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Häusliche Gewalt: Der gefährlichste Ort der Welt

Häusliche Gewalt: Gestalt hinter Vorhang, Hand
© Sinisha Karich / Shutterstock
Fast jede dritte Frau in Deutschland wird einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Antje Joel ist eine von ihnen. Schläge, Tritte, Demütigungen – in zwei Ehen hat sie das erlebt. Wie konnte sie da hineingeraten? Wer so fragt, macht sich zum Verbündeten der Täter, sagt die Autorin. Denn wer prügelt, ist das Problem.

logo_sicherheim_neu obenIch war 16, als ich mich in einen Mann verliebte, der mich schlug. Aber natürlich ist das nicht wahr. Tatsächlich verliebte ich mich in einen charmanten, witzigen, gut aussehenden und, soweit ich das mit meinen Teenagerjahren beurteilen konnte, belesenen jungen Mann. Die Schläge kamen erst später. Seine körperlichen und die verbalen Schläge von anderen. Familie, Freunde und Kollegen konnten oder wollten auf keinen Fall verstehen, wie ich "da hatte hineingeraten können"! Oder: Was ich tat, um einen doch offenbar netten Mann derart zu provozieren! Oder: Warum ich nicht "einfach" ging!

Ich verstand es auch nicht. Darum nahm ich die Schläge hin. Ich glaubte, ich hätte sie verdient. "Du holst das Schlechteste aus mir heraus", sagte er. Und die anderen: "Wenn du dir so was bieten lässt, hast du es wohl nicht besser verdient." In Deutschland wird jede dritte Frau laut Bundesfamilienministerium mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt, oft durch ihren Partner oder Expartner. Das sind zwölf Millionen Frauen. Allein in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat schon vor Jahren die Familie, diesen von uns so hoch und heilig geschätzten Ort, zu dem gefährlichsten überhaupt für Frauen erklärt. Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine Partnerin oder Expartnerin zu ermorden. Mehr als jeden dritten Tag ist einer er­folgreich. Das sind rund 130 von ihrem Partner oder Ex­partner ermordete Frauen jedes Jahr. Gewalt gegen sie ist das größte Gesundheitsrisiko für Frauen weltweit.

Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine Partnerin oder Expartnerin zu ermorden.

Das sind die Fakten und Zahlen. Die lesen wir überall und immer wieder. Seit den späten Sechzigern, als in den USA die "Battered Women’s Movement", die "Bewegung der geschlagenen Frauen", erstmals auf das Problem aufmerksam machte, sind sie nahezu unverändert. Wir haben uns an sie gewöhnt. Neulich kommentierte ein Leser der Wochenzeitschrift "Die Zeit" unter einem Artikel zu häuslicher Gewalt: "130 ermordete Frauen pro Jahr – gegenüber Millionen Frauen, die in glücklichen Beziehungen leben! Wollen wir das etwa eine Mehrheit nennen? Sollten wir uns darüber aufregen? Wohl kaum."

Meine Geschichte begann, wie so viele Geschichten beginnen: als die ganz große, einzigartige Liebe – auf den ersten Blick. Er war ein Mann wie kein anderer. In Jeans, schwarzem Hemd, Trenchcoat und schicken Schuhen. Ein großer, verwegener und verletzlicher Junge. Ich war die Frau seines Lebens. Keine hatte ihn je so verstanden, für keine hatte er je so gefühlt wie für mich!

Eine negative Einstellung gegenüber Frauen ist eines der frühen Warnzeichen dafür, dass ein Mann gewalttätig werden kann, schreibt "Hiddenhurt", eine britische Internetplattform über häusliche Gewalt. Beide Männer, mit denen ich verheiratet war, sprachen respektlos und negativ über ihre früheren und anderen Frauen. Sie taten es auf eine Art, die ich für mich als positiv empfand. Auf "Hiddenhurt" heißt es: "Die Männer erzählen Ihnen vielleicht, dass Sie etwas Besonderes sind, nicht wie die anderen, und dass sie sich als den glücklichsten Mann der Welt schätzen, weil sie die einzig tolle Frau gefunden haben." Dass der Lobgesang dieser Männer zugleich ein Abgesang auf alle anderen Frauen war, nahm ich wohlwollend hin. Wir Frauen werden früh und dann immer aufs Neue darauf konditioniert, "Rivalinnen" aus dem Feld zu schlagen.

