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#neueoffenheit Häusliche Gewalt: "Anfangs war er reizend"

#neueoffenheit: Iris Brand
"Keiner will in einer toxischen Beziehung leben, aber das heißt nicht, dass es einfach ist, sich daraus zu lösen."
© Jewgeni Roppel
Die Managerin Iris Brand, 38, hätte nie im Leben gedacht, dass sie selbst mal von häuslicher Gewalt betroffen sein könnte. Nun will sie mit Klischees aufräumen.

Ich habe mir länger überlegt, ob ich mich wirklich als Betroffene zum Thema häusliche Gewalt äußern soll. Zwar kommt häusliche Gewalt laut Polizeistatistiken in allen sozialen Schichten, Einkommensklassen und Bildungsgraden vor. Jedoch haftet dem Problem immer noch das Klischee von der "Unterschichtsfamilie" an, den "Asozialen", in der der Mann im Feinrippunterhemd die unterwürfige Frau schlägt.

Ich will die Klischees zerschlagen und für das Problem an sich sensibilisieren. Und das geht nur, wenn man darüber spricht.

Ich bin Managerin in einem Großkonzern, mein Ex-Freund war beruflich in einer ähnlichen Position. Unsere ersten Monate zusammen waren ein immerwährender Honeymoon, er war reizend, wie ich es kaum kannte. Schleichend änderte sich unsere Beziehung, er bekam cholerische Wutausbrüche wegen Nichtigkeiten oder fing an, mich grundlos niederzumachen. Danach entschuldigte er sich stets, gelobte Besserung – und ich verdrängte Geschehenes.

Als er das erste Mal zuschlug, konnte ich es nicht fassen.

Frauen haben unterschiedliche Beweggründe, warum sie nicht sofort gehen. Oder zwar gehen, wie ich es getan habe, aber dann doch wieder Kontakt zulassen. Wenn es dann zu einem weiteren Vorfall kommt, wird man zusätzlich von Außenstehenden belehrt: "Hab ich dir doch gesagt, hättest du mal auf mich gehört" oder auch "Gerade bei dir hätte ich das nie gedacht, du bist doch sonst so stark".

Solche Sätze sind Tritte auf jemanden, der bereits am Boden liegt. Keiner möchte in einer toxischen Beziehung leben, aber das heißt nicht, dass es einfach ist, sich daraus zu lösen. Und sie zeigen auch, wie sehr die Klischees in den Köpfen verankert sind. Das Problem wird als soziales Randphänomen betrachtet. Es passt nicht ins Bild, das unsere vermeintlich gleichberechtigte Gesellschaft von sich hat. Gewalt in Beziehungen ist immer Ausdruck von einem Macht- oder Abhängigkeitsverhältnis, sei es finanzielle oder auch emotionale Abhängigkeit.

Das Gehen kostet immer viel Mut und Kraft. Man sollte es Betroffenen durch ein soziales Stigma nicht noch schwerer machen.
Protokoll: Sonja Niemann Brigitte

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