Gandhi-Enkel Arun: “Wir müssen uns um unsere Beziehungen kümmern”

Arun Gandhi lebte als Junge bei seinem Großvater Mahatma Gandhi. Jetzt hat er ein Buch über ihn geschrieben - das uns daran erinnert, was wirklich zählt im Leben.

Arun Gandhi, der fünfte Enkel des großen Pazifisten Mahatma Gandhi, hatte das Glück, als Teenager zwei Jahre lang bei seinem Großvater im Ashram zu leben. Seitdem sieht er es als seine Aufgabe an, dessen Erbe weiterzutragen.

Der 83-Jährige lebt und arbeitet seit vielen Jahren in den USA, wo er das "M.K. Gandhi Institute for Nonviolence" gründete. Um sein Buch "Wut ist ein Geschenk: Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi" zu promoten, reiste er nach Hamburg. Wir trafen ihn zum Gespräch.

BRIGITTE.de: Herr Gandhi, Sie haben ein Buch über die Lektionen Ihres berühmten Großvaters geschrieben. Brauchen wir seine Lehren dringender denn je?

Arun Gandhi: Mahatma Gandhis Lehren sind immer relevant, wenn wir in einer zivilisierten Welt leben wollen. Es ging ihm darum, wie wir miteinander umgehen. Auch in der Zivilisation geht es um unseren Umgang miteinander - und nicht um Besitz oder Intelligenz. Doch unsere Beziehungen sind dürftig, weil wir uns nicht um sie kümmern. Das sollten wir aber tun.

Eine Überzeugung Ihres Großvaters war, dass alle Menschen miteinander verbunden sind. In unserer globalisierten Welt ist das offensichtlicher denn je. Was wäre seine Antwort auf die Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus?

Er würde sagen: Wir müssen nicht das System radikal verändern, sondern uns selbst. Denn Veränderung kommt nicht von oben, sie muss von innen kommen. Mein Großvater war nicht gegen den Kapitalismus, er war gegen die Gier. Er sagte: „Wenn ihr Geld verdienen könnt, dann tut das. Aber behaltet es nicht für euch, sondern teilt es mit anderen.“

Sie schreiben, dass Gandhi das ökonomische Ungleichgewicht auf der Welt nicht akzeptiert hätte. Was hätte er dagegen getan?

Er hätte Wege gefunden, um friedlich zu protestieren. Er hätte zum Beispiel aufgehört, bestimmte Dinge zu kaufen. Aber wir sind so gefangen in unserem materialistischen Lebensstil, dass wir alles haben wollen, was neu auf den Markt kommt.

Und es sieht nicht danach aus, dass wir freiwillig weniger konsumieren werden …

Wir müssen entscheiden, was wichtiger für uns ist: Wenn wir nicht aufhören, so viel zu konsumieren, werden wir uns und die Erde zerstören. Es ist unmöglich, dass alle Menschen den Lebensstandard der westlichen Welt erreichen.

Aber wir können anderen diesen Wunsch auch nicht verwehren.

Nein, wir müssen selbst ein Zeichen setzen. Wir müssen etwas von unserem Wohlstand abgeben und dafür sorgen, dass die anderen zu uns aufholen. Das Problem gibt es auch beim Umweltschutz. Die reichen Länder zerstören die Natur massiver als alle anderen. Solange sie nicht damit aufhören, können sie anderen nicht sagen: Hört auf damit! 

Gandhi glaubte, dass jeder Mensch dazu beitragen kann, die Welt zu verbessern: “Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.” Was sagen Sie Menschen wie mir, die nicht daran glauben, dass sie Entscheidendes bewirken können?

Wenn Sie sich verändern, beeinflussen Sie Ihre Familie und Ihre Freunde, und das geht immer so weiter. Darauf zu warten, dass die Politik etwas ändert, ist jedenfalls sinnlos. Politiker sind Teil der Gesellschaft, und was sie tun, spiegelt sehr oft deren Werte. Nur wenn sich die Gesellschaft ändert, ändern sich auch die Politiker. Es gibt diesen wundervollen Satz: Wenn das Volk vorangeht, folgen die Mächtigen.

Hat das Mahatma Gandhi gesagt?

Das habe ich mal auf einem Autoaufkleber gelesen. (lacht)

In den letzten Jahren haben uns Meldungen von extrem brutalen Vergewaltigungen in Indien erreicht. Warum der Hass gegen Frauen?

