Hand auf ihr Herz legt, als gäbe es nur diesen einen Moment, um diese Jungs zu erreichen. "Ich glaube ganz fest, dass, wenn ihr an euch glaubt, ihr es schaffen werdet. Ich will, dass ihr es schafft." Die Jungs hören zu. "Ganz gut" sei die, sagen sie beim Rausgehen. 

Trotz ihres Wohlwollens macht sich Franziska Giffey nicht gemein; schon die Art, wie sie sich kleidet, verwahrt sich jeder Kumpanei. Die Etuikleider und Kostüme, die hochgesteckten Haare, die angesichts ihres Alters und ihrer Partei ungewöhnlich konservativ wirken - ihr Stil scheint das Aufgeräumte, Entschlossene ihrer inneren Haltung zu spiegeln. Er fordert Respekt ein.

Das half ihr auf dem Neuköllner Kiez. Und es hilft als Frau, die, wie sie selbst sagt, gern mal unterschätzt wird. Nun wird sie nach bundespolitischen Maßstäben gemessen, nach Gesetzesvorlagen, für die sie Mehrheiten organisieren muss, nach ihrem Standing in der Bundes-SPD, auch wenn sie sich fest vorgenommen hat: "Ich werde mich nicht beteiligen an irgendwelchen Auseinandersetzungen parteipolitischer Art. Die Arbeit hier ist wichtig", sagt sie, "dass wir da was umgesetzt kriegen, was auch vor Ort ankommt." 

Die drei Leitfäden ihrer politischen Ziele

Dafür hat sie ihre politischen Ziele auf drei Leitideen reduziert, in die man, wie sie sagt, alle 150 Vorhaben des Familienministeriums einordnen kann. "Wenn wir es schaffen, dass viele Leute wissen: Giffey - die hat doch irgendwas Gutes für Kinder und Erzieher gemacht, dann sind wir schon super." "Wir arbeiten, damit es jedes Kind packt", lautet einer dieser Kernsätze; darunter fällt die verbesserte Frühförderung - "Gute-Kita-Gesetz" nennt sie das, so eingängig formuliert, wie es geht. 

Der zweite heißt "Kümmern um die Kümmerer", sie will den Beruf der Erzieher und Pfleger aufwerten und für bessere Bezahlung sorgen, die Ausbildung, die an vielen Pflegeschulen kostenpflichtig ist, gegebenenfalls auch mit Mitteln des Bundes fördern.

"Da muss eine gesellschaftliche Debatte her", sagt sie. "Wir haben 5,7 Millionen Menschen in sozialen Berufen, 80 Prozent sind Frauen - das ist auch ein Gleichstellungsthema." Sie hat gleich zu Beginn ihrer Amtszeit die Präsidenten der Wohlfahrtsverbände zu sich ins Ministerium eingeladen, "alle haben wohlwollend genickt. Jetzt müssen wir dahin kommen, dass sich auch was verändert", sagt sie. 

Und, dritte Leitidee: "Frauen können alles" - gleichen Lohn beziehen, sich aus Gewalt befreien, in die Führungsetagen einziehen, zur Not mit einem Bußgeld und öffentlicher Anprangerung der Firmen, die nicht mal melden, wie viele Frauen nach oben zu lassen sie planen, wozu sie gesetzlich verpflichtet sind. "Da ändert sich nur was mit Druck", sagt Giffey.

Ein Herzstück ihrer Frauenpolitik ist die Gewaltprävention, sie will mehr Plätze in Zufluchtswohnungen und Frauenhäusern schaffen, ein Aktionsprogramm von Bund und Ländern anstoßen. Auch hier spürt man die Neuköllner Erfahrung, die "soziale Brennpunktperspektive", wie sie es nennt.

Darin liegt ein kleiner Paradigmenwechsel, denn Giffey denkt ihre Politik nicht von der bürgerlichen Mitte her, wie einige ihrer Vorgängerinnen, sondern für alle Frauen. Viele Programme des Ministeriums kennt sie aus der Praxis, "ich weiß, was funktioniert und was nicht. Das hilft mir hier sehr", sagt sie. Deshalb hat sie im Ministerium jede Woche einen Praxistag vor Ort verabredet. 

