Die leise Revolte der Kopftuch-Frauen

Nach dem Koran leben und sich modisch stylen - die jungen und gut gebildeten Türkinnen sehen darin keinen Widerspruch. Die Zeitschrift "Âlâ" spiegelt dieses Lebensgefühl der neuen "Kopftuch-Frauen".

Ebru Büyükda? hat für das Treffen einen Ort vorgeschlagen, an dem sie sich vor ein paar Jahren noch nicht wohl gefühlt hätte: ein Restaurant in Istanbuls bester Lage. Weit unten glitzert der Bosporus. Passagierfähren navigieren durch die Strömungen zwischen dem europäischen und dem asiatischen Ufer der 13-Millionen-Metropole. Aus den Häusern zu beiden Seiten ragen dutzende Minarette. Es ist eine Aussicht, die früher vor allem Istanbuls weltlicher Elite vorbehalten war - nicht aber frommen Frauen wie Ebru Büyükda?. Auf der weitläufigen Terrasse hätten die Kellner Cocktails serviert oder Weißwein zum Sonnenuntergang. Aber schon die Getränkekarte hätte Ebru Büyükda? signalisiert: Das hier ist nicht dein Platz! Es wäre gewesen wie überall in Istanbul: Die elegantesten Lokale der Stadt, die schönsten Wohnviertel, die besten Jobs - all das waren jahrzehntelang die Privilegien säkularer Türken, der Richtung Europa gewandten Gefolgsleute von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

"Kopftuch-Frauen" und "islamisches Bürgertum"

Doch seit in der Türkei seit 2002 die AKP regiert, die islamisch geprägte "Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt" mit Ministerpräsident Recep Tayyib Erdo?an, dreht sich der Wind. "Islami burjuvazi", islamisches Bürgertum, so nennt sich die neue Mittelschicht: Es sind Konservative, die es aus bescheidenen Verhältnissen auf dem Land in die großen Städte geschafft haben. Das türkische Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre hat auch ihnen Wohlstand beschert. Und den wollen sie nun zeigen. "Herr Ober, einen Sahlep bitte!" Im eleganten und teuren "Messt"-Restaurant hat man sich auf die Bedürfnisse der neuen gläubigen und zahlungskräftigen Kundschaft eingestellt. Kein Alkohol. Ebru Büyükda?, 37 Jahre alt, lässt sich einen Sundowner aus heiser Milch und Orchideenwurzelextrakt servieren, zupft das seidene Kopftuch zurecht, unter dem sie ihre Haare verborgen hat, und blickt zufrieden in die Ferne. An ihren Fingern funkeln silberne Ringe. Vor sich auf dem Tisch hat die Istanbulerin die Insignien der urbanen Elite ausgebreitet: iPhone, iPad - daneben ein Stapel Hochglanzmagazine. Büyükda? ist die Chefredakteurin von "Âlâ", dem neuen Style-Guide für die gläubige Türkin. Allmonatlich zeigt das Heft seinen Leserinnen: Frauen können fromm sein und gleichzeitig ein schickes Leben führen.

Highheels, iPod, enge Jeans: hat der Prophet ja nicht verboten

In der Redaktion von "Âlâ" arbeiten fast nur Kopftuchträgerinnen mit Ebru Büyükda? zusammen

Die Botschaft kommt an: Eine ganze Generation junger Frauen trägt jetzt stolz und selbstbewusst ihre religiöse Überzeugung zur Schau. 60 bis 70 Prozent aller Türkinnen, so rechnete die Tageszeitung "Hürriyet" kürzlich vor, tragen Türban - so heißt das Kopftuch hier. "Und es werden immer mehr", sagt Ebrü Büyükda?.

"Âlâs" Motto lautet: Solange sich eine Muslimin an die islamische Kleiderordnung hält, sich züchtig kleidet und Haut nur im Gesicht und an den Händen zeigt, ist erlaubt, was gefällt. Highheels von Alexander McQueen, einen Trenchcoat von Patrizia Pepe oder eine knallenge Röhrenjeans von Guess - hat der Prophet ja nicht verboten! Neben Fashion-Inspiration geben Ebru Büyükda? und das rund 20-köpfige Team aus festen und freien Mitarbeiterinnen Beauty- und Diät-Tipps. "Ganz normale Frauenthemen eben", sagt die Chefredakteurin. "Aber wir haben dabei immer den Koran im Hinterkopf." Im Herbstheft wird daran erinnert, die kalte Jahreszeit für Spaziergange und heiße Bader zu nutzen - aber auch zu innerer Einkehr. Die Auflage liegt bei 20 000 Heften.

