Frauen in Kuba: Gesichter des Wandels

Wie fühlt es sich an, wenn plötzlich alles anders ist? Ein Besuch bei den jungen Frauen Kubas, die mit Fidel Castro großgeworden sind und jetzt vor einer Zukunft ohne ihn stehen.

Yuneiko sitzt am Treffpunkt der Homosexuellen Havannas und redet über erotische Experimente. Ihr knappes Top ist weiß, der Rand um ihre Lippen schwarz, die Röhrenjeans wirft Falten über ihren mageren Beinen. Yuneiko ist 30. Samstagnacht an der Ecke Calle G und La Rampa kennt und küsst sie alle. Und wen sie nicht kennt, so wie uns, von dem will sie erst mal die sexuellen Vorlieben und Wünsche wissen. Hier, im schwachen Licht von Kubas Hauptstadt, das nur aus Autoscheinwerfern, Essensbuden und Bars kommt, hat sich ein Fenster aufgetan. Geächtet waren die Homosexuellen in Kuba, die Szene traf sich versteckt. Seit Mariela Espín Castro, Direktorin des Nationalen Instituts für Sexualerziehung und Tochter des Präsidenten Raúl Castro, sich in den letzten Jahren für ihre Rechte einsetzt, trauen sie sich auf die Straße. Hier tragen sie ihre Sexualität wie die Insignie einer neuen Freiheit vor sich her.

Und noch mehr Fenster sollen aufgehen. Raúl Castro, der am 24. Februar zum offiziellen Präsidenten Kubas wurde, redet viel vom Wandel. Er hat einiges umgesetzt, was unter seinem Bruder Fidel Castro als undenkbar galt: Kubaner dürfen jetzt zum Beispiel Computer, Handys und DVD-Spieler besitzen, und sie dürfen in Hotels und an Strände gehen, die früher Touristen vorbehalten waren. Die Einheitslöhne sollen abgeschafft und Arbeit soll künftig nach Leistung bezahlt werden. Im Fernsehen laufen die US-Serien "Grey's Anatomy" und "Lost". Portionsweise wird Kritik zugelassen, etwa in Form von Leserbriefen in der Parteizeitung "Granma". Aber spüren die Kubaner den Wandel auch?

Darüber möchte Yuneiko nicht reden. Sie hat es auf einmal eilig, steht auf, zieht das Top über dem Tattoo auf ihrem Bauch glatt und sagt zum Abschied, samstags sei sie immer hier und offen für sexuelle Fantasien. Aber so ein Gespräch sei ihr zu heikel. Die eben noch so sorglose Yuneiko wirkt jetzt verunsichert.

Mit jedem Fenster eröffnen sich Freiheiten, und viele junge Kubaner leben sie auch aus. Aber noch ist eine Mauer dazwischen, die sich niemand einzureißen traut. Yuneiko gehört der Generation an, die Fidel Castro und Raúl Castro überleben wird und vor der großen Frage steht, was dann kommt. Die berühmten Gesichter der Karibikinsel gehören bisher männlichen Revolutionären und den Musikern vom Buena Vista Social Club. Wir haben junge Frauen getroffen, die die Gesichter des Wandels werden könnten.

Iliam, 30, möchte Filme drehen. Ideen hat sie genug, Geld nicht. Sie hofft auf mehr Freiheiten, denn sie will in Kuba bleiben und arbeiten.

In einem kleinen Haus an einer von Schlaglöchern zerfurchten Straße im Wohnviertel Marianao arbeitet Iliam Suárez an einem Film mit dem Titel "Desconectados", die Unverbundenen. Iliam ist 30, und bisher arbeitet sie vor allem mit ihrem Kopf. "In dem Film geht es darum, wie müde wir alle sind", sagt sie leise aus ihrem gefleckten grünen Sessel. Neben ihr wirbelt ein rostiger Ventilator die schwüle Luft auf. In Iliams schwarzen Haaren schimmert ein Rest von Grünfärbung, im Nasenflügel sitzt ein kleiner silberner Knopf, zwischen den Vorderzähnen wird eine schmale Lücke sichtbar, wenn sie lacht.

