Kriegswaisen in Ruanda: Der Glaube an das kleine Glück

Auch 20 Jahre nach dem Massaker in Ruanda leiden die Kriegswaisen an den Folgen. Sechs junge Frauen und ein Mann erzählen, wie sie ins Leben zurückfinden.

Eine seltsame kleine Prozession ist das, die zu später Nachmittagsstunde durch die niedrige Tür der Kapelle tritt und beginnt, den Rosenkranz zu beten. Sechs junge Frauen mit weißen Blusen, blauen Wickelröcken und einem schlichten Kreuz aus Holz um den Hals. Die Kapelle: ein karger Stall. Der Altar: ein Tischchen mit einem Plastikblumenstrauß. Die Reliquien: ein paar fadenscheinige Madonnenbildchen, an die Lehmwände genagelt. Und die Mädchen, die beten: sechs Waisenkinder, die in dieser Welt nichts haben als Rock, Bluse, Kreuz, Rosenkranz und ihren Glauben.

Fast zwei Stunden Fahrt entfernt von der Hauptstadt Kigali liegt inmitten der unendlich vielen Hügel von Ruanda das Dorf Cyohoha. Bananenhaine, Eukalyptusbäume, 300 Bewohner und eine Landschaft zum Seufzen schön. In einem der Häuser aus Lehm mit einem angebauten Stall für eine Kuh, eine Ziege und einem Verschlag für ein paar Dutzend Hühner leben Donatila, 20 Jahre, Serapia, 24, Dative, 20, Thacienne, 19, Primitive, 26, und Gertrude, 27. Sie haben Zuflucht gefunden im Haus der 76 Jahre alten Donatien Kurizera, die sie aufnahm und ihnen einen Platz zum Schlafen gab, ihnen erlaubte, den ungenutzten Stall zur Kapelle umzubauen. Weil die Mädchen sagten, sie wollten Ordensschwestern werden wie Donatiens Tochter Ancilla, Nonne eines kleinen ruandischen Ordens. Fromm und sittsam wollten sie sein.

Fast 20 Jahre ist es her, als in Ruanda alles verloren ging, was Humanität und Zivilisation ausmacht. Im April 1994 begannen Menschen ihre Nachbarn, Freunde und sogar Ehepartner, Kinder abzuschlachten. Man hatte den einen, die Hutu waren, gesagt, die anderen, die Tutsi waren, seien es nicht wert zu leben, und die Hutu hatten das geglaubt. Schätzungsweise eine Million Menschen starben in den drei Monaten des Völkermords. Anschließend war das ganze Land eine Leichenhalle und eine Generation von Kindern verwaist, traumatisiert, ohne Heimat und ohne Zukunft.

Gertrude war fast acht Jahre, als ihre Eltern starben. Wie, das kann man nicht erzählen, weil es die Würde und Intimität des Mädchens verletzen würde. Die Täter ließen auch das Mädchen nicht ungeschoren. Donatila, ein Baby damals, fand man versteckt im Schilf, Primitive erinnert sich an gar nichts, alles ausgelöscht. Und auch die anderen drei Mädchen haben Geschichten, an die sie sich nicht erinnern oder erinnern wollen, die so sind, dass es dafür keine passenden Sätze gibt.

Trauma, das ist so ein europäisches Wort. Die Kinder des Genozids mussten ihren Weg allein gehen

Donatila: Morgengebet um 4.30 Uhr

Ruanda im Jahr 20 nach der Apokalypse ist kein geheiltes Land. Die Wunden sind nicht mehr sichtbar, nur die Gedenkstätten, die Kirchen, in die die meisten Menschen flüchteten und dann dort ermordet wurden, die Massengräber erinnern noch an das Grauen. Für Trauer aber blieb in den zwei Jahrzehnten seither immer zu wenig Zeit. Ohne Rohstoffe, ohne Hafen, ohne Industrie, trotz der vielen Toten überbevölkert, gab es für Ruanda damals nur die Möglichkeit, die Toten zu bestatten, die Tränen zu trocknen. Und das Land aus der Katastrophe, der wirtschaftlichen und zivilisatorischen, herauszuführen und für alle relativen Wohlstand zu schaffen. Präsident Paul Kagame und seine Regierung entschieden sich, Ruanda zum Drehpunkt für Technologie und Bankenwesen in Ostafrika zu machen.

