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Alice Nkom: Menschenrechtspreis für den Kampf gegen Diskriminierung

Alice Nkom: Menschenrechtspreis für den Kampf gegen Diskriminierung
© AFP/Getty Images
Alice Nkom aus Kamerun ist Afrikas wichtigste Stimme für die Rechte Homosexueller. Dafür hat sie den Menschenrechtspreis von Amnesty International bekommen. BRIGITTE-Ressortleiterin Meike Dinklage über eine außergewöhnliche Frau, die sie persönlich treffen konnte.

Wenn bei uns ein Fußballspieler öffentlich erklärt, dass er schwul ist, dann lobt ihn die Kanzlerin und betont, dass in Deutschland niemand wegen seiner Sexualität Angst haben dürfe. Wenn in Kamerun ein Mann für schwul gehalten wird, dann wird er verhaftet, ein Armeearzt steckt ihm mehrere Finger ins Rektum, und je nachdem, wie viele Finger Platz haben, gilt das als Beweis, dass der Mann mit Männern schläft; er wird angeklagt und bekommt bis zu fünf Jahre Gefängnis. Man könnte meinen, dass die Kluft zwischen Westeuropa und den über 70 Ländern dieser Welt, die Homosexuelle strafrechtlich verfolgen - 38 davon in Afrika -, unüberbrückbar ist. Dass sie in letzter Zeit sogar noch gewachsen ist, denn fast wöchentlich gibt es Meldungen über neue Verschärfungen: Putins Anti-Homosexuellen-Erlass, der unter Strafe stellt, überhaupt nur positiv über Homosexuelle zu reden. Indiens gescheiterter Versuch, ein Gesetz gegen Homosexuelle abzuschaffen. Kroatiens Volksentscheid gegen die Homo-Ehe.

Nigeria, das Homosexuelle mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft. Und dann ist da diese ruhige, rundliche Frau mit ihrem aufmerksamen Blick und der eindringlichen Art zu sprechen. Alice Nkom, Anwältin aus Kamerun, 68, große Brille, traditionelle Kleidung. Sie ist da, um etwas gegen diese Kluft zu unternehmen; sie will klarmachen, dass Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit Werte sind, die jeder Staat seinen Bürgern schuldet, überall auf der Welt. Sie will dasselbe wie Angela Merkel: dass niemand wegen seiner Art zu lieben Angst haben muss. Nur bekommt sie dafür Todesdrohungen. Alice Nkom ist ein paar Tage in Berlin, ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Weltwirtschaftsforum in Davos, wo das Thema Homosexuellen-Verfolgung zum ersten Mal Gehör finden soll. In Berlin trifft sie sich mit Vertretern von Amnesty International, die deutsche Sektion verleiht ihr in diesem Jahr den Menschenrechtspreis: für ihren außergewöhnlichen Mut und weil sie ein Vorbild für Aktivisten in ganz Afrika ist. Sie freut sich, nicht aus Eitelkeit, sondern weil der Preis dafür sorgt, dass ihr Kampf noch mehr Beachtung findet. "Wir müssen eine internationale Allianz schmieden", sagt sie, "ich spüre, dass jetzt die Zeit ist, in der wir Bewegung in dieses Thema bringen können!"

"Wir müssen eine Allianz schmieden. Ich spüre, dass jetzt die Zeit ist, in der wir Bewegung in dieses Thema bringen können!"

Bis vor elf Jahren war Alice Nkom eine ganz normale Anwältin, spezialisiert auf Frauenrechtsfragen, aber ohne spezifisches Engagement für Menschenrechte. Dann traf sie eine Gruppe junger Franzosen, sie kamen ins Gespräch, vier junge Männer, offenkundig schwul. Sie sprach sie darauf an, "ich wollte sie warnen", sagt sie, "die Männer wussten gar nicht, dass ihnen, wenn sie ihr Schwulsein öffentlich zeigten, in Kamerun Gefängnis drohte". Die Männer verließen sie sehr nachdenklich, und Alice Nkom fühlte sich schuldig: "Ich dachte, dass kann doch nicht sein: Wenn junge Kameruner im Ausland studieren und dort ihre Homosexualität entdecken, was sagen wir ihnen dann? Kommt nicht zurück? Ich dachte, dass muss doch uns alle angehen!" Sie beschloss, etwas zu unternehmen, und gründete 2003 ADEFHO, einen Verein, der Homosexuellen Aufklärung, Rechtsberatung, medizinische und psychologische Betreuung bietet. ADEFHO wurde schnell bekannt, weil es der erste Verein dieser Art in Kamerun ist.

