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Lira Bajramaj: Glamourgirl mit Botschaft


Vom Kriegsflüchtling zur Top- Fußballerin: Lira Bajramaj ist hübsch, ehrgeizig, ein Musterbeispiel für Integration - und so gut, dass wir ganz sicher sind: Diese Frau wird der Superstar der Weltmeisterschaft.

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Frau Botschafterin trägt heute ein kurzes T-Shirt-Kleid, Leggings und kniehohe Stiefel. Ihre dunklen Locken fallen gewollt wild auf ihre Schultern, am Handgelenk baumelt ein Armband mit Anhänger, "D&G" steht darauf, Dolce & Gabbana. Sie hat gestern im Fernsehen Champions League gesehen. Lionel Messi, sagt sie, "der war so unglaublich krass. Wie der den Ball über den Torwart gelupft und das Ding dann reingeschoben hat - so krass!"

Normalerweise sieht die Dienstkleidung im diplomatischen Dienst anders aus. Und normalerweise ist das meistbenutzte Wort einer Botschafterin auch nicht "krass". Aber normal ist Lira Bajramaj ohnehin nur zum Teil. Lira Bajramaj hat zwar für eine junge Frau von 23 Jahren völlig normale Interessen: Mode, Ins- Kino-Gehen, Lesen, Musikhören, Feiern. Aber alles andere als normal ist ihr Talent, mit einem Ball umzugehen. Das ist so außergewöhnlich wie ihre Lebensgeschichte.

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Fatmire Bajramaj ist das, was man in Deutschland einen Menschen mit Migrationshintergrund nennt. Sie ist gebürtige Kosovo-Albanerin, Muslimin, außerdem deutsche Fußball-Nationalspielerin. Mehr noch: Fatmire, die jeder bloß Lira nennt, ist das Glamourgirl des deutschen Fußballs. Bajramaj ist nämlich hübsch, aufregend, ungewöhnlich und ein bisschen exotisch - das alles prädestiniert sie für das Ehrenamt, das der Deutsche Fußball-Bund ihr angetragen hat: Botschafterin für Integration. Bei den Herren gibt es auch zwei, den Ex-Brasilianer Cacau und den Deutsch-Türken Mesut Özil. Es gibt bloß neben dem Geschlecht einen gravierenden Unterschied zu Lira: Özil wurde hier geboren, Cacau durfte kommen, um für viel Geld Fußball zu spielen. Lira Bajramaj aber ist ein Kriegsflüchtling. Eine Frau, die sich anschickt, die beste Fußballspielerin der Welt zu werden. Vielleicht schon in diesem Jahr, vielleicht schon bei dieser Weltmeisterschaft.

Bajramaj kommt aus dem Kosovo, aus einem kleinen Dorf. "Wir haben auf dem Bauernhof gewohnt, meine Großeltern und Onkel und Tanten lebten alle in der Nähe", sagt sie, "ich erinnere mich, dass ich es damals wunderschön fand." Als der Balkankrieg näher kam, als sie hörten, welche Massaker die Serben schon in anderen Teilen Jugoslawiens angerichtet hatten, da fassten ihre Eltern den Entschluss: Wir müssen weg, hier gibt es keine Zukunft.

Im Mai 1993 hat Bajramajs Vater sein letztes Geld zusammengekratzt und es einer Schleuserbande anvertraut. Er wollte seine Frau und die drei Kinder in Sicherheit bringen, nach Deutschland, wo schon Verwandte lebten. Fünf Jahre war Lira damals alt, fünf Tage lang fuhren die fünf Bajramajs durch halb Europa. Kurz vor der deutschen Grenze wurden sie von tschechischen Polizisten erwischt. Mit 20 Mark konnten sie sich freikaufen. 20 lächerliche Mark, die darüber entschieden, ob sie zurückmussten in das Kriegsgebiet oder in die Sicherheit flüchten konnten. Hätten den Polizisten diese 20 Mark nicht gereicht: Die Fußballspielerin Lira Bajramaj würde es heute wahrscheinlich nicht geben.

Die Familie zog an den Niederrhein, nach Mönchengladbach. Liras Eltern achteten penibel darauf, dass sich die Kinder ihrer Umgebung anpassten. Das ging so weit, dass ihre muslimische Mutter ihnen an Weihnachten Geschenke kaufte und an Ostern Süßigkeiten. "Es gab sogar einen Tannenbaum", sagt Lira, "meine Mutter hat gesagt: Die anderen Kinder hier haben so einen, also sollt ihr auch so was haben." Lira verbrachte die meiste Zeit mit ihren Brüdern, die bald begannen, im Verein Fußball zu spielen. Und wo sie nun schon mal am Rand herumstand, machte sie bald mit. Verliebte sich in das Spiel. Wurde sofort als Talent identifiziert. Trat dem Verein bei, indem sie ungelenk die Unterschrift ihres Vaters fälschte - sie hätte nie damit gerechnet, dass er ihr, seiner Prinzessin, diesen Jungensport erlauben würde. Zwei Jahre spielte sie heimlich Vereinsfußball, bis ihr Vater sie eher zufällig auf dem Platz entdeckte. Am nächsten Tag kaufte er ihr wortlos vernünftige Trainingsklamotten.

