Frauen und Islam: Wie leben Musliminnen in Deutschland?

Im Kampf der Kulturen stehen sie im Kreuzfeuer wie sonst kaum jemand: muslimische Frauen in Deutschland. Wir haben hauptsächlich Klischees im Kopf, aber wenig Ahnung davon, was sie wirklich beschäftigt.

Die Angst kennt viele Wege. In das Leben von Serap Çileli sprang sie eines Tages wie ein wildes Tier. Die Zwölfjährige stand in der Küche ihrer Eltern, vor ihr der Vater, in der Hand einen Stuhl, er wollte sie schlagen, weil sie den Mann, den er für sie ausgesucht hatte, nicht heiraten, sondern weiter zur Schule gehen wollte. Da warf sich die Mutter dazwischen: "Bist du verrückt", schrie sie, "denk an das Jungfernhäutchen, es könnte zerreißen!"

Kopftuch oder kein Kopftuch - doch gibt es nicht viel Wichtigeres zu besprechen?

In diesem Moment wurde Serap Çileli klar: Für ein Leben in Freiheit würde sie von nun an kämpfen müssen. Würde sie die Kraft dazu haben? Bei den Rochdis schlich sich die Angst so sanft in den Alltag, dass sie erst keiner bemerkte. Bis Emel, die Tochter, nach monatelanger Koranlektüre eines Tages erklärte, sie wolle nach dem Abitur Islamwissenschaft studieren. Da schrillten bei den Eltern die Alarmglocken: Driftete ihr Kind ab in die islamistische Szene? Wieso interessierte sich Emel plötzlich für den Islam, einer Religion, der sie zwar alle noch angehörten, die in ihrem Leben aber kaum eine Rolle mehr spielte? Würde die Tochter zur Gotteskriegerin?

Emel konnte es nicht fassen: In welcher Welt lebten ihre Eltern nur? Sie wollte doch keine Bomben legen, sondern aufklären! Verstanden sie nicht, dass Islam nicht automatisch Radikalismus und Terrorismus bedeutete? Erst nach und nach gelang es Emel, die Bedenken zu zerstreuen. Heute studiert die 25-Jährige in Nürnberg Islamische Religionslehre, Berufsziel: Islam-Lehrerin an deutschen Schulen. Ihr Leben wird auch in Zukunft ein Feldzug gegen die Klischees bleiben. Wird sie ihn gewinnen?

Serap Çileli, 42, Menschenrechtsaktivistin, bekämpft seit Jahren die gewalt gegen Frauen in muslimischen Familien

Ein Leben unter ständigem Beschuss - wie sich das wohl anfühlt? Wenn die eine Seite mit Vorurteilen und Kopftuchverboten feuert, die andere mit Gottesgeboten und Traditionen? Wenn ich um das ständige Dilemma meines Lebens weiß: Verlasse ich die eine Seite, wird mir die andere zwangsläufig zum Feind? Wie lebt man zwischen den Fronten im Kampf der Kulturen? Über die Gefühle und Gedanken der 1,6 Millionen Musliminnen in Deutschland wissen wir nur wenig.

Die Ängste und Klischees sind dafür umso stärker: 98 Prozent der Deutschen verbinden mit dem Islam Gewalt und Terror, hat das Allensbach-Institut 2006 ermittelt, 96 Prozent Rückständigkeit, 94 Prozent die Unterdrückung der Frau. Was denken und fühlen die, die wir so sehr fürchten und so engagiert bedauern? Und: Wo stehen wir eigentlich selbst?

Bis ich Serap Çileli treffen kann, die Frau, die vor 30 Jahren von ihrem Vater fast erschlagen wurde, sind mehrere Telefonate nötig. Der Terminkalender der 42-Jährigen platzt aus allen Nähten, seit der Islam zum Politikum wurde, kann sich die Autorin vor Anfragen kaum retten. Wir verabreden uns schließlich für ein Interview am Rande eines Workshops in Hessen. Sehr aufrecht und konzentriert sitzt sie dort im roten Hosenanzug in der Lobby der Veranstaltungshalle und bereitet sich auf ihren Vortrag vor. Der Titel: die Macho-Kultur in muslimischen Familien. Es ist ihr Lebensthema. Schon in ihrer Autobiografie "Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre" ging es um prügelnde Väter, schweigende Mütter und die Flucht aus Zwangsehe und Unterdrückung.