Ein Aufstieg aus eigener Kraft

Giffeys Biografie ist eine Mischung aus Fügungen und einer Karriere, hinter der harte Arbeit steckt und der Ehrgeiz, stets für den nächsten Schritt bereit zu sein. Es ist ein Aufstieg aus eigener Kraft; Giffeys Mutter ist Buchhalterin, der Vater Kfz-Meister, sie wurde in einem Dorf bei Fürstenwalde groß.

Als die Mauer fiel, verloren die Eltern ihre Arbeit. "Sie haben sich dann durchgebissen", sagt sie, der Vater fing in einem Autohaus an, die Mutter lernte Buchhaltung nach Weststandard. Später eröffnete ihr Bruder eine eigene Werkstatt, in der die Eltern mitarbeiten, "ein Familienbetrieb", sagt sie. "Wenn ich wissen will, was so los ist, höre ich mir an, was die Leute in der Werkstatt reden." 

Sie machte ein Einser-Abitur, studierte in Berlin Englisch und Französisch auf Lehramt, bis ihr die Ärzte sagten, ihre Stimme sei zu schwach, um sich in einer Schulklasse durchzusetzen. Ein Schock, "Lehrerin war mein Traumberuf", sagt sie. Sie schaute sich andere Studiengänge an, BWL, VWL, Jura, Soziologie, studierte dann Verwaltungswirtschaft, "weil das all diese Fächer beinhaltete".

Mit dem Abschluss war eine Anstellung in einer Berliner Behörde verbunden, sie ging nach Köpenick, bewarb sich dann 2002 als Europabeauftragte in Neukölln, "ich war gerade zur Tür raus", sagt sie, "da kam der Anruf: Sie sind es." Ihr Job war es, EU-Fördergeld für soziale Projekte nach Neukölln zu holen, Integration, Jugend, Frauen. Bei den Förderanträgen lernte sie viel über die sozialen Schieflagen im Bezirk. 

80 Wochenstunden - und wenig Zeit für Familie

"Ich habe dann gedacht: Verwaltung ist okay. Aber wenn du was verändern willst, musst du dich auch politisch engagieren." 2007 trat sie in die SPD Neukölln ein, wurde Kassenwartin, weil niemand sonst den Job wollte, dann Schulstadträtin, zuständig für 60 Schulen.

Giffey, verheiratet mit einem Amtsveterinär, bekam einen Sohn und schrieb nebenbei ihre Doktorarbeit; weil das Kind vier Tage zu früh kam, schaffte sie die letzten 20 Seiten erst hinterher, das erwähnt sie noch heute, wie einen kleinen Querschläger in dem ansonsten straffen Lebensplan. Neun wird ihr Sohn im Sommer. So oft sie kann frühstückt sie mit ihm und bringt ihn zur Schule, einmal die Woche holt sie ihn selber aus der Hortbetreuung ab. Ansonsten bleibt bei 80 Wochenstunden für die Familie nicht allzu viel Zeit. 

"Irgendwann muss man mal wieder mehr schlafen", sagt sie, "aber ich bin da aus Neuköllner Zeiten gut trainiert." Neukölln, das sind 330 000 Menschen, fast die Hälfte mit Migrationsgeschichte, fast jeder fünfte Schüler geht ohne Abschluss von der Schule.

Franziska Giffey übernahm das Amt der Bürgermeisterin 2015, sie kümmerte sich um verrottende Schultoiletten, um Frauen, die zwangsverheiratet werden sollten, drohte Eltern, die ihre Kinder nicht zum Schwimmunterricht ließen, Bußgeld an und schickte klare Signale an die mächtigen Clan-Chefs im Viertel, indem sie für sie eigens einen Staatsanwalt ins Amtsgericht holte. Man konnte sie sogar zu sich nach Hause einladen, zum Plaudern bei Kaffee und Kuchen. 

Was Franziska Giffey mit Angela Merkel verbindet

Bürgernähe, für die meisten Politiker die Hölle, ist für sie ein Elixier. So wurde auch Angela Merkel auf sie aufmerksam, 2015, beim Besuch einer Neuköllner Schule. "Ich habe ihr erklärt, was wir vor Ort jeden Tag erleben. Das fand sie total spannend. Sie lud mich zu sich ins Büro ein, im November 2015, ich habe ihr erzählt, wie wir die Flüchtlinge unterbringen, wie wir Turnhallen frei räumen, die ganzen praktischen Sachen. 