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Mehr als ein Jahrzehnt später ist die Kosovo-Albanerin Lira Bajramaj zweierlei: deutsche Staatsangehörige und eine der besten Fußballspielerinnen der Welt. "Ich fühle mich wie eine Deutsche. Jedenfalls meistens", sagt sie. "Wenn ich mit Deutschen zusammen bin, bin ich ruhig und entspannt. Wenn ich aber mit meiner Familie Zeit verbringe, wird es laut und lustig und chaotisch. Das ist wohl der albanische Anteil in meinem Leben."

Deutschland, sagt sie, "ist ein leises Land. Ein Land, in dem alles geplant wird. Im Kosovo macht man etwas dann, wenn man Lust dazu hat. Eigentlich mag ich es nicht, nach Plänen zu leben. Aber es gehört zu meinem Leben dazu." Überhaupt, auch das sagt sie, sei sie deutscher als die meisten Ausländer: "Ich verstehe nicht, dass so viele keine Lust haben, die Sprache zu lernen, die Menschen in ihrer Art zu verstehen und etwas aus ihrem Leben hier zu machen."

Sie hat etwas aus ihrem Leben gemacht. Erst den Haupt-, dann in der Abendschule den Realschulabschluss. Hat eine Lehre zur Steuerfachgehilfin begonnen. Sie abgebrochen, um deutsche Meisterin, Pokalsiegerin, Champions-League-Siegerin, Weltmeisterin und Europameisterin zu werden. Eigentlich hat sie schon alles erreicht, mit 23 Jahren. Reicht das nicht? "Nein", sagt sie, "gewinnen macht süchtig, Titel machen süchtig." Sie ist schmal, fast zart, das ist ungewöhnlich für eine Fußballerin. Aber sie verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten. Ist schnell und trickreich, der Ball klebt an ihrem Fuß. Sie hat ein Auge für ihre Mitspielerinnen und setzt sie oft genial in Szene, dazu schießt sie reichlich Tore. Ihr großes Vorbild ist ein Mann: Zinedine Zidane. Aber wenn man sie schon mit einem Kerl vergleichen soll, ist ihr Spiel eher wie das von Lionel Messi, dem zur Zeit besten Fußballer der Welt.

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Ihm ist sie neulich begegnet. In Zürich war das, im Januar, als die FIFA die Weltfußballer des Jahres gekürt hat. Bajramaj hatte es auf die Shortlist geschafft. Unter die drei Besten der Welt! Da stand sie neben Birgit Prinz und Marta aus Brasilien, die die Trophäe in allen vier Jahren davor gewonnen hat. In diesem Jahr wieder. "Absolut in Ordnung", sagt Bajramaj, "Marta ist einfach die Beste." Vor der Ehrung wurden die Nominierten zum FIFA-Präsidenten gebeten. "Messi war sehr nett", sagt sie, "ein bescheidener Junge, der mich höflich gefragt hat, wie es mir geht." Die spanischen Weltmeister standen im Zimmer, Cristiano Ronaldo auch. Und Lira: mittendrin. Krass.

Sie erregte Aufmerksamkeit an jenem Abend, auch durch das kurze Kleid in Pink, mit dem sie auflief. Sie sah eher aus wie eine von diesen Spielerfrauen, mit denen sich Bundesliga-Kicker gern schmücken. Bajramaj achtet auf ihr Aussehen. Nimmt sich viel Zeit für ihre Haare und für ihr Make-up - sie ist das Aushängeschild einer neuen Generation, mit der das Spiel betont weiblicher wird. "Ich ärgere mich, wenn wir nicht als Frauen wahrgenommen werden", sagt sie, "wir spielen in unserer eigenen Liga, und das machen wir gut. Frauenfußball ist attraktiv und sexy."

Lira Bajramaj hat das Zeug, einer der ganz großen Stars dieser Weltmeisterschaft zu werden, vielleicht der Star. Es wäre ein guter Moment, der absolute Höhepunkt einer noch jungen und doch schon so erfolgreichen Karriere. "So lange spiele ich ja auch nicht mehr", sagt sie, "ich will Kinder bekommen und eine Familie haben. Und ich möchte eigentlich nicht damit warten, bis ich 30 bin." Diese WM wird sie mitnehmen, die nächste in Kanada in vier Jahren am liebsten auch noch, dazwischen und nebenbei eine Ausbildung zur Visagistin machen. "Danach bin ich 27. Wäre doch ein gutes Alter, um Mutter zu werden, oder?" Sie lacht. "Ich glaube, ich habe gerade einen Plan entwickelt."

Der Mann zum Kind fehlt noch. Bewerber sollten wissen, dass Bajramaj einem Mann zuerst auf die Hände schaut. Die müssen gepflegt sein. Abgekaute Nägel gehen gar nicht. "Ein Folge-Date", sagt Lira, "wäre dann so gut wie ausgeschlossen."

Stephan Bartels Brigitte Extra 13/2011

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