Damals, zwei Jahre vor dem 11. September, war Serap Çileli eine der Ersten, die das Schweigen über die verzweifelte Situation vieler Musliminnen in Deutschland brach. Sie wird deshalb noch heute von vielen ihrer Glaubensgenossen gemieden. Sie sagt: "Die türkisch-muslimische Kultur ist eine Kultur der Gewalt. Zu Reformen ist dort noch keiner bereit. Wir brauchen Gesetze, die die Opfer schützen."

Wer sich mit ihr über den Islam unterhält, dem läuft es kalt über den Rücken. Das Bild einer archaischen Parallelgesellschaft baut sich da auf, in der das Handeln geprägt ist von grausamen Traditionen und einem Koranverständnis, das den Männern als Rechtfertigung dient, Frauen wie Sklavinnen zu behandeln. Es ist der Islam, den Serap Çileli als Mädchen und junge Frau kennen lernte - und gegen den sie jetzt mit aller Kraft kämpft. Ehrenamtlich berät sie muslimische Mädchen, die im Urlaub in der Türkei oder in Marokko verheiratet werden sollen.

Sie hilft Frauen beim Untertauchen, wenn sie sich von ihren Männern getrennt haben und nun fürchten, für die Familienehre sterben zu müssen. Vor allem aber klagt sie an, Muslime wie Nicht-Muslime: Warum schaut ihr weg? Seht ihr nicht das Unrecht, das in eurer Mitte geschieht? Was muss passieren, damit ihr endlich aufwacht?

Die Wut kommt nach diesem Treffen wie ein Reflex: Wie können wir zulassen, dass so etwas bei uns passiert? Verraten wir damit nicht die Werte, für die wir selbst so lange gekämpft haben: Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, Freiheit und Demokratie? Wie können wir gegen Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen protestieren und gleichzeitig hinnehmen, dass die türkische Nachbarstochter sowieso nie eigenes Geld verdienen wird, weil die Eltern sie mit 14 von der Schule nehmen und an einen Cousin verheiraten werden? Hat das wirklich noch mit Toleranz und Religionsfreiheit zu tun? Ist es nicht längst Ignoranz und Rassismus?

Auch das Leben der deutschtürkischen Karate-Europameisterin Ebru Shikh Ahmad böte reichlich Stoff, um sich über die Unterdrückung von muslimischen Frauen zu empören. Da ist der Vater, der ihr mit 14 das Schwimmtraining verbot, weil er nicht wollte, dass die Tochter sich im Badeanzug zeigt. Da ist die Mutter, die nach Ebrus Heirat mit einem Nicht-Türken erklärte: "Ich habe keine Tochter mehr."

Und da sind die zahllosen Regeln und Gebote, die Ebru und ihre Schwester als junge Mädchen an die elterliche Wohnung fesselten, ihnen Ausgehen und Ausprobieren untersagten. Heute zieht Ebru Shikh Ahmad, 32, schlank, blond, in engen Röhrenjeans und auf zentimeterhohen Highheels durch die gesamte Republik und liest als Integrationsbotschafterin des Deutschen Olympischen Sportbunds auf Podiumsdiskussionen und in Expertenrunden ihren Zuhörern die Leviten. Denn auch sie ist wütend. Allerdings nicht auf die Muslime. Sondern auf die Deutschen - und ihre Vorurteile.

"Es ist wie ein böser Kreislauf", sagt sie, als ich sie in ihrer Karateschule bei Erlangen besuche. "Wenn einem immer wieder Misstrauen entgegenschlägt, wenn man sich nicht gewollt und erfolglos fühlt, dann kapselt man sich ab und schafft seine eigene Welt mit eigenen Regeln." Für unser Gespräch hat sie sich mehrere Seiten Notizen gemacht, es gibt so viel zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte ihrer Eltern: Die kamen in den 70er Jahren aus Istanbul, um hier Deutsch zu lernen und sich an der Universität beruflich weiterzubilden.

Doch dann reichte das Geld nicht mehr, sie landeten als Arbeiter in einer Fabrik. Vor allem für den Vater, einen ehemaligen Hochschullehrer, war das hart, zumal er das Gefühl hatte, von den Deutschen nicht richtig ernst genommen zu werden. "Du kommen, ich dir zeigen", sagten sie zu ihm.Glaubten sie wirklich, er könne sie sonst nicht verstehen?