Früher waren Kopftuchträgerinnen in Istanbul nahezu unsichtbar. Sie lebten mit ihren Familien fern von der besseren Gesellschaft in Vororten und im anatolischen Hinterland. Aus öffentlichen Gebäuden, Schulen und Universitäten waren sie verbannt. Istanbul, die Vorzeige-Metropole des Landes, strotzt vor neuer Kraft: Im Eiltempo werden teure Geschäftshäuser und Wohnanlagen angelegt. Die Stadt dehnt sich aus, und über die berühmte Einkaufsstraße im hippen Viertel Beyoglu schiebt sich bis spät in die Nacht ein breiter, nie endender Menschenstrom. Die "Islami Burvazi" ist stolz auf ihre neuen Statussymbole.

"Gutes Aussehen ist sehr wichtig", sagt "Âlâ"-Chefin Büyükda?. Ein Satz, der oberflächlich klingt - doch er sagt sehr viel aus über die neuen frommen Frauen. Unscheinbar und unbeachtet wie ihre Mutter und Großmutter durchs Leben huschen - das will die junge religiöse Frauengeneration nicht mehr.

Für Nurdan I??k fühlte sich ein Leben ohne Kopftuch nicht richtig an

Stundenlang hat Nurdan I??k heute Models gestylt. Die 24-Jährige arbeitet für "Etesettür", ein Online-Fashion- Portal von Frommen für Fromme. Abgekämpft, aber zufrieden wirkt sie jetzt, kurz nach Feierabend. "Es ist schön, unter Gleichgesinnten zu arbeiten", sagt I??k. "Gebetet habe ich immer schon, und tief in mir hatte ich schon lange den Wunsch, nach dem Koran zu leben. Doch so, wie ich heute aussehe, hätte ich mein Studium vergessen können", sagt die Medienwissenschaftlerin und blickt an sich herunter. Sie trägt Bluejeans, eine orange Bluse, darüber eine hippe Fellweste - und einen elegant geknoteten Turban. "Damit durfte ich nicht an der Uni erscheinen." Für die Karriere stellte I??k ihren Glauben hintenan, nahm die säkulare Kleiderordnung ihres Landes hin. Kein Kopftuch an der Fakultät! Das war genauso normal für sie wie Miniröcke anzuziehen, in Bars und zu Konzerten zu gehen oder sich zweimal in der Woche beim Friseur das Haar aufföhnen zu lassen. Sie führte das bunte Leben einer jungen Frau - und doch fühlte es sich für sie tief in ihr nicht richtig an.

Erst im April vergangenen Jahres, als sie das Diplom in der Tasche und ihren ersten Job als Assistentin des Uni-Rektors hinter sich hatte, hatte I??k das Gefühl: Nun kann ich es mir leisten, das Kopftuch anzulegen. Auch ein nächtlicher Traum habe ihr gezeigt: Du bist so weit! Eine Freundin zeigte ihr, wie man das Tuch über die Haare legt, die Enden um den Hals schlingt und die Zipfel elegant im Nacken knotet. I??k merkte schnell: Die Umstellung ist gewöhnungsbedürftig. Für sie selbst - beim Ausgehen bestellt sie nun Cola statt wie früher auch mal einen Cocktail -, aber noch viel mehr für die anderen: "Hör auf damit!", rufen ihre alten Freunde, wenn sie I??k mit Kopftuch sehen. Ihre private Entscheidung für das Kopftuch ist für die anderen ein hochpolitisches No-go.

Anwältin Ci?dem Hac?softao?lu fürchtet um die Frauenrechte in ihrem Land.

Vielen säkularen Türken gilt das Kopftuch als das Zeichen fur Rückstandigkeit schlechthin. Die Konservativen argumentieren andersherum: "Eine Frau mit Kopftuch an der Uni erinnert die Säkularen daran, dass ihre Privilegien schwinden", schrieb eine Zeitungskommentatorin. An den Universitäten zum Beispiel: Jahrzehntelang war der Abschluss einer öffentlichen Uni ein Privileg, das nur zu den Konditionen der Säkularen zu bekommen war. Ein erbitterter Kampf entbrannte, als die AKP vor einigen Jahren das offizielle Kopftuch-Verbot im Hörsaal aufheben wollte. Per Gesetz erlaubt ist das Kopftuchtragen bis heute zwar auch weiterhin nicht - doch der Hochschulrat hat durchgesetzt, dass Professoren die Studentinnen nicht mehr aus dem Hörsaal werfen dürfen. In öffentlichen Gebäuden wie Banken oder Krankenhäusern hingegen ist das Kopftuchverbot unangetastet.

Nur eine von fünf Türkinnen ist überhaupt berufstätig, und Frauen, die ihr Haar bedecken, haben es auf dem Arbeitsmarkt noch einmal schwerer als Nicht-Kopftuchträgerinnen. So hat beispielsweise eine Ingenieurin immer wieder mit öffentlichen Institutionen zu tun. Mit Kopftuch ist das unmöglich. "Man spürt, wie die Religion immer mehr Platz einnimmt", sagt die Istanbuler Frauenrechtsanwältin Ci?dem Hac?softao?lu. "Früher waren in meiner Heimatstadt an der Schwarzmeerküste Restaurants und Cafés für die, die im Ramadan nicht fasteten, geöffnet. Heute bleiben sie für alle geschlossen. Selbst im weltoffenen Istanbul erntet man neuerdings böse Blicke, wenn man im Fastenmonat auf der Straße isst."