Sie hätte es leicht haben können. Ihr hübsches Gesicht war beim Fernsehen gefragt, sie spielte in Filmen mit, wurde auf der Straße erkannt. Irgendwann wollte sie nicht mehr, wollte sich nicht auf den fünf kubanischen Fernsehkanälen mit den Gesichtern der Revolution recyceln lassen, "bis einen keiner mehr sehen kann". Sie konzentrierte sich aufs Theater, aber da hat die alte Generation das Sagen. Jetzt arbeitet sie ab und zu als freie Schauspielerin, bewohnt ihr Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern, hat den Kopf voller Ideen, aber kein Geld, sie umzusetzen. Sie bräuchte Zugang zu ausländischer Filmförderung, aber der scheitert schon daran, dass sie so gut wie nie im Internet ist. Kaum jemand kann sich einen Computer leisten, und es gibt nur wenige Internetcafés. Surfen ist sehr teuer und langsam, und manche regimekritische Seite öffnet sich gar nicht. "Da ist eine Mauer, die ich noch nicht durchbrechen kann", sagt Iliam. Sie hat sich ihr Fenster selbst gesucht, sie kriegt es nur noch nicht auf.

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Für ihren Film will sie Menschen befragen, was sich ihrer Ansicht nach ändern müsste in Kuba, möchte "durch alle Schichten der Müdigkeit gehen". Aus dieser Dokumentation will sie einen Spielfilm entwickeln, an dessen Ende - plötzlich springt sie auf, reckt den Finger in die Luft und lacht spöttisch - "ich versuche, auf all das eine Antwort zu geben".

Raúl Castros Antworten sind für sie keine. Seine Reformen bestehen bisher vor allem aus ein paar mehr Waren in den Läden - die Iliam sich nicht leisten kann. Wenn sie am Theater arbeitet, verdient sie rund 24 konvertible Pesos im Monat. Das entspricht einem Menü in einem Hotelrestaurant, acht Dosen Tunfisch oder 24 Handy-Nachrichten. Raúl Castro hat kürzlich gesagt, dass im Staatshaushalt auch in absehbarer Zukunft wohl kein Geld dafür da sein wird, um die Gehälter zu erhöhen. Die Kaufkraft ist unter anderem deshalb so niedrig, weil es zwei parallele Währungen gibt. Die staatlichen Gehälter werden in kubanischen Pesos bezahlt. Doch so gut wie alles, was nicht frisch vom Bauern kommt, kostet konvertible Pesos. Die sind an den US-Dollar gebunden und rund 24-mal mehr wert.

Maribel, 38, ist ein Überlebenstyp. Sie hat gelernt, sich zu nehmen, was sie braucht - und sich durchs System zu mogeln, wo es nötig ist.

Maribel Apanachy hat seit fünf Jahren ein Handy, "von einem deutschen Freund". Ein Auto hat sie gerade verkauft, es war ein Polski Fiat, 25 Jahre alt, und sie hat 3500 Dollar dafür bekommen. Woher sie das hatte, wo doch kaum jemand ein eigenes Auto besitzt? Die Frage wischt sie mit einem vagen "Business" beiseite. Sie beherrscht, was Iliam nicht interessiert: "improvisar y inventar", improvisieren und erfinden. Das entscheidet im Dschungel der kubanischen Widersprüche über Haben und Nichthaben.

Außerdem hat sie, was ihr harte Währung bringt: Freunde in den USA, Mexiko, Europa - Maribel Apanachy ist schon viel gereist, und sie hat sich noch nie durch Verbote von den Touristen fernhalten lassen. Sie stellt eine Platte mit Langusten auf den Tisch ihres überdachten Balkons im Stadtteil Playa, dazu gibt es Reis und Kochbananen. Maribel ist 38 und überlässt es nicht mehr dem System und der Zeit, wann sich in ihrem Leben etwas tut. Sie hat gelernt, oben zu schwimmen. Der Vater ihrer zwölfjährigen Tochter zahlt keinen Peso, auch um ihre alte Mutter kümmert sie sich allein. Und wenn es sein muss, hintergeht sie das System - denn "das System will es nicht anders".

Die Ketten und Ohrringe aus Plastikperlen und Muscheln, die Maribel immer passend zum T-Shirt trägt, bastelt sie selbst. Tütenweise trägt sie sie zum Strand und verkauft sie an Touristen, wenn gerade keine Polizei da ist. Kleine Privatunternehmen sind nach wie vor streng limitiert und nur unter Auflagen erlaubt. Wer beispielsweise ein Zimmer für Touristen vermieten will, muss es anmelden und pro Monat 250 Dollar dafür bezahlen. Viele vermieten unter der Hand.