Er zog sich zurück, suchte Anschluss bei der türkischen Gemeinde, einfachen Arbeitern aus Anatolien. Ihr Verständnis von Religion und Tradition wurde für ihn zum neuen Lebensinhalt, die Sorge um die Sittsamkeit der Töchter zum obersten Ziel und zum Bollwerk gegen die Enttäuschungen, die vor der Tür der kleinen Reutlinger Wohnung auf ihn warteten. Mit dem Islam habe die väterliche Strenge nur wenig zu tun gehabt, sagt Ebru Shikh Ahmad. Das klarzustellen ist ihr wichtig. Denn nichts regt sie mehr auf als das Klischee, die muslimische Frau werde per se unterdrückt, unters Kopftuch geprügelt und vorzeitig von der Schule genommen. "Wer das behauptet", sagt sie, "sollte sich erst mal über diese Religion informieren."

Ebru Shikh Ahmad, 32, Karatelehrerin und Integrationsbotschafterin, hat das Klischee vom frauenfeindlichen Islam endgültig satt

Sie selbst habe sich hier nie verhüllt, ihre Eltern seien sehr liebevoll gewesen, auf Bildung habe man großen Wert gelegt. Schließlich gebiete das schon der Koran. Die Einzige, die ihr jemals den Zugang dazu verwehren wollte, sei die Grundschullehrerin gewesen, die ihr trotz guter Noten keine Empfehlung fürs Gymnasium geben wollte. "Was willst du mit dem Abitur?", wurde sie damals gefragt. "Du gehst später doch sowieso zurück in die Türkei und wirst verheiratet!"

Als ich mich von Ebru Shikh Ahmad verabschiedet habe, lässt mich eine Frage nicht los: Kann Meinung scharf wie Munition wirken? Wie würde ich mich unter lauter Buddhisten fühlen, die mir ständig unter die Nase binden, wie rückständig und dogmatisch das Christentum sei? Oder die - wie der niederländische Abgeordnete Geert Wilders - Propagandafilme ins Internet stellen, die meine Religion mit Terrorismus gleichsetzen? Wie würde ich in einem fremden Land reagieren, wenn dortige Politiker im Wahlkampftaumel eine Kampagne gegen "zu viele kriminelle Ausländer" starten? Oder wenn allein mein deutscher Name Personalchefs davon abhalten würde, mich zum Vorstellungsgespräch einzuladen?

Andererseits: Ist es nicht naiv zu glauben, man müsse nur offen aufeinander zugehen, und alles würde gut? Was ist, wenn der türkische Ministerpräsident seinen in Deutschland lebenden Landsleuten in der Kölnarena predigt, jegliche Assimilierung an die Kultur des Gastlandes sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit"? Muss denn nicht auch die andere Seite zum Austausch und zu Zugeständnissen bereit sein? Was ist, wenn keiner sich traut, dabei den ersten Schritt zu machen?

Den Mut dazu haben nicht viele. Emel Abidin-Algan brauchte 30 Jahre, um ihn zu finden. Heute ist sie überzeugt: Der Schlüssel zum Frieden zwischen den Religionen liegt in den Fragen. An sich selbst und die anderen. Nur durch sie kann das Fremde vertraut, die Angst besiegt werden. Und man darf sich nicht beirren lassen, wenn sie erst keiner hören will. Ich treffe die 47-Jährige in ihrer Wohnung in Kreuzberg.

Emel Abidin-Algan, 47, Kommunikationsberaterin, legte nach 30 Jahren ihr Kopftuch ab. Von Kopftuchverboten hält sie trotzdem nichts

Die Wände sind tapeziert mit Landkarten, Gedichten und einem Foto von Pippi Langstrumpf, es gibt Tee und türkische Süßigkeiten. In den letzten fünf Jahren hat die kleine Frau mit den dunklen Locken fast alle Sünden begangen, die man als strenggläubige Muslimin begehen kann: Sie hat fremde Männer berührt und den eigenen verlassen, sie hat ihr Kopftuch abgelegt und enge Blusen angezogen, sie hat sich geschminkt und auf einer Berliner Theaterbühne über ihre platonische Liebe zu einem verheirateten Mann gesprochen.

