Gewalt gegen Frauen: Warum Frauenhäuser notwendig sind

"Spezialisierte Frauenberatung ist unverzichtbar, solange es Gewalt gegen Frauen gibt." Beraterin Katja Grieger ist dagegen, Frauenhäuser in Familienhäuser umzuwandeln, wie es der Genderforscher Gerhard Amendt fordert.

Die Aussagen des Genderforschers Gerhard Amendt zur Schließung von Frauenhäusern im BRIGITTE-Interview haben Katja Grieger empört. Die 35-Jährige leitet den Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) und weiß als Expertin viel über das Thema Gewalt gegen Frauen. BRIGITTE-Redakteurin Silke Baumgarten hat mit ihr gesprochen.

BRIGITTE.de: Sie haben sich über das Interview mit Professor Amendt sehr geärgert. Warum?

Katja Grieger: Am meisten hat mich der Satz erschüttert: "Frauen kränken und reizen Männer mitunter bis aufs Blut". So rechtfertigt Amendt Gewalt. Und gleichzeitig stellt er damit die grundlegende Basis für Arbeit gegen Gewalt in Frage, nämlich: Jeder Mensch trägt zu 100 Prozent die Verantwortung für sein Handeln. Gewalt ist nie zu rechtfertigen - egal, von wem sie ausgeübt wird. Außerdem hat Amendt grundsätzlich die Professionalität und die Kompetenz der gesamten Arbeit zur Frauenunterstützung in Frage gestellt. Er scheint nicht zu wissen - oder nicht wahrnehmen zu wollen - dass dort nur ausgewiesene Expertinnen arbeiten. Sie haben zudem genau die Qualifikationen, die er für die Familienhäuser vorschlägt.

BRIGITTE.de: Amendt fordert aber Zusatz-Ausbildungen.

Katja Grieger: Ich kenne keine einzige Frauenberaterin, die nicht zwei oder drei Zusatzausbildungen hat. Insofern findet die Arbeit auf einen sehr hohem professionellen Niveau statt. Das wird im Übrigen auch kontrolliert. Denn viele Einrichtungen bekommen ja öffentliche Gelder und müssen daher regelmäßig die Qualität ihrer Arbeit nachweisen.

BRIGITTE.de: Amendt meint, ein Beweis für die schlechte Arbeit der Frauenhäuser sei, dass viele Frauen öfter in ein Frauenhaus fliehen - der Kreislauf also nicht wirklich durchbrochen wird. Hat er da nicht Recht?

Katja Grieger: Die entscheidende Frage ist doch: Warum gibt es Frauenhäuser? Welche Aufgabe haben sie? Frauenhäuser sollen bedrohten Frauen Schutz und Sicherheit gewähren. Das allein schon ist ihre komplette Existenzberechtigung. Wie lange die Frauen dort bleiben, und ob sie häufiger wiederkommen ist eine Frage der Gewaltdynamik. Wenn in einer Partnerschaft teilweise über viele Jahre ein Macht-Ohnmacht-Gefälle geherrscht hat, hört das natürlich nicht in dem Moment auf, wo das Paar räumlich getrennt ist. Die Frau ist in Sicherheit und hat die Chance, zu sich zu finden. Aber das klappt oft nicht beim ersten Mal. Weil diese Gewaltdynamik auf die gesamte Persönlichkeit wirkt. Es ist ein utopischer Anspruch zu sagen: Ich habe die Methode gefunden, mit der ein Gewaltopfer seine Erfahrung innerhalb kurzer Zeit verarbeiten kann.

BRIGITTE.de: Amendt sagt: Gewalt in der Familie betrifft alle, deshalb sollten Familienhäuser eingerichtet werden. Klingt doch vernünftig.

Katja Grieger: Es ist immer die ganze Familie betroffen. Da hat Amendt absolut Recht. Aber: Gewalt ist nicht gleich und Gewalt macht nicht gleich. Deshalb plädiere ich sehr für große Vielfalt in den Unterstützungssystemen, für Differenzierung. So dass jede und jeder die Hilfe bekommt, die sie oder er braucht. Auch die Kinder. Aber das ist nicht an einem Ort zu regeln, davon bin ich fest überzeugt. Es würde doch auch niemand einer Frau, die von einem Fremden vergewaltigt wurde, ernsthaft vorschlagen: Geh mit dem Vergewaltiger in ein Haus und arbeitet dort mal schön alles zusammen auf. Warum aber sollte das funktionieren, wenn der Vergewaltiger der Ehemann ist? Amendt leugnet mit diesem Vorschlag außerdem, dass es Frauen gibt, die ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Vor dem Hintergrund, dass immer wieder Frauen von Partnern ermorden werden, halte ich das für starken Tobak.

BRIGITTE.de: Amendt fordert ja auch mehr Beratung, für Familien in denen Gewalt herrscht. Können Sie sich dem anschließen?

Katja Grieger: Auf jeden Fall. Aber aus meiner Sicht kommt es darauf an, für die jeweilige Situation das passende Angebot zu finden. Manchmal ist das die Unterstützung in der Frauenberatungsstelle, manchmal muss eine Frau eine Zeitlang ins Frauenhaus, und nimmt später die Familienberatung in Anspruch. Das schließt sich ja alles nicht gegenseitig aus. Und die unterschiedlichsten Einrichtungen kooperieren ja auch jetzt schon sehr gut miteinander. Natürlich empfiehlt eine Frauenhaus-Mitarbeiterin einer Frau die Familienberatung, wenn sie mit ihrem Mann das Problem aufarbeiten will. Und die Familienberatungsstelle verweist eine Frau, die schutzbedürftig ist, an ein Frauenhaus. Das funktioniert und ergänzt sich sehr gut. Nur Herr Amendt blendet das leider aus.

BRIGITTE.de: Amendt sagt, Männer leiden mindestens genauso unter Gewalt, die von ihren Frauen ausgeübt wird. Würden Sie denn die Einrichtung von Männerhäusern begrüßen?

Katja Grieger: Ich hätte nichts dagegen. Ich teile nur dieses Gegeneinander-Ausspielen nicht, nach dem Motto: Wer sind nun die wirklichen Opfer. Diese Diskussion bringt uns nicht weiter. Ich finde, dass jeder Mensch der Gewalt erlebt, eine professionelle, auf seine Situation zugeschnittene Unterstützung erhalten muss. Spezialisierte Frauenberatung ist unverzichtbar, solange es Gewalt gegen Frauen gibt.

Unter www.frauen-gegen-gewalt.de finden Sie eine Datenbank mit Hilfsangeboten in Ihrer Region.

Interview: Silke Baumgarten

Wer hier schreibt:

Silke Baumgarten
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