Die Medien berichteten, Alice Nkom wurde zu internationalen Konferenzen und in Talkshows eingeladen. Wenn heute irgendwo in Kamerun ein Mann oder eine Frau wegen ihrer sexuellen Orientierung festgenommen werden, erfährt Alice Nkom davon, durch ihre Netzwerke und andere Aktivisten. Oft fährt sie dann viele Stunden durchs Land, nachts, in entlegene Dörfer, um schon auf der Polizeistation bei ihnen zu sein, sie über ihre Rechte aufzuklären, die Polizisten in ihre Schranken zu weisen, dem Armeearzt mit einer Klage wegen Folter und einer Anzeige bei der Ärztekammer zu drohen. Sie macht es mit einer Haltung, die klarstellt, dass sie sich durch nichts provozieren lässt. Manche der Betroffenen nimmt sie gleich mit, bringt sie in das ADEFHOCenter. Dort hören sie dann von den Mitarbeitern zum ersten Mal den Satz: Du musst keine Angst mehr haben, wir sind hier alle wie du. Es gibt viele Theorien darüber, warum die Homophobie in vielen Teilen der Welt gerade jetzt zunimmt. Es ist nicht in erster Linie ein Armuts-Phänomen, und die Fronten verlaufen auch nicht geradlinig entlang der Religionen und Kulturen - Saudi-Arabien und die fundamentalistischen Christen in den USA, wo Homosexualität in 13 Bundesstaaten ein Straftatbestand ist, blicken aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf die gleichgeschlechtliche Liebe.

Oft geht es um Macht, die Autokraten wie Russlands Präsident Putin erhalten wollen, indem sie Minderheiten kriminalisieren - weil Toleranz zu Vielfalt führt, die ihre Autorität untergräbt. Das gilt auch für afrikanische Länder wie Ghana, Uganda und den Senegal, wo die Gesetze gegen Homosexuelle unlängst verschärft oder bestehende Gesetze erstmals angewendet wurden: Hier versucht eine Kaste alternder Präsidenten, die Gesellschaft durch die Verteufelung von Schwulen und Lesben hinter sich zu bringen, während ihr die junge, schnell wachsende Mittelschicht in eine digitale Welt entgleitet. Homophobie ist in vielen früheren Kolonien auch ein politisches Mittel, um sich gegen den Westen abzugrenzen: Homosexualität gilt hier als Inbegriff seiner Dekadenz. In den Ländern des Balkans ist die Homophobie wiederum auch Ausdruck der anti-europäischen Stimmung: Serbien etwa verbietet seit drei Jahren Schwulen-Paraden. Regierungschef Ivica Dacic erklärte zur Kritik der EU: "Muss ich jetzt schwul werden, um Pro-Europäer zu sein?"

Und zugleich gibt es in jedem Land kulturelle Eigenheiten, die ein homophobes Klima begünstigen. In Kamerun ist das Gesetz gegen Homosexuelle bereits 42 Jahre alt, aber erst Mitte der Nullerjahre begann die Hatz. Auslöser war die Brandrede eines Bischofs gegen die Elite vermeintlich schwuler Staatsbeamter, die, so stellte er es dar, die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu verantworten hätten. "Es gibt bei uns einen traditionellen Konflikt zwischen Volk und Beamten", sagt Alice Nkom. Die Rede zog Kreise, bald erschien eine Liste mit Namen. "Das löste einen Kreuzzug aus, nicht nur gegen Beamte, sondern gegen Homosexuelle allgemein. Es gab Kinder, die drohten sich umzubringen, wenn ihre Väter nicht den Beweis erbringen konnten, nicht schwul zu sein. " Die Festnahmen haben in dieser Zeit begonnen, in den Vierteln der einfachen Menschen. "Es gibt keinen generellen Hass gegen Homosexuelle, nur Manipulation auf höchster Ebene, die die Menschen dazu bringt, Homosexuelle zu verfolgen", sagt Alice Nkom. "Kamerun ist ein Land ohne echte Rechtsstaatlichkeit, der Präsident regiert seit 31 Jahren. Die Leute sind unter ihm verarmt, sie suchen Sündenböcke, sie machen mit, um sich von ihren Problemen abzulenken."

Oft sind die Denunzianten einfach Kriminelle, die Leute erpressen und von ihnen Geld fordern, mit der Drohung, sie als Homosexuelle anzuzeigen. In keinem anderen afrikanischen Land werden so viele Schwule und Lesben angeklagt und ist das Ausmaß der Verfolgung so massiv. Viele Frauen werden, wenn ihnen nachgesagt wird, mit Frauen zu schlafen, vergewaltigt, um sie "zu kurieren", sie riskieren das Sorgerecht für ihre Kinder. Schon ein nicht typisch weiblicher Kleidungsstil kann für die Diskriminierung ausreichen. Die Betroffenen leben in ständiger Angst und seelischer Qual. Die Kirche fördert die Hatz. In Kamerun sind in den letzten Jahren etliche neue freikirchliche Gruppen entstanden, die Priester fügen in ihren Predigten jetzt den Satz hinzu: "Gott schütze uns vor der Homosexualität."

