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Gender Immun Gap Die Abwehr der Frauen

Gender Immun Gap: Frau lachend am Strand
© Evgeny Atamanenko / Shutterstock
Infektabwehr können Frauen besser als Männer. Aber zu einem fitten Immunsystem, wie BRIGITTE-Redakteurin Antje Kunstmann es hat, gehört mehr. Was genau?

Zunächst klingt es ein bisschen absurd, aber es ist trotzdem wahr: Viele sind momentan so gesund wie nie zuvor. Abstand, Hygiene und Kontaktbeschränkungen schützen eben nicht nur vor Corona. Auch Erkältungsviren haben es schwer. Das Robert Koch-Institut meldet weniger Norovirus-Infektionen, die Grippewelle ist praktisch ausgefallen, selbst Läusemittel verkaufen Apotheken deutlich weniger. "Ich kann mich nicht daran erinnern, einen Winter jemals derart infektfrei überstanden zu haben", sagte neulich eine Bekannte.

Bei mir ist das anders: Ich kann mich tatsächlich nicht daran erinnern, wann ich überhaupt das letzte Mal Husten und Schnupfen hatte oder anderweitig krank war. "Das spricht auf jeden Fall für ein fittes Immunsystem", bestätigt Professor Monika Brunner-Weinzierl von der Universitätskinderklinik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Was genau da bei mir anders läuft im Vergleich zu einer infektanfälligen Person, weiß man allerdings gar nicht so genau. Die Immunologin ist in einer groß angelegten Studie gerade auf der Suche danach. Um unter den vielen Mitspielern unseres Immunsystem und in ihrem fein austarierten Beziehungsgeflecht überhaupt den entscheidenden Parameter herausfiltern zu können, sind die Wissenschaftler*innen auch auf die Hilfe künstlicher Intelligenz angewiesen.

Momentan lässt sich deshalb nur so viel sagen: "Auch Ihre Abwehr war in der Vergangenheit mit Infekten beschäftigt – allen kann man ja gar nicht ausweichen. Wenn Sie nichts davon gemerkt haben, heißt das, dass Ihre Immunantworten sehr effektiv ein- und wieder abgeschaltet werden."

Gas und Bremse: Eine gesunde Abwehr braucht beides

Womit ich das verdient habe, weiß ich allerdings nicht so genau. Was Ernährung und Bewegung angeht, lebe ich eher durchschnittlich gesund, würde ich sagen. Vermutlich ist also auch eine große Portion Glück dabei. "Eine genetische Komponente gibt es auf jeden Fall", sagt Monika Brunner-Weinzierl. Das passt dazu, dass meine Kinder ebenfalls äußerst selten krank sind. Zwei von ihnen versäumten in ihrer gesamten Grundschulzeit jeweils genau drei Tage.

Offensichtlich haben wir familiär bedingt unter anderem ziemlich kompetente T-Zellen. Die weißen Blutkörperchen, die nach dem Ort ihrer Reifung, der Thymusdrüse hinter dem Brustbein, bezeichnet werden, nennt Monika Brunner-Weinzierl die zentrale Schaltstelle des Immunsystems: Wird ein Eindringling aufgespürt, entscheiden sie, wie es weitergeht. Und treten dann zum Beispiel das Gaspedal durch, indem sie den sogenannten B-Zellen befehlen, Antikörper zu bilden, und anderen T-Zellen, virushaltige Körperzellen abzutöten. Bei Menschen, die schwer an Covid-19 erkranken, scheint es dabei eher zu haken.

Zwar kennt man bisher keinen genauen Marker, mit dem sich schon vor einer Infektion ihr Verlauf abschätzen ließe, aber die T-Zellen bieten zumindest Ansätze zur Behandlung. Monika Brunner-Weinzierl hat mit ihrem Team einen Therapieansatz entwickelt, diesen Schwerstkranken T-Zellen zu entnehmen, im Labor mit Virenbestandteilen fitter zu machen – also sozusagen das Gaspedal zu reparieren – und anschließend den Patient*innen zurückzugeben. "Damit können sie sich praktisch selbst heilen", so die Immunologin.

Doch genau wie ein Auto, das, wenn es nur beschleunigt, irgendwann aus der Kurve fliegt, braucht auch das Immunsystem effektive Bremsen. Auch was ihr Versagen bedeutet, zeigt sich auf den Intensivstationen. "Manche Betroffene haben einen sogenannten Zytokinsturm – Zytokine sind Proteine, die Immunantworten und Entzündungsprozesse vermitteln", sagt Monika Brunner-Weinzierl. "Man kann das Virus gar nicht mehr nachweisen, aber statt herunterzufahren, reagiert das Immunsystem immer heftiger und dann auch gegen den Körper selbst."