Die sechs Mädchen begegneten sich vor 18 Monaten durch Zufall in einer Gebetsgruppe in einer nahen Kirche. Sie trafen dort die Tochter von Kurizera, Schwester Ancilla, die einen Schleier trug und schon das war, was die Mädchen noch werden wollten. "Wir wollen nur noch Gott dienen", sagten die Mädchen zu Ancilla. Ob sie ihnen nicht helfen könne? Sie lehren, was sie über Gott weiß. "Man nimmt als Ordensschwester ein schweres Los auf sich", sagte Ancilla zu ihnen, und die Mädchen nickten ergeben. Ancilla brachte sie in das Haus ihrer Mutter Kurizera, in deren Gesicht sich die Härte eines arbeitsreichen Lebens gelegt und dort Falten geschlagen hat, deren Hände die Erde vieler Jahre der Feldarbeit in den Poren tragen. Kurizera, die in ihrem Haus schon zwei Findelkinder großzieht, kann dem lieben Gott nicht mehr so viel abgewinnen wie ihre Tochter. Den Glauben an den Höchsten bewahrt sie sich für den sonntäglichen Kirchgang, aber den Glauben an die Nächstenliebe, den hat sie jeden Tag. Wo Essen für zwei Kinder ist, ist auch Essen für acht, dachte sie sich.

Man muss viel verloren haben, Erwartungen und Lebenshunger entsagen, wenn man jung und dennoch bereit ist, in Abgeschiedenheit ein kleines Leben zu führen. Oder vielleicht ist das Unerträgliche nur dann zu ertragen, wenn alle Hoffnungen in eine schmale Kapelle unter ein knittriges Madonnenbild passen? Trauma, das ist so ein europäisches Wort, und die überlebenden Kinder Ruandas hörten es erst, als sie Erwachsene waren. Erst da gab es einen Begriff für das, woran sie leiden. Angstzustände, Flashbacks, Rastlosigkeit, Depressionen. Heerscharen von Psychiatern hätte man gebraucht, um Heilung zu bringen. Doch die Genozid-Kinder blieben ohne Psychiater und mussten ihren Weg allein finden.

Gertrude: Haushalt und Gartenarbeit

Bis sie zu Kurizera kamen, verbrachten die sechs Mädchen ihre Kindheit, Jugend mal hier, mal dort. In Waisenheimen, auf der Straße, bei anderen Familien - immer blieben sie Wanderer durch das gesellschaftliche Trümmerfeld, Gefangene ihrer Albträume. Der Glaube, ihr kleines, privates Nonnenglück, das sie sich basteln aus dem wenigen, was ihnen Ancilla bislang beibrachte, das ist ihr einziger Anker in ihrem jetzigen Leben. Das Tagwerk der Mädchen beginnt früh. Täglich beten sie in der Kapelle den Rosenkranz zum Sonnenaufgang um 4.30 Uhr. Dann füttern sie die Tiere. Zur Mittagsstunde beten sie erneut. Dann handarbeiten sie. Sie fädeln Perlen auf Bänder und flechten daraus kleine Körbe. Am Nachmittag treffen sie sich zum Psalmgebet, und danach arbeiten sie im Garten, der sie ernährt. Bohnen und Mais wachsen dort, Kartoffeln und Maniok. Am Abend gehen sie wieder in ihre selbst geschaffene Kapelle zur Bibellesung.

An zwei Tagen in der Woche kommen die Kinder des Dorfes zur Chorprobe. Nur dann, wenn die Kinder lachen und kichern, lächeln auch die Mädchen. "Wir wollen Demut lernen", sagt Gertrude. Vielleicht heißt das auch: Wir wollen keinen Schmerz mehr fühlen. Der Ruf der sechs Mädchen und ihres unbeirrbaren Glaubens verbreitet sich, und schon kommen andere junge Frauen, die der Genozid aus dem Leben geworfen hat, und wollen Teil dieser Gemeinschaft werden. Die Generation des Genozids trägt die Schuld des Mordens und vielleicht auch die, überlebt zu haben. Die Generation ihrer Kinder aber trägt die Last, eine zerstörte Gesellschaft unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in die Zukunft führen zu müssen. Die heutigen Risse in Ruanda verlaufen immer noch entlang der ethnischen Linien, aber auch an anderer Stelle. Kigali, die Hauptstadt, ist auf dem Weg zu einer modernen Metropole mit gläsernen Bürogebäuden, Wolkenkratzern, schicken Cafés und Restaurants. Die Dörfer dagegen leben immer noch das Trauma. Der größte Teil der Mörder wurde verurteilt und hat seine Strafe abgesessen. Nun leben sie wieder Tür an Tür mit jenen, deren Familie sie umbrachten, trinken ihr Bier in derselben Kneipe, beten in derselben Kirche, begegnen einander auf den schmalen Wegen des Dorfes. Dieses Zusammenleben mit den Tätern mag erträglich sein in der Stadt, wo man sich aus dem Weg gehen kann. Auf den Dörfern erfordert es viel Toleranz und einen Versöhnungswillen.

