Die Hölle auf Erden

Wenn die Schule zum schlimmsten Ort der Welt wird, sind oft Gewalt und Mobbing der Grund. Mitschüler bedrohen und schüchtern ein. Aus Angst vor den Konsequenzen schweigen die Opfer und verlängern so ihr Leid, doch es gibt Hilfe!

"Manchmal war es nur Schubsen, manchmal warf sie mit zusammengeknülltem Papier nach mir, und am Ende hat sie mich in den Magen geboxt." Für Maja war der Schulalltag reine Qual. Die 17-jährige Realschülerin aus Aachen wurde von einer Mitschülerin monatelang geärgert, schikaniert und schließlich geschlagen. Maja schwieg, sie hat ihren Lehrern und auch den Eltern nicht davon erzählt. "Ich wollte nicht klein und hilflos dastehen", erklärt sie. "An meiner Schule muss man sich eben mit so etwas abfinden, es gehört zum Alltag, nur wenn du es weitererzählst, giltst du als Schwächling." Außerdem wäre sie als Petze in Verruf gekommen - und das wollte Maja um jeden Fall vermeiden.

Ein Zufall hilft der Wahrheit

Maja ist laut Statistik eines von 93.000 Opfern, die jährlich aufgrund eines Angriffs ihrer Mitschüler ärztlich behandelt werden müssen. Und viele von ihnen verschweigen, was ihnen angetan wird. In Majas Fall kam die Wahrheit zufällig heraus: Nachdem Lena sie mehrmals in den Bauch geboxt hat, ging Maja zu ihrem Hausarzt. Er wunderte sich über die Verletzungen und die vielen blauen Flecken. Da konnte Maja die Wahrheit nicht länger verbergen. "Ich habe im Behandlungszimmer losgeweint, habe den ganzen Frust der letzten Monate aus mir rausgeheult." Daraufhin ermutigte der Arzt die Schülerin, mit ihren Eltern und Lehrern über die Situation zu sprechen. Sie folgte seinem Rat. Eigentlich hätte sie Lena wegen Körperverletzung anzeigen können. Lena hätte mit einer Gerichtsverhandlung und unter Umständen sogar mit einem Freiheitsentzug rechnen müssen. "Aber wir haben uns mit meinen und ihren Eltern und einem Vertrauenslehrer zusammengesetzt und versucht, das gemeinsam aufzuarbeiten." Die Erwachsenen zeigten sich überrascht, dass ein Mädchen gewalttätig geworden war.

Fachleute geben ihnen recht: "Mädchen haben generell eine geringere Neigung zu körperlicher Gewalt", erklärt Dr. Heinz Reinders, wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft der Uni Mannheim. Das heißt jedoch nicht, dass sie von Natur aus friedlicher sind. "Sie agieren meist nur verdeckter und für Außenstehende weniger sichtbar, beispielsweise in Form des Bullying", so Diplompsychologe Dr. Thomas Jäger. Bullying bedeutet: Systematisches Schikanieren und Beleidigen anderer, meist schwächerer, über einen längeren Zeitraum hinweg. (Der bekanntere Begriff Mobbing" bezieht sich auf das Berufsleben.)

"Gewalt ist niemals harmlos!"

"Auch wenn Bullying auf den ersten Blick weniger brutal und bedrohlich wirkt als Prügeleien unter Jungen, kann es doch sehr tiefe und langwierige Spuren bei den Opfern hinterlassen. Gewalt in welcher Form auch immer ist niemals harmlos!" betont Thomas Jäger. "Und gerade Mädchen halten Situationen, die für sie schlimm sind, oft viel zu lange aus und hoffen, dass die Übergriffe irgendwann wieder von alleine aufhören. Das hat aber häufig zur Folge, dass die Situation nur noch schlimmer und verfahrener wird."

So auch in Evas Fall. Die heute 19-jährige Kölnerin wurde von drei Mitschülerinnen drangsaliert, sogar, nachdem sich die Lehrerkonferenz mit ihrem Problem beschäftigt hatte. "Die Pause war ein Albtraum," erklärt die ehemalige Hauptschülerin. "Da warteten sie auf mich. Zu Anfang beschimpften sie mich als Hure." Später lauerten sie Eva auch auf dem Nachhauseweg auf. "Sie nahmen mir die Tasche weg, warfen meine Sachen in den Dreck, zogen mich an den Haaren und zerrissen mein T-Shirt", berichtet Eva. Sie wirkt apathisch. So war sie nicht immer. Am Anfang wollte sie mit den Mädchen reden. "Ich wollte wissen, was ihnen an mir nicht passte, was ich falsch machte, um es abstellen zu können." Da antwortete eines der Mädchen, Eva sehe aus wie Cameron Diaz und sei daher eine Schlampe. "Ich war geschockt - sie hassten mich für mein Aussehen?"