Immun-Gemurmel: Wenn das Abwehrsystem in die Jahre kommt

Leider kann man sich auf einem fitten Immunsystem nicht ausruhen. "Seine Schlagkraft nimmt mit steigendem Alter kontinuierlich ab", sagt Monika Brunner-Weinzierl. "Davon werden auch Sie nicht verschont werden." Schon jetzt mit Mitte 40 stellt mein Thymus im Vergleich zur Pubertät nur ein Zehntel der Zellmenge zur Verfügung, irgendwann wird er ganz vertrocknen. Außerdem werden die Instruktionen, die die Zellen sich untereinander geben, um das Abwehrkonzert zu dirigieren, mehr und mehr zu einem Gemurmel, wie der US-Immunologe Janko Nikolich-Zugich es nennt. "Statt mit vielen neuen T-Zellen rasch und passgenau auf ein Virus zu reagieren, verlässt sich das Immunsystem immer mehr auf sein Gedächtnis", so die Expertin.

Manchmal ist das nicht weiter schlimm: Bei Mumps und Masern etwa werden die Abwehrpläne, die in meiner Kindheit angelegt wurden (das eine hatte ich im Vorschulalter, gegen das andere bin ich geimpft), vermutlich mein Leben lang passen. "Aber viele Krankheitserreger entwickeln eben Strategien, dem Immunsystem zu entkommen. So kann zum Beispiel ein leicht veränderter Influenza-Virus erneut Grippe auslösen." Auch einem komplett neuen Virus, wie SARS-CoV-2, hat ein älteres Immunsystem darum weniger entgegenzusetzen. "Deswegen sind fast 85 Prozent der Corona-Patient* innen auf den Intensivstationen über 70", so die Immunologin.

Zumindest ein bisschen können wir dem Immunsystem aber auf die Sprünge helfen. "Studien zeigen, dass durch Sport die Telomere der T-Zellen, die Schutzkappen der Chromosomen, die mit jeder Zellteilung schrumpfen, wieder länger werden. Die Zellen können sich dann wieder mehr teilen und besser reagieren." Auch die Ernährung beeinflusst, wie schnell unsere Abwehr altert (siehe Interview S. 94).

Vorteil Doppel-X: Welchen Einfluss das Geschlecht hat

Im Allgemeinen tickt die biologische Uhr bei Frauen deutlich lauter, beim Immunsystem aber ist es umgekehrt."Der Thymus altert bei Männern ein bisschen schneller", sagt Professor Sabine Oertelt-Prigione von der Radboud Universität in Nijmegen in Holland. Und das ist nicht der einzige Gender Immun Gap. "Unser Immunsystem ist plastischer als das eines Mannes. Das heißt, es verändert sich mehr im Laufe des Lebens." Immerhin muss es fast zehn Monate lang einen Fremdkörper in den eigenen vier Wänden tolerieren können.

"Auf der einen Seite kann die Immunantwort deshalb ziemlich weit herunterfahren, auf der anderen aber auch heftiger ausfallen", so die Gendermedizinerin. Das hat Nachteile –Autoimmunkrankheiten, wenn die Abwehr sich also fälschlicherweise auf den eigenen Körper einschießt, sind bei Frauen verbreiteter –, aber auch Vorteile bei der Abwehr von Viren und Bakterien. Weil dafür ganz wesentlich weibliche Sexualhormone verantwortlich sind, kennt unser Immunsystem sogar Zyklusschwankungen. "Tendenziell ist man in der zweiten Hälfte anfälliger für Infekte", sagt Sabine Oertelt-Prigione. Und leider auch nach der Menopause, wenn der hormonelle Immunschutz nachlässt.

Unsere beiden X-Chromosomen aber bleiben auch dann erhalten, und auf ihnen sitzen jede Menge Gene, die für das Immunsystem wichtig sind. Sind einzelne fehlerhaft, profitieren Frauen davon, eine zweite Version in Reserve zu haben. "Diese Bedeutung sehen wir bei Corona besonders deutlich." Denn auch der Bauplan für den sogenannten ACE2-Rezeptor, über den das Coronavirus Lungenzellen entern kann, liegt auf dem X-Chromosom. 60 Prozent der Todesopfer sind Männer.

