Arabischer Frühling: Was hat er den Frauen gebracht?

Im Arabischen Frühling kämpften auch Frauen für mehr Freiheit. Hat es ihnen genützt? Ein Gespräch mit der Libanesin Nadine Abou Zaki, Chefredakteurin des Frauenmagazins "Al Hasnaa" und Gründerin des "The New Arab Woman Forum".

Nadine Abou Zaki ist promovierte Philosophin, Bildhauerin, Chefredakteurin des panarabischen Frauenmagazins "Al Hasnaa" und Begründerin des "The New Arab Woman Forum" (NAWF) - eine hochkarätige Plattform für den Wandel der Frauenrollen in der arabischen Welt

BRIGITTE: Bei den Umstürzen in der arabischen Welt sind viele Frauen auf die Straße gegangen, auch für ihre Rechte als Frau. Waren sie erfolgreich?

Nadine Abou Zaki: Die Frauen standen in der ersten Reihe, aber als die Revolutionen vorbei waren, wurden sie erstmal wieder marginalisiert. Die Geschichte zeigt: Revolutionen finden nie ohne Frauen statt, aber wenn es an der Zeit ist, die Macht zu verteilen, werden sie zur Seite gedrängt.

BRIGITTE: Wo wurde das am deutlichsten spürbar?

Nadine Abou Zaki: Ägypten erlebte den schlimmsten Backlash. Vor der Revolution saßen zwölf Prozent Frauen im Parlament, nach dem Sieg der Islamisten waren es nur noch zwei Prozent, weil die Frauenquote abgeschafft wurde. Frauen wurden vermehrt Opfer von Gewalt, auch sexueller Gewalt. Aber jetzt wurden wir positiv überrascht: Die neue Verfassung ist ein Sieg für die Frauen. 20 Artikel der Verfassung kommen ihnen zugute, unter anderem garantiert der Staat den Schutz vor Gewalt.

BRIGITTE: Hat sich das Frauenbild durch die Revolutionen verändert?

Nadine Abou Zaki: Wir erleben neue Frauenrollen, neue Visionen, eine neue Kultur. Klischees und Tabus wurden gebrochen. Früher hatten Frauen bei Revolutionen traditionelle Rollen inne, sie waren für die Versorgung der Revolutionäre zuständig. Dieses Mal gingen sie auf die Straße. Jetzt erleben wir eine neue Welle des Aktivismus: Frauen sind politisch aktiver denn je, auch junge Frauen und Frauen vom Land. Im Jemen nehmen sie an der Konferenz des Nationalen Dialogs teil, der eine neue staatliche Ordnung schaffen soll. Selbst in Saudi Arabien gibt es Reformen: Im September wurde ein Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet.

Als die Diktatoren in Tunesien, Ägypten und Libyen gestürzt wurden, kämpften auch viele Frauen für Demokratie - und Frauenrechte

BRIGITTE: Auf der Website des The New Arab Woman Forum steht, dass die letzten Jahrzehnte den Frauen mehr Bildung und Teilhabe gebracht haben. Wie kam es dazu?

Nadine Abou Zaki: Die Regierungen haben erkannt, dass sie Frauen stärken müssen, um die Entwicklung in der arabischen Welt voranzutreiben. Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus, man kann nicht auf sie verzichten. Außerdem sind die Machthaber in den einzelnen Staaten an einem modernen Image interessiert. Daher haben sie in Bildung investiert: Zwischen 1980 und 2010 hat sich die Zahl der Schülerinnen zwischen 15 und 19 Jahren verdoppelt, inzwischen beginnen mehr Mädchen als Jungen ein Studium. Unternehmerinnen werden gefördert, weil sie Arbeitsplätze schaffen und sich selbst und das Land voranbringen.

BRIGITTE: Wie wird es in der Region weitergehen?

Nadine Abou Zaki: Wir erleben gerade den Aufstieg des Individuums, das eine Stimme hat, nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich. Die Menschen haben Geschmack an der Freiheit und an ihrer Macht gefunden. Aber wir sprechen hier von einer Evolution, niemand weiß, was passieren wird. Vielleicht wird auch erst die nächste Generation wirklich profitieren.

"Al Hasnaa"

BRIGITTE: Sie sind Chefredakteurin des Frauenmagazins "Al Hasnaa", das seit 1909 in der gesamten arabischen Welt verkauft wird. Was unterscheidet "Al Hasnaa" von anderen Frauenzeitschriften?

Nadine Abou Zaki: "Al Hasnaa" zeichnet sich durch Mut aus. Wir besprechen alle wichtigen Themen ohne Tabus, respektieren dabei aber immer die Lebensumstände der Frauen. Wir regen zum Nachdenken an, provozieren ohne zu schockieren. Wir wollen ein positives Image von Frauen als Protagonistinnen des Wandels transportieren. Andere Medien stellen Frauen gern als Opfer dar.

BRIGITTE: Wie sieht das Themenspektrum aus?

Nadine Abou Zaki: Es geht um Kultur, Soziales, Wirtschaft und Politik, aber auch um Mode und Beauty. Ich wollte die Rezepte abschaffen, aber man hat mir gesagt, dass man darauf nicht verzichten kann.

"Al Hasnaa provoziert ohne zu schockieren"

BRIGITTE: Wird "Al-Hasnaa" irgendwo zensiert?

Nadine Abou Zaki: Es gibt eine Sonderausgabe für Saudi Arabien, die auf Sex-Themen verzichtet. Sonst könnte "Al-Hasnaa" dort nicht verkauft werden.

BRIGITTE: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie sind Chefredakteurin, Bildhauerin, Essayistin, lehren an der American University in Beirut Philosophie, engagieren sich beim "The New Arab Woman Forum" und sind Mutter zweier Kinder. Wie geht das?

Nadine Abou Zaki: Das ist alles eine Frage der Leidenschaft. Und die Kinder sind bis 16 Uhr in der Schule!

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