"Ja, wir haben jetzt mehr Freiheiten", sagt Maribel. Viele davon hat sie sich zwar schon vorher rausgenommen, aber für sie sind das Zeichen, dass sich wirklich etwas verändert. "Raúl ist sehr schlau, weil er Schritt für Schritt vorgeht." Sie glaubt an den Wandel, aber andererseits fürchtet sie, dass er zu spät kommt. Zu spät, weil viele Menschen aufgegeben haben. "Sie sind paralysiert." Zu spät auch, weil sie nicht weiß, ob sie für kleine Schritte noch die Geduld hat. Sie hat einen großen Traum: "Morgens aufzuwachen und das Meer zu sehen." Sie spart auf ein Haus am Strand und ein besseres Leben für ihre Tochter. Bis die 18 ist, gibt sie dem System noch Zeit. Wenn Kuba bis dahin keine größeren Schritte gemacht hat, "dann bin ich weg". Maribel hält sich ihr Fenster immer einen Spalt weit offen.

Rosa, 37, fürchtet den Wandel. Sie sagt, sie ist zufrieden mit dem, was sie hat. In ihrer Hütte bei Pinar del Río betreibt sie ein Nagelstudio.

Richtung Havanna-Zentrum geht es durch einen Tunnel, dann beginnt die Uferstraße Malecón, die am Meer verläuft, bis in den alten Stadtkern. Fischer stehen wie aufgefädelt an der Mauer und werfen ihre Angeln Richtung Norden, Richtung Florida, ins ungestörte Blau des Wassers. Boote gibt es hier nicht, es sei denn, sie fahren Patrouille. Der Verkehr fließt ohne Eile dahin. Nichts geht schnell auf Kuba, aber alles geht irgendwie. In den wenigen hellen Cafés im Zentrum sitzen Touristen, Kubaner sitzen überall, wo ein bisschen Schatten ist.

Im Supermarkt gibt es Wasser, Säfte, Kaffee und Rum, Mayonnaise, Schokolade und Essen in Dosen für konvertible Pesos. Für kubanische Pesos finden wir rosafarbenes Klopapier, von der Zeit gebleichte Haarspangen und Bauarbeiterhelme aus China. Die Parteizeitung "Granma" hat jeder Straßenhändler. Andere erlaubte Schriften wie die Frauenzeitschrift "Mujeres" soll es geben, in Kiosken oder Buchläden sind sie allerdings nicht zu finden. In Alt-Havanna gibt es einen Benetton-Laden, Handys und Computer-Zubehör liegen vereinzelt in dunklen Schaufenstern. Der Konsum hat gerade mal eine Zehenspitze auf diese Insel gesetzt.

150 Kilometer weiter westlich nicht mal das. Links und rechts der Landstraßen um die Stadt Pinar del Río liegen Palmenhaine, Tabakfelder, braches Land und einfache Holzhütten. Die von Rosa Diaz ist weiß gestrichen. Rosa ist 37 und lebt in einem Raum mit ihrem Sohn Daniel. Sie hat einen kleinen roten Fernseher, zwei Kochplatten und eine große Hoffnung: dass wieder jemand kommt wie Fidel. Dass alles bleibt, wie es ist. Sie teilt diese Hoffnung mit ihren Nachbarinnen, die oft bei ihr vorbeikommen, weil Rosa ihnen für drei kubanische Pesos die Fingernägel macht. Für vier malt sie die Nägel auch an. Sie teilt diese Hoffnung auch mit allen Leuten in der Gegend, die mit uns sprechen.

Es wäre einfach zu sagen: Auf dem Land haben die Menschen mehr Angst vor Veränderungen. Aber so einfach ist es nicht. Auch Studenten in Havanna denken wie Rosa. Eine Medizinstudentin erzählt uns, sie habe fast weinen müssen, als Raúl die Reformen bekannt gab, und sie hoffe, dass die großen Ideen der Revolution erhalten bleiben. Ob diese Menschen wirklich zufrieden sind oder ob sie romantisch verklären, was bisher als unveränderlich galt, ist schwer zu sagen. Vielleicht haben sie sich wirklich eingerichtet in einem Leben, das uns klein und arm erscheint - und der Wandel wirkt wie eine große Bedrohung für sie. Vielleicht steht Kuba vor Konflikten zwischen diesen Menschen und den anderen, denen die Veränderungen nicht schnell genug gehen können. Es ist nicht leicht einzuschätzen, welche Rolle die Angst spielt.