Sollten wir Frauen uns beim Impfen also hintanstellen? "Nein", sagt die Medizinerin. Alter und Vorerkrankungen spielten eine größere Rolle. Außerdem müsse man, wenn man Infektionsketten unterbinden wolle, eigentlich sogar eher Frauen zuerst impfen. "Aus vielen Ländern weiß man inzwischen, dass sie sich oft sogar häufiger anstecken als Männer. Denn wer ist Lehrkraft? Sitzt an der Kasse? Arbeitet in der Pflege?" Gesund zu bleiben ist eben nicht nur eine Frage der Biologie.

Für mich bedeutet das: Ja, ich war in den letzten Jahren nicht krank und kann mein Immunsystem deswegen als fit bezeichnen. Wäre ich eine Erzieherin und jeden Tag von mehr als einem Dutzend Kleinkindern mit jeweils einem Dutzend Infekten pro Jahr umgeben, sähe das vermutlich anders aus.

Zusammen ist man weniger krank

Wer dem auf die Spur kommen will, was unsere Abwehr beeinflusst, sollte generell nicht auf der Ebene von T-Zellen, Botenstoffen und Rezeptoren stehen bleiben. Zwar hat man lange angenommen, das Gehirn könne das Immunsystem gar nicht beeinflussen, weil dieses schließlich aus jeder Menge unterschiedlicher Zellen besteht, die ständig im Körper umherwandern. Doch dann hat man entdeckt, dass fast alle von ihnen Rezeptoren haben für Moleküle, mit denen auch das Gehirn kommuniziert, nämlich für Neurotransmitter und Hormone. Adrenalin und Nordrenalin nehmen Einfluss, genauso wie das Stresshormon Cortisol. Und so beschäftigen nicht nur Krankheitserreger unsere Abwehr, sondern auch unsere Gefühle, wie glücklich wir sind oder wie gestresst.

Was Stress für die Infektanfälligkeit bedeutet, hat besonders eindrucksvoll der US-Psychologe Sheldon Cohen gezeigt, indem er Freiwilligen Erkältungs- und Grippeviren in die Nase träufelte und dann geschaut hat, wie sich solche, die danach krank wurden, von denen unterschieden, die gesund blieben. Die mit dem meisten Stress infizierten sich demnach 2,16-mal häufiger und desto eher, je länger die Belastung subjektiv empfunden anhielt (zum Vergleich: zu wenig Bewegung erhöhte die Anfälligkeit nur um den Faktor 1,8).

Cohen fand auch den effektivsten Stress-Puffer: soziale Unterstützung. Menschen mit nur wenigen zwischenmenschlichen Beziehungen, die kaum sozial integriert waren, zeigten sich mehr als viermal so infektanfällig.

Ich denke, an diesem Punkt hat es meine Abwehr ziemlich gut mit mir: Ich kann Stress nicht abschalten, aber habe gelernt, mich auf den nächsten Schritt zu fokussieren. Ich brauche nie lange, um zu entspannen. Ich kann vermutlich auch gut verdrängen – durchaus eine erfolgreiche Art der Bewältigung. Und nicht zuletzt habe ich ein tragfähiges soziales Netz, wenn ich doch mal in den Seilen hänge.

Die letzten Monate fand ich trotzdem anstrengend. Ich habe meine Eltern vermisst, meine Freundinnen, meine Kolleginnen. Könnte das meine Abwehr geschwächt haben? Sheldon Cohen zumindest spekuliert, Kontaktbeschränkungen und Lockdown, die ja eigentlich Corona eindämmen sollten, könnten uns anfälliger dem Virus gegenüber gemacht haben. Ob das wirklich zutrifft, weiß bisher niemand. Trotzdem sind nicht zuletzt die Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie Grund genug, gerade jetzt besonders auf sich und aufeinander zu achten.

Ich bin übrigens schon oft gefragt worden, was ich denn besonderes nehme oder tue, um meine Abwehr fit zu halten. Als gäbe es da diese eine Sache, die das Immunsystem optimiert. "Angesichts dessen Komplexität ist das sicher zu einfach gedacht", sagt Monika Brunner-Weinzierl. Es gibt keinen Bereich unseres Lebens, der nicht Einfluss nimmt. Vieles davon können wir nicht steuern, anderes schon. Das einzig wahre Wundermittel heißt dann wohl: Vielfalt.

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