"Auch mit Kopftuch bin ich doch derselbe Mensch"

Mit Sorge beobachtet die 32-Jährige, wie die Polizei immer mehr Macht bekommt, wie die Regierung gegen Kritiker mit aller Härte und Verhaftungen vorgeht. Im vergangenen Sommer provozierte die Regierung wütende Proteste, weil sie Abtreibungen nur noch bis zur vierten Schwangerschaftswoche zulassen - also faktisch verbieten - wollte. "Abtreibung hat keinen Platz in unserem Wertesystem", hatte Ministerpräsident Erdo?an verkündet und keinen Zweifel daran gelassen, was er von einer Frau erwartet: Jedes verheiratete Paar soll mindestens drei Kinder haben und damit die türkische Zukunft sichern. "Dabei wäre es viel dringlicher, etwas gegen die häusliche Gewalt gegen Frauen in der Türkei zu unternehmen", sagt die Anwältin. Seine eigene Ehefrau - Kopftuchträgerin und Mutter von vier Kindern - präsentiert der Ministerpräsident stolz auf Staatsempfangen: Emine Erdo?an ist so etwas wie das neue konservative Role- Model. Auch Hayrünnisa Gül, die Frau des türkischen Staatspräsidenten, gilt mit Kopftuch und Highheels vielen frommen Musliminnen als Vorbild. Nicht nur, weil sie sagt: "Ich bin eine moderne Frau" - sondern auch, weil sie modisch so selbstbewusst auftritt.

Mittlerweile bleiben Säkulare und Fromme am liebsten unter sich. Häufig leben sie in separaten Vierteln, gehen in unterschiedliche Cafés, Restaurants und Sportclubs. Alkoholfreie Lokale wie etwa das "Messt" auf dem grünen Hügel über dem Bosporus sind jetzt die Refugien der neureichen Religiösen. Mit großem Pomp feiern sie hier ihre Hochzeiten, treffen sich zum Brunch oder auf einen Sundowner-Sahlep. Und genießen ihre Abgeschiedenheit von der verruchten Welt ihrer Landsleute drüben auf der anderen Bosporusseite im Party-Viertel Beyoglu. "In den Bars dort würde man mich von der Seite anschauen, darum geh ich lieber erst gar nicht hin", sagt "Âlâ"-Chefredakteurin Büyükda?.

Ihr Smartphone klingelt, sie blickt auf die Uhr. Sie hat zwei Kinder, Mädchen, 7 und 13 Jahre alt. Beide sollen eines Tages selbst entscheiden, ob sie Kopftuch tragen möchten. "Ich würde es mir wünschen, aber mein Mann und ich werden keinen Druck ausüben", sagt Büyükda?. Sie selbst hat sich mit 27 Jahren für den Turban entschieden. Vorher, während des Studiums, wäre das einfach nicht möglich gewesen.

Jeden Tag nimmt sie sich Zeit für die fünf Gebete, die eine gute Muslimin verrichten muss. Während des Mittags- und Nachmittagsgebets stoppt der Redaktionsalltag der Chefredakteurin, und Büyükda?s Blick ist gen Mekka gerichtet. Sie weiß: Da draußen sind lauter junge Frauen, die ihren Weg gehen möchten, genau wie sie. Denen fühlt sie sich verpflichtet. Aber sie möchte nicht, dass sich die gesellschaftlichen Fronten in ihrem Land weiter verhärten. Die neue Moderedakteurin von "Âlâ" etwa trägt kein Kopftuch. "Aber sie teilt unseren konservativen Lebensstil und würde auch nie zu viel Haut zeigen", sagt die "Âlâ"-Chefin. Auch Nurdan I??k will, dass die anderen endlich verstehen: "Bloß weil ich Kopftuch trage, verlange ich doch nicht von meinen Freundinnen, dass sie dasselbe tun. Ich kleide mich anders, aber ich bin doch noch immer derselbe Mensch", sagt sie. "Mir gibt das Kopftuch einfach Ruhe und inneren Frieden." Das sei wirklich alles.

Der Kampf um den Glauben

Das politische Klima in der Türkei, besonders in den großen Städten, hat sich gedreht, seitdem die AKP regiert, die islamisch geprägte "Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt" unter Ministerpräsident Erdo?an. Die Konservativen haben auch von dem Wirtschaftsboom in der Türkei profitiert. Das neue öffentliche Bekenntnis zum Kopftuch gilt aber vielen säkularen Türken als Zeichen der Rückständigkeit. Sie sehen darin das Symbol eines politischen Islam und den neuen Trend zum Kopftuch als Kampfansage an Freiheit und westliche Lebensweise.

Text: Eva Lehnen Fotos: Agata Skowronek BRIGITTE 2/2013
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