Sexistische Werbung: Wehrt euch mit #ichkaufdasnicht

Niemand muss sexistische Werbung hinnehmen - Netz-Aktivistin Anne Wizorek rief nach dem #aufschrei die Kampagne #ichkaufdasnicht ins Leben. Im Gespräch erzählt sie, wie wir alle am Sexismus-Problem arbeiten können.

Anne Wizorek: Sexistische Werbung per Hashtag bloßstellen

Plötzlich stand es im Supermarkt-Regal: ein rosa Überraschungsei speziell für Mädchen, obwohl diese bisher mit der Standardversion bestens klargekommen waren. Und Netz-Aktivistin Anne Wizorek fragte sich entnervt, warum wir in Deutschland solche Marketing-Entgleisungen einfach hinnehmen. In den USA gab es schon länger die erfolgreiche Kampagne #notbuyingit, bei der man auf Twitter seinem Ärger über sexistische Kampagnen oder Produkte Luft machen konnte. Spontan schlug Wizorek in ihrem Blog vor, eine deutsche Version des Hashtags einzuführen: #ichkaufdasnicht. Zusätzlich sammelt sie in dem zugehörigen Blog die schlimmsten Beispiele. Eine Idee, die nach ihrer erfolgreichen #Aufschrei-Aktion. immer mehr Anhänger findet.

Netz-Aktivistin Anne Wizorek

BRIGITTE.de: Wie sind Sie auf die Idee von #ichkaufdasnicht als Gegenmittel zu sexistischer Werbung gekommen?

Anne Wizorek: Nachdem #aufschrei im Januar so überraschend eine Debatte zu Alltagssexismus angestoßen hatte, wurde ich sehr oft darauf angesprochen, was sich gegen sexistische Werbung und Produkte machen ließe. Im März habe ich dann #ichkaufdasnicht gestartet, um das Ausmaß diskriminierender Werbekampagnen im deutschen Sprachraum deutlich zu machen. Mit dem Hashtag wird der Protest sichtbar und kann weiter verbreitet werden.

BRIGITTE.de: Was genau ist seitdem unter dem Hashtag zu finden?

Anne Wizorek: Da gibt es sexistische, rassistische, homophobe, transphobe oder in anderer Form menschenverachtende Kampagnen. Beim Alltags-Sexismus sind neben der Politik auch wir als Privatpersonen in der Verantwortung. Schließlich entscheiden wir als Konsumentinnen und Konsumenten mit unseren Brieftaschen darüber, ob wir diskriminierende Kampagnen weiter unterstützen - man muss das betreffende Produkt ja nicht kaufen.

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Gesellschaft: Sexistische Werbung: Wehrt euch mit #ichkaufdasnicht

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</antwort>BRIGITTE.de: Wie sind die Reaktionen auf #ichkaufdasnicht?

Anne Wizorek: Die meisten reagieren positiv auf die Aktion und sind erschrocken über die vielen Beispiele, die es für Diskriminierungen gibt. Durch das Sammeln im Blog wird das tatsächliche Ausmaß vielen erst bewusst.

"Wenn Mädchen kontinuierlich suggeriert wird, dass sie außer Pink, Puppen und Prinzessinspielen nichts zu interessieren hat, ist das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung."

BRIGITTE.de: Gibt es auch Gegenwind?

Anne Wizorek: Klar, es gibt Menschen, die unter dem Hashtag trollen und die Sache lächerlich machen wollen. Für die haben wir einfach "nicht genug Humor", um den Witz hinter sexistischen, rassistischen oder anderweitig diskriminierenden Kampagnen und Produkten zu sehen. Im Kleinen mag es vielleicht übertrieben wirken, sich z.B. über ein Mädchen-Ü-Ei aufzuregen. Aber all diese Produkte sind Teil eines großen Gesamtbildes. Es wäre naiv zu behaupten, dass sexistische Werbung, Medien und Produkte keinen Einfluss auf uns hätten.

BRIGITTE.de: Inwieweit lassen wir uns denn von offensichtlich falschen Werbe-Klischees beeinflussen?