Er war sechs Jahre alt, als sein Vater in einer Kirche seine Mutter mit einer Machete erschlug

Placide hat Betriebswirtschaft studiert. Er überlebte das Massaker in der Kirche von Musha

Und es gibt noch eine weitere Trennlinie. Die Moderne findet nur in Kigali statt; um an ihr teilzuhaben, muss man gebildet sein und ehrgeizig, stark und lebenshungrig. Für die seelisch Verwundeten, die Depressiven, die Bildungslosen, Kranken, für die Verlorenen wie Gertrude und die anderen Mädchen ist im neuen Ruanda nur wenig Platz. Will man nicht zerbrechen am vergangenen und auch am gegenwärtigen Ruanda, muss man sein wie Placide. Die protestantische Kirche in Kigalis Stadtteil Gisozi ist an diesem Sonntag im Mai voll bis auf den letzten Platz. Mehr als tausend Leute wiegen sich zu den Gesängen des Chors. Nur Placide sitzt ernst an seinem Platz und faltet die schmalen Hände auf der Bügelfalte seiner Hose. Leise echot er jedes Halleluja. Erst bei der gemeinsamen Psalmlesung wird seine Stimme laut: "Der Herr ist mein Hirte. Mir wird es an nichts mangeln."

Placide war sechs Jahre alt, als sein Vater in einer Kirche wie dieser seine Mutter erschlug. Eine Machete war das Mordwerkzeug, und als die Frau zu Boden sank, hielt sie noch ihr Baby im Arm. Begraben unter der Leiche der Mutter entkam es dem Tode. Ebenso Placide. Er überlebte unter den blutenden Körpern anderer. Die Mörder waren am Abend in die Kirche von Musha gekommen, ein Dorf, in dem die Menschen seit Generationen zusammenlebten. Dort hatten 1200 Menschen trügerische Zuflucht gesucht. Als die Kirchentür aufgebrochen wurde, erkannte Placide unter den Männern, die sich mit Macheten auf die Menschen stürzten, seinen Vater. Seinen Vater, der Hutu war und seine eigene Ehefrau umbrachte, weil sie Tutsi ist.

Kirche von Musha

Was an Placide zuerst auffällt, sind das gebügelte Hemd und die auf Hochglanz geputzten Schuhe. Der zweite Blick trifft auf ein sensibles Gesicht. Auf Augen, die auf Distanz bleiben. Hände, die sich immer wieder suchen. Ja, hatte Placide gesagt, er wolle gern seine Geschichte erzählen, aber über jenen einen Tag des Mordens werde er nicht reden. "Wenn ich erzähle, was geschah, dann bin ich traurig und kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren." Also erzählt Placide vom Davor. Wie er nicht wusste, dass er ein Tutsi ist, aber schon Angst vor Menschen kannte, die ihn auf der Straße plötzlich schlugen. Erzählt vom Danach. Wie erst Monate nach dem Tag des Mordens seine Erinnerung wieder einsetzt. Zehn Jahre lang lebte der Junge auf der Straße, manchmal für einige Wochen von mildtätigen Menschen aufgenommen, dann wieder davongejagt. Schließlich brachte ihn jemand in ein Waisendorf, das von dem deutschen Salesianer Pater Herman Schulz geleitet wird. Er kennt nicht nur die Traumata seiner Kinder, sondern auch sein eigenes. Von seinen 120 Waisenkindern überlebten nur zwölf den Völkermord. Pater Herman füllt die Lücken in Placides Erzählung und benennt, was für den Jungen unaussprechlich ist. Mit des Paters Hilfe hat Placide Betriebswirtschaft studiert und arbeitet seit einem Jahr in einer Bank. Ein Posten mit Karriereaussicht, wie das aufstrebende Kigali sie für die Starken bietet. Mit seiner Schwester lebt er in Gisozi, einem dicht bevölkerten Stadtteil von Kigali. Das Dach über dem Kopf, das die beiden sich teilen, ist eine schlichte Wellblechhütte, daran drängen sich andere Hütten. Gekocht, sich gewaschen wird im Hof davor. Die meisten Bewohner sind junge Leute in Placides Alter. Die einen sind Tutsi, die anderen Hutu. Fragt er sich manchmal, was deren Eltern 1994 getan haben? "Nein. Was damals war, ist vorbei. Ich weiß nicht einmal, ob meine Freunde das eine oder das andere sind."