Ein bisschen klarer sieht eine, die zwei Jahre in Zürich gelebt hat, die schon ausgebürgert war und freiwillig zurückkam, eine, die sagt, sie esse kaum, sie besitze wenig, sie könne auf alles verzichten, nur auf eines nicht: zu sagen, was sie denkt. Yoani Sánchez ist 32. Sie hat sich ihr Fenster in die Freiheit selbst aus der Mauer der Verbote geschlagen. Mit ihrem Mann, dem Journalisten Reinaldo Escobar, gründete sie vor fast vier Jahren "Consensus", eine Internet- Plattform, auf der ihr Weblog "Generation Y" erscheint. "Y" steht für die vielen Y-Vornamen in dieser Generation. Sie erzählt darin aus ihrem Alltag. Von der Langeweile ihres Sohnes Teo, der die Hälfte seiner Schulzeit vom Erziehungsfernsehen unterrichtet wird, weil wegen der schlechten Gehälter keiner mehr Lehrer werden will. Von den Bezugsscheinen für rationierte Lebensmittel, die die Kubaner immer noch bekommen. Vom Schwarzmarkt, ohne den kein Tag vergeht.

Yoani, 32, ist Kubas stiller Star. Einen Preis, den sie in Spanien für ihr Weblog bekam, konnte sie nicht abholen: Ihr Visum wurde verzögert, bis es zu spät war.

Von ihrem Wohnzimmer im zwölften Stock eines Plattenbaus kann Yoani über die Dächer von Havannas Stadtteil Nuevo Vedado blicken. "Die wichtigste Veränderung", sagt sie, "ist, dass die Menschen Meinungen äußern, die sie vor zwei Jahren nie laut gesagt hätten. Meinungen, die sich auch gegen das System richten. Sie reden mit etwas weniger Angst - aber dieser Wandel geht nur langsam vorwärts." Manchmal habe auch sie Angst. "Davor, was ein großer Staat mit mir kleinem Individuum machen kann." Sie glaubt, dass ihr Telefon abgehört wird - das dauernd klingelt, seit sie für ihr Weblog den spanischen Ortega-y-Gasset-Journalistenpreis gewonnen hat und das "Time Magazine" sie auf jene Liste gehoben hat, die in Holz gerahmt in der Ecke ihres Wohnzimmers hängt: die der 100 einflussreichsten Menschen 2008.

In den USA, wo die kubanische Exilgemeinde am größten ist, hat Yoanis Blog die meisten Leser. Die Texte sind nur kurz. Wo wenige Stunden Internet einen Monatslohn fressen, ist Bloggen Luxus. Der einzige Luxus, den Yoani sich leistet. Sie weiß von anderen Bloggern, "aber wir sind alle voneinander abgeschnitten". Es gibt wenige Gruppen, die ihre Meinungen austauschen, und noch ist jede für sich. Es gibt überall Forderungen und Wünsche, aber niemanden, der sie bündelt. Yoani will dieser Jemand nicht sein, sie betont immer wieder, sie sei unpolitisch. Von Politik zu reden sei "hässlich" in ihrer Generation. Wen sie sich denn an der Spitze des Staates wünschen würde? "Bloß keinen Charismatiker! Einen, der zuhört und umsetzt, was die Menschen wirklich wollen."

Yoani schreibt in ihrem Blog auch von dem leeren Stuhl, den sie an jedem Weihnachten für ihren Freund Alfonso an den Tisch stellt. Adolfo Fernández Saínz, ein Journalist, wurde vor fünf Jahren festgenommen, zeitgleich mit 74 anderen Regimekritikern, und wegen seiner Texte zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die Frauen und Mütter der Inhaftierten, darunter Alfonsos Frau Julia Nunez Pacheco, treffen sich jeden Sonntag beim Gottesdienst in der Santa Rita an der Avenida Cinco. Danach marschieren sie auf dem Platz vor der Kirche auf und ab, ganz in Weiß gekleidet, rosafarbene Gladiolen und Kuba-Fähnchen in der Hand - die "Damas de Blanco".

Die "Damas de blanco" marschieren jeden Sonntag vor der Kirche Santa Rita - für ihre Männer und Söhne, die im Gefängnis sitzen, weil sie als Regimekritiker gelten.

Wir treffen sie vor der Kirche. Julia ist 60. Sie streicht sich mit beiden Händen über das Gesicht. "Make-up", sagt sie. "Die Reformen sind nichts als Make-up." Da stehen sie zusammen, 15 Frauen, einig darin, dass sie dem Staat erst dann glauben, dass sich wirklich etwas ändern soll, wenn ihre Männer wieder nach Hause kommen. Dass das bald passieren wird, glauben sie nicht.

