VG-Wort Pixel

Gewalt unter der Geburt: Frauen wehren sich mit schockierendem Brandbrief

Frau mit Baby kurz nach der Geburt
© ChameleonsEye / Shutterstock
Eigentlich sollte die Geburt eines Kindes eine magische Erfahrung sein, anstrengend, schmerzhaft, wunderschön, eine Grenzerfahrung voller Liebe – und bei vielen Frauen ist das auch so. Doch viele Frauen berichten auch von Gewalt unter der Geburt. Jetzt wehren sie sich mit einem Brandbrief.

"Auch mir wurde Gewalt während der Geburt angetan, verbale Gewalt. Vor 8 Jahren, als ich das erste Mal Mutter wurde, hatte ich eine sehr unsensible Hebamme an meiner Seite. Ich kam unsicher, verängstigt, mit Wehen und in Sorge um mein Kind im Kreißsaal an … Diese furchtbare Hebamme schrie mich im OP an, ich solle richtig atmen, statt mich zu beruhigen, während ich in Tränen ausgebrochen war, nackt fixiert da lag und mein Bauch mit einer kalten Lösung desinfiziert wurde. Sie verhöhnte mich, indem sie lachend fragte, ob sie meine Beleghebamme holen solle. Und zu allem Übel machte sie sich über den Namen des Kindes lustig, während ich von der Narkose aufwachte, mit den Worten "Ach, daran erinnert die sich nachher eh nicht mehr". Oh doch, es ist 8 Jahre her und jede Minute hat sich eingebrannt. Ich fühle die Angst und den Schmerz heute noch …"

Es sind Worte wie diese von einer Mutter auf Instagram, die sehr betroffen machen. Jedes Jahr am 25. November berichten Frauen weltweit zum "Roses Revolution Day" unter Hashtags wie #rosrev,  #BreaktheSilence und  #rosesrevolution auf Facebook und Instagram von Gewalt, die sie bei der Geburt ihrer Kinder erfahren haben. Die Frauen sprechen von verbaler und körperlicher Gewalt, von ungewollten medizinischen Eingriffen, von verächtlicher Behandlung durch medizinisches Personal. 

Rosen als Zeichen für erlebte Gewalt

Zusätzlich legen viele der betroffenen Frauen Briefe und Rosen vor die Kreissäle und Geburtshäuser, in denen ihnen ihrem Empfinden nach Gewalt widerfahren ist. Ihre Rosen sollen sichtbare Zeichen sein für Geburtserlebnisse, die viele der Frauen als traumatisch erlebt haben. In ihren Briefen schildern sie, was sie erlebt haben, um die Ärzte und Hebammen zu sensibilisieren. 

Die Soziologin Christina Mundlos aus Hannover hat selbst eine gewaltvolle Geburt erlebt und für ihr Buch "Gewalt unter der Geburt" mit betroffenen Müttern und Vätern gesprochen. Zusätzlich hat sie auf Facebook die Gruppe "Gewalt unter der Geburt" ins Leben gerufen, in der seither sehr viele Frauen negative Geburtserfahrungen geschildert haben. All die Berichte zeichnen ein trauriges Bild.

Dieser Brandbrief soll helfen

Um das Thema der Gewalt in der Geburtshilfe einer breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen und die Politik zum Handeln aufzufordern, hat Christina Mundlos in diesem Jahr einen Brandbrief an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier initiiert, in dem sie eindringlich schildert, welche Formen der Gewalt die Frauen in der Geburtshilfe erleben und welche Folgen diese Erlebnisse für die Betroffenen haben: "Es geht um körperliche und psychische Gewalt gegen die Gebärende und ihr Baby. Ein Großteil der körperlichen Übergriffe sind medizinische Eingriffe, die unnötig sind und/oder ohne Aufklärung und/oder ohne Einwilligung der Gebärenden rechtswidrig durchgeführt werden".

Die psychische Gewalt gegenüber der Gebärenden umfasse Verhaltensweisen des geburtshilflichen Personals: "allein lassen, nicht ernst nehmen, auslachen, belügen, beleidigen, anschreien, verängstigen, bedrohen, ignorieren sowie respektlose und/oder beschämende Behandlungen".

Die erlebte Gewalt habe massive Folgen: "Die Art und Weise, wie Frauen und Babys unter der Geburt behandelt werden, schreibt sich tief in ihre Seelen und Körper ein. Die Frauen erleiden körperliche Blessuren (bis hin zu Rippenfrakturen, Gebärmutter-, Milz- oder Leberrissen) und viele sind hinterher traumatisiert, leiden an Wochenbettdepressionen, Posttraumatischen Belastungsstörungen oder sind suizidgefährdet. Einige möchten beim nächsten Kind daher einen Wunschkaiserschnitt oder eine Alleingeburt. Andere schließen mit der Kinderplanung ab."

Maßnahmen gegen Gewalt in der Geburtshilfe

Zur Eindämmung der Gewalt in der Geburtshilfe fordert Christina Mundlos konkrete Maßnahmen der Politik, wie die Anerkennung der Existenz von Gewalt gegen Gebärende seitens der Bundesregierung, bedarfsgerechte Vergütung in der Geburtshilfe statt Fallpauschalen – analog zur Pflege, die Einrichtung von Landespräventionsstellen "Gewaltfreie Geburtshilfe" in jedem Bundesland, die Einrichtung einer koordinierenden Bundespräventionsstelle "Gewaltfreie Geburtshilfe" sowie die Bildung einer Bundeskommission zur Verhütung von Gewalt in der Geburtshilfe.

Der Brandbrief wurde schon jetzt von mehr als hundert Frauen und Männern unterzeichnet, darunter Hebammen, Therapeut*innen, Familienbegleiter*innen und zahlreiche Vertreter*innen von Fachverbänden, darunter zum Beispiel der Bundesrat werdender Hebammen. Wer den Brandbrief komplett lesen möchte, findet ihn hier: Brandbrief an den Bundespräsidenten zum Tag gegen Gewalt an Frauen & unter der Geburt – Roses Revolution Day 2019.


Mehr zum Thema