Gwladys Awo kämpft in Deutschland gegen Genitalverstümmelung

Genitalverstümmelung ist auch in Deutschland ein Problem. Deshalb erklärt Gwladys Männern, wie beschnittene Frauen fühlen.

Weibliche Genitalverstümmelung? Auch die Männer leiden

Oft kann sie es an ihren Gesichtern erkennen. "Männern, die mit Frauen verheiratet sind, die beschnitten sind, sieht man eine Traurigkeit an", sagt Gwladys Awo.

Die 40-Jährige hat in viele solcher Gesichter geblickt; sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit afrikanischen Migranten in Hamburg. Sie ist die Schlüsselfigur in einem Projekt, das Mädchen und junge Frauen in den afrikanischen Communities stärken will, damit sie sich für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung einsetzen. Dabei richtet sie sich auch gezielt an die Männer. Denn neben den oft lebenslangen Schmerzen, die viele Frauen ertragen müssen, hat die Beschneidung massive Folgen für die Beziehung. "Viele Frauen haben kaum Interesse an Sex, aber sie können mit ihrem Mann nicht darüber reden, weil Sexualität für beide ein riesen Tabu-Thema ist", sagt sie.

Daraus entstehen Spannungen, "und das verschärft noch die Probleme, die ohnehin auf vielen lasten - mangelnde berufliche Eingliederung und soziale Integration, aber auch Diskriminierung."

Rund 50 000 Mädchen und Frauen in Deutschland leiden unter einer Genitalverstümmelung

Etwa 50 000 Mädchen und Frauen in Deutschland haben eine Genitalverstümmelung erlitten. Die meisten kommen aus afrikanischen Ländern wie Eritrea oder Guinea. Durch die Zuwanderung stiegen die Zahlen laut Familienministerium zwischen Ende 2014 und Mitte 2016 um knapp 30 Prozent an.

Gwladys Awo, dichte Locken, breites Lachen, ist Koordinatorin von "Change Plus". Das von der EU geförderte und von der Stiftung des Kinderhilfswerks Plan International und der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes getragene Projekt klärt seit 2013 in den über 100 afrikanischen Gemeinden in Hamburg über Genitalverstümmelung auf.

Awo kommt aus dem westafrikanischen Benin, mit 22 zog sie nach Deutschland und studierte Sozialpädagogik. Danach leitete sie Flüchtlingsprojekte und hörte dabei von den Frauen immer wieder, wie sie unter ihrer Beschneidung litten. "Viele haben Beschwerden bei der Menstruation oder wenn sie lange sitzen. Und sie sind traurig, dass sie keine Intimität leben können."

"Man muss Vertrauen schaffen"

Awo schult sogenannte Change Agents, Männer und Frauen aus den Communities, die dort als Multiplikatoren wirken sollen. "Wir klären über die medizinischen und psychologischen Folgen auf, darüber, was überhaupt Intimität ist. Und dass Beschneidung in Deutschland verboten ist."

Danach sprechen die "Agents" das Thema in ihren Gemeinden an, und wenn sie dabei Hilfe brauchen, begleitet Gwladys Awo sie. "Mich kennt dort jeder, manchmal bringen wir Snacks mit und lachen erst mal zusammen; man muss Vertrauen schaffen, bevor man über so ein heikles Thema reden kann. Es geht heute nicht mehr darum, die Menschen von der Beschneidung abzubringen, sondern ihnen zu helfen, mit den Folgen zu leben."

Die Imame unterstützen ihre Arbeit

Unterstützung bekommt sie von Imamen und Präsidenten der afrikanischen Gemeinden, die mit ihr den neuen Ansatz entwickelten. "Auch sie wollen etwas ändern", sagt Awo, "afrikanische Männer befürworten Genitalverstümmelung nicht. Im Gegenteil." Zugleich soll das Projekt Mädchen schützen, während eines Urlaubs im Herkunftsland der Eltern beschnitten zu werden - nach deutschem Recht ist auch die "Ferienbeschneidung" ein strafbarer Akt.

Viele Imame geben den Müttern Briefe mit, die die Verwandten davor warnen, die Mädchen mit in ländliche Regionen zu nehmen, in denen die Praxis noch gängig ist. "Das Wort der Imame hat Gewicht", sagt Awo. Einer erzählte ihr, er selbst habe seine Verlobte 1997 vor der Genitalbeschneidung gerettet - er sagte ihren Eltern, er würde sie nicht heiraten, wenn sie sie beschneiden ließen.

Zur Person

Gwladys Awo, 40, ist in Benins Hauptstadt Porto-Novo aufgewachsen und hörte zum ersten Mal im Biologieunterricht davon, was Genitalverstümmelung ist. Mit 22 kam sie nach Deutschland. Heute ist sie Koordinatorin des EU-Projekts "Change Plus", das von der Stiftung "Hilfe mit Plan" des Kinderhilfswerks Plan International gefördert wird. Bei der Stiftung ist sie auch angestellt. Sie hat zwei kleine Kinder und lebt in Hamburg. Weitere Infos: www.plan.de/news/detail/artikel/drei-fragen-an-gwladys-awo.html

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Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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