Grünen-Parteitag 2008: Mehr bewegen - aber was?

Die Grünen übten sich in Erfurt vor allem in Selbstfindung - und drohten dabei, den Wähler zu vergessen. BRIGITTE-Redakteurin Claudia Kirsch über den Parteitag.

Er will rein. Der Türsteher lässt ihn nicht. Kein Ausweis, kein Einlass, so einfach ist das in Erfurt auf der Bundesdelegierten-Konferenz der Grünen. "Aber das ist der Parteichef," zischt ein Begleiter. Schließlich darf Reinhard Bütikofer - auch ohne sich auszuweisen - die Messehalle betreten und seine Abschiedsrede als Vorsitzender der Grünen halten.

Ich muss im Verlauf der nächsten Stunden noch oft an diese Szene denken: Ein passender Auftakt zu dem Ringen der Grünen um Macht und Haltungen. Wie die rund 500 Delegierten am ersten Abend der dreitägigen Veranstaltung über ihre Position zur Energiepolitik streiten, das nimmt streckenweise bizarre Züge an. Obwohl man sich in der Sache weitgehend einig ist: Der vollständige Verzicht auf nicht regenerative Energien soll festgeschrieben werden. Aber wann? 2030? Besser nur als Ziel, ohne zeitliche Vorgabe? Oder schon 2020? Die Stimmung heizt sich auf. Wir müssen mutiger sein. Nein, realistischer. Neinnein, radikaler.

Meine Güte, Leute, denke ich, wollt ihr die Menschen mitnehmen oder unter euch bleiben? Wollt ihr Wahlen gewinnen oder einen Wettstreit um Prinzipientreue führen? Debatten, heftig und endlos, sind gewollt. Dafür sorgt schon die Satzung. Nur bei der Partei Bündnis 90/Die Grünen haben prinzipiell alle Delegierten die Möglichkeit, jederzeit eine Rede zu halten. Wer etwas sagen will, wirft einen Zettel in einen Topf. Es gibt einen für Frauen und einen für Männer. Das Los entscheidet, wer reden darf. Fiftyfifty Frauen und Männer. Und während die Unbekannten und die Prominenten reden und reden, stapeln sich auf den Tischen der Delegierten und Journalisten die Zettel mit Änderungsanträgen zu Änderungsanträgen. Unablässig werden neue Zettel verteilt.

Zwischendrin stürmen grüne Jung-Aktivisten mit Mundschutz und einem riesigen Nagel aus Pappmaschee auf die Tribüne, sie wollen Renate Künast und Jürgen Trittin auf einen Kurs gegen Kohlekraftwerke festnageln. Bei den Wahlen fliegt Realo Fritz Kuhn aus dem Parteirat, die Parteilinke Claudia Roth wird als Parteichefin bestätigt, der moderate Cem Özdemir zum Nachfolger von Bütikofer gewählt. Alles ist möglich bei den Grünen, und selten weiß man sicher, wie eine Abstimmung ausgehen wird.

Dieser facettenreiche und mühsame Selbstfindungsprozess hat aber durchaus Qualitäten. Er funktioniert als eine Art Stellvertreter-Debatte für viele Menschen, die um eine Haltung ringen, verleiht ihnen eine Stimme: Denen zum Beispiel, die sagen, ich will keine Atomkraftwerke und keine Kohlekraftwerke. Ich bin für Solar- und Windenergie. Aber ich will es warm haben, und ich bin mir nicht sicher, ob das mit regenerativen Energien wirklich klappt. Ich sorge mich um die Umwelt, aber ich will bei blödem Wetter mit dem Auto zur Arbeit fahren und am Wochenende nach Barcelona fliegen. Ich will nicht auf alles verzichten, aber ich bin zu vielem bereit ...

Im übertragenen Sinn gilt dies auch für die Partei. Nach sieben Jahren Regierungsbeteiligung und drei Jahren, in denen sie in Deutschland wenig mitzubestimmen hatte, ist sie zu vielem bereit. Eine Partei sucht ihre Position: Sie übt den Schulterschluss an außerparlamentarische Bewegungen, zugleich hält sie Ausschau nach neuen Regierungsbeteiligungen. Die junge Grüne Julia Seeliger schwärmt begeistert von der festivalartigen Stimmung bei der Castor-Blockade, noch ganz heiser von ihrem 79-stündigen Einsatz bei Eiseskälte. Schön für Seeliger. Schade, es bleibt ihr einziger Beitrag. Ob das den Wählern wirklich genügt?

Mehr bewegen, so das Motto des Parteitages. Aber was und wohin? Die ureigenen grünen Themen (Umwelt, Frieden, Bürgerrechte) sind längst auch von anderen Parteien aufgegriffen worden. Und was kommt nun? Führt ideologische Konsequenz bei einer etablierten Partei in die Bedeutungslosigkeit? Oder macht pragmatischer Realismus die Partei so austauschbar, dass es keinen Grund mehr gibt, sie zu wählen? Die Diskussionen, die in den nächsten Monaten geführt werden, sind für die Zukunft der Partei von großer Bedeutung. Eine Reala bringt es in Erfurt auf den Punkt: Wir müssen das Volk überzeugen, nicht unsere eigenen Mitglieder. Stimmt. Sonst müssen die Grünen vielleicht draußen bleiben.

Diskutieren Sie mit: Radikal oder realistisch - wohin sollen die Grünen gehen?

Text: Claudia KirschFoto: Getty Images
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