Genitalverstümmelung: Diese grausame Praxis geht uns alle an!

Auch nach Deutschland kommen immer mehr Mädchen und Frauen, die eine Genitalverstümmelung erleiden mussten - oder davon bedroht sind.

Die Genitalverstümmelung ist nicht so weit weg, wir glauben

Genitalverstümmelung ist weit weg? Nein. Laut Unicef leiden schätzungsweise 200 Millionen Frauen weltweit unter der grausamen Praxis, die ihr Leben zerstört. Und mit den flüchtenden Menschen kommen immer mehr betroffene Mädchen und Frauen auch zu uns. 

Das „Change Plus“-Projekt der Kinderhilfsorganisation Plan International setzt sich für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung ein - innerhalb der Communities in Europa. Wir haben mit der in Benin geborenen Sozialpädagogin Gwladys Awo gesprochen, die das Projekt in Hamburg leitet. 

BRIGITTE.de: Wie viele Mädchen und Frauen in Deutschland sind von Genitalverstümmelung betroffen?

Gwladys Awo: Inzwischen sind mehr als 48.000 Frauen betroffen, schätzungsweise 9.500 Mädchen sind gefährdet.

Aus welchen Ländern kommen die Frauen?

Sie kommen aus der ganzen Welt: Lateinamerika, Afrika, Asien, aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und aus Europa.

Warum hält sich die Genitalverstümmelung so hartnäckig - ist das eine religiöse Praxis?

Nein, weibliche Genitalverstümmelung hat nichts mit dem Glauben zu tun. Es gibt sie schon viel länger als die monotheistischen Religionen. Wir wissen, dass die Beschneidung schon vor 5000 Jahren in Ägypten durchgeführt wurde, zuerst an Frauen, die einen Pharao heiraten sollten. Damit sollte sichergestellt werden, dass sie Jungfrauen bleiben. Heute wird sie unter anderem von Christen, Muslimen und Hindus praktiziert.

Es geht darum, dass Frauen keinen Sex vor der Ehe haben?

Ja. Es geht darum, weibliche Lust zu unterdrücken und die Frauen klein zu halten. Es geht um Macht. Übrigens: Im 19. Jahrhundert war die chirurgische Verstümmelung der Klitoris ein anerkanntes Vorgehen in Europa, um Nymphomanie, Epilepsie oder Masturbation zu "heilen." 

Wie alt sind die Mädchen, wenn sie verstümmelt werden?

Das wird in jedem Land, in jeder Region und in jedem Dorf anders gehandhabt. Manche Mädchen werden schon drei Tage nach ihrer Geburt verstümmelt, andere vor dem Einsetzen der Pubertät oder später. Die Beschneidung findet oft ohne Betäubung statt und ist äußerst traumatisch.

Was sind die Folgen?

Viele Mädchen sterben durch die Prozedur. Überlebende leiden unter Blutungen, HIV, Tetanus, Infektionen, Gangrän, Fisteln, Verletzungen der Harnwege oder großer Arterien. Manche bekommen auch Krebs. Viele haben lebenslänglich Schmerzen, Depressionen und Angstzustände.

Wie kann den Frauen in Deutschland geholfen werden?

Sie brauchen eine gute Ausbildung und Arbeit, die ihnen ein eigenes Einkommen ermöglicht. Erst dann sind sie in der Lage, für sich und ihre Rechte einzustehen. Wer abhängig ist, kann sich nicht wehren. Es gibt viele freie Ausbildungsplätze in Deutschland, aber die Frauen finden nur unterbezahlte Hilfstätigkeiten. Sie sind in der Gesellschaft quasi unsichtbar. Eine gute Ausbildung, zum Bespiel im Gesundheitsbereich, gepaart mit dem Wissen über weibliche Genitalverstümmelung, würde sie ermächtigen, gegen diese Praktik vorzugehen und die Menschen in ihren Communities für das Thema zu sensibilisieren. Wenn sie vermitteln können, was die Genitalverstümmelung mit Frauen macht, wie sehr sie psychisch und physisch darunter leiden, und wie Mütter ihre Töchter davor schützen können, glaubt man ihnen viel eher als einer Frau ohne Ausbildung.

Sie leiten das „Change Plus“-Projekt in Hamburg, das Schlüsselfiguren in den afrikanischen Communities ausbildet, damit sie sich für die Abschaffung der Praxis einsetzen. Wie funktioniert das?

Gwladys Awo wurde in Benin geboren und leitet heute das "Change Plus"-Projekt in Hamburg, das sich dafür einsetzt, die weibliche Genitalverstümmelung in den Communities abzuschaffen.

Das „Change Plus Projekt“ bildet einflussreiche Frauen und Männer aus den  Communities als Multiplikatoren aus, etwa Imame. Bei den Fortbildungen geht es um medizinische, juristische, religiöse und kulturelle Dimensionen der Genitalverstümmelung. Diese Multiplikatoren sensibilisieren dann die Menschen in und gemeinsam mit den Communities, klären Frauen und Männer auf und vermitteln ihr Wissen.

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