Das erste Mal, dass der Mann, den ich liebte, zuschlug, war nach einer Silvesterparty. In einer Radiosendung zum Thema hat mich neulich der Moderator gefragt: "Frau Joel, was war da los?" Ich war überrascht. Ich fand, das hätte er den Mann fragen müssen. Nicht nur, was diesen Silvesterabend betraf. Sondern wie wir alle gewalttätigen Männer generell fragen sollten: "Was haben Sie sich dabei gedacht?!" Was denken sich Millionen deutscher Männer dabei, wenn sie ihre Partnerinnen auf jede erdenkliche Art misshandeln? Denn das ist es, was die Zahlen oben im Umkehrschluss bedeuten: Wenn wir nicht davon ausgehen wollen, dass die zwölf Millionen misshandelten Frauen an immer die gleiche Handvoll kaputter Kerle geraten, glauben Millionen Männer in Deutschland, dass sie das Recht haben, wenn nicht die Pflicht, ihre Partnerin zu kontrollieren. Zu beherrschen. Und zwar noch über die Trennung hinaus:

Die schwersten Übergriffe, Mord inklusive, werden von den Tätern verübt, nachdem die Frau sie verlassen hat oder wenn sie plant, ihn zu verlassen.

Macht. Kontrolle. Das ist das Herz häuslicher Gewalt. Da­­rum geht es den Männern, die sie ausüben. Sie sind ihr Grund. Und ihr Ziel. Um es zu erreichen, brauchen sie nicht immer körperliche Gewalt – im Gegenteil. In einer UN-Studie gab über die Hälfte der befragten deutschen Frauen an, dass ihr Partner sie erniedrigt, demütigt, finan­ziell oder sozial isoliert oder auf andere Weise emotional misshandelt. "Coercive Control" heißt diese Form der Gewalt, Zwangskontrolle. In ­England und Wales ist sie strafbar. In den Vereinigten Staaten war sie es. Bis die Trump-Regierung das Gesetz 2018 kippte – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Seither gilt in den USA wieder genauso wie in Deutschland noch immer: Nur wo "Schläge" draufsteht, steckt auch wirklich Gewalt drin. Als ob!

Der US-Forensiker Evan Stark, der seit mehr als 30 Jahren zur häuslichen Gewalt forscht, sagt: "Wenn Sie auf Anzeichen körperlicher Gewalt warten, um häusliche Gewalt zu erkennen, werden Sie 98 Prozent aller Fälle ­übersehen." Emotionale Gewalt geht fast immer kör­perlicher Gewalt voraus. Was nicht heißt, dass auf die ­see­lischen Quälereien immer körperliche folgen. Aber ein Mann, der seine Partnerin mit Fäusten und Fußtritten misshandelt, hat sie sich zuvor längst mit Blicken und Worten gefügig gemacht.

Wenn P. jeweils mit mir fertig war, war ich so klein, dass ich gar nichts mehr war. Es waren nicht nur die Schläge. Wenn es nur die Schläge wären, wäre es für die Frauen leichter, sich aufzurappeln, zu laufen, zu gehen. Kein Mensch lässt sich einfach so schlagen. Die Schläge sind nur die Spitze des Eisbergs.

Sie sind der wahrnehmbare Teil der Gewalt. Aber zwischen den immer wiederkehrenden körperlichen Attacken ist noch etwas anderes. Etwas Mächtiges, Fesselndes.

Es ist nicht nur die viel zitierte Jekyll-und-Hyde-Mentalität der Täter. Ihre Fähigkeit, sich von jetzt auf gleich zu verwandeln: von einem scheinbar liebenden Partner zu einem rasenden, lebensgefährlichen Mann. Und umgekehrt. Es waren auch nicht nur die guten Momente, beziehungsweise es war nicht die Erinnerung an sie, die mich an meinen Mann band. Was mich fesselte, einfror, was es mir über lange Zeit unmöglich machte zu gehen, war die Tatsache, dass er Besitz von mir ergriffen hatte. Von meinem Geist, meinem Denken. Von meinem Körper sowieso.

