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Gen-Z-Debatte Faule Jugend? Ausgebrannte Eltern!

Gen-Z-Debatte: Faule Jugend? Ausgebrannte Eltern!
© Yvonne Bogdanski / Adobe Stock
Unsere Arbeitsweise macht die Menschen krank, unser Konsum die Erde. Das hat die junge Generation längst verstanden – und zieht die richtigen Konsequenzen.

Seit Monaten lesen und hören wir: Die Jungen wollen sich die Hände nicht mehr schmutzig machen, noch nicht mal mehr früh aufstehen wollen die. 40-Stunden-Woche, Karriere? Ist denen zu anstrengend, klagen Personaler:innen und Unternehmer:innen. Bereits 2018 titelte das Wirtschaftsmagazin "Brand eins" über die Generation Z, also die ab 1995 Geborenen: "Erst das Vergnügen, dann die Arbeit". Zimperlich sei die "Generation Schneeflocke", heißt es, schnell überfordert, die hält nichts aus und schmilzt sofort weg, sobald es ein bisschen hitziger wird.

Unsere Kinder träumen nicht mehr den alten Wohlstandstraum

Begründet wird das vermeintlich unterentwickelte Karrierebewusstsein der "Gen Z" häufig damit, dass Leistung sich nicht mehr lohne: Wozu sich krumm machen, wenn das Geld künftig eh nicht mehr reicht für Neuwagen, Traumvilla mit Carport oder das Ferienhaus am Meer?

Ich bezweifle allerdings, dass viele unserer Kinder noch von "mein Haus, mein Auto, mein Boot" träumen, so wie die Boomer im berühmten Sparkassen-Spot aus den Neunzigern. Denn wovon unsereins geträumt haben mag, hat mit den Vorstellungen der "heutigen Jugend" nicht mehr unbedingt viel gemein. Die hat nämlich längst begriffen, dass Schuften für Besitz nicht glücklich macht und der damit zusammenhängende Überkonsum unser aller Lebensgrundlage zerstört.

Die junge Generation hat erlebt, wie destruktiv unsere Art zu arbeiten und zu konsumieren ist ­– für die Erde und für uns selbst.

Wir Boomer:innen machen als Burnout-Generation Karriere

Mein 17-Jähriger zumindest sagt, ihm und seinen Freund:innen sei Geld nicht wichtig, wobei das natürlich keine repräsentative Aussage ist. Man könnte auch einwenden, dass es großen Teilen der Jugend halt auch an nichts mangelt, weil sie im Wohlstand aufgewachsen sind. Folglich haben sie nicht unbedingt den Antrieb, ihre Lebenssituation zu verbessern, so wie vielleicht noch ihre Eltern, denen der Auftrag zum sozialen Aufstieg in die Wiege gelegt wurde. Ich glaube aber, der angeblich fehlende Antrieb der Generation Z, Geld zu scheffeln, hat andere Gründe: Unsere Kinder haben erlebt, wie ihre Eltern haarscharf am Abgrund des Burnouts balancieren und nicht wenige hinabstürzten.

Die junge Generation wuchs bei Eltern auf, die sich aufreiben in einer Jobwelt, in der die Arbeit zunehmend verdichtet, das Arbeitstempo laufend erhöht und die Grenze zwischen Job und Freizeit aufgeweicht wurde, freilich alles ganz sanft und freundlich und kaum spürbar, aber trotzdem: gearbeitet wird schneller, länger, immer – bitte gern auch am Wochenende und am Abend, zumindest mental.

Hinzu kommt: Während Opa noch das Geld verdiente und Oma den Kuchen in den Ofen schob, machen die Eltern heute beides, und das ist zu viel. Vor allem für die Mütter, die aller Emanzipation zum Trotz neben dem Geldjob auch das Gros der Care-Arbeit erledigen. Wir alle kennen die Folgen: Gereiztheit, Schlafstörungen, Burnout, Depressionen, Tinnitus, Magenschleimhautentzündungen, you name it.

Die Turbo-Eltern sind kein nachahmenswertes Vorbild

Ich glaube, unsere Kinder achten mehr auf ihr Wohlbefinden, weil sie gesehen haben, wie sehr ihre Eltern unter Strom stehen und wohin das geführt hat. Sie haben gesehen, dass der ganze Stress sich nicht auszahlt. Schon gar nicht angesichts des alles bedrohenden Klimawandels.

Boot, Auto, Haus – was soll das bringen außer riesiger Mengen CO2? Wozu das zweite Auto, der dritte Kurzurlaub, das zehnte Paar Sneaker?

Zumindest in meiner Bubble sehe ich, dass die Jungen von Fahrrädern für 300 Euro träumen und nicht von SUVs für 30.000. Wozu also sollten sie eine aufreibende Karriere verfolgen, wenn die kostspieligen Statussymbole der Eltern sich als Irrweg erwiesen haben? Wenn das Haus im Grünen bloß noch Umweltsünde ist?

Wenn die Jugend Bahn fährt und strickt, sich mit Wärmflaschen warmhält und nur so viel arbeitet wie nötig – dann ist das auch eine Antwort auf das (selbst)zerstörerische Leben ihrer Turbo-Eltern. Unser Lebenskonzept überzeugt sie nicht, und das ist dann vermutlich auch der Grund, warum einige von uns so bissig reagieren, wenn sie mitbekommen, dass die Jungen ihre Work-Life-Balance ernst nehmen.

Unsere Kinder haben einen Leistungswillen, aber sie wollen auch chillen. Und diese Haltung zeugt nicht von Faulheit, sondern von Klugheit. Sie fördert Gesundheit, Lebensfreude und den Erhalt der Erde.

"Arbeiten, um zu leben", statt "Leben, um zu arbeiten" und "Erst das Vergnügen, dann die Arbeit" – die Gen Z lebt die exakte Umkehr dessen, womit ihre Eltern aufgewachsen sind. Wir haben einiges von ihnen zu lernen.

Brigitte

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