Ich bin hier schon ein bisschen Exot. Aber macht ja nichts

Das war sehr gut, sie war sehr interessiert." Einiges verbindet Merkel und Giffey - der Aufstieg ohne Lobby, der Pragmatismus, die ostdeutsche Herkunft.

Und ein Moment im März, nach der ersten Sitzung des gerade neu vereidigten Kabinetts. Fast alle Minister hatten den Saal verlassen, nur Giffey stand noch da, am Fenster, blickte auf den Tiergarten, den Potsdamer Platz, dort, wo mal die Mauer gewesen war.

Angela Merkel trat neben sie, sagte: "Schöne Aussicht, oder?", und Franziska Giffey hatte das Gefühl, dass Merkel genau nachvollziehen konnte, was in ihr vorging. "Dieser Moment", sagt Franziska Giffey, "in diesem Kabinettssaal zu stehen, mit meiner ostdeutschen Anfangsbiografie, das war für mich unglaublich. Sehr berührend und sehr schön." 

Eine "Exotin" - sie ist die einzige ostdeutsche Ministerin im Kabinett 

Dass es für die Ostdeutschen eine Rolle spielt, dass sie im neuen Kabinett vertreten ist, als einzige ostdeutsche Ministerin, hat sie gemerkt, als sie am Abend vor der Bekanntgabe ihrer Personalie das Büro von SPD-Chefin Andrea Nahles verließ. Da fragte sie der Pförtner, ob man gratulieren könne, und als Giffey das andeutungsweise bestätigte, freute er sich sichtlich. "Er sagte: ´Toll, eine von uns, ich komme aus Weißensee!` Das ist mir dann noch x-mal begegnet", sagt Giffey.

Der Abschied aus Neukölln ist ihr dennoch schwergefallen. "Nicht wegen der Höhe des Schrittes, den ich mache. Sondern der Gedanke war: Kann ich hier einfach weggehen? Ich habe doch Verantwortung übernommen." Sie fragte ihren Vater um Rat, der sagte: Wenn du an die Verantwortung für Deutschland und die SPD denkst, dann musst du das machen. Dass die Neuköllner hinterher sagten: "Wir sind Minister!", freut sie noch immer. "Ich bin hier schon ein bisschen Exot", sagt Franziska Giffey. Dann lacht sie. "Aber macht ja nichts."

Franziska Giffey, 1978 in Frankfurt/Oder geboren, studierte Verwaltungswirtschaft und war von 2002 bis 2010 Europabeauftragte des Bezirks Neukölln; nebenbei promovierte sie in Politikwissenschaft. 2007 trat sie in die SPD ein. Bis 2015 war sie Schulstadträtin in Neukölln, dann Bürgermeisterin und machte durch ihren bürgernahen Stil auf sich aufmerksam. Seit März ist sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie ist seit zehn Jahren mit einem Amtsveterinär verheiratet, lebt in Berlin und hat einen Sohn. Wenn sie sich etwas gönnen will, dann geht sie schwimmen.

Am 27. September in Essen: Franziska Giffey ist Schirmherrin des BRIGITTE-Symposiums

Treffen Sie die Familien- und Frauenministerin persönlich: Franziska Giffey eröffnet als Schirmherrin das große BRIGITTE-Symposium "Mein Leben, mein Job und ich" im Colosseum Theater in Essen. Der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht spricht darüber, wie die Digitalisierung unsere Arbeitswelt und unser Leben verändert. Weitere Speaker: Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy, Unternehmerin Tijen Onaran, BRIGITTE-Finanzexpertin Helma Sick, Moderatorin und Autorin Lisa Ortgies und der BRIGITTE-Kolumnist und Psychologe Oskar Holzberg. Gründerinnen erzählen, was sie antreibt, Coaches, Job-Expertinnen und Rednerinnen der Amazon Academy geben Tipps und Impulse.

Wann: Donnerstag, 27. September 2018, 9 Uhr 

Wo: im Colosseum Theater, Altendorfer Str. 1, 45127 Essen 

Eintritt: 199 Euro für Abonnentinnen, 299 Euro regulär

Mehr Infos und Anmeldung: www.brigitte.de/academy

Brigitte 14/2018

Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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