Häusliche Gewalt: Hier finden Frauen Hilfe - rund um die Uhr

Beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" finden Betroffene Unterstützung. Was ist das Besondere an dem Angebot?

Dank der #MeToo-Debatte hat das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum viel Aufmerksamkeit erfahren. Was dabei aus dem Blick geriet: die Gewalt in den eigenen vier Wänden.

Wie dramatisch die Situation ist, zeigt die aktuelle Statistik zur Partnerschaftsgewalt: 2017 wurden 138.893 Menschen Opfer von Gewalt durch ihre früheren oder aktuellen Partner, 147 Frauen wurden getötet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Gewalt in der Partnerschaft zu den größten Gesundheitsrisiken für Frauen.

Was viele nicht wissen: Es gibt Hilfe, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Betroffene. Unter der Nummer 08000 116 016 und unter www.hilfetelefon.de können sie sich anonym und kostenlos beraten lassen. Das Angebot ist beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln angesiedelt. Wir haben Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons, gefragt, was das Angebot so besonders macht.

BRIGITTE.de: An wen genau richtet sich das Hilfetelefon?

Petra Söchting: Selbstverständlich an Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Das Hilfetelefon richtet sich aber genauso an Menschen in ihrem Umfeld. Lehrer oder Ärzte, die einen Verdacht hegen, können bei uns erfahren, wie sie Betroffene unterstützen können. Aber auch Nachbarn oder Freundinnen, denen sich die Frauen anvertrauen. Oder Kollegen, die mitbekommen, dass eine Frau von ihrem Partner mit E-Mails terrorisiert wird, oder er sie vor ihrer Arbeitsstelle abpasst.

Es geht also auch um psychische Gewalt?

Gewalt gegen Frauen nimmt ja ganz unterschiedliche Formen an: körperliche Übergriffe, sexualisierte Gewalt, Psychoterror, Kontrollieren, Bedrohen. Wegen all dieser Dinge melden sich Frauen bei uns. Es geht aber auch um Menschenhandel, Prostitution, Genitalverstümmelung oder Cybermobbing. Das Hilfetelefon berät zu allen Gewaltformen.

Von wem geht die Gewalt in den meisten Fällen aus?

Weil wir Vertraulichkeit und Anonymität garantieren, sammeln wir dazu keine Daten. Dinge, wie Alter oder Familienstand, werden von uns nicht abgefragt, und nicht alle Frauen erzählen uns, wer der Täter ist. Doch wir können sagen, dass die Männer überwiegend aus dem näheren Umfeld der Opfer stammen und häufig sogar im verwandtschaftlichen Verhältnis zu ihnen stehen.

Und wer sind die Frauen, die beim Hilfetelefon den Hörer abnehmen?

Jede unserer rund 70 Beraterinnen hat ein einschlägiges Studium abgeschlossen und bringt Erfahrung in der Beratungsarbeit mit. Wer bei uns anfängt, wird geschult und eingearbeitet, danach gibt es regelmäßig Fortbildungen und Supervisionen. Alle Beraterinnen arbeiten hauptamtlich bei uns.

Neben qualifizierten Beraterinnen – was zeichnet das Hilfetelefon noch aus?

Das Telefon ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos, anonym, vertraulich, mehrsprachig und barrierefrei. Wir haben unser Angebot so niedrigschwellig wie möglich gestaltet, um auch Frauen zu erreichen, die den Weg zur Hilfe noch nicht gefunden haben. Sie müssen ihren Namen nicht nennen, nicht sagen, wo sie wohnen, und sie entscheiden selbst, wie viel sie preisgeben möchten. Wir bieten eine Erstberatung und vermitteln dann bei Bedarf weiter.

Wie helfen Sie den Frauen weiter?

Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen"

Da gibt es keine Standardlösung. Gewalt gegen Frauen hat ganz unterschiedliche Gesichter, und die Opfer kommen aus allen sozialen Kontexten. Je nachdem, welche Fragen im Vordergrund stehen, handeln wir: Wenn eine Frau aus einer akuten Gewaltsituation anruft, schauen wir, wie wir ihren Schutz sicherstellen können, etwa mithilfe der Polizei oder in einem Frauenhaus. Es rufen aber auch Frauen an, bei denen die Gewalterfahrung schon Jahre zurückliegt, und die sich jetzt damit auseinandersetzen wollen. Dann suchen wir Beratungsstellen vor Ort, an die wir sie verweisen können. Die Frauen entscheiden selbst, was sie als Nächstes tun möchten. Nichts wird automatisch eingeleitet.  

Die Website des Hilfetelefons hat einen „Notausstieg-Button“, der vertuscht, dass eine Frau auf der Website war. Kann der Aggressor nicht auch anhand der Telefonhistorie sehen, dass sie sich ans Hilfetelefon gewandt hat?

Die Beraterinnen sagen den Frauen, dass sie die Nummer nach ihrem Anruf aus der Anrufliste löschen sollen, falls notwendig. Und wir haben dafür gesorgt, dass ein Anruf beim Hilfetelefon in der Telefonrechnung nicht auftaucht. Wir haben alles getan, aber eine 100-prozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht.  


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