Wofür brauchen wir die Männer noch?

Die US-Autorin Hanna Rosin hat mit ihrem Buch "Das Ende der Männer" die Geschlechterdebatte mit der Frage "Wofür brauchen wir Männer noch?" neu befeuert. Wir schickten BRIGITTE-Redakteur Georg Cadeggianini zum Interview. Immerhin: Er kam zurück.

Die US-Autorin Hanna Rosin im Gespräch über "Das Ende der Männer"

BRIGITTE: Frau Rosin, Sie haben einen neun Jahre alten Sohn. Wie erklären Sie ihm das Ende der Männer?

HANNA ROSIN: Ich glaube ja gar nicht, dass das Ende der Männer eine schlechte Sache ist.

Das macht es jetzt nicht unbedingt besser.

Doch. Die Welt, die nach dem Ende der Männer kommt, wird eine bessere sein. Auch für meinen Sohn. Es ist eine Welt, in der er weniger verurteilt wird für Entscheidungen, die er vielleicht treffen wird: etwa, nur vier Tage die Woche zu arbeiten oder sich wirklich als Vater zu identifizieren. Wir haben heute ein extrem enges Verständnis von dem, was ein Mann sein darf und was nicht. Etwa so rigide wie das Frauenbild von 1962.

Ein paar Probleme im Geschlechterbild - das soll das Ende der Männer sein? Worin besteht denn überhaupt das Neue, das Sie fordern?

Ich fordere ja gar nichts. Das ist vielleicht auch das Neue. Ich stelle fest: Auf drei Frauen, die heute einen Hochschulabschluss machen, kommen gerade mal zwei Männer. Von den 15 Job-Feldern, die in Zukunft am meisten wachsen werden, sind 13 weiblich dominiert. In Washington, wo ich wohne, sind zwei Drittel der Mütter Haupternährerinnen der Familie. Die Ära der männlichen Dominanz ist definitiv vorbei.

Ist sie das?

Frauen stellen nur etwa fünf Prozent der CEOs bei den Fortune-500-Unternehmen und nur 20 der 180 Staats- und Regierungschefs. Deutschland zahlt Betreuungsgeld an Eltern, hauptsächlich Mütter, die mit ihrem kleinen Kind zu Hause bleiben. Im Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, der die wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen ausweist, landet Deutschland auf Platz 31, zwischen Ghana und Burkina Faso. Natürlich kann man all diese Zahlen als Beweis für männliche Dominanz heranziehen. Ich lese sie als Todesröcheln eines Zeitalters, das im Verschwinden begriff en ist. Die Zahl der weiblichen Staats- und Regierungschefs hat sich in den letzten Jahren verdoppelt, Unternehmen mit Frauen in der Entscheidungsebene machen mehr Umsatz, und weibliche CEOs sind in den größten US-Unternehmen zwar noch selten, bekommen aber 43 Prozent mehr Gehalt als ihre männlichen Kollegen.

Zahlen, Macht, Geld: Ist das der Sieg des Feminismus?

Das hat mit Feminismus erst mal gar nichts zu tun. Es geht nicht um Forderungen, Geschlechterkampf und Straßendemos. Viele Frauen, mit denen ich gesprochen habe, würden das Patriarchat bevorzugen, eine Situation also, in der sie nicht arbeiten. Aber sie müssen arbeiten. Weil der Mann zu wenig verdient oder weil ohnehin kein Mann da ist. Es gibt in Amerika sehr viele alleinerziehende Mütter. Das sind Frauen, die keinen Mann in ihrer Umgebung finden, der hilfreich ist. Und bevor sie noch ein Maul zu füttern haben, bleiben sie lieber allein.

"Frauen picken sich raus, was sie im Bett haben wollen"

Gehen wir also mal vom Ende der Männer aus - was macht so was mit den Menschen?

Wirtschaft und Kultur haben sich grundlegend verändert. Dieser Wandel reicht weit in die intimen Beziehungen hinein. Sie verändern alles: wie wir arbeiten, wie und wen wir lieben, mit wem und wie wir ins Bett gehen.

Jetzt erschrecken Sie mich doch ein wenig...