Monatelange Tortur

Immer, wenn sie mit den drei Mädchen ins Gespräch kommen wollte, lachten sie nur und beschimpften Eva noch heftiger. Und dann kam die Klassenfahrt. "Wir besuchten eine Burg und da war eine kleine Treppe, Gott sei dank nicht hoch," erinnert sich Eva. Eines der drei Mädchen schubste sie herunter, Eva brach sich ein Bein und die Lehrer konnten ihre Lage nicht länger ignorieren. Nachdem die Täterin für einige Tage der Schule verwiesen wurde, machten die anderen beiden dort weiter, wo ihre Freundin aufgehört hatte. Erst als sie Eva krankenhausreif geschlagen hatten, kam die Wende. Eva entschied sich, Anzeige gegen die Mädchen zu erstatten. "Die eine hat Bewährung bekommen, die andere ist ins Jugendgefängnis gekommen, weil sie früher schon straffällig geworden war."

Eva aber leidet nach wie vor unter der monatelangen Tortur: Sie hat mit Essstörungen zu kämpfen, vertraut kaum jemanden und hat Angst, allein durch die Stadt zu gehen. Immer wieder stellt sie sich die Frage, wieso Jugendliche handgreiflich werden.

Gewalt um dazu zu gehören

Fachleute erklären, Gewalt habe sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen stets mehrere Ursachen. Zum Beispiel eine schwierige Familiensituation oder eine niedrige soziale Stellung der Täter. Heike (17) weiß was damit gemeint ist. Ihre Mutter starb, als sie noch klein war. Heikes Vater kümmert sich nicht um das Mädchen: "Dem ist ganz egal, ob ich nachts nach Hause komme oder nicht!" sagt sie. In ihrer Klasse hat sie keine Freunde. Hier zählt nur, welche Kleidung man trägt, "Freundschaften gibt's nicht", fügt Heike flüsternd hinzu. Heikes Vater ist Sozialhilfeempfänger, wann sie das letzte Mal shoppen war, weiß Heike nicht mehr. Für ein wenig Anerkennung und das Gefühl, dazuzugehören, würde sie vieles machen - auch gewalttätig werden. Und so kam es, dass Heike ein afrikanisches Mädchen wegen seiner Herkunft ohnmächtig schlug, um ihren rechtsradikalen Freunden zu imponieren.

Ist es überhaupt möglich sich vor der Gewalt seiner Mitschüler zu schützen? "Ja," sagt Diplompsychologin Sibylle Enz und erklärt: "Ein stabiles soziales Netz ist eine der besten Schutzmöglichkeiten." Mädchen sollten Klassenkameraden unvoreingenommen und offen begegnen, so knüpft man Freundschaften und gehört zu einer Gruppe. Ist ein Mädchen bereits Opfer von Gewalt geworden, stehen ihm mehrere Anlaufstellen zur Verfügung. Institutionen wie der Kinderschutzbund oder das Jugendtelefon bieten individuelle Hilfe. "Wenn sich die Eltern nicht hinreichend um den Schutz ihrer Kinder bemühen (können), sollten sich Opfer an das Jugendamt wenden. Handelt es sich um Opfer strafbarer Handlungen, dann sollte man auch die Polizei einschalten", ergänzt Reinders.

Zwei Dinge dürfen Betroffene nicht vergessen: Sie stehen mit ihren Erlebnissen nie allein da, es gibt Tausende von Mädchen die ähnlich schlimme Erfahrungen machen müssen. Aber: für alle Opfer von Bullying oder Gewalt gibt es Hilfe. Niemand steht der Situation/dem Problem hilflos gegenüber.

Hier gibt es Hilfe

Adressen lokaler Anlaufstellen und weitere Informationen gibt es unter:
http://www.kinderschutz-zentren.org
http://www.hilferuf.de/forum/schule/
http://www.kummernetz.de/
http://www.bllv.de/standpunkte/eingaben/gegen_gewalt.shtml
http://www.gewalt-an-schulen.de/
http://www.jugendinfo.de
Telefonische Hilfe gibt es rund um die Uhr unter 0800-1110333
Text Anna Gielas
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