Wolkenkratzer, Shoppingcenter: Die Hauptstadt Kigali ist ein Wirtschaftszentrum in Ostafrika

Per Gesetz ist es heute verboten, von Hutu oder Tutsi zu sprechen, alle sind nun Ruander. Zumindest dem Pass nach. Der Keim des Völkermordes, er soll abgetötet werden, sagt die Regierung und setzt auf Selbstverantwortung und auf Versöhnung. Hunderte von Programmen gibt es inzwischen, um den Opfern bei der Verarbeitung ihrer Trauer und ihrer Wut zu helfen. Die ruandische Gesellschaft ist eine Gesellschaft des Schweigens. Noch immer gibt es Menschen, die nie über das redeten, was ihnen widerfuhr. Auch eine Aufarbeitung der Schuld der Eltern findet nur selten statt. Hierarchische Strukturen lassen es nicht zu, dass die Jungen die Alten infrage stellen. Erst nach und nach weicht diese Autorität auf. Im vergangenen Jahr schrieben Studenten der Universität Kigali ihre persönliche Geschichte auf und brachten diese als Buch heraus. Es trägt den bezeichnenden Titel "Bittere Ernte".

Eine der Organisationen, die ein Versöhnungsprogramm ins Leben riefen, ist die Hilfsorganisation World Vision. "Nachdem das erste Chaos damals vorüber war, war sehr schnell zu erkennen, dass die Traumata unendlich tief waren", sagt die Programmkoordinatorin Josephine Munyeli. "Und es war davon auszugehen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch die nächste Generation noch prägen würden." Die zarte 50-Jährige ist ebenfalls eine Überlebende der 100 Tage des Mordens, sie kennt Traumata aus eigener Erfahrung. Bapfuye Buhagazi, "lebende Tote", nennt man in Ruanda Menschen, die danach nicht ins Leben zurückfanden. Über Jahre hingen überall im ganzen Land riesige Tafeln mit der Aufschrift: Ukuri Kurakiza - "die Wahrheit heilt". "Und doch brauchten viele, brauchte auch ich Jahre, bevor wir darüber reden konnten", sagt Josephine. Neben Gesprächsgruppen und Hilfsangeboten, seine Gefühle zu kontrollieren, ist für World Vision ein wichtiger Punkt das Zusammenführen von Tätern und Opfern zur Versöhnung. "Vergebung ist der Türöffner für eine neue Gesellschaft, in der unsere Kinder wieder frei von Hass und Wut miteinander leben können."

Im Glas der Bürotürme von Kigali spiegelt sich die untergehende rote Sonne, sie taucht die Stadt in einen verheißungsvollen Schein. Unmöglich ist es heute, sich die Leichenberge vorzustellen, die damals überall in den Straßen lagen. "Wir sind die Generation, die ausgelöscht werden sollte. Aber wir haben überlebt. Und sehen das als Verpflichtung, aus diesem Leben etwas zu machen", sagt Placide nachdenklich in die Abenddämmerung hinein. Was heilte denn ihn, was gab ihm Kraft, so weit zu kommen? "Gott und die Liebe von Pater Herman. Ich habe verstanden, dass ich mehr bin als ein Kind, das man vernichten wollte. Und voilà, hier stehe ich: ein Mann mit einer großen Zukunft."

Text: Andrea Jeska Fotos: Toby Binder, Mauritius BRIGITTE 16/2013
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