Nur noch Zoff: Spaltet Greta unsere Gesellschaft?

Die einen fordern radikalen Klimaschutz, die anderen fühlen sich persönlich angegriffen. Die Klima-Frage ist längst zur Gesellschaftsfrage geworden, findet unser Autor. Und: Der Generationen-Zoff droht zu eskalieren.

"Ich bin gespannt, was Greta macht, wenn es kalt wird. Heizen kann es ja wohl nicht sein" – für diesen (zugegebenermaßen sehr platten) Gag hat Dieter Nuhr dieser Tage eine Menge Gegenwind bekommen. Greta Thunberg und ihre Klima-Bewegung Fridays for Future verunglimpfen, das geht gar nicht, finden viele Menschen. Andere klatschen Applaus und lachen laut, sie können ohnehin nicht so viel mit "Klima-Gretel" anfangen.

Dieter Nuhr ist nicht der einzige Comedian, der Greta Thunberg und die aktuelle Klimadebatte unter Feuer nimmt. Die Frage, wie wir mit den Freitags-Demonstrationen und der Klimadebatte umgehen, beherrscht dieser Tage unsere Gesellschaft. Dabei fällt auf: Die Klima-Frage wird zur Generationen-Frage.

Klimaschutz gegen Freiheit?

Auf der einen Seite: Junge Menschen, die radikalen Klimaschutz fordern, regelmäßig auf die Straße gehen und zum Beispiel das neue Klimapaket der Bundesregierung scharf kritisieren. Auf der anderen Seite: Deren Eltern- und Großeltern-Generation, die sich um ihre ganz persönliche Zukunft und Freiheit sorgt, Facebook-Gruppen wie "Fridays for Hubraum" gründet und im Netz heftig über "die Marionette Gretel" ätzen.

In Facebook-Kommentaren, Blogs und an Stammtischen wird schnell deutlich: Der Ton wird rauer! Auf der einen Seite "How dare you?", auf der anderen Seite "Fuck you Greta"-Aufkleber auf SUVs. Es geht ein Riss durch die Gesellschaft – mittlerweile scheinen die Fronten ähnlich verhärtet wie 2015, als "Bahnhofsklatscher" und "Wutbürger" aufeinander trafen. Ein Konflikt, der bis heute anhält.

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Mehr als Schwarz und Weiß

Dabei sollten wir alle wissen, dass die Welt selten entweder Schwarz oder Weiß ist. Wer seinen Puls ein wenig runterfährt und die Sache nüchtern betrachtet, sollte erkennen, dass beide Seiten Recht haben könnten.

Ein Beispiel: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat einen offenen Brief an Greta Thunberg geschrieben: "Nein, wir haben Deine Jugend nicht zerstört. Wir haben eine Welt erschaffen, die bessere Lebenschancen für junge Menschen bietet als jemals zuvor in der Geschichte."

Boris Palmer hat Recht: Die Lebenschance für junge Mädchen sind heute sicher besser als vor einigen Jahrzehnten und Jahrhunderten. Aber Palmers Blick geht in die Vergangenheit, während Gretas in die Zukunft geht. Sie meint, dass ihre Jugend zerstört wurde, weil sie sich heute in einer Rolle sieht, in der sie für das Klima kämpfen muss. Eine Rolle, in der sie nicht wäre, wenn frühere Generationen den Umweltschutz wirksamer angegangen wären.

Vergangenheit und Zukunft

Ein weiteres Beispiel: Bei Facebook kursieren verschiedene Briefe der "älteren Generation". Hier heißt es, dass "wir früher" Socken gestopft haben, statt neue zu kaufen, zu Fuß zum Bäcker gegangen seien und nicht alle zwei Jahre ein neues Handy gekauft haben. Hier schwingt mit: Ihr Jungen seid doch die Verschwendergesellschaft, wir Alten waren früher immer sparsam. Dabei geht es den wenigsten Aktivisten um das Gestern, sondern viel mehr um das Morgen. Hier reden die Generationen in der Debatte offenbar aneinander vorbei.

So rau der Ton auch ist und so groß das Unverständnis füreinander auch zu sein scheint: Die extremen Auswirkungen, die der jeweils eine dem anderen an den Kopf wirft, möchte wohl niemand erleben. Generation Greta will bestimmt keine Welt, die nur noch aus Entbehrung und Einschränkung besteht, Generation Großvater möchte sicher nicht, dass die Erde durch den Klimawandel unbewohnbar wird.

Lasst uns zusammen an einem Strang ziehen

Man könnte sich also einander annähern, wenn man ein bisschen durchatmen würde und die Sache nüchtern betrachten würde. Denn genauso wie Greta Recht hat, dass wir vor den Erkenntnissen der Wissenschaftler Panik bekommen sollten, müssen wir diejenigen verstehen, die sich persönlich angegriffen fühlen und Angst haben, auf gewohnte Annehmlichkeiten des Lebens verzichten zu müssen. Viel eher sollten wir als Gesellschaft zusammenstehen und gemeinsam Lösungen für den Umgang mit dem Klimawandel suchen. Alle zusammen, aber auch jeder für sich!

Dieter Nuhr hat in seiner Sendung einen Satz gesagt, der ein weiterer süffisanter Angriff auf Greta sein sollte: "Wir haben eine Welt geschaffen, in der siebeneinhalb Milliarden Menschen bei wachsendem Wohlstand und wachsender Gesundheit immer älter werden. Das ist beschämend."

Das kann man als Gag verstehen. Man kann das Ganze aber auch anders sehen: Die Tatsache, dass so viele Menschen immer wohlhabender und immer älter werden, hat uns erst die Klimakrise in diesen Dimensionen eingebrockt, weil der Mensch in seiner Gesamtheit der Erde immer mehr zumutet. Man kann darüber als Comedian Witze machen. Aber vielleicht ist das dann wirklich beschämend …

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