Alice Nkom erlebt, dass sich immer mehr Richter und Staatsanwälte den Freikirchen anschließen und das religiöse Gesetz über die UN-Menschenrechtskonvention stellen, die Kamerun 1984 unterzeichnet hat und die laut Verfassung über nationalem Gesetz steht. "In den Richterzimmern stehen plötzlich keine Computer mehr, es gibt nur noch Losungen an den Wänden, auf denen steht: ,Ich liebe Gott'." Wenn sie in so ein Zimmer kommt, dann sorgt sie dafür, dass sie mit dem Richter unter vier Augen reden kann. Sie sagt ihm, dass sein Glaube Privatsache ist, er aber hier eine Funktion bekleide. Er solle bei seiner Rolle bleiben. Etwa 60 Mandanten hat Alice Nkom vor Gericht vertreten, immer wieder ist sie in Berufung gegangen. Sie hofft, dass eines Tages ein Fall die Menschen so erbost, dass daraus eine Bürgerrechtsbewegung entsteht. Immer argumentiert sie juristisch, nicht moralisch, sie erklärt, dass der Erlass gegen Homosexuelle im Widerspruch steht zum Schutz der Privatsphäre, den die Verfassung garantiert. "Wie kann ein Artikel des Strafgesetzbuches die Privatsphäre schützen und ein anderer etwas bestrafen, das privat ist? Homosexualität ist nicht beweisbar, denn um den Geschlechtsakt nachzuweisen, müsste man Gesetze brechen."

Dennoch werden immer wieder Freiheitsstrafen verhängt. Einer ihrer Mandanten, Jean-Claude Roger Mbede, wurde 2011 zu drei Jahren verurteilt, weil er einem Mann eine SMS mit einer Liebeserklärung geschickt hatte - der Mann lud ihn zu sich nach Hause ein, dort wartete schon die Polizei. "Eine SMS!", sagt Alice Nkom. "Das ist doch keine sexuelle Handlung." Mbede starb Mitte Januar an einem Leistenbruch, den er sich im Gefängnis zugezogen hatte. Alice Nkom sagt: "Gäbe es die Kriminalisierung der Homosexualität nicht, wäre er noch am Leben." Mbedes Verwandte sagten: Er hat auf uns gelastet wie ein Fluch. Ihren juristischen Kampf führt Alice Nkom mit einem einzigen Mitarbeiter. Er ist ihr Kanzlei-Partner, beide erhalten seit mehreren Jahren Morddrohungen, per Mail, per SMS, sie haben Anzeige erstattet, aber es ist nichts passiert.

"Ich habe sehr viele Gegner", sagt Alice Nkom, "aber mein Feind Nummer eins ist der Staat. Er hat sich verpflichtet, mich zu schützen, aber er hält sich nicht daran." Ihr Partner musste seine Familie in den USA in Sicherheit bringen, sie rechnet ihm hoch an, dass er danach in ihre Kanzlei in Douala zurückkehrte. Junge Unterstützer findet sie kaum. "Ein junger Anwalt riskiert sehr viel, und er ist noch nicht so resistent gegen Drohungen und Stigmatisierung. Ich hingegen habe eigentlich nichts mehr zu verlieren. Ich kann mich versorgen, werde immer ein Bett und etwas zu essen finden. Jedenfalls werde ich weiterkämpfen bis zu meinem Tod." Ein paar Tage später, in Davos, durfte Alice Nkoms Veranstaltung zur Verfolgung Homosexueller weltweit nicht im offiziellen Programmteil laufen und auch nicht auf dem Kongress-Gelände. Dort wurde eine hochrangige russische Delegation erwartet.

Kamerun: Verfolgung und Gewalt wegen sexueller Orientierung

In Kamerun werden immer mehr Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Identität Opfer von Menschenrechtsverletzungen.

Medien, Politiker und Politikerinnen und religiöse Führer und Führerinnen hetzen die Gesellschaft gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle (LGBTI) auf. Die Betroffenen werden auf der Straße angegriffen, beleidigt und mit der Drohung, sie der Justiz zu melden, erpresst und ausgegrenzt.

LGBTI sind Verfolgung und Diskriminierung, willkürlichen Verhaftungen und Anklagen ausgesetzt. Die Polizei misshandelt sie und spioniert sie aus, von ihren Familien werden sie verstoßen.

Laut Artikel 347a des kamerunischen Strafgesetzbuches sind sexuelle Handlungen mit einer Person des gleichen Geschlechts mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren und mit einer Geldstrafe von bis zu 200.000 Francs CFA (etwa 300 Euro) zu ahnden. In der Praxis wird das Gesetz jedoch wesentlich weiter ausgelegt: So werden die meisten Betroffenen allein aufgrund ihrer vermuteten sexuellen Orientierung verfolgt, angeklagt und verurteilt.

So können Sie helfen: Die Online-Petition von Amnesty International

Amnesty International setzt sich für die Rechte von LGBTI in Kamerun ein und unterstützt Aktivisten und Aktivistinnen, die sich für die Rechte dieser Menschen in ihrem Land engagieren. Denn Menschen sind nicht gleich. Aber ihre Rechte!

Und Sie können helfen: Beteiligen Sie sich an dieser Online-Aktion und fordern Sie die Regierung Kameruns auf, den Artikel 347a des Strafgesetzbuches abzuschaffen und alle Personen, die nach Artikel 347a verhaftet wurden, freizulassen!

Hier können Sie die Petition unterzeichnen - jede Unterschrift hilft!

Text: Meike Dinklage Fotos: Toby Binder

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