Er hatte mich infiltriert. Mit seinem Denken, seinen Werten, mit seinen Wahrheiten – die denen unserer Gesellschaft in so vielen Punkten entsprachen. Er war der Mann, der nicht anders konnte. Ich war die Frau, die zu verstehen, bestenfalls ihn zu heilen hatte. Stattdessen holte ich nur das Schlechteste aus ihm heraus. Das ist das Netz, das die scheinbar vereinzelten körperlichen Angriffe miteinander verbindet. Es ist das Netz, das die Frauen gefangen hält.

In der US-Dokumentation "Private Violence", "Private Gewalt", erzählt Kit Gruelle, eine mit eigener Gewalterfahrung geschlagene Aktivistin gegen häusliche Gewalt, wie sie Frauen gefragt hat: "Was genau hat er getan, was hat dich ihm derart ausgeliefert?" Die Antwort der Frauen sei immer die gleiche gewesen: "Alles." Sein Blick. Seine Gesten. Seine Worte. Es sind die vielen, nahezu unbemerkt gebliebenen oder weggelachten Dinge zwischen "echten" Attacken: Da ist der Mann einer Freundin, der immer wieder anruft, während wir in der Stadt unterwegs sind, und sich erkundigt, "wie lange es denn noch dauern soll". Da ist der Exfreund einer Bekannten, der an Abenden, an denen ausgemacht ist, dass er das gemeinsame Kind hütet, weil sie ausgehen will, regelmäßig plötzlich Verpflichtungen hat. Da war die Nach­barin, die nicht mehr mit mir Fahrrad fahren durfte, weil ihr Mann nicht mochte, wenn wir allein unterwegs waren.

Das alles ist Macht, ist Kon­trolle. Schläge sind nur ihre logische Konsequenz.

Evan Stark, der im Verlauf seiner Forschungen gewalttätige Männer zu den Gründen für ihre Gewalt gegenüber Frauen befragt hat, hörte von vielen die gleiche Antwort: Wären die Frauen weiterhin bereit, ihre Unterlegenheit als natürliches Phänomen hinzunehmen und sich ihnen zu unterwerfen, hätten Männer es nicht nötig, „drastische Maßnahmen“ zu ergreifen.

Mein zweiter Mann hatte es erst nach zwölf Jahren Ehe nötig, drastisch zu werden: Schubsen, schütteln, zuschlagen, würgen, das machte er erst in den letzten beiden Jahren unserer Ehe. Als seine anderen, subtileren Formen der Manipulation – lügen, demütigen, ängstigen – nicht länger einwandfrei, im Sinne des Wortes, funktionierten. Als er das erste Mal zuschlug, war ich erschrocken. Dann, auf ernüchternde Art, erleichtert. Endlich hatte seine Gewalt eine Form angenommen, die unübersehbar, die belegbar war. Nicht nur anderen gegen­über, auch und in erster Linie ge­genüber mir selbst.

In den Jahren zuvor hatte ich mich oft niedergeschlagen gefühlt. Klein. Nichtswürdig. Furchtsam. Ich hätte nicht sagen können, woher diese Gefühle kamen. Ich glaubte mich im Großen und Ganzen glücklich. Ich hätte nicht gewagt, seine Spitzen als Gewalt zu sehen. Wenn er gleich zu Beginn unserer Beziehung sagte: "Wenn ich dich verlassen sollte, dann weil du nie ordentlich aufräumst." Und später: "Glaub doch nicht, dass noch einmal einer so doof ist wie ich und dich nimmt!" Er war der – von meiner Unordentlichkeit geplagte – Hausmann. Ich verdiente das Geld. Er verwaltete es. Wenn ich, was ein-, zweimal vorkam, Zweifel äußerte, dass von dem Geld zu schnell zu wenig übrig blieb, schnappte er: "Dann kümmere dich doch selbst." Er war empört. Er gab sein Äußerstes, um aus dem bisschen Geld, das ich heranschaffte, das Beste zu machen. Ich entschuldigte mich. Später, nachdem es zu Ende war, fand ich heraus, dass er sich unter anderem eine Lebensversicherung finanziert hatte.

