Essbare Stadt: Hier dürfen alle ernten, worauf sie Lust haben!

"Wer selbst erntet, wird sensibler", sagt Heike Boomgarden – und macht aus Brachen Beete. 

Kann man mit Beeten voller Bohnen und Kohlköpfen die Welt verbessern? Wer im Spätsommer durch Andernach am Rhein spaziert, könnte das durchaus meinen. Auf einst öden Brachflächen wie dem Schlossgraben des 30 000-Einwohner-Städtchens knien junge Familien neben älteren Damen und ernten Bohnen, Zucchini und Beeren, grasen Schafe zwischen Streuobstbäumen, rennen Hühner über bunte Wiesen (und manchmal auch in die Fußgängerzone), summen Bienen an üppigen Blütenstauden. Dazwischen sitzen Menschen auf Bänken und lauschen entspannt dem Surren und Zwitschern.

Andernach ist eine "essbare Stadt"

"Essbare Stadt" nennt sich das mehrfach ausgezeichnete Idyll: Seit acht Jahren dürfen sich alle Andernacher jederzeit kostenlos in den öffentlichen Obst- und Gemüsegärten tummeln und so viel sie möchten von dem ernten, was städtische Gärtner und von der Stadt ausgebildete und bezahlte Langzeitarbeitslose das ganze Jahr über dort anbauen und pflegen. Allein über hundert meist seltene Tomatenarten kann man kosten, es gibt fast vergessene Bohnen- und Zwiebelsorten.

Regeln oder Zäune dagegen fehlen völlig, trotzdem werden so gut wie nie Beete verwüstet oder vor der Erntezeit geplündert. "Wer selbst erntet, wird sensibler", sagt Heike Boomgaarden. "Auch, was gesunde Ernährung und Lebensmittelverschwendung angeht."

Von der Obstgärtnerin zur Moderatorin 

Boomgaarden, 54, groß, schlank, ansteckendes Lachen, ist Gartenbauingenieurin, TV-Moderatorin und die Initiatorin des Projekts. Die Idee, sagt sie, sei ihr gekommen, weil sie "einfach hingeschaut" habe: Verödung, Vandalismus, Armut, Einsamkeit, abnehmende Artenvielfalt – überall seien die Kommunen mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Während einer Sendung hatte sie Andernach und seine Bewohner näher kennengelernt, eher nebenbei von ihrer Idee einer "essbaren Stadt" erzählt – und wurde prompt engagiert, das Konzept umzusetzen.

Boomgaarden ist in einer Kleinstadt im Taunus aufgewachsen; Reihenhaus, der Vater Ingenieur bei Hoechst, die Mutter Hausfrau. Schon als Mädchen hielt sie es drinnen kaum aus, ständig war sie im Garten, rettete Gladiolen vom Kompost, pflückte wilde Kokardenblumen, spielte stundenlang im Baumhaus.

Später dann lernte sie Obstgärtnerin, als einzige Frau unter Männern, studierte Gartenbau, gründete ein Ingenieursbüro. Als sie sich einmal über eine Gartensendung des SWR ärgerte, im Sender anrief und Kritik äußerte, wurde sie zum Casting eingeladen. Seither dreht und moderiert sie neben ihrem Ingenieurs-Job zweimal pro Woche als Gartenexpertin fürs Fernsehen und den Hörfunk.

Andernach ist Vorbild für viele Kommunen 

Seit Andernach "essbar" ist, hat sich in dem Städtchen einiges verändert. Es gibt nicht nur ein neues Wir-Gefühl. Der Ort zieht dank der hübschen Gärten auch mehr Touristen an – und ist zum deutschlandweiten Vorbild geworden: Mehr als 140 Kommunen, darunter Kassel oder Darmstadt, sind bereits "Essbare Städte" oder dabei, es zu werden, etliche in ganz Europa haben Interesse angemeldet. "Zählen lassen sich die Initiativen nicht mehr", sagt Heike Boomgaarden.

Nicht nur Städte, auch ganze Regionen, manchmal auch nur einzelne Kieze, denken inzwischen neu. Sogar nach Afrika wird die Idee wohl bald exportiert. Im Rahmen eines internationalen Hilfsprojekts zeigt Heike Boomgaarden gerade jungen Kenianerinnen, wie sie in städtischen Slums Nutzgärten anlegen können. In ihren Gemeinden sollen die Frauen im großen Stil Beete anlegen und ihr Wissen an andere weitergeben.

Zur Person: Das Motto der Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden, 54, und ihres urbanen Gartenkonzepts lautet: "Pflücken erlaubt!" – für jeden. Boomgaarden lebt in einem Dorf im Hunsrück. Ihre drei Kinder sind bereits erwachsen. Das Obst und Gemüse, das ihre Mutter im eigenen Garten anbaut, mögen sie aber immer noch gern – zum Beispiel bunte Kartoffeln mit Kräuterquark.

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BRIGITTE-Spezial 2/2018

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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