"Chicas", ruft eine Frau, die sich aus einem vorbeifahrenden Auto lehnt, und schickt ein paar Durchhalteparolen hinterher. Niemand steigt aus, niemand stellt sich dazu - und auch wir sollten lieber gleich wieder gehen, denn sie seien unter ständiger Beobachtung, meinen sie. Ein Mann steht daneben und macht Fotos. Hier wird die Angst zum ersten Mal sichtbar für mich. Solidarität mit den "Damas de Blanco" ist nicht gewünscht, und durch die Dauerbeobachtung wird sie abgeschreckt.

Yari, 24, und Nono, 32, machen Hiphop-Musik - ihr Weg, ihre Meinung zu sagen. Ihr Top und die Jeans hat Nono (rechts) selbst gestaltet, auch die Graffiti an dieser Wand sind von ihr.

Aber es gibt Solidarität.Wir finden sie im Hinterhof eines der vor sich hin bröckelnden ehemals stattlichen Wohnhäuser im Stadtteil Vedado. "Venceremos", wir werden siegen, steht auf einem Aufkleber an der Tür, daneben das grimmig entschlossene Gesicht von Che Guevara. Dahinter tut sich ein dunkler Raum auf, rechts die Kochecke, links der Kühlschrank, rund und retro wie so vieles in Havanna. Dahinter das Sofa, auf das Nono und Yari sich vor der Hitze geflüchtet haben.

Nono ist 32, hat immer noch den durchtrainierten Körper der Ballerina, die sie mal war, lange Rastazöpfe und ein schüchternes Lachen. Sie wurde vor ein paar Jahren zur Graffiti- und Performance-Künstlerin. Yari ist 24, hat die krausen Haare straff zusammengebunden und Entschlossenheit im Blick. Sie schmiss ihren Job am Flughafen und wurde DJane. Niemand fand das gut, ihre Familien nicht und die Jungs nicht, in deren Domäne sie sich vorwagten: HipHop.

Die beiden gehören zur achtköpfigen Frauengruppe "Omega Kilay". "Für die Regierung ist das, was wir machen, imperialistische Musik", sagt Yari. "Die haben Angst vor unseren Texten." Sie schaltet die kleine Anlage an, dann hören wir die Mädels singen, von der Unterdrückung der Frauen, von ihrem Stolz, von den "Damas de Blanco": "Treat me like a queen and not like a beast. These are my words, we are still human beings. I have my name, my pride, don't wanna be a slave all the time..."

HipHop und Zusammenhalten, das ist ihr Fenster. Und nicht nur ihres, die weibliche Hiphop-Szene auf Kuba wächst. Dort können die Frauen Rebellinnen sein und sich den Frust von der Seele texten. Für "Omega Kilay" geht es langsam voran. Sie haben Auftritte in kleinen Locations im ganzen Land, irgendwie haben sie auch in einem Hinterhofstudio eine CD zusammengeschustert. Aber auch sie sind voneinander abgeschnitten. Denn fünf der acht Frauen leben inzwischen in Kalifornien. Sie sind emigriert, wie so viele. Zigtausende Menschen verlassen jedes Jahr die Insel.

Die Frauen, die wir getroffen haben, wollen bleiben. Sie hoffen, dass die wirtschaftlichen auch politische Freiheiten mit sich bringen. Sie alle wünschen sich, dass es wirklich Schritt für Schritt weitergeht und die ersten Reformen nicht das alte System in einer etwas anderen Verpackung erhalten sollen. Sie haben aber noch einen anderen Grund zu bleiben: "Als ich in Europa war, habe ich mich erst richtig in mein Land verliebt", so drückt Maribel Apanachy aus, was sie alle empfinden. Und es ist keine blinde Liebe, sie haben Vergleiche. Iliam war für drei Monate in Wien, Nana in Dänemark, Maribel war mehrmals in Ungarn. Sie hätten wegbleiben können, aber sie kamen zurück. Es war ihnen in jeder Hinsicht zu kalt anderswo. Sie wollen in Kuba leben, aber in einem anderen Kuba.

Von der Ecke Calle G und La Rampa Richtung Meer geht es bergab. Die Promenade ist samstagnachts voller Jugendlicher, die mit Gitarren und scheppernden Mini- Anlagen im Dunkeln sitzen. Die lichtlosen Straßenlaternen ragen geisterhaft über ihnen in den Nachthimmel. Nur für die Ampeln reicht der Strom. Die Ampel ein paar Ecken weiter allerdings hat einen Defekt. Rot heißt auch bei ihr Stopp. Wenn es weitergeht, dann leuchtet sie rot und grün. Gleichzeitig.

BRIGITTE 18/08 Text: Tinka Dippel Fotos: Bela Doka
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