Ich brauchte fünf Jahre und einige Anläufe, um mich aus meiner ersten gewalttätigen Beziehung zu lösen. 

Eine misshandelte Frau unternimmt im Durchschnitt sieben Versuche, den Täter zu verlassen, bevor es ihr gelingt. Durchschnittlich siebenmal geht sie vorher zu ihm zurück. Daran ist nichts fragwürdig, unnormal oder "krank". Es ist ein normaler Prozess, wie er auch bei anderen Trennungen üblich ist. Keiner der Verlassensversuche ist nutzlos. Jeder Versuch ist ein Schritt für sich.

Wenn ich gefragt wurde: "Und was war anders an jenem Abend? Warum sind Sie dann gegangen?", wusste ich lange nicht die Antwort. Sie lautet: „Ich war längst gegangen. Mit jedem Mal ein Stück weiter. Mit jedem Mal etwas mehr.“ Dieses Verlassen auf Raten, vorab im Herzen, das war es, was auch mein zweiter Mann gespürt haben muss, als er nach zwölf Jahren erstmals zuschlug. Er war ein Mann, der dabei war, die Kontrolle zu verlieren. Das wollte er nicht dulden. Männer wie meine fallen nicht von Bäumen. Sie sind das Produkt einer Gesellschaft, die der Gewalt gegen Frauen Vorschub leistet. Die sie entschuldigt. "Es hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, dass sie ihn verlassen wollte", befand ein deutsches Gericht im vergangenen Jahr, nachdem der Mann seine Frau mit 32 Messerstichen ermordet hatte. Er wu­rde nur wegen Totschlags verurteilt, nicht wegen Mordes. Er war eben traurig ge­wesen, haltlos. Seine Partnerin war nur eine von 122 Frauen, die 2018 in Deutschland die Traurigkeit ihrer Partner mit dem Leben bezahlten.

Wir müssen aufhören, uns zu Verbündeten der Täter zu machen.

Wir müssen auf­hören, so zu tun, als seien die Opfer das Problem. Indem sie "sich schla­gen lassen". Oder: indem sie gute, friedfertige Männer haltlos traurig machen oder "zur Weiß­glut treiben". Oder: indem sie nicht "einfach gehen". Das Pro­blem sind nicht die Frauen. Das Problem sind die Männer, die es als ihr Recht ansehen, zuzuschlagen. Und die Gesellschaft, die sie darin unterstützt.

Die Journalistin und Autorin Antje Joel, 54, hat sich zweimal aus Gewaltbeziehungen befreit. Sie kritisiert, dass es Frauen gegenüber häufig heißt: Selbst schuld!

Das Buch zum Thema

Antje Joel: "Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt", 336 S., 12 Euro, Rowohlt Taschenbuch.

#sicherheim – ein Zeichen gegen häusliche Gewalt

logo_sicherheim_neu unten Kennst du schon die Initiative #sicherheim der UFA, der Agentur "Die Botschaft" und der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch der Verlag Gruner + Jahr, in dem die BRIGITTE erscheint, gehört? Mit Schirmherrin Natalia Wörner und weiteren prominenten Unterstützer*innen setzen wir ein Zeichen im Kampf gegen häusliche Gewalt an Frauen. Bitte helfen Sie den Opfern. Die Stiftung stern e.V. leitet Ihre Spende an Frauenschutz- und Beratungs-Verbände in Deutschland weiter. Stiftung stern e.V., IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01, Stichwort: sicherheim    

Auch hier gibt es Hilfe

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist 24 Stunden erreichbar und bietet Beratung in 17 Sprachen, unter der Nummer 08000116016.

Der Verein Frauenhauskoordinierung unterstützt bundesweit bei der Suche nach Frauenhäusern und Beratungsstellen: frauenhauskoordinierung.de.

Viele Infos gibt es außerdem beim Bundesverband Frauen gegen Gewalt: frauen-gegen-gewalt.de.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Sucht, Gewalt&Missbrauch-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

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