Anne Wizorek: Das "Lustige" an der Werbung ist oft, dass Frauen nichts können, außer Schuhe und Schminke zu kaufen. Und natürlich ganz klar die Message: Du musst unerreichbar gut aussehen, um überhaupt etwas im Leben darzustellen. Wir verinnerlichen solche Klischees, ob wir wollen oder nicht. Das beginnt immer früher.

BRIGITTE.de: Sie meinen Kinder-Kampagnen, die Mädchen und Jungs künstlich voneinander abgrenzen?

Anne Wizorek: Genau. Wenn Mädchen kontinuierlich suggeriert wird, dass sie außer Pink, Puppen und Prinzessinspielen nichts zu interessieren hat, ist das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das führt unter anderem dazu, dass es so wenige Frauen in technische Berufe zieht - das hat nichts mit Biologie zu tun, sondern mit ständig gezeigten und vorgelebten Geschlechterklischees.

BRIGITTE.de: Kann ein kleiner Hashtag so ein Riesenproblem überhaupt lösen?

Anne Wizorek: Wer seine Meinung über #ichkaufdasnicht mitteilt, bringt vielleicht ein paar mehr Menschen zum Nachdenken. Und wenn die sich dagegen entscheiden, ein Produkt zu kaufen, das sexistische Werbung macht, ist das ein Gewinn - je nachdem, wie groß die Masse der Menschen ist, ein großer oder ein kleiner.

BRIGITTE.de: Gibt es schon erste Erfolge?

Anne Wizorek: Eine der ersten Einreichungen war das als "ironisch" dargestellte "In Mathe bin ich Deko"-Shirt für Mädchen aus der Kinderabteilung von Otto - das bescherte dem Konzern ziemlich heftige Kritik. Nach einer halbherzigen Entschuldigung verschwand das Shirt plötzlich aus dem Angebot, angeblich weil es "ausverkauft" war.

BRIGITTE.de: Das ist doch schon ein Anfang.

Anne Wizorek: Aber wie man gut am Fall des ZDF-Spots zur Fußball-EM der Frauen sehen kann, bedeutet Feedback auf berechtigte Kritik nicht immer Erfolg.

BRIGITTE.de: Wie ging das ZDF mit der Kritik um?

Anne Wizorek: Das ZDF fand seinen ursprünglichen Spot mutig statt sexistisch, rang sich aber nach andauernder Kritik zu einer neuen Version des Spots durch, die nicht nur Frauen herabwürdigte, sondern auch Männer. Das war ziemlich stumpf. Gleichberechtigung bedeutet schließlich nicht, dass beiden Geschlechtern auf gleiche Weise der Respekt abgesprochen wird.

BRIGITTE.de: Wie viele Entgleisungen werden Ihnen aktuell gemeldet?

Anne Wizorek: Mehr als genug. Es ist nicht schwierig, solche Beispiele zu finden. Ich finde es eher ernüchternd zu sehen, wie oft sich die vermeintlich Kreativen heute auf den immer gleichen Stereotypen und Stilmitteln ausruhen. Mal im Ernst - wer braucht Frauen-Bratwurst und Frauen-Kugelschreiber?

BRIGITTE.de: Waren Sie schon einmal in der Situation, dass Sie ein Produkt gern gekauft hätten, was aber aufgrund von unerträglichem Marketing unmöglich war?

Anne Wizorek: Klar, gelegentlich schon. Es ist ja fast unmöglich, ausschließlich unproblematische Produkte zu konsumieren. Wenn etwa die öffentlich-rechtlichen Sender mal wieder in die Klischeekiste greifen, kann man schlecht die GEZ nicht zahlen. Umso wichtiger ist es, unsere Kritik laut zu äußern und darauf zu beharren, dass sich etwas ändern muss. In letzter Zeit werden immer öfter Petitionen initiiert, um entsprechende Maßnahmen zu erwirken. Das finde ich gut, da so ebenfalls Meinungen gut gebündelt werden können.

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