Das pikante Detail dabei: Emel Abidin-Algan ist die Tochter des Gründers der deutschen Sektion von Milli Görüs, einer Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, weil sie die Scharia, das islamische Recht, einführen will. Jahrzehntelang führte Emel Abidin-Algan ein Leben als Vorzeige-Muslimin mit arrangierter Ehe, sechs Kindern und einem Vorsitz im islamischen Frauenverein. Doch dann stritt Deutschland 2003 über die Kopftücher muslimischer Lehrerinnen, und sie merkte, wie sehr ihre eigene Verhüllung die Diskussion mit den Nicht-Muslimen erschwerte. Wieso konnte sie darauf nicht einfach verzichten, wenn sich so besser kommunizieren ließe? Die Frage ließ sich nicht abschütteln, verfolgte sie Tag und Nacht - und veränderte ihr Leben.

Auf eigene Faust durchforstete sie den Koran und stellte fest: Von einem Kopftuchgebot für Frauen ist nirgendwo die Rede. Es wurde nach Mohammeds Tod eingeführt, ist mehr Empfehlung als Befehl. Sie legte ihr Kopftuch ab. Nach 30 Jahren.

Es war kein einfacher Schritt. Nicht nur, weil sie damit ihre Umgebung schockierte und sich sogar auf Wunsch ihres beunruhigten Ehemannes von einem Teufelsaustreiber besprechen lassen musste. "Wenn du mit der Verhüllung aufgewachsen bist, empfindest du deinen Körper als Schamgegend", sagt sie, "das Ablegen des Kopftuchs ist dann wie ein Gewaltakt gegen dich selbst." Deshalb hält sie auch nichts von Kopftuchverboten oder davon, den Schwimmunterricht für muslimische Mädchen unbedingt gemeinsam mit den Jungs abzuhalten.

"Freiheit kann man nicht verordnen. Die muss sich jede selbst erlauben." Den Weg dorthin bahnten allein die Fragen, sagt sie. Wer frage, rege zum Nachdenken an. Wer nachdenke, lasse sich nicht so leicht manipulieren. "Fragt uns!", fordert sie die Nicht-Muslime auf. "Offen und neugierig: Warum tragt ihr Kopftücher? Wieso heiratet ihr den, den euer Vater für euch bestimmt? Ich wundere mich noch heute, warum niemand von mir wissen wollte, was Allah eigentlich gegen Damenfrisuren hat. Unter dem Tuch wird doch alles platt!" "Fragt euch selbst!", ruft sie die Muslime auf. "Kritisch und unerschrocken: Glauben wir an den Islam - oder nur an Traditionen? Geht es noch um Gott - oder um Politik?"

Der Islam lasse so viel Raum für moderne Auslegung, ist sie überzeugt, selbst Frauenrechte ließen sich im Koran finden. Vermitteln könnte das zum Beispiel ein moderner islamischer Religionsunterricht - wenn er denn endlich in ganz Deutschland von den Schulen angeboten würde. Auch den Nicht-Muslimen würde es nicht schaden, dort zuzuhören: "Wir können so viel voneinander lernen." Im Zug zurück nach Hamburg stelle ich mir vor, es würde tatsächlich einen Ort geben, an dem jeder den anderen fragen könnte, was er wollte, ohne Tabus.

Was würden die Muslime dann von uns wissen wollen? Vielleicht, wie es bei uns um Gleichberechtigung tatsächlich bestellt ist? Würden sie fragen, woran wir eigentlich glauben? Oder warum wir einerseits auf die Trennung von Staat und Religion pochen, uns aber andererseits als christlich geprägte Gesellschaft definieren? Hätten wir darauf Antworten? In Hamburg steigt vor mir eine Frau mit Kopftuch aus. Soll ich die Fremde wirklich fragen, was ihr Gott gegen Damenfrisuren hat? Ich tippe ihr auf die Schulter. "Entschuldigung, warum tragen Sie Kopftuch?" Sie dreht sich um, ein rundes, rosiges Friesengesicht lacht mich an. "Min Deern, wegen dem Wind!"

Text: Kristina Maroldt Fotos: Katrin Binneo, Gaby gerster/Laif, Stephan Minx BRIGITTE Heft 12/08

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt

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