Ich kann mir diese unfassbare Grausamkeit auch nicht wirklich erklären. Ein Grund könnte aber sein: Viele arme Bauern rund um Delhi sind über Nacht Millionäre geworden, weil sie ihr Land teuer verkaufen konnten – die Stadt wächst ja rapide. Sie haben keinerlei Bildung genossen und kennen die moderne Kultur nicht. Nun kommen sie in die Stadt mit den Taschen voller Geld, sehen moderne Frauen und verstehen sie als Freiwild. Ich will die Gewalt nicht relativieren, aber die Unterdrückung der Frau hat überall auf der Welt eine lange Tradition. Im Westen haben Frauen mehr Freiheiten, aber sie werden trotzdem ausgebeutet, das zeigt gerade die #metoo-Debatte. Es sollte viel mehr Respekt zwischen den Geschlechtern geben.

Ihr Großvater sagte über Frauen: Solange 50 Prozent der Gesellschaft unterdrückt sind, ist politische Freiheit sinnlos. War er Feminist?

Er war einer der frühen feministischen Wortführer. Er wusste um die Notwendigkeit der Emanzipation und forderte, dass Frauen gleichberechtigt und mit Respekt behandelt werden. Aber auch hier gilt: Wir glauben, wir erlassen ein Gesetz, und das ändert dann alles. Aber das funktioniert nicht. Zwar haben Frauen in vielen Ländern die gleichen Rechte wie Männer, aber kein Gesetz kann bewirken, dass sie respektiert werden. Nur, wenn wir unsere Herzen und unseren Geist öffnen, können wir sehen, dass wir Frauen gleichberechtigt behandeln müssen und nicht wie Sklaven.

Respekt fehlt oft auch im Umgang mit Geflüchteten, wie der aufflammende Rechtspopulismus im Westen zeigt ...

Einwanderer werden oft von oben herab behandelt, viele haben keine Jobs. Einige von ihnen wurden in ihrer Heimat gut ausgebildet, aber ihre Diplome gelten hier nichts. Und sie wissen: Die Länder, die Geflüchtete aufnehmen, tun dies nicht aus Mitgefühl, sondern weil die alternden Gesellschaften junge, billige Arbeitskräfte brauchen. All diese Dinge addieren sich auf. Die Menschen fragen sich: Was sind wir, nutzlose Wesen, die man ausbeuten kann? Und dann wundern wir uns, dass Menschen, die bei uns leben, zu Terroristen werden.

Kann Gandhis Prinzip der Gewaltlosigkeit gegen den Terrorismus überhaupt etwas ausrichten?

Gewaltlosigkeit basiert auf fünf Säulen: Respekt, Verständnis, Akzeptanz, Wertschätzung und Mitgefühl. Doch wir sind so Ich-bezogen und gierig, dass wir das Leid der anderen nicht sehen. Dabei ist es sehr oft ein Resultat unserer Ausbeutung. Also bekämpfen uns die Menschen, weil sie keine Hoffnung haben. An diesem Punkt ist es schwierig, eine friedliche Lösung zu finden. Wir sollten viel früher aufwachen und die Dinge adressieren, die aus Menschen Terroristen machen.

Mahatma Gandhi, aber auch Nelson Mandela und Martin Luther King, die seinem Beispiel folgten, sind tot. Gehen uns die Vorbilder aus?

Es gibt ja spirituelle Führer wie den Dalai Lama oder Thich Nhat Hanh (vietnamesischer Zen-Meister und Friedensaktivist, Anm. der Red.). Aber nochmal: Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir haben die ganze Weisheit der Vergangenheit, aber wir integrieren sie nicht in unser Leben. Wir lesen darüber, aber wir machen nichts damit.

Nach ihrem Gespräch mit Arun Gandhi dachte Autorin Susanne Arndt, dass sie auch gern einen Gandhi zum Großvater gehabt hätte. 

Nach der Lektüre Ihres Buches hatte ich das Bedürfnis, ein besserer Mensch zu werden. Wie schafft man es, dranzubleiben?

Im Alltag gerät so etwas schnell in Vergessenheit. Da hilft die Meditation, wie  sie mein Großvater praktiziert hat: Dabei geht es darum, sich regelmäßig Zeit zu nehmen, den Geist nach innen zu wenden und darüber nachzudenken, wie das eigene Leben aussehen soll - und wie man das erreichen kann. Wir müssen bei uns selbst beginnen und vorleben, was wir uns von anderen wünschen.

Schaffen Sie das immer?

Ich versuche es.

Der letzte Satz Ihres Buches lautet: “Ich glaube wirklich, dass, wenn wir Gandhis Beispiel folgen, jeder das größte auf Erden erlaubte Glück zu finden vermag.” Sind Sie ein glücklicher Mann?

Ja, ich bin glücklich.

Verzweifeln Sie nicht manchmal am Zustand der Welt?

Oh, doch. Aber in meinem Innersten bin ich glücklich. Glück bedeutet ja nicht, dass man die Realität vergisst und den Kopf in die Wolken steckt. Beim Glück geht es um die Fähigkeit, zufrieden zu sein.

Buchtipp: "Wut ist ein Geschenk: Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi" von Arun Gandhi (Dumont, 20 Euro).

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