Das ist typisch. Und genau der Punkt, an dem wir stehen. Während Frauen sich immer mehr Bereiche erobert haben, sich wie Immigranten, die in ein neues Land eingewandert sind, immer flexibel an Situationen angepasst haben, stehen Männer nach dem Strukturwandel in Arbeitswelt und Wirtschaft plötzlich vor einem Scherbenhaufen: Job weg, Frau komisch. Sie verfallen in Angststarre, warten, dass alles wieder wie früher wird. Erzieher? Krankenpfleger? Ich? Nee.

Beginnen wir mal im Bett. Was ändert sich da?

Es gibt einen neuen Typ Frau. Das sind Frauen, die Sex haben wie Männer; Frauen, die einen Uni-Abschluss und einen tollen Job haben und beweisen wollen, dass sie auch beim Sex mit den Jungs mithalten können. Sie sind im Bett genauso hart wie tagsüber in den Verhandlungen im Büro.

Klingt komisch - nach einer Pornofantasie von Männern.

Das ist natürlich ein Extrem. Das sind aggressive Frauen, die ihre Verwundbarkeit komplett ausblenden wollen: am Arbeitsplatz und im Bett. Was dabei aber als allgemeine Tendenz gültig ist: Frauen begreifen sich nicht mehr als Opfer. Das merkt man zum Beispiel auch am Analsex.

Wie bitte?

Analsex ist massiv angestiegen. Innerhalb der letzten 20 Jahre bei den 18- bis 24-jährigen Frauen von 16 auf 40 Prozent.

Aber das ist doch etwas, was Männer Frauen aufzwingen.

Nicht unbedingt. Wir sind in einer Zeit, in der Frauen den Einfluss von Pornografie akzeptiert haben. Sie versuchen damit zu spielen. Wenn man sich die Daten genau ansieht, fällt auf: Ja, es gibt viel mehr Analsex als früher, zugleich sind Frauen heute sexuell zufriedener. Es geht also weniger darum, dass Männer die Sex-Kultur kontrollieren, als um ein Experimentieren der Frauen. Nehmen Sie die Hook-up-Kultur an Colleges...

. . . also unverbindlichen Sex zwischen Studenten.

Früher waren Frauen da Opfer. Das Abschleppen war eigentlich ein Männerding, die Frauen wurden ausgenutzt. Heute stimmt das überhaupt nicht mehr. Frauen sind in dieser Lebensphase viel erfolgreicher als Männer. Sie verdienen mehr Geld, machen bessere Abschlüsse. Viele wollen einfach keine feste Beziehung. Sie sagen: Eine Beziehung, das ist so aufwändig wie ein weiteres Hauptseminar. Dafür habe ich keine Zeit. Was man heute viel öfter findet: Frauen, die sich über Loser-Männer beschweren. Über Männer, die ständig ihr Studienfach wechseln und stolz sind, wenn sie eine Prüfung überhaupt geschafft haben. Viele Frauen vermeiden ernste Beziehungen und überwintern in unverbindlichen Hook-ups: Sie picken sich raus, was sie im Bett haben wollen.

Brauchen wir nicht das Hin und Her in frühen Jahren, um beziehungsfähig zu werden?

Anscheinend nicht. Leute, die mit der Hook-up-Kultur groß geworden sind, führen Jahre später die stärksten Ehen, die wir seit Jahrzehnten haben in Amerika.

Frau Rosin, Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Wen würden Sie auf die Uni schicken, wenn das Geld später nur für ein Kind reichen würde?

Der Kleine ist noch zu klein. Entscheiden wir uns also zwischen dem Neunjährigen und der Elfjährigen. Sie wäre erfolgreich. Kein Zweifel, unglaublich erfolgreich. Und er? Er ist clever, aber er braucht die formale Struktur. Wenn er nicht aufs College gehen könnte, dann würde er einfach von der Bildfläche verschwinden. Wahrscheinlich würde ich also ihn schicken, einfach weil ich weiß, dass sie es ohnehin schaff en wird. Die Zukunft ist einfach für Frauen geschaffen.

Trotzdem sind Frauen heute nicht wirklich glücklich.

Stimmt. Frauen können mit all den Möglichkeiten, die sie heute haben, wohl noch nicht richtig umgehen. Sie müssen sich auf so vielen verschiedenen Feldern beweisen.

Müssen sie doch gar nicht.

