Häusliche Gewalt: Schauen Sie hinter die Maske!

Jede vierte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt - sexuelle oder körperliche. Viele Frauen kaschieren ihre Verletzungen, den typischen Gewalttäter gibt es nicht. Daher fordert die UN Women in einem neuen Video auf: Schauen Sie hinter die Maske!

Am 14. Februar findet erneut die weltweite Aktion "One Billion Rising For Justice" statt. Weltweit sind Menschen dazu aufgerufen, zu tanzen und ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu verlangen. Bereits vergangenes Jahr hatten sich Millionen Menschen aus mehr als 200 Ländern an der Aktion beteiligt. Auch das UN Women Nationales Komitee Deutschland startet in diesem Jahr unter dem Motto "Schauen Sie hinter die Maske" wieder Aktionen, um auf eine besonders perfide Form der Gewalt aufmerksam zu machen: die in den eigenen vier Wänden.

In einem neuen Videospot malt die Kreidekünstlerin Christiane Jessen-Richardsen auf dem Berliner Alexanderplatz eine weiße Porzellanmaske auf den Asphalt. Mit der Zeit verblasst das ursprüngliche Gemälde und förderte ein neues Motiv zutage: Einen Baseballschläger, an den ein Rosenstrauß gebunden wurde, und die Aussage "Jede vierte Frau wird Opfer häuslicher Gewalt". Der Videodreh lockte viele Passanten an, die für den Spot auch interviewt wurden. Von den Reaktionen bekam die Künstlerin Christiane Jessen-Richardsen selbst aber nichts mit. "Dafür war ich zu sehr auf die Arbeit konzentriert." Als sie gefragt wurde, ob sie beim Spot mitwirken wolle, sei sie sofort Feuer und Flamme gewesen. "Denn es geht ja um ein wichtiges Thema, das gesellschaftlich unheimlich relevant ist", sagt sie. "Und auch wenn ich selbst da keine Berührungspunkte habe - die Gewalt ist ja da."

Häufig jedoch versteckt, das will der Spot vermitteln. Denn die betroffenen Frauen überschminken ihre blauen Flecken oft oder setzen Sonnenbrillen auf, um die Verletzungen zu kaschieren. Und für viele ist die Hemmschwelle, über die Gewalt zu sprechen, sehr groß. Nicht nur aus Angst, sondern auch aus Scham. Häufig sind die Frauen sozial isoliert - sowohl ein Risikofaktor als auch eine Folge von häuslicher Gewalt. Daher ist es wichtig, dass man hinter die Fassade, hinter die Maske schaut. Denn Weghören oder Wegsehen gilt nicht, Hilfe ist wichtig. Dazu ruft der Spot auf.

Kein typischer Gewalttäter

Potenziell gewalttätige Freunde, Ehemänner oder Ex-Partner zu erkennen, ist ebenfalls schwierig. Denn einen typischen Gewalttäter gibt es nicht: In der Öffentlichkeit scheinen die Männer freundlich und fürsorglich zu sein und sind oft nur hinter verschlossenen Türen verletzend und kontrollierend. Die Übergriffe reichen von einem wütenden Wegschubsen über Ohrfeigen, Schlagen mit Gegenständen und Verprügeln bis zur zur Waffengewalt, sexuellen Nötigung oder Vergewaltigung. Zwei Drittel der betroffenen Frauen erleiden schwere oder sogar sehr schwere Gewalt, fast jeder fünften Betroffenen wurde sowohl sexuelle als auch körperliche Gewalt angetan. Und bei zwei Dritteln blieb es nicht bei einem Übergriff.

Die Gewaltspirale

Oft kommt es zu einer Art Gewaltspirale: Der Übergriff findet statt, dann entschuldigt sich der Misshandelnde und verspricht, dass es nie wieder vorkommt. Oft gibt er sogar dem Opfer die Schuld oder leugnet, dass er etwas getan habe. In der Ruhephase tut der Täter so, als sei nie etwas gewesen und verhält sich nett, kauft vielleicht sogar Geschenke. Doch irgendwann beginnt jedoch erneut die Gewalt - von einem Extrem ins Andere, bildlich im Filmclip dargestellt durch den Baseballschläger und die mit ihm verbundenen Rosen.

Alkohol oder Drogen haben nicht unbedingt etwas mit den Übergriffen zu tun. Nur in gut der Hälfte der Fällen (50-55 %) stehen die Männer unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. Häusliche Gewalt beschränkt sich keinesfalls nur auf soziale Brennpunkte. Auch Frauen aus der mittlegen und hohen Bildungs- und Sozialschicht werden in einem viel höheren Maß Opfer von Gewalt, als früher gedacht wurde. Häusliche Gewalt ist oft durch bereits in Kindheit und Jugend erlebte gewaltsame Erfahrungen mit bedingt, welche auch mit einem verminderten Vertrauen in enge soziale Beziehungen begleitet werden können.

Info: Bundesweites Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen

365 Tage im Jahr rund um die Uhr erreichbar: Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen bietet Betroffenen erstmals die Möglichkeit, sich zu jeder Zeit anonym, kompetent und sicher beraten zu lassen. Ob Gewalt in Ehe und Partnerschaft, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung sowie Stalking, Zwangsprostitution oder Genitalverstümmelung – Beraterinnen stehen hilfesuchenden Frauen zu allen Formen der Gewalt vertraulich zur Seite und leiten sie auf Wunsch an die passende Unterstützungseinrichtung vor Ort weiter. Der Anruf und die Beratung sind kostenlos.

Rufnummer: 08000 116 016

Text: Maike Geißler Quelle/Zahlen: Studie "Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen" vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 2009
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