Wie viel Gleichberechtigung braucht unsere Sprache?

Wie schafft man eine genderneutrale Sprache? Damit beschäftigt sich Forscherin Lann Hornscheidt. Sie schlägt vor, die neue Wortendung "-x" zu benutzen - und erntet dafür viel Häme.

Sprache ist ein mächtiges Instrument. Sie ist nicht nur ein Spiegel von Kultur und Gesellschaft, sie kann umgekehrt auch unsere Entwicklung und unser Denken beeinflussen. Sprache ist darum ein wichtiges Thema für die Gleichberechtigungsdebatte. Dass im Deutschen der Plural mit der männlichen Form gebildet wird (also "die Busfahrer" oder "die Bäcker") war Feministinnen schon vor Jahrzehnten ein Dorn im Auge.

Seitdem bemühen sich viele Menschen um eine Sprache, die beiden Geschlechtern gerecht wird. Sie schreiben mal "BusfahrerInnen" oder "Busfahrerinnen und Busfahrer" oder auch "Busfahrer/innen". Dieses so genannte "Splitting" ist in einigen Bundesländern für den öffentlichen Dienst und an Schulen sogar vorgeschrieben, auch für Stellenanzeigen ist es laut Europarecht Pflicht.

Aber es ist auch umständlich. Die wenigsten verwenden es in ihrer täglichen Umgangssprache.

Aus Studenten werden Studentx

Um das Problem zu lösen, hat die Berliner Professorin Lann Hornscheidt vorgeschlagen, eine neue, neutrale Wortendung einzuführen: das -x. Für die Ansprache würde das bedeuten: "Liebe Studentx" (gesprochen: Studentix). Oder auch "Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt". Das klingt ungewohnt und mag für viele absurd erscheinen. Doch muss man auch bedenken: Lann Hornscheidt hat eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität Berlin. Es ist also ihr Job, sich über solche Fragen Gedanken zu machen.

Gefundenes Fressen für Frauenhasser

Doch als ihre Vorschläge vor ein paar Wochen in den sozialen Netzwerken hochgespült wurden, schlug ihr ein Shitstorm entgegen. Es hagelte nicht nur Spott und Unverständnis, sondern auch heftigen Hass. Als Hornscheidt ihren Leitfaden im Frühjahr 2014 erstmals veröffentlichte, bekam sie laut Faz.net "Morddrohungen, Schlachtungsphantasien und Vergewaltigungsabsichten geschickt". Ein kleines x mit schlimmen Folgen.

Sicher kann man geteilter Meinung darüber sein, ob wir wirklich eine derart genderneutrale Sprache brauchen. Aber ist es so viel Aufregung wert? In Schweden etwa wurde ohne viel Aufsehen das genderneutrale Pronomen "hen" eingeführt, als Ergänzung zu "hon" (sie) und "han" (er). Inzwischen wird es regelmäßig benutzt, auch in Zeitungen oder auf Websites, ohne dass darauf jedes Mal ein Shitstorm folgt.

Lann Hornscheidt macht auch auf eine Gruppe aufmerksam, die in der Debatte bislang wenig beachtet wurde: Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann fühlen. Hornscheidt selbst gehört zu dieser Gruppe und änderte darum sogar ihren Vornamen: Geboren wurde sie als Antje Hornscheidt.

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt sie: "Ganz viele Menschen identifizieren sich nicht damit, Frau oder Mann zu sein. Viele wollen auch nicht das eine oder das andere sein. Alle Sprachänderungen vorher haben versucht, Frauen sichtbarer zu machen. Das x soll einen Schritt weiter gehen und Geschlechts-Vorstellungen durchkreuzen, auch bildlich."

Egal, ob sich das -x nun durchsetzt oder nicht: Erschreckend ist, wie Menschen auf solche Gedankenexperimente reagieren. Viele Feministinnen und Genderforscherinnen haben zuletzt im Netz ähnliche Erfahrungen gemacht wie die Berliner Wissenschaftlerin. Es wäre schade, wenn der Hass mutige Vorschläge im Keim ersticken würde.

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miro
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