Wollen sie aber. Frauen wurden über Jahrhunderte an den Rand gedrängt, mussten sich immer neu anpassen. In den letzten Jahrzehnten bekamen sie riesige Möglichkeiten zugespielt. Diese Kombination aus Underdog und Newcomer war es, die Frauen nach vorn brachte. Sie haben einen napoleonischen Appetit entwickelt, erschließen sich gierig immer neue Felder, ohne irgendwas abgeben zu wollen.

Sie gehen arbeiten und schmeißen trotzdem den Haushalt.

Ja. Sie holen sich Macht, geben aber nicht ihre Verwundbarkeit ab. Sie sind dominant und sensibel. Sie machen Karriere und denken trotzdem noch an den Geburtstag vom besten Kindergartenfreund des Sohnes. Ich habe mit vielen hundert Frauen gesprochen, die als Hauptverdienerinnen das Geld nach Hause bringen. Und ich habe keine einzige Frau getroff en, nicht einmal Multimillionärs-Immobilienanwältinnen, die die Aufgaben zu Hause aufgegeben hätten. Das heißt natürlich nicht, dass sie alles selbst machen würden. Aber sie fühlen sich dafür verantwortlich und wollen es auch sein.

"Wir müssen Männer, die Pausenbrote schmieren, künftig sexy finden"

Der BRIGITTE-Redakteur Georg Cadeggianini im Gespräch mit Hanna Rosin

Warum fällt es Frauen so schwer abzugeben?

Sie haben ganz unterschiedliche Gründe: Mein Mann kann das nicht. Nur so fühle ich mich weiblich . . . Während ich an meinem Buch schrieb, fuhr mein Mann ein paar Tage mit den Kindern weg. Ich sollte Zeit haben. Eigentlich nett. Aber während er das Auto packte, dachte ich: Er hat die falschen Handschuhe dabei, er nimmt die Wasserflasche mit dem kaputten Deckel und die riesige Tüte Brezeln, die Streit und Brösel geben wird.

Für was brauchen Frauen denn Männer überhaupt noch?

Für zwei Dinge: Zum einen bleibt der Mann - auch wenn er nicht mehr Ernährer ist - doch noch Beschützer. Ich habe das so oft gehört: Er verdient nicht das Geld. Er arbeitet nicht. Er kümmert sich nicht wirklich um die Kinder. Aber er ist mein Beschützer. Ich glaube, es ist einfach ein Gefühl der Sicherheit, das Männer den Frauen geben. Deswegen fühlen wir uns auch so unwohl mit dem, was gerade passiert: Es ist uns wahnsinnig unangenehm, dass Männer vielleicht Hilfe brauchen. Wir reden nicht darüber. Das Zweite, was Männer besser können als Frauen, ist, den Einfluss anderer Leute auszublocken. Wo kommen Typen wie Bill Gates oder Steve Jobs denn her? Vielleicht ist ja Dickköpfigkeit die Grundlage von Leidenschaft.

Sie haben einen erfolgreichen Ehemann. Was wäre, wenn er plötzlich verkünden würde, zu Hause bleiben zu wollen? Fänden Sie so einen Mann noch attraktiv?

Puh. Ich habe keine eindeutige Antwort darauf. Wenn er sein Leben nicht einfach aufgeben würde, sondern irgendeine Idee dahinter hätte, etwa ein Buch schreiben würde. . . Aber, ja, ich gebe zu: Ich wäre erst mal misstrauisch. Trotzdem denke ich nicht, dass ich ihn für ein Weichei halten und nie wieder mit ihm schlafen würde. Vielleicht lüge ich, aber ich glaube nicht. Und wenn ich lüge, dann wird die Generation meiner Tochter so weit sein und ein anderes Männerbild haben: Sexuelle Anziehung ist kulturell bestimmt. Wir werden uns immer mehr wohl fühlen mit dominanten Frauen. Auch mit Frauen, die aggressiv sind. Genauso müssen wir uns das Gegenteil fragen: Wenn du einen Mann siehst, wie er die Pausenbrotboxen für die Kinder vorbereitet - findest du das sexy? Ich glaube, da müssen wir uns bewegen. Wir müssen das sexy finden.

GEORG CADEGGIANINI, 35, hat drei Söhne und drei Töchter - auch deswegen war er gespannt, was Hanna Rosin zur Zukunft der Geschlechter sagt. Um die Söhne wird er sich zukünftig noch mehr kümmern.

Interview: Georg Cadeggianini Fotos: Nina Subin, Enver Hirsch BRIGITTE 03/2013
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